Schiffbau mit Pinzette und Skalpell

Die Schiffsmodellwerft von Wolfgang Petschenik und Gunnar Behnke steht für Präzision und Qualität. Museen, Schiffseigner und Werften aus ganz Europa bestellen in Bremen Miniaturen von Yachten, Ozeandampfern und alten Segelbooten.
Rund 100 Millionen Euro hat der russische Oligarch Roman Abramowitsch bezahlt. „In bar!“, wie findige Reporter der Bild-Zeitung flugs kolportierten. 100 Millionen für eine Yacht, wie wohl kaum eine zweite auf den Weltmeeren umherschippert. Die auf der traditionsreichen Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack gebaute Pelorus ist eine hochtechnisierte Luxusyacht, stattliche 115 Meter lang und mit Finessen wie einem eigenen Hubschrauberlandeplatz, Raketenwarnsystem und Mini-U-Boot für alle Eventualitäten der Seefahrt ausgestattet.
Jeder Bootszentimeter ist exakt vermessen
Drei optisch nahezu identische, knapp 20 Zentimeter lange Miniaturausgaben davon liegen zurzeit in der Bremer Besselstraße im Trockendock. Wolfgang Petschenik und Gunnar Behnke betreiben mitten im Ostertor-Viertel seit Jahren eine kleine Modellbauwerft für historische Segelschiffe und moderne Yachten. Von Seefahrtsromantik ist indes nicht viel zu spüren, es riecht intensiv nach Klebstoff und Lack. Ein paar aus Holz gefertigte Nachbauten legendärer Zwei- und Dreimaster – wie der Queen of the Thames oder der Herzogin Cecilie – stehen in den Regalen. An den Wänden hängen großformatige, mit allen technischen Daten versehene Blaupausen von Konstruktionsplänen, präzise gezeichnet bis ins letzte Detail.
Egal ob Takelage oder Ankerwinde, Mast oder Reling: Jeder Bootszentimeter ist exakt vermessen. „Notfalls tun es auch Fotografien, aber die Pläne bilden die beste Grundlage jedes Nachbaus“, betont Behnke. Die genaue Kenntnis potenzieller Fundstellen und Archive sei deshalb von großem Vorteil. „Wir hatten vor Jahren einen Kunden, der wollte unbedingt Modelle aller Transatlantikdampfer aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben“, erinnert sich Petschenik. Privatleute wären bei der Recherche nach den Konstruktionsskizzen nicht weit gekommen. Der Fachmann aus Bremen aber wusste sofort Rat: Alle Pläne lagern in einem Archiv im schottischen Glasgow.
Alles eine Sache von Millimetern
Gunnar Behnke hat Pinzette und Skalpell, seine wichtigsten Werkzeuge, beiseitegelegt. „Man muss sich vom Gedanken der Seefahrtsromantik lösen, das ist hier knallharte Feinmechanik“, unterstreicht er und spannt einen 0,5 Millimeter dünnen Bohrer in die Maschine. Damit macht er sich am Heck der Kunststoff-Pelorus zu schaffen. Die lediglich stecknadelkopfgroßen Schiffsschrauben müssen mit Sekundenkleber am Plastikrumpf fixiert werden. Behnke hat die Mini-Rotoren bereits in Kleinarbeit zusammengelötet – alles eine Sache von Millimetern, selbstverständlich frei Hand und ohne Mikroskop oder Lupe. Solche Hilfsmittel benutze er nur ganz selten, verrät der 36-jährige Wahl-Bremer, der ursprünglich aus Schwerin stammt. Schon als Jugendlicher hatte er sich für heimlich aus dem Westen in die DDR geschmuggelte Segelsportmagazine begeistert. Wieder und wieder brachte er seine Lehrer zur Verzweiflung, wenn er statt der Hausaufgaben Bilder von Yachten in sein Schulheft zeichnete. „Sieht man sich diese Skizzen heute noch einmal genauer an“, kommentiert Wolfgang Petschenik, „kann man das Talent von Gunnar bereits erkennen“.
Der 64-Jährige selbst hat als Kind oft am Ufer des Rheins gesessen und den Ausflugsdampfern und Frachtschiffen nachgeschaut. „Als ein Kümo aus Dänemark vorbeifuhr, bin ich schnell nach Hause gelaufen und habe im Atlas nachgeschlagen, wo das überhaupt liegt“, blickt er schmunzelnd zurück. Natürlich wollte er später zur See fahren. Doch daraus wurde nichts. Anfang der Sechzigerjahre nahm Petschenik in Bremen ein Schiffbaustudium auf und stieß nach einem Praktikum bei Lürssen zum Modellbau. Seine erste Arbeit, ein alter Kutter, steht noch immer als Ausstellungsstück in der Werkstatt.
Zwölf Wochen, dann ist das Modell fertig
Die Versuche, das Hobby nach dem Abbruch des Studiums zum Beruf zu machen, kamen allerdings nur schleppend in Gang: „Fast alle Werften hatten bereits Modellbauer unter Vertrag, da hatte ich kaum eine Chance dazu zustoßen.“ So konnte sich Petschenik in der Anfangszeit lediglich zwei oder drei Aufträge im Jahr sichern. Das änderte sich erst, als nach der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger die renommierte holländische Jongert-Werft für eine Messepräsentation wegen Yacht-Miniaturen im Maßstab 1:20 anfragte. „Da war ich im Geschäft.“
Inzwischen, so bestätigen die beiden Werftchefs, habe sich die Auftragslage deutlich verbessert. Und das, obwohl die Konkurrenz professioneller Modellbaubetriebe nicht untätig ist und mit Niedrigpreisen lockt. „Natürlich kann ein Großunternehmen, das industriell produziert, anders kalkulieren, als wenn ich alleine an einem Projekt arbeite“, rechnet Petschenik vor. Bei ihm aber zählen Handarbeit, Präzision und Qualität. Mit Erfolg: „Wir sind momentan so gut wie ausgebucht und arbeiten an mehreren Schiffen gleichzeitig.“ Ihre Auftraggeber kommen aus ganz Europa. Es sind in erster Linie private Eigner, Museen und die großen Werften, die in Bremen Miniaturen ordern – als Ausstellungs- oder als Referenzstücke. Bis zu zwölf Wochen dauert es in der Regel, bis ein Modell fertig ist und ausgeliefert werden kann. „Ein paar Hundert Arbeitsstunden muss man in jedem Fall einplanen“, sagt Gunnar Behnke. Länger wird er voraussichtlich auch nicht für die Kleinausgabe der Pelorus benötigen.
Claus Spitzer-Ewersmann
ist Journalist, Buchautor und Medienberater.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010
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