Gesellschaft im Genderblick

Frauen in Führungspositionen – „vernetzen, vernetzen, vernetzen!“

Im Interview: Marion Weckes, Ökonomin in der Abteilung Mitbestimmungsförderung bei der Hans Böckler Stiftung  Foto: © Hans Böckler Stiftung Im Interview: Marion Weckes, Ökonomin in der Abteilung Mitbestimmungsförderung bei der Hans Böckler Stiftung  Foto: © Hans Böckler StiftungNach wie vor gibt es in Führungspositionen deutlich weniger Frauen als Männer. Warum? Wie lässt sich das ändern? Marion Weckes, Ökonomin in der Abteilung Mitbestimmungsförderung bei der Hans Böckler Stiftung gibt Auskunft.

„In Vorständen und Aufsichtsräten sind Frauen weiterhin die Ausnahme. Den Aufstieg ins Top-Management verbauen ihnen häufig die Vorbehalte männlicher Führungskräfte“, besagt eine aktuelle Studie. Wie kommen mehr Frauen oben an?

Es stimmt, Frauen in der obersten Führungsetage sind kaum zu finden. Nach unseren Untersuchungen sind gerade einmal drei Prozent im Vorstand und zehn Prozent im Aufsichtsrat (Stand: März 2009). Die Auswahl eines Vorstandspostens erfolgt meistens aus der zweiten Führungsebene oder durch Abwerben aus einem anderen Vorstand. In beiden Fällen finden sich (vor allem in bestimmten Branchen) kaum Frauen, die in Frage kommen, weil sie auch hier nur selten zu finden sind. Das heißt, es müsste zunächst für Frauen leichter werden, die dritte und zweite Führungsebene zu durchdringen. Trotzdem sollte der Aufsichtsrat die Möglichkeit einer weiblichen Besetzung des Vorstands prüfen und dies im jährlichen Bericht dokumentieren. Zumindest wäre das Thema dann auf dem Tisch. Bei der Besetzung des Aufsichtsrates ist das anders. Hier stehen ausreichend Frauen zur Verfügung. Eine bewusste Suche wird auch zum Erfolg führen. Eine Frauenquote von 40 Prozent in Vorstandsgremien von Aktiengesellschaften wie in Norwegen ist auch in Deutschland leicht erfüllbar.

„Es kommt den Männern oft gar nicht in den Sinn, eine Frau zu suchen.“  Foto: Jared DeCinque © iStockphotoSind Vorurteile gegen weibliche Führungskräfte ein deutsches Phänomen oder findet man so was auch bei den europäischen Nachbarn?

Ich weiß nicht, ob man hier zwingend von Vorurteilen sprechen kann. Es kommt den Männern oft gar nicht in den Sinn, eine Frau zu suchen. Es passt nicht in das praktizierte Schema. Hier fehlt es an Initiatoren, die das Thema bewusst zur Sprache bringen. Aber Deutschland ist hier keine Ausnahme. Andere Länder haben durchweg ähnlich niedrige Zahlen bei der Besetzung der Führungspositionen, einige sind aber schon etwas weiter. Norwegen beispielsweise mit der gesetzlich verankerten Quote. Die Niederländer und die Belgier haben schon fertige Gesetzesentwürfe in der Schublade.

Auch an den Universitäten sind Frauen in höheren Positionen deutlich seltener zu finden als Männer. Expertinnen fordern unter anderem Quoten, finanzielle Anreize und Strafen sowie mehr Transparenz bei der Auswahl von Führungskräften. Lassen sich diese Forderungen auch auf die Wirtschaft übertragen?

Ein klares Ja. Die Frage ist nur, ob das politisch gewollt ist. Für die Besetzung des Aufsichtsrates könnte man gesetzlich eine Quote festlegen. Analog Norwegen. Eventuell auch mit dem Entzug der Börsenzulassung drohen, wenn die Quote nicht erfüllt wird. Machbar ist das. Bei der Bestellung des Vorstandes ist eine gesetzliche Regelung denkbar, wonach der Aufsichtsrat erklären muss, ob er eine weibliche Besetzung angestrebt hat.

„Aufnahme von Diversity als Grundsatz im Corporate Governance Kodex“  Foto: Stephan Hoerold © iStockphoto„Zwischen 2001 und 2006 gab es keinen wesentlichen Zuwachs an weiblichen Führungskräften“, besagt Ihre Studie. Waren die Maßnahmen unzureichend oder wurden sie nicht umgesetzt?

Die bisherigen Maßnahmen bestanden aus einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Privatwirtschaft. Das hat nicht funktioniert. 80 Prozent der Frauen im Aufsichtsrat stellt die Arbeitnehmerseite. Bedenkt man, dass bei den Unternehmen der Studie nur 65 Prozent der Aufsichtsräte überhaupt mitbestimmt sind (ein Drittel oder zu Hälfte), zeigt sich der große Nachholbedarf seitens der Anteilseigner. Ein erster Schritt ist die Aufnahme von Diversity als Grundsatz im Deutscher Corporate Government Codex. Aber das wird wahrscheinlich nicht genügen.

Laut einer McKinsey-Studie begünstigt ein hoher Frauenanteil im Führungspersonal Gehälter und Aktienkurs eines Unternehmens. Eine Schweizer Bank hat deshalb einen speziellen Fonds entwickelt, der nur in frauengeführte Firmen investiert. Ein Modell für die Zukunft?

Das müssen andere beurteilen. Ich als Frau würde mich diskriminiert fühlen, wenn ein Fonds speziell nur männergeführte Unternehmen listen würde. Ich denke, so ergeht es jetzt auch den Männern. Vielleicht sollten Banken vielmehr die leistungsstärksten und nachhaltigsten Unternehmen in einem Fonds bündeln. Wenn die Theorie stimmt, wären diese überproportional mit Frauen an der Führungsspitze besetzt.

„Das Old-boy-Netz sollte vom New-woman-net abgelöst werden.“  Foto: Burak Pekakcan © iStockphotoDie Kritik an der niedrigen Frauenquote richtet sich vor allem an Männer beziehungsweise an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Was können Frauen selbst beitragen, um ihre Chancen auf eine Führungsposition zu erhöhen?

Vernetzen, vernetzen und noch mal vernetzen. Zudem gegenseitig fördern. Genauso wie die Männer es bereits seit Jahrzehnten praktizieren. Das Old-boy-Netz sollte vom New-woman-net abgelöst werden.

Jonny Rieder
stellte die Fragen. Er ist freier Autor in München.

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Dezember 2009

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