Ein Leben für die jüdische Musik: Mimi Sheffer im Porträt


Sie plante eine Opernkarriere – aber ihre Berufung wurde die jüdische Musik. Mimi Sheffer, aufgewachsen in Israel, Kantorin in New York, gibt einer großen Tradition religiöser Musik neues Leben – in Deutschland und in Polen.
Eigentlich wollte Mimi Sheffer Opernsängerin werden. Sie hatte in Israel, wo sie geboren wurde und aufwuchs, Flöte und Gesang studiert und den Kol-Israel-Wettbewerb (Stimme Israels) gewonnen. Sie ging nach New York, um dort ihre Gesangsausbildung fortzusetzen. Dass sie in der Synagoge sang, ergab sich zunächst eher zufällig. Doch dann bekam sie die Kantorenstelle in der großen Emanuel-Synagoge in West Hartford (Connecticut) angeboten – eine „Traumstelle“, wie sie heute noch sagt. Die Tochter aus orthodoxem Elternhaus wurde Sängerin in der Liturgie einer liberalen Gemeinde. Hier sind in den USA Kantorinnen schon seit den 1970er-Jahren keine Seltenheit mehr. „Meine Wurzeln haben mich nicht losgelassen“, sagt sie im Rückblick: „Obwohl ich das damals vor mir selbst erst nicht zugeben wollte.“
1994 ging Sheffer nach Berlin, wiederum für ihre Opernkarriere. Aber auch hier wurde sie von einer jüdischen Gemeinde engagiert: als Kantorin der Synagoge in der Oranienburger Straße. Aus dem Job wurde eine Berufung. Mimi Sheffer gründete 2007 das Jewish Institute of Cantorial Arts am liberal orientierten Rabbinerseminar Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin. Bis 2010 bildete sie hier Kantoren für die jüdischen Gemeinden aus.
„Einfach jüdische Musik“
Seither ist Mimi Sheffer stets beides: Sängerin und Kantorin – und Multiplikatorin für eine moderne Kultur jüdischer liturgischer Musik. Sie gab Konzerte mit Opern- und Synagogenmusik auf Kirchentagen, hielt Seminare für Laienvorbeter der Gemeinden, sang mit den Berliner Symphonikern oder dem Essener Opernchor. Die Musik, für die Mimi Sheffer – die mit dem Kantor Isaak Sheffer verheiratet ist – nun seit vielen Jahren lebt, beruht auf jahrhundertealten Gesängen des Gottesdienstes, auf der Modulation der liturgischen Gebete.Kompositionen für den Gottesdienst haben eine lange Tradition im Judentum. Vor etwa 200 Jahren begannen einzelne Komponisten wie Louis Lewandowski, diese Musik mit den europäischen musikalischen Stilen der Zeit zu verknüpfen. Es entstanden Chorwerke und Stücke mit instrumenteller Begleitung. Obwohl etwa die Orgelbegleitung als typisches Kennzeichen des Reformjudentums gilt, war diese Musik nie auf eine bestimmte jüdische Richtung begrenzt. „Es ist einfach jüdische Musik“, sagt Mimi Sheffer.
„Ode für David Eisenstadt“
Jetzt hat Sheffer eine CD herausgebracht, in der sie die Transformation dieser Musik in der Moderne dokumentiert. Ode to David Eisenstadt ist dem Komponisten der Warschauer Synagoge gewidmet, der im Holocaust im Ghetto gefangen war und schließlich in Treblinka ermordet wurde. Nur sieben Stücke von ihm sind erhalten. „Surviving music“ nennt sie Mimi Sheffer: Musik, die überlebt hat.
Sheffer verbindet Eisenstadts Musik mit Werken von Künstlern, die sich ins Exil retteten und dort die europäische jüdische Musik mit neuen Elementen verbanden: so etwa Paul Ben-Haim, der von Augsburg nach Tel Aviv emigrierte und in Israel mediterrane orientalische Motive in seine Musik integrierte, oder Kurt Weill, dessen Vater Kantor war, und für den er das Kiddush (ein Segensgebet) in New York in einen Broadway-Stil kleidete.
Neues jüdisches Leben in Polen und Deutschland
Auch über die Musik Eisenstadts hinaus hat Mimi Sheffer inzwischen Polen als neuen Schwerpunkt ihrer Arbeit entdeckt. Hier entwickelt sich eine kleine Renaissance jüdischen Lebens. „Es kommt oft auf das Engagement Einzelner an“, sagt Sheffer. Es sind Menschen, die ihre jüdischen Wurzeln wiederentdecken. Manche konvertieren auch zum Judentum oder entdecken, dass ihre jüdische Herkunft vor ihnen als Kindern geheim gehalten wurde. So entstehen neue kleine Zellen jüdischen Lebens, für die Mimi Sheffer seit 2010 Laienvorbeter ausbildet.
In Deutschland hofft Sheffer ebenfalls auf eine Renaissance des früheren vielfältigen jüdischen Lebens. Dass die kleinen Gemeinden der Überlebenden nach der Shoah nicht an eine große plurale Tradition anknüpfen konnten, die etwa die ersten Rabbinerinnen hervorbrachte, sei verständlich. „Die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland wirkt wie ein Wunder“, sagt sie im Blick auf die jüdische Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und die Gründung neuer, auch liberaler Gemeinden. „Ich hoffe, dass sich daraus auch eine größere Offenheit für Neuerungen entwickelt“, sagt Mimi Sheffer, „auch für die Rolle der Frau im Gottesdienst“. Zu ihren Kursen kommen auch Frauen aus Israel, die in den orthodoxen Gemeinden dort eine aktivere Rolle spielen wollen. Dafür will sie sich weiter engagieren.
ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.
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März 2013
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