Kitsch – in Deutschland ein ernstes Thema

Was haben die folgenden Gegenstände gemein: ein rosafarbener, flauschiger, mit Nelken verzierter Toilettensitzbezug; ein Paar Pantoffeln, die mit dem Antlitz von Barack Obama bestickt sind; ein Ölgemälde mit einem Hirsch, der einem See entsteigt? Einer informativen Ausstellung in Berlins kleinem aber charmanten Museum der Dinge zufolge sind dies alles Beispiele für Kitsch. Es handelt sich hierbei um ein wichtiges und ernstes Thema: Was ist „guter“ Geschmack? Und was soll man von einer Gesellschaft halten, die sich an Plastikzwergen oder Salz- und Pfefferstreuern in Form von weiblichen Brüsten erfreut? Natürlich ist Kitsch nichts typisch Deutsches. Kitsch ist universell vertreten. In Großbritannien geht der Erwerb von Kitsch häufig mit sozialem Aufstieg einher. Als sich Arbeiter in den Siebzigerjahren plötzlich in der Lage sahen, kleine Eigenheime zu kaufen, hängten sie reihenweise Gipsenten an ihre Wände – sozusagen als Symbol ihrer neuen Kultiviertheit.
In den Sechzigerjahren reisten sie auch häufig zum ersten Mal seit dem Krieg ins Ausland. Von dort brachten sie dann vergoldete Plastikgondeln aus Venedig und Bindfadenesel von der Costa del Sol mit. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, dass mir eine weit gereiste Tante eine kleine Kugel mit einer Plastikausgabe der Alpen schenkte. Wenn man sie schüttelte, fiel Schnee. Und wenn man sie aufzog, jodelte sie. Ich war damals ein Kind und hellauf begeistert. Meine Eltern jedoch waren entsetzt und so wurde die Schneekugel umgehend in den Keller verbannt.
Das Bedürfnis, die Bedeutung von Kitsch zu analysieren
Das heißt also, dass Kitsch nicht spezifisch deutsch ist. Jedoch haben die Deutschen das größte Bedürfnis, seine Bedeutung zu erforschen. Das Wort kann nicht ins Englische übersetzt werden. Der Begriff scheint aus dem Jiddischen in die deutsche Sprache übernommen worden zu sein. Er war in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts in der Münchner Künstlerszene gebräuchlich. In Deutschland fand die industrielle Revolution erst sehr spät statt, und es dauerte auch länger als bei den meisten europäischen Nachbarn, bis dieses Land einen Nationalstaat gründete. Es befand sich in einem gesellschaftlichen Wandel. Die neuen Reichen stiegen schnell die gesellschaftliche Leiter empor, waren aber unsicher bezüglich ihrer kulturellen Ausrichtung.
Die Landbevölkerung drängte in die Städte; die Arbeiter sparten und wurden Ladenbesitzer. Diese Bewegung hatte nirgendwo sonst eine derartige Dynamik und Intensität. Es lag also in der Natur der Sache, dass sie nach Orientierung suchten, wenn es darum ging, was gutes Benehmen, guten Geschmack und guten Stil ausmachte. Die volkstümliche Neigung war, Gegenstände von sentimentalem Wert zu kaufen (sich sentimentale Musik anzuhören und Bücher zu lesen, die das Herz schneller schlagen ließen), Dinge also, die den Menschen das Gefühl gaben, sicher und geborgen zu sein. Die Meisten jedoch erkannten, dass dies nicht die ganze Geschichte war.
Im Jahr 1912 formulierte der Kunsthistoriker Gustav Pazaurek eine vorläufige Definition von Kitsch: „Der äußere Gegenpol der künstlerisch durchgeistigten Qualitätsarbeit ist geschmackloser Massenschund oder Kitsch, der sich um irgendwelche ethischen, logischen oder ästhetischen Forderungen nicht kümmert, dem alle Verbrechen und Vergehen gegen das Material, gegen die Technik, gegen die Zweck- wie Kunstform vollständig gleichgültig sind, der nur eines verlangt: Das Objekt muss billig sein und dabei doch wenigstens möglichst den Anschein eines höheren Wertes erwecken.“ (Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe)
Kitsch-Kategorien
Das Museum der Dinge in Berlin hat sich Pazaureks Definition des Wortes bedient und es auf die moderne Welt angewendet. Wann ist etwas Kitsch, und wann handelt es sich lediglich um schlechten Geschmack? Wer bestimmt, was schlechter Geschmack ist? Das klingt alles etwas schwerfällig, und das ist es auch: Die Deutschen – wieder einmal typisch – nehmen den Kitsch ernst. Vielleicht haben sie dabei ja sogar recht. Warum sollte man sich aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit mit kulturell wertlosen Dingen umgeben. Die Kuratoren des Museums analysierten einige von Pazaureks Kategorien des Kitsches und entdeckten Ausstellungsstücke, die diesen entsprachen.
