Panorama

Blogosphäre im Wandel

Screenshot http://www.wissenswerkstatt.netScreenshot http://www.wissenswerkstatt.netMarc Scheloskes Blog liegt im Trend, zumindest glaubt das sein Macher. Seit März 2007 betreibt der Münchner Sozialwissenschaftler sein Weblog Wissenswerkstatt.net. Eigentlich wollte der 33-Jährige auf seiner Seite kurze Essays und Kommentare zum Umgang mit riskanten Technologien schreiben. Innerhalb weniger Monate ist aus der Idee eine wichtige Adresse für Leser geworden, die sich mit Wissenschaftsthemen beschäftigen.

Auf wissenswerkstatt.net geht es um aktuelle Forschungsergebnisse aus Medizin und Psychologie oder um Hochschulpolitik. 300 bis 500 Leser erreicht Scheloske, der hauptberuflich als leitender Redakteur des Wissenschaftsblog-Portals scienceblogs.de aus dem Burda-Verlag (Bunte, Focus) arbeitet, nach eigenen Angaben täglich mit seiner privaten Seite. Das reichte zumindest zwischenzeitlich für einen Platz unter den Top 100 der deutschen Blogcharts (www.deutscheblogcharts.de).

Verlagerung in Nischen

11 Prozent der deutschen Internetnutzer schreiben mittlerweile ein eigenes Blog, ist der jüngsten Allensbacher Computer- und Technikanalyse (ACTA) zu entnehmen. Doch diese imposante Zahl vermittelt ein etwas schiefes Bild, denn die Mehrzahl der Blogger meldet sich nur selten auf ihren Seiten zu Wort. Halbwegs regelmäßig bloggen laut ACTA nur 770.000 Deutsche. In Frankreich beispielsweise ist das Bloggen wesentlich stärker verankert. Die Zahl der deutschen Blogger sowie Blog-Leser steigt demnach zwar immer noch, jedoch nicht mehr so rasant wie in den Jahren zuvor.

„Es findet eine Verlagerung in die Nischen statt“, sagt Scheloske. Genussseiten wie Winzerblogs oder Kochblogs entwickelten sich genauso dynamisch wie etwa wissenschaftliche Weblogs, so der Wissenswerkstatt-Macher. Demgegenüber büßten so genannte A-Blogs immer deutlicher an Links und Aufmerksamkeit ein. Mit seiner Meinung steht Scheloske nicht allein, auch wenn es zum Zustand der deutschen Blogosphäre ungefähr so viele Einschätzungen wie Blogger gibt.

Die Szene hat sich verändert

Screenshot http://www.spreeblick.comEinige große deutsche Blogs wie Basic Thinking (dessen Macher Robert Basic bloggt vorwiegend über IT-Themen), Spreeblick (von Pop bis Politik) oder Nerdcore (ein Blog aus dem Südhessischen laut Eigendefinition „about very cool stuff. Und so.“) haben sich etabliert und sprechen gezielt ihre Fangruppen an. Mit dem Elektrischen Reporter, von seinem Erfinder Mario Sixtus mit sehenswerten Filmen wie eine Einführung in die hohe Kunst der Internetwissenschaften konzipiert, schafft gerade ein erster Blog den Sprung ins Fernsehen: Ab Ende November soll der Elektrische Reporter auch im ZDF Infokanal zu sehen sein. Ein Teil der bestehenden Blogs dümpelt jedoch jenseits der aktuellen Zeitrechnung vor sich hin. So manchen Blogger der ersten Stunde hat der Elan verlassen. Auch der Siegeszug der Social Networks, glauben Experten, hat den Wandel der Blogosphäre beschleunigt.

„Communities wie Facebook oder StudiVZ haben mittlerweile einen Teil der Nutzer vom klassischen Bloggen abgezogen“, sagt Jan Schmidt, wissenschaftlicher Referent für Digitale Interaktive Medien am Hans-Bredow-Institiut in Hamburg. Schmidt forscht seit Jahren über das Bloggen. Er sagt: „Weblogs als persönliche Journale, als Online-Tagebücher, verlieren. Blogs zu themenspezifischen Öffentlichkeiten wie IT-Themen, Musik oder Film gewinnen.“

Politische Themen eher selten

Screenshot http://www.nachdenkseiten.deWeblogs zu politischen Themen, wie sie in Amerika nicht erst im aktuellen Präsidentschafts-Wahlkampf breite Öffentlichkeiten ansprechen, sind in Deutschland nur wenige zu finden: Das nach eigener Definition „von Mitgliedern eines liberalen publizistischen Netzwerkes“ betriebene Weblog Die Achse des Guten (www.achgut.com) oder die NachDenkSeiten (www.nachdenkseiten.de) versuchen gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren. Bei achgut.com beziehen bekannte Publizisten wie Henryk M. Broder oder Michael Miersch Position. Natürlich streifen auch zahlreiche andere Blogs immer wieder das Politische, doch für große Aufmerksamkeit jenseits der Bloggerszene sorgt das bisher nicht. Daran wird sich wohl auch 2009, im Jahr der Bundestagswahl, wenig ändern. „Ich glaube nicht, dass die Wahl einen großen Schub bringen wird“, sagt Blogforscher Schmidt. Auch die politischen Parteien werden wohl weniger auf Weblogs, dafür stark, nach amerikanischem Vorbild, auf Video-Präsenzen im Web setzen.

Auseinandersetzung mit klassischen Medien

Screenshot http://stefan-niggemeier.deStatt der Politik im parteipolitischen Sinne ist besonders die Auseinandersetzung mit klassischen Medien eine der Haupt-Berufungen vieler Blogger. Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis haben so über Jahre eines der erfolgreichsten deutschen Blogs etabliert: In ihrem BILDblog. arbeiten sie sich Tag für Tag an falschen Meldungen der Boulevardzeitung BILD ab – die Arbeit ist ihnen bisher nicht ausgegangen.

Screenshot http://rebellmarkt.blogger.de Genauso wie Niggemeier (neben dem BILDblog. mit seinem privaten Blog stefan-niggemeier.de aktiv) hat sich auch der Journalist Rainer Meyer unter dem Künstlernamen Don Alphonso eine herausgehobene Rolle in der Blogosphäre erschrieben. Mit der Blogbar und der Seite Rebellen ohne Markt bedient der Ingolstädter gleich zwei Blogs. Während sich die Blogbar seit Jahren etwas eintönig in den inneren Kämpfen der Bloggerszene festbeißt, ist Meyers zweiter Blog unter der Adresse rebellmarkt.blogger.de eine absolute Perle: so respektlos, pointiert und subjektiv, dass es eine wahre Freude ist. Spricht Meyer über die deutsche Blogosphäre, wird er ganz lyrisch: „Für mich sind Blogs wie eine Schneeschicht, die sich an einem Winterabend über alle Felder des menschlichen Tuns legt, die eine grandiose Landschaft entstehen lässt. Die Blogosphäre erzählt mir Dinge, von denen kein Medium etwas wissen möchte und die ich sonst nie kennen gelernt hätte.“

Simon Feldmer
ist freier Journalist in München.

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Oktober 2008

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