Panorama

„Voll cool, mein Papa is' schwul!“ – Regenbogenfamilien in Deutschland

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries: Homosexuelle Paare sind keine schlechteren Eltern.  Foto: Brasil2 © iStockphotoBundesjustizministerin Brigitte Zypries: „Homosexuelle Paare sind keine schlechteren Eltern.“  Foto: Brasil2 © iStockphotoRund 7.300 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben in Haushalten mit zwei Müttern oder zwei Vätern. Für die erste Studie über den Alltag dieser Regenbogenfamilien wurden die Eltern und Kinder aus über 700 Lebensgemeinschaften befragt.

Elke Hof lebt mit ihrer Partnerin seit elf Jahren zusammen, seit fünf Jahren in einer Eingetragenen Lebensgemeinschaft. Gemeinsam mit ihrem jetzt 13-jährigen Sohn Stefan, den sie als Zweijährigen mit in die Beziehung brachte. Auch Michael Lott und sein Partner Peter haben aus früheren heterosexuellen Beziehungen insgesamt fünf Kinder. Nachdem sie sich vor acht Jahren kennengelernt haben, haben sie lange mit zweien ihrer Söhne zusammengelebt. Inzwischen sind zwar alle Kinder aus dem Haus – bei Familientreffen kommen aber auch heute noch alle zusammen und sogar Michaels Ex-Frau ist dann mit ihrem neuen Partner dabei. Erst sieben Jahre alt ist dagegen die gemeinsame Tochter von Stephanie Gerlach und ihrer Lebenspartnerin. Gerlach, die selbst ein Buch über Kinder aus Regenbogenfamilien veröffentlicht hat, verdankt ihre Tochter der Hilfe eines guten Freundes, der sich als Samenspender zur Verfügung gestellt hat.

„Homosexuelle sind keine schlechteren Eltern“

Das Kind hat in Regenbogenfamilien einen hohen Stellenwert  Foto: tiburonstudios © iStockphotoDie überwiegende Mehrheit der Regenbogenfamilien – so das Ergebnis der Studie – machen mit 93 Prozent Mutterfamilien aus. Wie in Hofs oder Gerlachs Familien gibt es meist nur ein Kind, dem ein verhältnismäßig hoher Stellenwert beigemessen wird. „Homosexuelle Paare sind keine schlechteren Eltern, Kinder entwickeln sich bei zwei Müttern oder zwei Vätern genauso gut wie in anderen Familienformen“, fasst Bundesjustizministerin Brigitte Zypries bei der Vorstellung der von ihr in Auftrag gegebenen Studie zusammen, die unter der Leitung von Dr. Marina Rupp vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg durchgeführt wurde. Zudem würden Aufgaben wie Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Kindererziehung in gleichgeschlechtlichen Paaren im Schnitt weitaus egalitärer verteilt als bei heterosexuellen Paaren.

Wer ist der Mann, wer ist die Frau?

„Als meine Frau den Stefan adoptiert hat, kam eine Frau vom Jugendamt, die mit Stefan und uns gesprochen und sich unser privates Umfeld angesehen hat. Die hat auch gefragt, wie die Rollenverteilung sei – also wer der Mann und wer die Frau ist. Das gibt’s bei uns wirklich nicht, das gibt’s in den wenigsten Regenbogenfamilien, so eine Aufteilung“, erzählt auch Elke Hof. Der Besuch des Jugendamtes sei aber überhaupt eine absurde Situation gewesen, weil Stefan in dem Haus ja auch bereits vorher mit seinen Müttern gewohnt hatte.

Fast die Hälfte der Kinder sind Wunschkinder  Foto: Nicolas Hansen © iStockphotoFast die Hälfte der Kinder aus Regenbogenfamilien werden in die Beziehungen hineingeboren und sind damit Wunschkinder. So erklärt sich, dass Regenbogeneltern überdurchschnittlich bemüht, fürsorglich und offen sind. Anders als Kinder, die aus früheren Beziehungen mitgebracht werden und wie alle Scheidungskinder den Trennungsschmerz verarbeiten müssen, werden diese Kinder sehr oft mit Hilfe einer Samenspende von einer ihrer Mütter geboren. „Unfälle“ gibt es hier also nicht, allerdings kann diese Konstellation zu einem Balanceakt werden, wenn eine Eltern-Kind-Beziehung zu dem sozialen Elternteil in der Familie und zu dem leiblichen Vater gepflegt werden und dabei alle Interessen gewahrt werden sollen. Stephanie Gerlach und ihre Lebenspartnerin hatten das Glück, dass dem leiblichen Vater ihrer Tochter die soziale Rolle eines Onkels oder Familienfreundes ausreicht. So hat das Mädchen zwei Mütter und kann regelmäßig Kontakt zu diesem Mann haben.

In Bezug auf die Beziehungsqualität zu beiden Elternteilen und in ihrer psychischen Anpassung unterscheiden sich Kinder und Jugendliche aus Regenbogenfamilien nur wenig von Kindern und Jugendlichen, die in anderen Familienformen aufwachsen. Sie berichten in den Interviews sogar über ein höheres Selbstwertgefühl und über mehr Autonomie in der Beziehung zu den Eltern als Gleichaltrige in anderen Lebensformen.

„Manchmal küssen sich auch zwei Mamas“

„Manchmal küssen sich zwei Mamas. Bei Stefans Eltern ist das so.“ Weil nicht alle Mitmenschen die Situation von Regenbogenfamilien als so selbstverständlich akzeptieren wie die hier zitierte Kindergartenfreundin von Stefan, sind die Kinder einem gewissen Diskriminierungspotential, das heißt Hänseleien und Beschimpfungen und sehr selten auch Gewalt zum Beispiel durch Mitschüler ausgesetzt. Auch die Koordinatorin der Studie Dr. Marina Rupp berichtet, dass nach der Publikation intolerante Reaktionen gekommen seien. „Neben sachlichen Anzweifelungen der Ergebnisse gab es auch Anfeindungen direkter Art, also wirklich böse beleidigende Briefe, die sich auf mich, das Institut und die Lesben und Schwulen bezogen haben.“

Nicht alle akzeptieren Regenbogenfamilien als selbstverständlich  Foto: Elena Korenbaum © iStockphotoHäufiger werden den Familien aber einfach Neugierde und Fragen entgegengebracht. Michael Lott und Elke Hof hatten zwar schon öfter den Eindruck, in der Nachbarschaft unter besonderer Beobachtung zu stehen – offene Schwierigkeiten gab es jedoch nicht. Das liegt sicher auch daran, dass diese Familien sehr offensiv mit ihrer Situation umgehen – wie Michael Lotts Tochter. Die fand es als 16-Jährige nämlich „richtig cool“, dass ihr Papa schwul ist und hat in der Schule damit angegeben.

Literatur:

Uli Streib-Brzič, Stephanie Gerlach:
Und was sagen die Kinder dazu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer Mütter und schwuler Väter (Querverlag, Berlin, 2005)

Janna Degener
hat Linguistik, Ethnologie und Neuere deutsche Literatur studiert und arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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