Es gibt da zum Beispiel „Hurrakitsch“, triumphalen Kitsch: Teller, die das Gesicht von Paul von Hindenburg ziert – man stelle sich nur vor, man müsse von ihnen essen – und Schuhcreme zur Ehrung deutscher Helden (Deutsche Heldencreme) aus dem Jahr 1941. Sowie Streichholzschachteln versehen mit der Aufschrift: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Gibt es diese Art von Kitsch noch? In Amerika trifft man ihn noch an: Dort kann man seinen Kaffee aus einem Barack-Obama-Becher trinken. Die Europäer sind wahrscheinlich gegen derartige Auswüchse immun geworden. Sie haben zu viel Blutvergießen auf den Schlachtfeldern des Kontinents miterlebt, um Helden oder Führer auf eine solch triviale Art und Weise zu feiern. Und irgendwie ist das Gefühl, wenn man aus einer Angela-Merkel-Tasse seinen Tee trinkt, auch nicht ganz so stark von Glanz und Glamour geprägt.
Religiöser Kitsch
Es gibt jedoch auch viel Kitsch, der in die zweite Kategorie gehört – nämlich „Devotionalienkitsch“, religiöser Kitsch also. Jahrelang dachte ich, dass diese Art von Gegenständen in den katholischen Ländern Südeuropas eine wichtige Rolle spielen. So wie zum Beispiel die dreidimensionalen Bilder von Jesus Christus, dessen Augen einen durch den ganzen Raum verfolgen – ich kann mich noch aus meinen Zeiten als Italien-Korrespondent an sie erinnern. Die Berliner Kitschexperten jedoch haben diesen Trend jetzt auch im protestantischen Norden erkannt. Zu den Ausstellungsstücken des Museums der Dinge gehört auch ein „Jesus-der-Sieger“-Fußballschal und ein deutscher Kreditkartenhalter mit einem Bild der Jungfrau Maria. Heutzutage kann man sogar Papst-Benedikt-Badeschaum kaufen. Der „Fremdenandenkenkitsch“ – also jene wertlosen Souvenirs, die mich als Kind so beeindruckt haben – verzeichnet auch in Zeiten der Wirtschaftskrise reißenden Absatz.
Andenken an vergangene Zeiten
Aber wahrscheinlich liegt der „Jägerkitsch“ den Deutschen am meisten am Herzen, mit all den Geweihen, schlecht gemalten Hirschen und den Holzschnitzereien treuer Hunde (es gibt da auch noch die Unterkategorie des „Dackelkitsch“). Es scheint so, als würde Kitsch Erinnerungen an vergangene Zeiten wach werden lassen, an eine unschuldige Kindheit (dargestellt in Gemälden von kulleräugigen Straßenkindern mit nackten Füßen), in der weder die Natur noch die nationale Identität grundsätzlich hinterfragt wurden. Ist Ihnen aufgefallen, dass Diktatoren Kitsch lieben – leuchtende Sonnenuntergänge, blauer Himmel und ehrliche Arbeiter? Sie streben nach einer heilen, reinen Welt, in der sie für ihre kindlichen Untertanen die Rolle des Vaters der Nation übernehmen. Die Unechtheit von Kitsch, die Art, wie er die Kunst verfälscht, hält die Menschen in ihrer Sentimentalität gefangen. Und dennoch ist er Teil unseres Lebens. Nach meinem Besuch im Museum der Dinge ging ich mit kritischem Blick durch meine Wohnung und fand mehrere peinliche Kuschelbären (mein Hund hat früher mit ihnen gespielt), einige Buchstützen in der Gestalt von Katzen, eine Küchenschürze mit dem Abbild eines West-Highland-Terriers und einen Schlüsselring mit einem Foto von Elvis. Wo habe ich das alles her, und warum besitze ich diese Gegenstände immer noch?
Falls Sie in Berlin sind, sollten Sie das Museum der Dinge besuchen und sich von den hübsch-hässlichen Gegenständen, die in Ihrem eigenen Keller versteckt und vergessen ihr Dasein fristen, peinlich berühren lassen.
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im „Tagesspiegel“. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Übersetzung: Susanne Gerz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009
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