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Bernd Schröder im Interview: „Frauenfußball ist ehrlicher“

Bernd Schröder, Trainer beim FCC Turbine Potsdam  Foto: © Erster FFC Turbine PotsdamBernd Schröder, Trainer beim FCC Turbine Potsdam  Foto: © Erster FFC Turbine PotsdamBernd Schröder (68), Trainer des 1. FFC Turbine Potsdam, hat mit seinem Verein seit 1971 schon viele Titel errungen. Letzter Höhepunkt: der Sieg im Mai 2010 in der Champions League. 2011 rollt der Ball zur Fußballweltmeisterschaft der Frauen in Deutschland.

Wie war das, als Sie mit Ihrem Verein die Champions League in Spanien mit 6:7 gegen Lyon im Elfmeterschießen gewannen? Hat die Bundeskanzlerin eine SMS (Kurzmitteilung auf dem Handy) geschickt?

Nein, das nicht, obwohl wir uns kennen, aber wir haben viel Applaus von allen Seiten erhalten. Der frühere Außenminister Frank Walter Steinmeier hat mir einen handgeschriebenen Brief geschickt. Es war ja auch Wahnsinn: Ein spannendes Elfmeterschießen mit sieben Millionen Zuschauern spätabends in ganz Europa. Das hat den Frauenfußball immens nach vorn gebracht.

Männer beherrschen ja sonst das Thema Fußball. Spielen Frauen anders? Wo liegen die Unterschiede?

Männer- und Frauenfußball sind zwei verschiedene Sportarten. Frauen verhalten sich noch anders auf dem Platz. Sie spucken nicht, sie lassen sich nicht theatralisch fallen, wenn sie am Boden liegen, sind sie wirklich verletzt. Wissen Sie, Frauenfußball ist einfach ehrlicher. Ja, das ist ein passendes Wort. Es strahlt fast Eleganz aus, nicht Maloche (Arbeit). Die Freude an der Spielweise ist zu erkennen. Dann stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis noch. Es gibt nicht diese völlig überzogenen Gehälter oder Ablösesummen wie bei Männern im Fußball.

Bernd Schröder: „Frauenfußball ist einfach ehrlicher.“  Foto: © Erster FFC Turbine PotsdamDas heißt aber auch, Frauen müssen nebenbei noch arbeiten?

Teilweise schon. Wenn sie zwei bis drei Stunden am Tag etwas anderes tun, ist das gar nicht so schlecht. Viele studieren. Andere sind in einem Beruf, manche sind bei der Bundeswehr oder Polizei angestellt. Die meisten hören aber mit 28 oder 30 Jahren auf mit dem Fußball, weil sie dann in ihrem Beruf Fuß fassen wollen, den sie studiert oder erlernt haben. Sie können sich nicht wie die Männer mit 30 Jahren als Profifußballer zur Ruhe setzen, weil sie bis dahin nicht das viele Geld verdient haben. Es ist für die Frauen ein sehr intensiver Lebensabschnitt, aber nicht mehr. Manche gründen in dem Alter auch ihre Familie.

Wie wird man überhaupt Frauenfußballprofi?

Ich kann Ihnen von unserem Potsdamer Modell bei unserem Verein erzählen. Wir haben zurzeit 70 Mädchen in unserem Sportgymnasium (1. Eliteschule des Mädchenfußballs) in den Klassen sieben bis 13, die wöchentlich mindestens acht Mal trainieren. Hieraus formen wir im Wesentlichen unsere 1. und 2. Bundesligamannschaft. Grundsätzlich können diese Mädchen ab 16 Jahren schon im Frauenbereich spielen, auch als Vollprofi, was aber eher selten ist.

Wie integrieren Sie ausländische Spielerinnen, die kein Deutsch können?

Sie müssen es rasch lernen. Das ist für uns wichtig, denn nicht jeder kann Englisch. Wir hatten schon Frauen aus allen möglichen Ländern, von Norwegen über Brasilien bis Russland. Zurzeit haben wir eine Japanerin. Sie hat ein halbes Jahr lang intensiv Deutsch gelernt und kennt sogar Goethe und Schiller (lacht), von denen ja manche deutsche Schüler nicht mehr viel wissen. Mit der Sprache gelingt die Integration am besten und sehr schnell. Dann fühlen sie sich auch wohl bei uns.

