Die Potenziale sind noch nicht ausgeschöpft: Genderstudies in Deutschland

Wer sich für Genderstudies in Deutschland interessiert, wird angesichts der bunten Vielfalt überrascht sein. Das quer zu den Fächergrenzen aufgebaute Lehr- und Forschungsfeld hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts stark ausdifferenziert. Genderstudies ist ein Sammelbegriff für feministische, queere, Frauen- und Geschlechterforschung. In allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen – sowohl aus geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive als auch aus natur-, technik- und medizinwissenschaftlicher Sicht – erforschen Genderstudies die Bedeutung von Geschlecht. Sie thematisieren Unterschiede und Hierarchien zwischen Männern und Frauen, wie sie durch gesellschaftliche Rollenzuschreibungen hervorgerufen werden, aber sie gehen ebenso auf Differenzen ein, die zwischen Frauen und zwischen Männern bestehen.
Bereits in den Anfängen der Frauenforschung haben beispielsweise afroamerikanische Frauen darauf hingewiesen, dass sie sich nicht mit feministischen Theorien weißer Mittelstandsfrauen identifizieren können. Schließlich müsse die Diskriminierung, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren würden, ebenso wie sexistische Diskriminierung untersucht werden. Auch Studien über intersexuelle Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist, Transsexuelle, die den Wunsch haben, ihre Geschlechtszugehörigkeit zu verändern und Homosexuelle, die sich der „Heteronormativität“ nicht beugen, sondern quer zu gängigen Normen ihr Begehren entfalten wollen, haben zur Ausdifferenzierung der Genderstudies beigetragen.
Verzahnung von Theorie und Praxis
Die Genderforschung mischt sich in aktuelle Fragen ein: Sie diskutiert die zunehmende Präsenz Neuer Medien und Technologien in unseren Lebenswelten, entwickelt Konzepte zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und weist auf Diskriminierungen hin. Auf diese Weise sensibilisieren Genderstudies immer auch für die Veränderbarkeit sozialer Praxis.Mit Hilfe einer engen Verzahnung von Theorie und Praxis haben wissenschaftliche wie auch politische Netzwerke, Datenbanken, Zeitschriften und Bibliotheksbestände wesentlich zur Etablierung der Genderstudies beigetragen. Ein Überblick zu den Einrichtungen und Institutionen, die im Bereich der deutschsprachigen Genderstudies arbeiten und sich im Sommer 2006 zu einem Dachverband zusammengeschlossen haben, findet sich auf der Website der Konferenz der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum (KEG). Die wesentlichen Säulen bei der Etablierung von Genderstudies sind dort benannt: interdisziplinäre Einrichtungen/Zentren/Koordinationsstellen für Genderstudies, Professuren mit einer (Teil-)Denomination für Genderstudies, eigenständige Studiengänge (Magister, BA, MA), interdisziplinäre zertifizierte Studienschwerpunkte und Aufbaustudiengänge sowie Graduiertenkollegs.
Vom Boom der Genderstudies in den späten 1990er-Jahren bis heute
Mit dem Start des Magisterstudiengangs Genderstudies im Wintersemester 1997/98 an der Humboldt Universität zu Berlin und der Studiengänge Frauen- und Geschlechterstudien an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg war der Anfang gemacht. Deutschland folgte dem internationalen Beispiel und verschloss sich nicht länger dieser interdisziplinären Lehr- und Forschungsrichtung. Dank der Förderung durch Bundesmittel gab es damals eine Welle der Institutionalisierung. Doch nur wenige Jahre danach erweisen sich das Ende der Förderung und insbesondere die im Zuge des Bologna-Prozesses vorangetriebenen Studiengangsreformen vielerorts als eine schwierige Hürde beim Ringen um Bestand an Deutschlands Hochschulen. Dabei haben Genderstudies als Geschlechterverhältnisforschung, als kritische Männerforschung und Queerstudies das Interesse von Menschen geweckt, die über ihr Geschlecht nachdenken, Gegenüberstellungen von männlich und weiblich nicht als natürlich gegeben und gesellschaftliche Zuschreibungen nicht als selbstverständlich hinnehmen.
Auch als wissenschaftliche Fundierung von Prozessen des Gender-Mainstreaming sind Genderstudies unverzichtbar geworden. Sie liefern die analytische Grundlage, wie Gleichstellung systematisch in alle Politikfelder sowie in die Organisation und Kultur von Institutionen einbezogen werden kann.
Genderstudies vermitteln auch Kompetenzen im Sinne des Konzepts des Diversity Managements, das für Diskriminierungen auf Grund kultureller oder schichtspezifischer Herkunft und sexueller Orientierung sensibilisieren sowie gesellschaftliche Vielfalt befördern soll. Kompetenzen, die in immer mehr Arbeitsfeldern relevant werden: Wissenschaft und Forschung, Politik, Technik, Stadt- und Umweltplanung, Pädagogik, Journalismus, Kunst- und Kulturkritik, Museen, Erwachsenenbildung, kulturpädagogischen Einrichtungen, Privatwirtschaft, Personalwesen, Unternehmensberatung, im öffentlichen Dienst und Verwaltungsdienst.
Die Geschlechterforschungslandschaft lebendig und innovativ erhalten
Genderstudies haben gezeigt, dass Innovation im Wissenschaftsbetrieb und die Förderung von Chancengleichheit Hand in Hand gehen können. Die Resolution der 4. Arbeitstagung Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum ging darauf 2006 pointiert ein. In der Resolution wird betont, dass der Beitrag der Genderstudies notwendig ist, wie dies nicht nur aktuelle Strukturdaten – zum Beispiel ein immer noch zu geringer Anteil von Frauen in Führungspositionen – zeigen, sondern auch internationale Gutachten im Rahmen der Exzellenzinitiative an deutschen Universitäten einklagen. Nun sind Bund, Länder und Hochschulen gleichermaßen gefordert, sich dem internationalen Wettbewerb zu stellen und die Geschlechterforschungslandschaft auch in Deutschland so lebendig und innovativ zu erhalten, wie sie sich bereits im Laufe ihres ersten Jahrzehnts ausgestaltet hat. Die Potenziale der Genderstudies sind noch lange nicht ausgeschöpft.Marion Mangelsdorf, Dr. phil.,
ist Referentin der Abteilung Genderstudies an der Universität Freiburg.
ist Referentin der Abteilung Genderstudies an der Universität Freiburg.
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März 2009
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Links zum Thema
- Konferenz der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum (KEG)


- Gender-Mainstreaming – Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend

- Informationen zum Konzept Diversity Management – Heinrich Böll Stiftung

- Resolution der 4. Arbeitstagung Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum










