Typisch deutsch?

Der Schlager währet immerdar

Plakat zur Bonner Wechselausstellung `Melodien für Millionen´ - Das Jahrhundert des Schlagers; Copyright: Thomas JahnPlakat zur Bonner Wechselausstellung `Melodien für Millionen´ - Das Jahrhundert des Schlagers; Copyright: Thomas JahnDeutschland ist seit jeher eine Brutstätte für musikalische Talente. Auch Italien und Österreich liegen gut im Rennen, aber wer sonst kann auf solch eine Vielzahl an Ausnahmemusikern wie Beethoven, Haydn, Brahms, Mahler oder selbst Karlheinz Stockhausen Anspruch erheben? Auf einem musikalischen Gebiet hinkt Deutschland jedoch hinterher: der Pophit, hierzulande als Schlager bekannt.

Spätestens seit den 1920ern ist der Schlager die Musik des einfachen Mannes, wird von der Friseurin beim Locken föhnen und vom Klempner beim Rohre durchpusten gesummt, gepfiffen und geträllert. Einige datieren die Entstehung des Schlagers auf Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, als Operettenmelodien von den Leuten auf der Straße aufgegriffen wurden. Aber eines steht fest: der moderne Schlager ist einfach nur peinlich. Weder die Samstagnacht-"Talente"-Shows wie Deutschland sucht den Superstar noch der Eurovision Song Contest können das internationale Publikum davon überzeugen, dass die volkstümliche Musiktradition des Landes überlebt hat. Eine der besten Platzierungen (Rang 7!) beim Eurovision-Wettbewerb erzielte ein deutscher Pseudo-Schlager von Guildo Horn im Jahre 1998. Das Lied hieß Piep, piep, piep – Guildo hat euch lieb. Guildo, muss man dazusagen, ist ein in die Jahre gekommener, übergewichtiger, ehemaliger Lehrer mit einem Mutterkomplex, dessen Band die Orthopädischen Strümpfe hieß. Der bescheidene Erfolg von Piep, piep, piep lässt sich daher wohl kaum auf seinen angeborenen Sex-Appeal zurückführen.

Jedes Jahrzehnt hat seinen Schlager

Traumpaar auf der Leinwand: Cornelia Froboess und Peter Kraus, Filmplakat aus dem Jahr 1958; Copyright: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel ThünkerDie Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn widmet nun eine kürzlich eröffnete Ausstellung dem Schlager. Kritiker bezeichnen sie als Nachruf auf den Schlager, als Degradierung dieser Liedform zu einem reinen Museumsstück. Etwas milder ausgedrückt gibt sie den Deutschen die Möglichkeit, ihre Teenager-Jahre wieder aufleben zu lassen. Nichts definiert eine Kindheit so sehr wie ein Ohrwurm. Wird das Bonner Museum den Schlager rehabilitieren können? Die Ausstellung ist wie gewöhnlich gut organisiert, läuft bis Oktober 2008 und hat den gläsernen Flügel von Udo Jürgens, Kleider von Zarah Leander und Plakate von Caterina Valente aufzuweisen. Aber sie ist mehr als eine Reliquienschau. Sie verdeutlicht, dass jedes Jahrzehnt seine eigenen Stars und Schlager hat, von den in Nazideutschland verbotenen Comedian Harmonists in den 1920ern bis zu Zarah Leander mit ihren Durchhalteparolen in den Kriegsjahren (Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n), vom viel besungenen Bella Italia als Urlaubsziel während des Wirtschaftswunders (Tschau, Tschau, Bambina von Caterina Valente) bis zu den etwas feinsinnigeren Liedern der 1970er (Immer wieder sonntags von Cindy und Bert).

Der Schlager lässt sich nicht eindeutig definieren, aber Christian Mayer von der Süddeutschen Zeitung trifft es ganz gut: "Er ist ein Gefühl, eine Melodie, ein kleines, manchmal triviales, gelegentlich geniales Gedicht in Liedform, im besten Falle ein Stimmungsaufheller oder ein melancholischer Tranquilizer."

