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Nerd me up, please – die Nerd Nite in München

Nerd Nite: Kombination aus einer Bar-Situation und der Möglichkeit, etwas über ein ungewöhnliches Thema zu lernen  Foto: Miodrag Ignjatovic © iStockphotoNerd Nite: Kombination aus einer Bar-Situation und der Möglichkeit, etwas über ein ungewöhnliches Thema zu lernen  Foto: Miodrag Ignjatovic © iStockphotoAnstatt in den Biergarten zu gehen, hören sich immer mehr Münchener bei der Nerd Nite Vorträge über die Kunst des Messerschleifens und Ein-Vokal-Dichtung an. Der Organisator Patrick Gruban spricht über Nerds und nerdige Vorträge in Kneipen-Atmosphäre.

Herr Gruban, was ist ein Nerd?

Jemand, der sich tief in ein sehr spezielles Thema einarbeitet und dabei Wissen anhäuft, das der Durchschnittsbürger nicht hat. Das kann wissenschaftlich oder beruflich motiviert sein, oder aber aus rein privatem Interesse passieren.

Was hat Sie bewogen, Nerd-Nite-Organisator zu werden?

Das Format Nerd Nite habe ich 2006 in New York kennengelernt. Eines Abends bin ich in eine Bar ins East Village gegangen. Auf einmal haben ein paar Leute einen Beamer und eine Leinwand aufgestellt, und einer fing an, über Wurmbefall bei Menschen zu reden und über die Abwassersituation in New York. Die Kombination aus einer locker-vergnüglichen Bar-Situation und der Möglichkeit, etwas über ein ungewöhnliches Thema zu lernen, fand ich so faszinierend, dass ich beschloss, selbst eine Nerd Nite zu starten.

Eine Nerd Nite in München  Foto: © Verena HütterWas war das nerdigste Thema, das jemals vorgetragen wurde?

Die Kunst des Messerschleifens oder Wie kann ich mir selber meine Fliegen fürs Fliegenfischen bauen vielleicht. Und dann war da noch ein Referent, der hat einen kompletten Roman mit nur einem Vokal, mit E, geschrieben. Er hat elf Jahre dafür gebraucht. Ein gewagtes Unternehmen fand ich auch, in einer Viertelstunde Quantenphysik zu erklären.

Rückfragen sind erlaubt?

Auf eine Viertelstunde Vortrag folgt immer eine Viertelstunde Diskussion. Da können die Leute Fragen stellen. Das Motto der Nerd Nite ist It's like Discovery Channel with beer. Wobei es neben Präsentation und Biertrinken vor allem auch darum geht, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Wo treiben Sie ihre Nerds auf?

Mittlerweile kommen die Leute direkt auf mich zu. Anfangs musste ich sie selbst ansprechen. Ich bin gezielt auf Bekannte zugegangen, die sich in wissenschaftlichen Bereichen bewegen. Doch mir ist aufgefallen, dass die nerdigsten Themen oft von Leuten kommen, von denen man es überhaupt nicht erwartet hätte: Den Referenten, der zum Thema Messerschleifen vorgetragen hat, kenne ich aus dem Internetbereich, wo ich beruflich unterwegs bin. Und die Fliegenfischen-Referentin ist eigentlich Grafik-Designerin. In jedem von uns steckt ein Nerd drin.

Thema: Wie kann ich mir selber meine Fliegen fürs Fliegenfischen bauen  Foto: © Verena HütterDie Nerd Nites in München sind unglaublich gut besucht. Wie erklären Sie sich das?

Auf Dauer wird es vielleicht langweilig, am Abend ständig in Bars und Clubs zu gehen und nur immer Smalltalk zu machen. Den Leuten gefällt es, beim Weggehen etwas zu lernen. Und zwar abseits des trockenen und verstaubten Settings, in dem Vorträge normalerweise stattfinden. Über das Internet sind heute etwa über Wikipedia Informationen abfragbar, an die man vorher nicht so ohne weiteres gelangt wäre. Die Leute nutzen das gerne. Die Nerd Nite ist so was wie Wikipedia im echten Leben, mit der Möglichkeit, Rückfragen zu stellen und Leute kennenzulernen.

Zur Zeit findet die Nerd Nite im Puerto Giesing statt, einem ehemaligen Hertie-Kaufhaus, das für Kulturveranstaltungen zwischengenutzt wird.

Im Puerto Giesing macht die Mischung aus Kulturlocation und Nerds den Reiz aus. Außerdem finanziert es sich über Getränke, und ich muss keinen Eintritt verlangen. Die erste Nerd Nite fand noch in einer temporären Bar in der Schellingstraße in München statt. Eine heruntergekommene, subkulturelle Location in Verbindung mit Quantenphysikern und Schlafforschern. Das hat mich interessiert. Später ist die Nerd Nite von Location zu Location gezogen. Wir waren im Café der Muffathalle, eher im Clubumfeld, und im Foyer von i-camp in einer Theatersituation.

Das Logo der Nerd Nite  Foto: © Nerdnite MünchenAuf den Nerd Nites wird angeblich extrem viel geflirtet. Warum?

Wenn man in einer x-beliebigen Bar mit einem abgestandenen Spruch kommt, wird das sehr schnell peinlich. Auf einer Nerd Nite hingegen kann man eher unterschwellig mit seinem Nachbarn thematisch ins Gespräch kommen, ohne dass das eine sofort sichtbare Anmache wäre: „Mensch, interessanter Vortrag. Kennst Du Dich mit dem Thema aus?“

Sie haben vor einem Jahr in München die erste Nerd Nite außerhalb der USA veranstaltet. Mittlerweile werden auch in Berlin und in Wellington in Neuseeland welche veranstaltet. Kann jeder eine Nerd Nite starten?

Ich habe damals die New Yorker, die das Ganze in den USA zentral verwalten, gefragt, ob ich das machen darf. Die haben sofort ja gesagt und mir ein richtiges Kit zugeschickt mit Logo und Nerd-Nite-Anleitungen. Mich würde es sehr freuen, wenn andere Leute in anderen Städten auch darauf kommen würden.

Verena Hütter
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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