Geschlechterpolitik

Der Frauenanteil in Chefetagen – Selbstverpflichtung oder Gesetz?

© marek - Fotolia.com© marek - Fotolia.comIm März 2010 verkündete die Deutsche Telekom, für Führungspositionen eine Frauenquote einzuführen. Innerhalb von fünf Jahren sollen 30 Prozent aller Vorstandsposten mit Frauen besetzt sein. Die übrigen DAX-30-Konzerne lehnten die Einführung einer Frauenquote kategorisch ab. Bei ihnen zähle Qualität statt Quote, hieß es. Doch die Diskussion hält an.

Vor zehn Jahren verpflichteten sich die deutschen Unternehmen auf freiwilliger Basis, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Eingelöst wurde dieses Versprechen nicht. Nach wie vor muss man weibliche Vorstandsvorsitzende mit der Lupe suchen: Von den Chefs der deutschen Top-200-Unternehmen, so legt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung dar, waren 2010 nur zwei Frauen, in den Vorständen saßen gerade einmal 29 Frauen. Das entspricht einer Quote von 3,2 Prozent. Der Anteil der Frauen an operativen Führungspositionen verringert sich, je enger man den Kreis um Deutschland umsatzstärkste Unternehmen zieht: In den 100 größten Unternehmen gibt es keine einzige Vorstandsvorsitzende und lediglich elf Vorstandsmitglieder weiblichen Geschlechts.

Nach dem Willen deutscher Wirtschaftsführer solle sich daran auch nichts ändern – zumindest nicht durch eine gesetzliche Regelung. Unternehmen wie Siemens, MAN und BASF ließen nach dem Vorstoß der Deutschen Telekom verlauten, eine Frauenquote käme für sie nicht in Frage. „Wir gestalten unsere Personalpolitik geschlechtsunabhängig, das heißt, wir betreiben keine Förderung speziell für Frauen“, sagte etwa die Sprecherin des Sportartikelherstellers Adidas, und weiter: „Die Vergabe von Positionen erfolgt ausschließlich über die fachliche und persönliche Eignung. Ob Mann oder Frau spielt keine Rolle.“ Lufthansa teilte mit, die Quote sei ungeeignet ihr Ziel zu erreichen. Und Linde erklärte: „Bei uns zählt Qualifikation statt Quote“.

Deutschland im internationalen Vergleich

© Luminis - Fotolia.comBerücksichtigt man den Frauenanteil an Vorständen im internationalen Vergleich, liegt Deutschland in einer Studie von McKinsey, die elf Länder umfasst, auf dem letzten Platz. Schweden führt diese Liste an, wo 17 Prozent aller Vorstandsmandate an Frauen vergeben sind, gefolgt von den USA mit 14 Prozent. Deutschland bildet mit zwei Prozent das Schlusslicht. Positiver gestalten sich die Zahlen, betrachtet man den Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten. Dann liegt Deutschland im Vergleich mit den anderen EU-Staaten auf Platz neun.

Grund für die vergleichsweise gute Platzierung, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, sei vor allem die häufige Entsendung von Frauen durch die Arbeitnehmerseite in die Aufsichtsräte. Die Position Deutschlands dürfte sich in den nächsten Jahren weiter verschlechtern. Denn sehr viele europäische Länder haben in jüngster Zeit gesetzliche Quoten eingeführt. Vor allem Norwegen hat von sich reden gemacht. Dort sind börsennotierte und Staatsunternehmen seit 2006 verpflichtet, mindestens 40 Prozent ihrer Aufsichtsgremien mit Frauen zu besetzen. Auch Spanien, Österreich, Belgien, Frankreich und die Niederlande verabschiedeten ähnliche Gesetze. In Deutschland scheiterte ein im Oktober 2010 eingebrachter Gesetzesentwurf zur „geschlechtergerechten Besetzung von Aufsichtsräten“ im Bundestag.

Frauenquote fördert Veränderungen der Unternehmenskultur

© Kzenon - FotoliaTatsächlich erfordert die Umsetzung einer Frauenquote beträchtliche Anstrengungen für das jeweilige Unternehmen. Die Instrumente, die beispielsweise die Telekom installierte, um die selbst gesetzte Frauenquote zu erreichen, umfassen die Vorbereitung von Zielwerten bei Neueinstellungen von Hochschulabsolventen, bei Auswahlprozessen, bei Talentpools sowie bei der Teilnahme an Führungskräfte-Entwicklungsprogrammen. Gleichzeitig baut die Telekom ihr Programm zur Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf aus. Elternzeitmodelle, Teilzeitmodelle, Heimarbeitsmodelle für Führungskräfte, flexible Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuungsangebote werden ausgeweitet. Ferner führte sie Diversity-Manager mit spezieller karriereberatender Funktion für Mitarbeiterinnen ein.

Diese Maßnahmen würden nicht nur Frauen fördern, sagte Mechthild Maier, Leiterin Group Diversity Management bei der Telekom, sondern „neben den wirtschaftlichen und personalpolitischen Aspekten für den kulturellen Wandel auf dem Weg zur neuen Telekom“ stehen. Gemischte Teams machten weniger Fehler, „die Monokultur Mann ist für Fehler immer anfällig. Das hat die Finanzkrise gezeigt“. Diesen Eindruck bestätigt auch die Studie „Woman matter 2010“ von McKinsey. Sie zeigt, dass Unternehmen mit höherem Frauenanteil signifikant bessere Unternehmensergebnisse und höhere Rentabilitäten erzielen. Zudem mäßen Anleger und Fonds Chancengleichheitsgesichtspunkten eine wachsende Bedeutung zu.

Wirtschaftsverbände lehnen gesetzliche Quote ab

Das Gros der deutschen Wirtschaftsführer ist indes strikt gegen die Einführung einer gesetzlichen Quote. So verkündete der Bundesverband Deutscher Industrie im Juni 2011: „Eine starre gesetzliche Quote, die den unternehmerischen Realitäten nicht gerecht wird, lehnt der BDI ab.“ Stattdessen fordert er mehr weibliche Studierende für die Studiengänge Mathematik, Ingenieur-, Natur- und Technikwissenschaften.

Da es in diesen Fächern zu wenige weibliche Absolventen gibt, lautet das Argument, haben Industrieunternehmen beträchtliche Schwierigkeiten, qualifizierte weibliche Führungskräfte zu finden. Eine gesetzliche Quote würde deshalb mehr schaden als nutzen. Die DAX-30-Unternehmen schlugen daher vor, für jedes Unternehmen eine je eigene Quote festzulegen, die den jeweiligen Gegebenheiten Rechnung trage – ein Vorschlag, den es freilich schon vor zehn Jahren gab.

Antonia Loick
V8 Verlag Köln

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August 2011

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