Nudismus – eine deutsche Ideologie

Briten finden Nacktheit urkomisch, die Deutschen dagegen nehmen die Sache sehr ernst. Eine Glosse von Roger Boyes
Bei der Times in London gibt es meiner Meinung nach eine streng geheime Spezialeinheit, deren einzige Aufgabe darin besteht, Wege zu ersinnen, um den bleichen und übergewichtigen Deutschlandkorrespondenten der Zeitung zu demütigen. Daher kam es für mich keineswegs überraschend, als mir ein junger Redakteur, der ein Kichern kaum unterdrücken konnte, den Vorschlag unterbreitete, ich solle doch am ersten in Deutschland organisierten Nacktflug teilnehmen. Briten finden Nacktheit urkomisch, die Deutschen dagegen nehmen die Sache sehr ernst. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, aber für mich steht fest, dass es sich dabei um eine jener zivilisatorischen Grenzen handelt, die Deutschland vom Großteil der restlichen Welt trennen.
Die Flüge starten im Juli, von Erfurt nach Heringsdorf auf Usedom. Die Passagiere sollen die Möglichkeit haben, sich auf die Nacktbadestrände der Ostsee einzustimmen. Wer weiß, was als Nächstes kommt, falls das Ganze ein Erfolg wird? Nudistentaxis? Züge für nackte Fahrgäste?
Enrico Hess, der Urheber dieser Idee, vertrat die Meinung, mit nackter Kundschaft lasse sich viel Geld verdienen. Nichts dagegen einzuwenden. Trotzdem konnte ich nur an eines denken: Was, wenn am Ende ein Kollege neben mir sitzt? Heißer Tee ist bestimmt gestrichen, um empfindliche Körperteile zu schützen. Vielmehr handelt es sich wohl um eine sehr kühle Art des Reisens. Mir fallen nur drei Vorteile des Nacktreisens ein: Die Kleidung verknittert nicht, man muss sich nicht mit lästigen Mitreisenden herumschlagen, die ihre Brieftasche zücken und einem Fotos von ihrer Familie, ihrem Haus oder ihrem Boot zeigen, und die Gefahr eines Terroranschlags ist auch nicht so groß. Wenigstens kann keiner eine Bombe im Schuh verstecken.
Natürlich trifft das alles nicht den Kern der Sache. Die Deutschen sehen den Nudismus – Verzeihung: den Naturismus –ganz anders. Er ist, zumindest seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, Teil einer Bewegung zurück zur Natur. Dabei geht es um die Befreiung – daher der Name Freikörperkultur (FKK) – von religiösen Zwängen, die einen lehren, sich seines Körpers zu schämen. Und um die Befreiung von der industriellen Gesellschaft – ohne Kleidung ist keiner ein Fabriksklave, alle sind gleich. Bezeichnenderweise wurde der erste FKK-Verein (1898) im verrauchten Essen gegründet. Es handelte sich um eine sehr ursprüngliche Art von Sozialismus, weshalb ihn die bürokratischen Kommunisten Ostdeutschlands, Ulbricht und Konsorten, so sehr verabscheuten. Sie waren der Meinung, dass die Bürger mit ihrer Kleidung auch das System ablegten. In den 1950ern versuchten die Kommunisten die Nudisten zu verbieten. Da kamen die nackten Rebellen auf die Idee, sogenannte "Kamerun-Feste" zu organisieren, angeblich, um die brüderliche Freundschaft zwischen der DDR und dem afrikanischen Land zu feiern. In Wirklichkeit war das Ganze nur ein Vorwand, der es Hunderten von Leuten ermöglichte, nackt am Strand zu tanzen. In den Stasi-Akten wird ein Polizeichef aus dem Urlaubsort Prerow zitiert, der 1954 der Führung berichtet haben soll: "Die Kamerun-Feste stellen einen Affront gegen die Moral und die Traditionen des Negervolks dar." Als er Polizisten mit dem Auftrag losschickte, den nackten Tänzern Einhalt zu gebieten, wurden die Beamten ins Meer geworfen.
Das klingt ein bisschen nach einer kalifornischen Strandparty, doch der Schein trügt: In Deutschland ist Nacktheit eine Frage der Ideologie. Mit der Zeit akzeptierte das ostdeutsche Regime den Naturismus, und viele normale Leute wurden Anhänger der Freikörperkultur, die als einzige Volksbewegung nicht vom Staat organisiert oder gesteuert war. Kurz nach der Wiedervereinigung wurde in Berlin eine Fotoausstellung ostdeutscher Nudisten gezeigt. Die aufschlussreichsten Körperteile dieser Menschen, die vor ihren Trabanten oder auf Brandenburger Kartoffelfeldern posierten, waren ihre Augen: die Augen von Rebellen.
In Westdeutschland war das Entblättern nie ganz so politisch, dafür aber durch allerlei Vorschriften eingeschränkt. Auch das war typisch deutsch. Nach 1968 wurde nackte Haut gesellschaftsfähiger: Blanke Brüste durften auf keiner Zeitschriftentitelseite fehlen. Deshalb musste die Freikörperkultur, um ihre Monopolstellung zu sichern, Regeln für die Unbekleideten aufstellen. Seit Jahren herrscht nun eine Art Glaubenskrieg, bei dem es darum geht, ob jemand mit T-Shirt oder Bikinihöschen einen FKK-Strand betreten darf.
Auf Außenstehende wie mich wirkt das Ganze ein bisschen verrückt. Ich bin selbst schon mal aus einem Fitnessclub geflogen, weil ich in der Sauna und im Whirlpool eine Badehose tragen wollte. Man erklärte mir, das sei "unhygienisch". Was, fragte ich mich, war an einer Badehose unhygienisch? Und was so hygienisch am Nacktsein? Als ich die Sauna verließ, fühlte ich mich wie Adam aus dem Paradies vertrieben, verbannt wegen unanständiger Gedanken. Allem Anschein nach funktioniert Nacktheit in Deutschland nur mit sinnlosem Reglement, mit bürokratischem Gewand.
Vielleicht sehen wir uns bald mal bei Nudist Airlines. Sie werden mich bestimmt erkennen: Ich bin derjenige mit einem Exemplar der Times auf dem Schoß.
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Februar 2008
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