Typisch deutsch?

Zwei Deutsche namens Özil und Khedira – Fußball ist nur der Anfang ...

Mesut Özil (links) und Sami Khedira trainieren mit der Nationalmannschaft; Copyright: picture alliance / dpaDie Generation M brachte die diesjährige Fußballweltmeisterschaft in Südafrika in Schwung und veränderte auf einen Schlag das Image von Deutschland. Die deutsche Elf gilt nicht mehr als ein Verein ernster weißer Männer, die entschlossen sind, den Gegner mit fast wissenschaftlicher Gründlichkeit zu schlagen. Eine Glosse von Roger Boyes

Nein, in den Augen der Welt hat Deutschland einige der aufregendsten Spieler dieses Planeten vorzuweisen. Wer also genau ist die Generation M? Schauen wir uns die Torschützen beim Auftaktspiel des Landes gegen Australien an: zwei in Polen geborene Deutsche, ein Deutscher ohne Migrationshintergrund, ein Deutscher brasilianischer Herkunft. Und vorbereitet wurden die Tore von einem Deutschen türkischer Herkunft, Mesut Özil. „M“ steht hier für „Multikulti“.

2006 zeigten sich die Deutschen als guter Gastgeber einer Fußballweltmeisterschaft durch Organisiertheit und Gelassenheit. Letzteres kam sowohl für die ausländischen Besucher als auch für die Deutschen selbst ziemlich überraschend. Bis dahin schien das ein Widerspruch in sich zu sein: Wie konnte man zugleich effizient und entspannt sein? Deutschland gelang dieser Spagat, und das internationale Ansehen des Landes verbesserte sich. Natürlich hat sich der deutsche Charakter damit nicht verändert. Die Nation will immer noch alles richtig machen und sorgt sich permanent darum, ob man geliebt, respektiert oder insgeheim von seinen Nachbarn und Partnern verachtet wird.
Das, fürchte ich, ist typisch deutsch, und es wird noch zehn weitere Fußballweltmeisterschaften brauchen, ehe sich das ändert.

Der deutsche Fußball wird nicht einfach nur spannender

Logo der Einbürgerungskampagne der Landesregierung Nordrhein-Westfalen; Copyright: Landesregierung Nordrhein-Westfalen, Büro des IntegrationsbeauftragtenAber die Fußballweltmeisterschaft 2010 hat eine andere Wirkung auf Ausländer und Deutsche. Der deutsche Fußball wird nicht einfach nur spannender. Plötzlich merken Außenstehende, dass man nicht blond sein muss, um ein deutscher Held zu sein. Der deutschen Gesellschaft ist auf einmal bewusst geworden, wie viel sich im letzten Jahrzehnt verändert hat. Seit den Siebzigerjahren bin ich mit Unterbrechungen Deutschlandkorrespondent gewesen, und nie hat es eine Zeit gegeben, in der sich das Land frei von Einwanderungs- oder Integrationsproblemen wähnte. Diese in den Feuilletons der seriösen Presse geführten Debatten gewannen nach der deutschen Wiedervereinigung an Heftigkeit. Irgendwie fand man in dem eiligen Bestreben, die Ostdeutschen in ein erweitertes (aber kaum verändertes) Westdeutschland zu integrieren, keine Antwort auf die komplizierte Frage, ob auch Einwanderer Deutsche werden konnten und sollten. Bis 1990 hatte jeder umsichtige Publizist die Tatsache akzeptiert, dass die sogenannten „Gastarbeiter“ – die man während des Arbeitskräftemangels in den Sechziger- und Siebzigerjahren ins Land geholt hatte – bleiben würden. Sie hatten Verantwortungen und Pflichten dem deutschen Staat gegenüber, wie auch die Deutschen Verantwortungen ihnen gegen über hatten. Aber offen über dieses Thema zu sprechen, war eine Art Tabu. Als Ergebnis entspann sich eine immer quälendere Diskussion über die „Leitkultur“ und die Zukunft der Vaterlandsliebe.

Ein politischer und gesellschaftlicher Erfolg

Copyright: www.pixelio.de/Foto: Stihl024Dank der besonderen Chemie eines Fußballfeldes schaut nun alles viel einfacher aus. Eine aktuelle Umfrage des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zeigte, dass die deutsche Bevölkerung ohne und die mit Migrationshintergrund relativ zufrieden miteinander sind. Alles hängt natürlich davon ab, welche Fragen man stellt, aber die praktischen Belange des Alltagslebens scheinen von den Deutschen ohne Migrationshintergrund abgesehen vom Bildungswesen und von den Zuwanderern abgesehen von den eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten positiv eingeschätzt zu werden. „Integration in Deutschland ist, trotz einiger Problemzonen, gesellschaftlich und politisch ein Erfolgsfall“, sagt Klaus Bade vom SVR. „Sie ist im internationalen Vergleich viel besser als ihr Ruf im Land … Die Leute im Alltag hören den Blitz und Donner unserer publizistischen Diskurse überhaupt nicht, sie leben vor sich hin und sie machen das verdammt gut.“

Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist in Deutschland eher ein pragmatisches als ein ideologisches Problem. Es gibt keine hitzige Debatte über ein Verbot der Burka wie in Frankreich und Belgien, denn die Deutschen wissen, dass in Wirklichkeit nur sehr wenige Frauen eine Burka tragen. Warum also auf die Barrikaden gehen? Sollen es die Zeitungsschreiber doch unter sich austragen. Viel wichtiger ist für den deutschen Durchschnittsbürger die Qualität des Bildungswesens. Hat eine große Anzahl von Migrantenkindern in einer Klasse einen Einfluss auf das Bildungsniveau dieser Klasse? Das lässt sich wohl mit „Ja“ und „Nein“ beantworten. Und so bleibt die Lösung des Problems im Großen und Ganzen an den Lehrern hängen.

Deutschland hat sich unbemerkt weiterentwickelt

Die Einwanderer beklagen sich mittlerweile hauptsächlich über einen Mangel an angemessenen Beschäftigungs- und Beförderungsmöglichkeiten. Das gilt jedoch besonders für Städte wie Berlin, in denen viele unterhalb der Armutsgrenze leben. In Westdeutschland herrscht keine gravierende Arbeitslosigkeit unter den Zuwanderern. Der Schlüssel zu einer zufriedenen Gesellschaft sind soziale Mobilität und Aufstiegschancen. 2003 verglich ich in einer gemeinsam mit Dorte Huneke verfassten Studie den Zufriedenheitsgrad der Pakistanis in Bradford mit dem der Türken in Berlin-Kreuzberg. Nur in seltenen Fällen besaßen die Berliner Türken die deutsche Staatsbürgerschaft, wohingegen alle Pakistani in Bradford britische Staatsbürger waren. Und doch lehnten sich die Bradforder gegen den Staat auf, die Berliner jedoch nicht. Konnte das daran liegen, dass der Besitz der britischen Staatsbürgerschaft die Erwartungen – und Enttäuschungen – mehrte? Wenn ja, dann könnten sich die sozialen Probleme womöglich verschärfen, wenn man den Türken den Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft erleichtert. Doch wir kamen zu einem anderen Schluss: Ermöglicht man den Türken in Deutschland Aufstiegsmöglichkeiten, die Entfaltung ihrer Talente und gleiche Wettbewerbschancen, führt das zu einem friedlicheren Miteinander.

Eine neue Leichtigkeit

Fußball-Girlscamp in Potsdam; Copyright: F.C.Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und IntoleranzDas funktioniert nicht immer reibungslos, und die Streitigkeiten um den Bau von Moscheen oder traditionelle muslimische Werte halten an. Doch die Fußballweltmeisterschaft hat gezeigt, dass Deutschland sich seit den Neunzigerjahren unbemerkt weiterentwickelt hat. Mesut Özil ist ein in Gelsenkirchen geborener türkischstämmiger Deutscher in der dritten Generation. Er betet in der Umkleidekabine und rezitiert arabische Verse aus dem Koran, während er über das Fußballfeld trabt. Keiner hält ihn deswegen für einen Sonderling. Nach dem Sieg der deutschen Nationalelf bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 sank das sportliche Niveau des Landes. Und daher investierte man in Deutschland mehr als 600 Millionen Euro in Fußballtrainingszentren für Jugendliche. Deutschland fing an, U17-, U19- und U21-Fußballeuropameisterschaften zu gewinnen. Die Zentren förderten aktiv Kinder mit Migrationshintergrund. Özil war einer von ihnen: Heute ist er ein Vorbild und sagt, er spiele lieber für Deutschland als für die Türkei. „Das ist auch keine Entscheidung gegen meine türkischen Wurzeln. Doch meine Familie lebt jetzt in der dritten Generation in Deutschland, und ich bin hier aufgewachsen und habe mich immer wohlgefühlt.“ Özils Mannschaftskollege Sami Khedira, der einen tunesischen Vater und eine deutsche Mutter hat, meint, die Deutschen fremder Herkunft hätten eine Leichtigkeit ins Spiel gebracht. Aber er räumt ein, dass sie auch die sogenannten deutschen Nationaltugenden „Disziplin, Ehrgeiz, Konzentration“ übernommen hätten.

Zwei typische Deutsche namens Özil und Khedira?
Der Gedanke gefällt mir.

Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im „Tagesspiegel“. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.

Foto „Flaggen“ © Stihl024 / PIXELIO

Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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