Und natürlich wird er auf Deutsch zum Besten gegeben, auch von Künstlern aus dem Ausland, die dann vorher mühsam den für sie unverständlichen Text auswendig lernen mussten (oberpeinlich: Cliff Richard). Damit fällt der Großteil der zumeist auf Englisch vorgetragenen Lieder bei Deutschland sucht den Superstar schon einmal heraus.

Der Schlager fand immer eine Nische

Udo Jürgens; Foto: Dominik BeckmannDas Interessante am deutschen Schlager ist jedoch, dass manche Lieder durchaus ganz gut sind. Zwar gelten sie heute gemeinhin als Kitsch, ein deutsches Wort, das irgendwie auf die gesamte Popmusik zuzutreffen scheint. Aber zu ihren Entstehungszeiten war das nicht der Fall. Der Interpret Götz Alsmann erinnert sich an die 1960er: "In vielen deutschen Haushalten standen … doch eine schicke Bossa-Nova-Platte, eine Scheibe von Udo Jürgens und eine LP von den Rolling Stones … nebeneinander im Regal". 1968 mag ein revolutionäres Jahr gewesen sein, aber der Schlager fand doch immer eine Nische. Und besonders Udo Jürgens schien den Zeitgeist zu treffen oder ihm zumindest nachzuspüren. Von Lieb Vaterland (1971) – den ersten Anzeichen eines "Entspannten Patriotismus"– bis zu Sänger in Ketten (1989) verlieh Udo dem Schlager eine beinah schon journalistische Grundhaltung. Angst vor der Überbevölkerung? Jürgens hatte eine Antwort: Gehet hin und vermehret euch (1988). Vor dem Dritten Weltkrieg? Am Tag davor (1986). Vor Drogen? Rot blüht der Mohn (1983). Puristen mögen seinen Klassiker 17 Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir … Lalalaaa … Lalalaaa … Laalaalaalaalaa! bevorzugt haben, aber man kann Udo nicht vorwerfen, dass er nicht versucht hätte, dem Schlager Bedeutsamkeit zu verleihen. Götz Alsmann pfeift nach eigenen Angaben Evelyn Künnekes Der blaue Montag (1949) unter der Dusche und behauptet, dass Udos Ehrenwertes Haus mehr bewirkt habe als zehn Bob-Dylan-Songs zusammen. Der amerikanische Liedermacher erreichte zwar die Studenten, aber das breite Publikum bevorzugte die Botschaften in Jürgens-Deutsch verpackt.

Der Puls ist schwach

Guildo Horn; Copyright: DSA Musikproduktion GmbHDann kann der Schlager passend zum Zeitgeist doch wiederbelebt werden. Im Moment scheint er im Sterben zu liegen, der Puls ist schwach, aber ich glaube, er hält nur seinen Winterschlaf. So beeindruckte Max Raabe beispielsweise das New Yorker Publikum mit leichten, ironischen Interpretationen der Schlager der 1920er. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Schlager erholt.

Ralph Siegel, aus dessen Feder viele Schlager und so manch ein Eurovision-Flop stammen, ist da weniger optimistisch. Er gibt der Globalisierung und der Weltsprache Englisch die Schuld. Da ist er meiner Meinung nach auf dem Holzweg.

Es wird immer das Bedürfnis nach deutschen Schlagern geben: die Muttersprache vermag Kindheitserinnerungen und sentimentale Gefühle viel leichter heraufzubeschwören als Englisch oder Italienisch. Willy Brandt gilt gewissermaßen als geistiger Vater des globalen Dialoges und ist doch dem blonden Schlagerbarden Heino treu geblieben. Und die von Männern in kurzen Lederhosen und Frauen in Dirndln inbrünstig geschmetterten volkstümlichen Weisen aus den Bergen locken regelmäßig mehr als vier Millionen Zuschauer zur besten Sendezeit am Samstagabend vor den Bildschirm. Der Schlager währet immerdar – und ist selbstredend typisch deutsch.

Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.

Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Mai 2008

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