Alpenfahrt und Kakerlakenpoker – das Deutsche Spielearchiv Nürnberg

Keine Nation spielt so gerne wie die Deutschen. Das Deutsche Spielearchiv versammelt in Nürnberg die ganze Palette der Spiele seit 1945 – eine Zeitreise durch die Welt der Gesellschaftsspiele.
Tante Mechthild legt beim Scrabble das Wort „Schwanzhund“ und möchte 57 Punkte dafür kassieren. Die Emotionen kochen hoch beim Spielenachmittag. Dieses Wort gibt es nicht. „Wenn man sich nicht an die Regeln hält, macht es keinen Spaß“, erklärt Paul und verlässt die Spielerunde empört. Harmlose Spielenachmittage können emotional enden, das illustriert die Szene aus Loriots Film Ödipussi. Ob Halma, Scrabble oder Fang den Hut – Gesellschaftsspiele entfachen Familienstreits, bescheren aber auch gesellige Stunden. Einige hassen sie, andere lieben sie, aber gespielt hat jeder schon – Memory im Kindergarten, Trivial Pursuit während des Studiums, Schafkopf im Seniorenheim.
Spiele-Weltmeister Deutschland
Gesammelt werden die Spiele, die seit 1945 im deutschsprachigen Raum erschienen sind, im Deutschen Spielearchiv. Im April 2010 ist die Sammlung von Marbach nach Nürnberg umgezogen. In privater Trägerschaft nicht länger fortführbar, haben die Museen Nürnberg entschieden, das Archiv nach Mittelfranken zu holen. In Nürnberg haben viele Spielzeugunternehmen ihren Sitz, und jährlich findet hier die Internationale Spielwarenmesse statt.
Gegründet wurde das Spielearchiv 1985 von Bernward Thole. Der Literatur- und Medienwissenschaftler startete mit einer Sammlung von 5.000 Spielen. Heute umfasst das Archiv 30.000 Spiele aus den vergangenen fünf Jahrzehnten. Jährlich kommen 500 Neuerscheinungen hinzu. Die Deutschen spielen gerne. In keinem anderen Land kommen so viele Neuheiten auf den Markt. Nürnberg feiert den Erwerb des Spielearchivs derzeit mit einer kleinen aber feinen Spieleausstellung im Stadtmuseum Fembohaus und stellt unter dem Titel Mitspieler gesucht! einen kleinen Teil der Sammlungsschätze vor. Der große Rest schlummert noch in unzähligen Umzugskartons. Diese werden erst ausgepackt, wenn die Stadt geeignete Räume für das Archiv gefunden hat.
Die Ausstellung präsentiert an fünf Stationen die Spielgewohnheiten der Deutschen seit 1945. Eines macht die Zeitreise durch verstaubte Gesellschaftsspiel-Kartons deutlich: Spiele verraten einiges über die Gesellschaft, die spielt.
Mein Auto – die Fünfzigerjahre
Immer mehr Menschen schaffen sich in den Fünfzigerjahren ein Automobil an. Und der stolze Besitzer eines nagelneuen VW Käfers spielt, wenn er nicht gerade am Steuer sitzt, am liebsten Woher kommt mein Wagen? oder würfelt sich durch verschiedene Ereignisfelder der Frohen Alpenfahrt. Als Siegesprämie winkt ein Edelweiß, bemalte Zinnfiguren dienen als Spielfiguren. Außerdem kommt der Dauerbrenner Memory, ein Denkspiel, bei dem passende Bildpaare zugeordnet werden müssen, auf den Markt.
„Was bin ich?“ – die Sechzigerjahre
In den Sechzigerjahren wächst der Wohlstand und mit ihm die Muße. Familienspiele wie Malefiz sind der Renner. Da kann der Enkel der Oma Blockaden vor die Füße setzen, die sie für mehrere Runden lahmlegen. Außerdem wird leidenschaftlich gern gepuzzelt: Landschaften, Tiere und Städteansichten. Dank neuer Stanzmaschinen sind die Puzzles billig zu haben. Und wer keinen Fernsehapparat hat, der kauft sich die TV-Ratesendungen als Brettspiel: Was bin ich? und Hätten Sie’s gewusst? zum Beispiel.
Nicht lustig – die Siebzigerjahre
Die Diskussion über eine Reform des Bildungswesens spielt den Kindern übel mit: Sie kämpfen mit pädagogisch wertvollen Neuerscheinungen auf dem Spielemarkt. Die meisten unter ihnen können über die Lustige Mengenlehre nicht wirklich lachen. Außerdem wird erstmals die Kritikerauszeichnung Spiel des Jahres verliehen. Sie geht 1979 an Hase und Igel, ein Spiel um Salatköpfe und Mohrrüben. Seither schmückt eine rote, mit Lorbeeren gekrönte Spielfigur die jahresbeste Spieleschachtel.
„Ökolopoly“ – die Achtzigerjahre
Nie gab es so viele Neuheiten wie in den Achtzigerjahren. Für die Erwachsenen erfindet man 1984 Trivial Pursuit, damit sie anhand kniffliger Fragen ihr Allgemeinwissen überprüfen. Die aufkommende Umweltschutzbewegung bekommt ihr eigenes Spiel: Ökolopoly. Und der Spieleautor Alex Randolph, dessen Nachlass im Deutschen Spielearchiv aufbewahrt wird, setzt die Namensnennung des Autors auf der Spiele-Schachtel durch.
„Kakerlakenpoker“ – die Neunzigerjahre bis heute
Je komplexer desto besser, denken sich die Erwachsenen seit den Neunzigerjahren und kaufen Spiele, deren Spieleanleitung dicker ist als die Anleitung ihres neuen Handys, die Siedler von Catan zum Beispiel. Nach wie vor spielen Kinder am allerliebsten. Während sie sich jedoch in den Fünfzigerjahre an Spitz, pass auf erfreuten, spielen sie heute lieber Kakerlakenpoker.
„Du erfährst mehr über einen Menschen in einer Stunde gemeinsamen Spiels als in einem Jahr von Gesprächen“. Das wusste schon Plato. Also: Spielen statt reden und nicht ärgern, wenn Tante Mechthild beim Scrabble das Wort „Schwanzhund“ legt.
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„Mitspieler gesucht! Das Deutsche Spielearchiv Nürnberg“ |
Verena Hütter
lebt als freie Autorin und Redakteurin in München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010
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