Die Meistermannschaft von Turbine Potsdam.  Foto: © Erster FFC Turbine PotsdamSie sind der dienstälteste Frauenfußballtrainer Deutschlands, kennen alle Erfolgsrezepte und so viele Titel wie Sie mit dem 1. FFC Turbine Potsdam hat niemand geholt. Woran liegt das?

Ich muss es schaffen, dass sich alle in der Mannschaft wirklich gut verstehen, sonst klappt nichts. Das ist anders als bei Männern. Die können sich manchmal besser mit anderen arrangieren. Das Durchschnittsalter bei unserer Mannschaft liegt bei knapp 20 Jahren. Zum Vergleich: die jetzige Nationalmannschaft der Männer ist durchschnittlich 24 Jahre alt und gilt damit als „jung“. Die Spielerinnen bei uns sind zwischen 16 und 27 Jahre alt, das sind zwei Generationen. Als Trainer müssen Sie die zusammenfügen. Die Symbiose von Jung und Alt ist der Erfolg.

Wer sind die Fans von Turbine Potsdam?

Es ist eine gute Mischung aus Familien mit Kleinkindern, Rentnern und Menschen mittleren Alters. Die Eintrittspreise sind niedrig – anders als beim Männerfußball. So kann die ganze Familie mitgehen.

Bernd Schröder: „Ich muss es schaffen, dass sich alle in der Mannschaft wirklich gut verstehen.“  Foto: © Erster FFC Turbine PotsdamGibt es andere Rituale als bei den Männern?

Das Verhältnis von Spielerin zum Fan ist inniger. Die Fans wissen viel mehr vom Privatleben, von der Seele der Spielerinnen. Sie applaudieren jeder einzelnen schon, wenn sie zum Warmmachen vor dem Spiel auf den Platz laufen. Die Spielerinnen bedanken sich häufiger bei den Fans. Die wiederum geben ihr letztes Hemd, um bei den Spielen auch im Ausland dabei zu sein und übernachten zur Not auch auf dem Flughafen.

Was erwarten Sie von der Weltmeisterschaft im Frauenfußball 2011 in Deutschland? Nach den Siegen der deutschen Elf 2003 in den USA und 2007 in China – da sogar ohne ein Gegentor, Nadine Angerer hielt einen Elfmeter – glauben Sie an den dritten Titel in Folge?

Der Druck ist immens. Vom Abschneiden der Mannschaft hängt der Stellenwert des Frauenfußballs für die nächsten Jahre ab. Jeder Verein trägt jetzt Verantwortung. Ich spüre das genau. Die U20-Weltmeisterschaft (U20 heißt jünger als 20 Jahre) der Frauen lief von Juli bis Anfang August. Das war schon ein wichtiger Test. Die Liga endet nächstes Jahr extra eher, schon im März, damit genug Zeit zur Vorbereitung für die Spielerinnen bleibt.

Bernd Schröder ist seit 1971 mit Unterbrechung Trainer der Frauenmannschaft des Vereins 1. FFC Turbine Potsdam. Zwischen 1992 und 1997 war der heute 68-Jährige Manager des Vereins. Er gilt als der erfahrenste Trainer im Frauenfußball, hat unzählige Titel errungen und war 1989 zusätzlich Trainer der neu gegründeten DDR-Frauen-Fußballnationalmannschaft. Schröder, ausgezeichnet mit dem Verdienstorden des Landes Brandenburg, ist der letzte DDR-Fußballtrainer, der noch für denselben Verein aktiv ist. Mit seiner Mannschaft gewann er 2010 die deutsche Meisterschaft und die Champions League.

Knut Diers
stellte die Fragen. Er hat in Gießen Geographie und Volkswirtschaft studiert, war 20 Jahre Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist jetzt mit dem Redaktionsbüro Buenos Diers Media selbstständig. Er besucht mit seinem Sohn (15), Torwart, oft und gern Fußballspiele.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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