Reform-Judentum in Deutschland: eine Renaissance

Die Zahl der Juden hat sich in Deutschland in den letzten Jahren durch Einwanderung mehr als versechsfacht. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert sich wieder ein liberales Judentum im Land des Holocaust: eine Anknüpfung an eine zerstörte Tradition.
Wenn man auf den Anrufbeantworter der Liberalen jüdischen Gemeinde in Köln trifft, erklärt eine Frauenstimme auf Deutsch und auf Russisch, dass niemand zu erreichen sei: Russischstämmige Mitglieder bilden in der Gemeinde, die sich Gescher LaMassoret („Brücke zur Tradition“) nennt, die Mehrheit.
Von einem Gottesdienst zu 22 Gemeinden
Gescher LaMassoret wurde 1996 gegründet – in einer Zeit also, in der die jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion das Judentum in Deutschland insgesamt stark veränderten. Anfang der Neunzigerjahre lebten etwa 30.000 Juden in Deutschland, heute sind es rund 200.000. Das Land, von dem die „Schoa“ genannte Vernichtung der europäischen Juden zwischen 1933 und 1945 ausging, ist zum jüdischen Einwanderungsland geworden. Diese lange Zeit unvorstellbare Entwicklung hat auch eine andere überraschende Konsequenz: die Renaissance des liberalen Judentums in jenem Land, in dem die Bewegung einst ihren Anfang nahm.
„In der Bundesrepublik Deutschland gibt es vereinzelte liberale Juden und sogar liberale Rabbiner, aber ein liberaler Gottesdienst findet nur in Berlin statt.“ So heißt es im Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung von 1997. Zwölf Jahre später zählt die „Union progressiver Juden“ als Dachverband des liberalen oder Reformjudentums in Deutschland 22 Mitgliedsgemeinden mit rund 4.500 Mitgliedern und unterhält mit dem Abraham Geiger Kolleg eine eigene Ausbildungsstätte für Rabbinerinnen und Rabbiner.
Konflikte zwischen Neuen und Etablierten
Das Wiederaufleben des liberalen Judentums in Deutschland führt zu komplizierten innerjüdischen Konflikten. Denn der Zentralrat der Juden verliert durch die neue Strömung zunehmend seinen gewohnten Alleinvertretungsanspruch, weil ein Teil der liberalen jüdischen Gemeinden sich von ihm nicht mehr vertreten fühlt. Da über den Zentralrat aber auch Steuermittel verteilt werden, müssen die neuen Gemeinden ihre Finanzierung aushandeln oder vor Gericht einklagen. Oftmals wird hinter den Kulissen sehr zurückhaltend agiert, um in der Öffentlichkeit nicht das Bild eines in sich zerstrittenen Judentums zu bieten.
Als Interessenvertretung des Reformjudentums gründete sich in Niedersachsen deshalb der liberal ausgerichtete Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden, der dem Land gegenüber als Vertragspartner auftreten kann. Auch die junge Kölner liberale Gemeinde erstritt sich vor den Verwaltungsgerichten ihren Anteil an der Landesförderung, die zuvor die orthodoxe Gemeinde allein erhielt. Zuvor hatte man vergeblich mit der Zentralrats-Gemeinde verhandelt.
Unterstützung durch die evangelische Kirche
Anfang 2009 wurde in Hannover die Synagoge Etz Chaim („Baum des Lebens“) eingeweiht – und mit ihr Deutschlands bisher größtes liberales jüdisches Gemeindezentrum. Die Synagoge ist eine ehemalige evangelische Kirche. 2007 hatten Gemeindemitglieder in Bielefeld ein Gotteshaus drei Monate lang besetzt, um Verkauf und Umbau in eine Synagoge zu verhindern. In Hannover dagegen verlief die Umnutzung weitgehend konfliktfrei. Das Land Niedersachsen sowie Region und Stadt Hannover beteiligten sich mit zwei Millionen Euro an dem Bau. Denn das Gemeindezentrum leistet durch einen Kindergarten, einen Jugendraum und eine Beratungsstelle auch Integrationsarbeit. Als die liberale jüdische Gemeinde Hannover 1995 gegründet wurde, bestand sie aus 79 Personen, die aus der Einheitsgemeinde auszogen. Heute sind es 600 Mitglieder aus 14 Nationen.
Die Unterstützung der neuen jüdischen Gemeinden durch die evangelische Kirche ist kein Einzelfall: In Göttingen wurde auf einem Kirchengrundstück eine Fachwerk-Synagoge neu aufgebaut, die in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 nur deshalb unbeschädigt blieb, weil sie damals schon als Schuppen auf einem Privatgrundstück diente. Auch die liberale Gemeinde Gescher LaMassoret in Köln erhielt Räume der evangelischen Gemeinde für eine günstige Miete. Die Kirchengemeinde wollte sich damit ihrer Geschichte stellen. Hier im Kölner Norden waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert Juden getauft worden. Dieser „Judenmission“ haben die großen christlichen Kirchen inzwischen offiziell eine Absage erteilt.
Reformjudentum in Deutschland
Deutschland ist die Wiege des liberalen Judentums. Es entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts aus der bürgerlichen jüdischen Emanzipationsbewegung. Zu den Neuerungen gehörte der Gottesdienst in Landessprache und Chorgesang mit Orgelbegleitung wie in christlichen Kirchen. In der Lebenspraxis wurden Speisegebote, Gebetsriemen und Sabbat-Vorschriften entweder weitgehend abgeschafft oder doch der individuellen Interpretation überlassen. In der Theologie wandte man sich der historisch-kritischen Religionsforschung zu. Die erste Konferenz der World Union for Progressive Judaism fand 1928 in Berlin statt. Wenige Jahre später begann die Judenverfolgung und -vernichtung durch die Nationalsozialisten.
Nach 1945 verlagerten sich die Zentren des liberalen Judentums in die USA und nach Israel. Insbesondere in den USA entstanden weitere Neuerungen. Dazu gehören die völlige Gleichberechtigung von Männern und Frauen in religiösen Angelegenheiten und eine umstrittene Definition des Jude-Seins, welche die Abstammung über den jüdischen Vater anerkennt.
arbeitet als Autor des Westdeutschen Rundfunks sowie als Bildungsreferent der Thomas-Morus-Akademie (Schwerpunkte u. a. Christentum, Judentum und Islam) in Köln.
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März 2009
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