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Die Soundscape-Bewegung: Wie klingt die Stadt?

Bahnhof Friedrichstraße, 
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Anhänger der Soundscape-Bewegung suchen die „Klanglandschaft“ in der städtischen Landschaft – aus unterschiedlichen Gründen.

Marco Medkour hört seiner Heimatstadt Köln genau zu. Er sammelt die Klänge der Stadt. 30 Orte hat der studierte Biologe bereits auf der Klangkarte im Internet markiert: den Brüsseler Platz im Sommer, eine Paternosterfahrt in einer Volkshochschule, einen Schrottplatz, diverse Haltestellen, allesamt Orte, die einen klanglichen Spannungsbogen aufbauen, wie er in der Aufnahme Die singenden Schranken von Holweide zu hören ist: Mit einem melodischen Quietschen schließt eine Schranke, ein Zug rauscht heran, er zischt und hält, wieder quietscht die Schranke, der Zug fährt an, das Rattern wird leiser, Schuhe klappern auf dem Straßenpflaster.

Die singenden Schranken von Holweide, Copyright: Soundmap of  Cologne
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„Alle Aufnahmen erzählen eine Geschichte“, sagt Medkour, der sich selbst als einen Archivar bezeichnet. Ungefähr fünfzehn Minuten schneidet er mit einem digitalen Aufnahmegerät an einem Ort mit. Ein bis drei Minuten davon stellt er ins Internet, unbearbeitet. Anfangs nahm er die Geräusche auf, um sie in selbst komponierte Musik einzuweben. Dann sammelte er aus „Liebe zum Sound“ weiter. Er hört sich die Aufnahmen sogar zu Hause an. „Das ist eine schöne Art, sich an einen Ort zu erinnern“, sagt er. „Besser als ein Foto.“

Hören statt sehen

Yukio King, Foto: Anja Freyhoff-King Die Aufmerksamkeit vom Visuellen zum Akustischen hin zu verlagern, ist eines der Hauptanliegen der Soundscape-Bewegung, die Mitte der 1960er-Jahre um den Komponisten und Universitätsprofessor Raymond Murray Schafer in Kanada entstand. Aufgewühlt von der Geräuschkulisse seiner Heimatstadt Vancouver hatte dieser Studenten um sich gescharrt, um etwas gegen die Lärmverschmutzung der Umwelt zu tun. Er analysierte die klangliche Umgebung und arbeitete daran, seine Mitmenschen für deren Wahrnehmung zu sensibilisieren. Dass die Bewegung „einen stark moralistisch geprägten Subtext“ hatte, ist für den in Berlin lebenden Amerikaner Yukio King ein Grund, heutzutage mit dem Begriff vorsichtig umzugehen. „Lärm ist schlecht und Stille ist gut, das ist zu einfach“, sagt King, der sich mit den Klängen Berlins beschäftigt.

Städte klanglich aufwerten

Helmholtzplatz in Berlin, 
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Der studierte Stadtplaner sammelt diese aber nicht nur, sondern geht einen Schritt weiter: Klang schafft Atmosphäre in der Stadt und darum interessiert ihn, wie Klang diese positiv beeinflussen kann. Wie am Helmholtzplatz im Bezirk Prenzlauer Berg. Dort waren vor einigen Jahren nur Hundegebell und klirrende Bierflaschen zu hören. Nachdem viele junge Familien in den Kiez gezogen sind, übertönt jetzt Kindergeschrei diese Geräusche: eine klangliche Aufwertung der Gegend, findet King.
In seinem Projekt Urban Soundmarks hat er 2007 einen Kiez im Bezirk Neukölln nicht nur klanglich dokumentiert, sondern ein stadtplanerisches Konzept, das die Klanggestaltung miteinbezieht, erarbeitet und dem Bezirk vorgestellt. Sein Vorschlag: Freiluftcafés oder ein Markt könnten die relativ unbelebte Gegend klanglich aufwerten. Ein schöner Gedanke, der vorerst Illusion bleibt. Im Problembezirk Neukölln hat man andere Sorgen. „Es war ein Versuch einen Dialog zu schaffen“, sagt King jetzt, der mit der Arbeit letztes Jahr den Master-Studiengang Sound Studies abgeschlossen hat.

Ein Bewusstsein für Klänge schaffen

Darum, einen Austausch mit Stadtplanern und Architekten anzustoßen, geht es in dem Studiengang, der seit 2006 an der Universität der Künste Berlin angeboten wird. Im Teilbereich „Stadtplanung und Architektur“ wird die Fähigkeit der Studenten geschult, hörend durch den Stadtraum zu gehen. „Stadtplaner und Architekten sind durch Baumaßnahmen und Baumaterialien ständig klanggestalterisch tätig, ohne sich dessen bewusst zu sein“, sagt Studiengangleiter Prof. Dr. Holger Schulze und veranschaulicht das Problem an einem Beispiel: Als das Museum of Modern Art vor einigen Jahren in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu Gast war, wurde die Kasse in einem Container vor der Nationalgalerie untergebracht – genau neben der Ampel einer großen Kreuzung. „Für die Schlange der Wartenden war das akustisch sehr anstrengend“, sagt Schulze. „Die Entscheidung, die Kasse dorthin zu bauen, hat die soziale Situation negativ beeinflusst: Die Wartestimmung war schlecht. Das hatte man nicht bedacht.“ Der Studiengang soll ein Bewusstsein dafür schaffen.

Wie klingt nun die Stadt?

Sprechende Haltestelle in der Berliner Straße, Copyright: Soundmap of  Cologne
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Das, sagt Holger Schulze, sei sehr individuell und hänge davon ab, wo man sich gerade aufhalte. „Ich bin viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Für mich ist Berlin durch das laute Quietschen der U- und S-Bahn geprägt“. Die sei ein charakteristisches Klangmerkmal der Stadt, genau wie die breiten Straßen mit ihren massiven steinernen Bauten. „In breiten Straßen kann der Schall weit schwingen und es hallt“, sagt Schulze. „Die massiven Steinbauten nehmen zudem Klänge auf, stärker als Stahl oder Glas das tun.“
Auch Yukio King findet, dass Berlin sich durch seine breiten Straßen nicht sehr laut anfühle. Neben der quietschenden U-Bahn sind für ihn die vielen Sprachen auf dem multikulturellen Markt im Bezirk Kreuzberg ein typischer Klang Berlins.
Ein Gemisch aus verschiedenen Sprachen findet Marco Medkour auch typisch für Köln. „Aber viele Städte klingen sowieso ähnlich“, sagt er. „Verkehrsmittel, Fluss, Migration.“ Einen besonderen Klang gebe es in Köln aber: „Das metallische Quäken“ der Horden frei lebender Halsbandsittiche. Und den Rhein, der in Köln von der Binnenschifffahrt dominiert wird. „Da ist immer ein leichtes Tuckern zu hören“, sagt er. „An der Elbe in Dresden ist es dagegen idyllisch still.“
Katja Hanke
ist freie Journalistin in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2009

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