Panorama

Die große Lust am Mittelalter

Der Trend Mittelalter ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt.  Foto: Tomasz Domagala © iStockphotoDer Trend Mittelalter ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt.  Foto: Tomasz Domagala © iStockphotoDie Deutschen sind fasziniert vom Mittelalter – ob in Form von Märkten und Turnieren, Büchern und Filmen, Kostümen oder Ausstellungen. Es reizen noch immer auch die düsteren Klischees. Doch das Mittelalterbild ist differenzierter geworden.

11.000 mittelalterliche Veranstaltungen listet das Magazin Karfunkel – Zeitschrift für erlebbare Geschichte alljährlich für seine Leser auf: Mittelaltermärkte, Ritterspiele, Bogenbauseminare, Tanzfeste, Burgspektakel. „Der Trend Mittelalter ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt. Das wird noch zehn, 15 Jahre so weitergehen“, sagt Michael Wolf, Herausgeber des Magazins.

So nahe dran wie möglich

Mittelalterkostüme made in Neuburg an der Donau.  Foto: © Handmade Nina Schmickler-ReiboldWer Karfunkel liest, will aber mehr als nur kurz am Wochenende raus aus dem Alltag und rein in die Atmosphäre einer vergangenen Zeit. Den interessieren die Artikel über die Alltagswelt zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert. Der baut und näht anhand originalgetreuer Anleitungen und den halten Rezensionen und Interviews über Neues auf dem Buchmarkt und in der Musikszene auf dem Laufenden. Dem Leser – und Karfunkel – geht es seit inzwischen 18 Jahren um „Authentizität“. Die vielen ausführlichen Leserbriefe zeugen von der gemeinsamen Begeisterung und Sorgfalt.

Auch im oberbayerischen Neuburg an der Donau näht, stickt, rafft und schnürt Modedesignerin Nina Schmickler-Reibold nach historischen Vorlagen. 2011 stehen in Bayern wieder zwei Großereignisse an: Im Juni finden in Straubing die Agnes-Bernauer-Festspiele statt, in Neuburg ist zeitgleich wieder Schlossfest. In Straubing wird das Leben und der Tod der Baderstochter Agnes dargestellt, die als nicht standesgemäße Geliebte von Herzog Albrecht III. 1435 in der Donau ertränkt wurde. Schmickler-Reibold stattet wie schon vier Jahre zuvor die Darsteller aus – mit den für burgundische Gewänder typischen langen Schleppen und Tütenärmeln. Die gebürtige Neuburgerin ist mit dem Schlossfest und damit mit Renaissance-Kleidern aufgewachsen. „Ohne Gewand kommt man sich da vor wie ein Tourist.“

Die erste Anfrage nach originalgetreuen Gewändern kam 1998. Mit dem Ergebnis war das Paar so zufrieden, dass es in diesen Kostümen heiraten wollte. So musste auch die Hochzeitsgesellschaft entsprechend „gewandet“ werden und so wuchs allmählich die Kundschaft durch Mundpropaganda. Mittlerweile widmet sich Nina Schmickler-Reibold vor allem der Recherche und dem Entwurf der Gewänder und lässt – bis auf sehr komplizierte Partien – nähen. Sie verschickt Nesselmodelle zur Anprobe quer durch Deutschland. Die große Nachfrage überrascht sie bis heute: „Es ist schon erstaunlich, wie sich die Leute zeitlich und finanziell engagieren.“

Die etwas andere Baustelle

Vier volle Arbeitstage für einen Stein.  Foto: Sabine Wolf © Karfunkel VerlagNoch deutlicher wird dieses tiefgehende Interesse im nordbadischen Osterburken: Im Histotainment-Park Adventon wird auf 40 Hektar eine mittelalterliche Stadt aufgebaut – in Handarbeit! Von April bis Oktober ist das Gelände für Touristen geöffnet. Wer sich als Siedler niederlassen will, der muss sich erst „auf Jahr und Tag“ in der Stadt bewähren. Ein Mittelalter-Praktikum gibt Einblick ins mittelalterliche Arbeiten und dabei stellt der Steinmetz-Anfänger respektvoll fest, dass für die Fertigstellung eines einzigen Steins in Schuhkarton-Größe vier volle Arbeitstage vergehen können.

Da sitzt es sich doch entschieden bequemer auf der Fernsehcouch. 9,75 Millionen Zuschauer sahen im Oktober 2010 die Bestsellerverfilmung Die Wanderhure und machten ihn so zum erfolgreichsten Fernsehfilm des Jahres. Das Historiendrama spielt Anfang des 15. Jahrhunderts und schildert das Leiden der unfreiwilligen fahrenden Prostituierten Marie. Die Romanvorlage, in diversen Foren sowohl begeistert gelobt als auch erbittert kritisiert, stammt von Iny Lorentz. Hinter dem Pseudonym steht das Ehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath. Ihre Romane verkaufen sich mittlerweile millionenfach. Die Begeisterung der Leser erklären sie sich mit der „willkommenen Gelegenheit, sich ein wenig aus dem Alltag auszuklinken und die Gedanken in eine vermeintlich weniger komplexe Zeit schweifen zu lassen.“ Bei ihren zahlreichen Lesungen stünden nicht selten drei Generationen vor ihr, Oma, Mutter, Tochter. Mit dem Buchverlag Knaur sind bis 2015 noch zehn Romane fest geplant und so ist Elmar Wohlrath schon wieder tief versunken in der Recherche nach weiteren wenig bekannten Anekdoten und zu füllenden Lücken in der mittelalterlichen Geschichte.

Mittelalter auf Augenhöhe

Das Mittelalter ist gar nicht so weit weg.  Foto: Marion Mennicken © Rheinisches BildarchivIm Museum Schnütgen in Köln, einer der weltweit führenden Sammlungen mittelalterlicher Kunst, arbeitet man Klischees entgegen. „Wir wollen das Mittelalter wieder auf Augenhöhe herunterholen“, sagt die kommissarische Direktorin des Museums Dr. Dagmar Täube. „Wir möchten zeigen, dass es nicht finster, gruselig und blutrünstig war, sondern auch helle und bunte Seiten hatte.“ Seit der Wiedereröffnung Ende Oktober 2010 kamen bis Januar 2011 mehr als 60.000 Besucher ins Museum Schnütgen. Hier ist man weit weg von quirligem Markttreiben und dramatischen Turnieren – und doch ganz im Trend. Die mittelalterlichen Andachtsbilder sollten damals den Gläubigen innehalten lassen und entsprechen so auch dem heutigen Bedürfnis nach Meditation und Besinnung. Sich auf ein einzelnes Werk zu konzentrieren, sei aber im heutigen rasanten Informationszeitalter durchaus eine Herausforderung, sagt Täube. „Das Mittelalter ist gar nicht so weit weg. Auch wenn das Weltbild damals ein anderes war, die Fragen der Menschen waren die gleichen.“

Barbara Link
ist freiberufliche Journalistin. Sie lebt und arbeitet in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

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