Deutsch-türkischer Hip-Hop: Feldforschung in Bayern

Deutsch-türkischer Hip-Hop wurde stilbildend für die Rapmusik in der Türkei. Eine Soziologin und ein Dokumentarfilmer reisten jetzt nach München, um herauszufinden, warum das so ist.
Kein sicheres, aber ein gewisses Indiz: die Nachfrage nach Sweatern, Sneakern und Sprühdosen. Wo diese Dinge gekauft werden, muss es auch Menschen geben, die Rapmusik und Graffiti machen. Das „Mighty Weeny“ ist der größte Hip-Hop-Laden Europas und versteckt sich in einer kleinen Seitenstraße im, das ist die Überraschung, schicken München. Demet und Devrim Lüküsli aus Istanbul hörten von dem Geschäft und schrieben es auf ihre Reiseroute. Die beiden reisten, gefördert von der Stadt München, nach Bayern, um die Wurzeln des türkischen Hip-Hop zu erforschen.
Hip-Hop in München
Diese Wurzeln liegen in Deutschland, denn Hip-Hop wurde in der Türkei erst durch deutsch-türkische Musiker populär. Diese wurden zu Vorbildern, ähnlich wie die Rapper aus den USA weltweit. Dort in den Staaten entstand der Hip-Hop auch Ende der Siebzigerjahre, doch die Türkei importierte diese Musik nicht aus Übersee, sondern aus Deutschland. Mit diesem Phänomen beschäftigte sich die Soziologin Demet Lüküsli in ihrer Diplomarbeit, ihr Bruder Devrim drehte einen Dokumentarfilm. Die beiden trafen in München Mitglieder der Hip-Hop-Szene – die meisten von ihnen haben einen türkischen Migrationshintergrund.
In der bayerischen Graffitiszene sei die Nationalität egal, sagt Uli, der Besitzer des „Mighty Weeny“. Er muss es wissen, denn er hat seit Jahren Kontakt zur Szene. „In den Sprayer-Gruppen gibt es Gelbe, Schwarze, Weiße und Grüne“, sagt er. Vielleicht ist es daher auch schwierig, die bayerischen Hip-Hopper auf einen Begriff zu bringen. Die Community sei nicht so eng wie in dem Berliner Stadtteil Kreuzberg; jeder versuche einzigartig zu sein und mache seine eigene Musik. Auch sei nicht einheitlich, ob auf Deutsch oder Türkisch gesungen wird.
In der Türkei ist Hip-Hop noch lange kein Mainstream, hat Lüküsli im Gespräch mit zahlreichen jungen Leuten in Istanbul herausgefunden. Die Hip-Hop-Musiker bleiben hier im Untergrund. „Deutschland dagegen hat zumindest das Image, dass es hier viel türkische Rapper oder Sprayer gibt“, sagt sie.
Der Umweg über Deutschland
Die in der Tat nicht gerade kleine deutsche Szene konzentriert sich jedoch nicht nur auf Berlin, wo kürzlich das Ende das Hip-Hop-Labels Aggro beklagt wurde. Beim Thema „Hip-Hop in Deutschland“ falle stets als erstes das Stichwort „Kreuzberg“, kritisiert Demet. Dabei war München, zusammen mit Paris und London, eine der ersten Metropolen, in denen die Bewegung gedieh. 1984 wurde hier der erste Graffitizug in Europa besprüht, bekannt geworden als der Geltendorfer Zug. „Anschließend hat die bayerische Regierung sofort die erste Graffiti-Sonderkomission gegründet“, ergänzt Uli und lacht. Ihm zufolge haben gerade deutsch-türkische Künstler in München vieles bewegt.
Doch warum machte Hip-Hop einen Umweg über Deutschland, bevor er in der Türkei ankam? Hip-Hop zu machen war in der Türkei lange Zeit nicht einfach. Der staatliche Sender TRT hielt bis 1990 ein Rundfunkmonopol. Dann begannen kommerzielle Medienanbieter aus dem Ausland, per Satellit in die Türkei auszustrahlen – zuerst aus Deutschland. Die neuen Radiosender brauchten natürlich Unterhaltungsmusik, und boten so eine ideale Plattform für neue Bands. Innerhalb kurzer Zeit entstand in der Türkei erstmals eine Kultur, die sich nur an Jugendliche richtete. Es gab Popstars und One-Hit-Wunder, und schon bald war der Musikmarkt unüberschaubar, schreibt Maria Wurm in ihrer Doktorarbeit Musik in der Migration.
Eine nennenswerte Hip-Hop-Szene bildete sich in der Türkei allerdings noch nicht. Anders sah es zur gleichen Zeit in Deutschland aus. Karakan aus Nürnberg waren eine der ersten deutsch-türkischen Gruppen und Teil des Musik-Kollektivs Cartel, das Hip-Hop mit orientalischen Elementen mischte. Der Musiksender MTV nahm Cartel in sein Programm auf, das erste Album von 1995 war in Deutschland ein Achtungserfolg. In der Türkei wurden die Mitglieder von Cartel zu Stars.
Einen Nerv getroffen
Für den Erfolg von Cartel in der Türkei werden zwei Gründe angeführt: Einerseits mochten türkische Jugendliche die Musik, weil sie aus dem Westen kam und etwas Türkisches darstellte, das dort anerkannt war. Andererseits waren Cartel aufgrund ihrer Texte interessant: Sie sangen über die Lebenssituation von jugendlichen Migranten in Deutschland. Das traf einen Nerv. Lieder wie Türksün (Du bist Türke) waren ein Appell, selbstbewusster zu werden. Außerhalb Deutschlands klangen solche Texte allerdings eine Spur nationalistischer und auch in der Türkei wurde die Musik zum Teil so aufgefasst. Die Band wehrte sich jedoch gegen eine politische Vereinnahmung.
Die Lüküsli-Geschwister interessiert nicht nur der Hip-Hop-Sound und die verschiedenen Genres innerhalb dieser Musik, sondern auch die Arbeitsbedingungen und Einstellung, die mit dem Rappen und Graffiti-Sprühen verbunden ist. Demet hat vielleicht sogar bereits eine Antwort auf die Frage, warum deutsch-türkischer Hip-Hop so stilbildend für die Musik in der Türkei geworden ist, gefunden: „Natürlich reden türkische Hip-Hopper auch über die USA. Doch von Deutschland haben sie ein lebendigeres Bild – einfach weil sie hier mehr Kontakte haben als zum Beispiel in New York“, sagt sie. Ab dem 9. Juli 2009 werden Demet und Devrim Lüküsli ihre Forschungsergebnisse im Rahmen des Projektes Crossing Munich in München präsentieren.
Franziska Schwarz
ist freie Journalistin in München. Sie hat Kunst und Journalistik studiert.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2009
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