„Ich werde zum Rabbiner, das ist meine Ordination.“ – Interview mit Tomáš Kučera

Im September 2006 fand zum ersten Mal seit dem Holocaust wieder eine Rabbiner Ordination in Deutschland statt. Tomáš Kučera ist einer von ihnen. Seither leitet der 36-jährige Tscheche die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom in München.
Herr Kučera, Sie und ihre zwei Kommilitonen sind fast unfreiwillig zu einem Symbol des Neuanfangs jüdischen Lebens in Deutschland geworden. Wie haben Sie sich bei der Ordination gefühlt?
Bis zu der Ordination und lange Zeit danach war alles sehr intim und innerlich. Ich habe diesen Tag überhaupt nicht in einen historischen Rahmen gesetzt. Es ist mir gelungen, während des Gottesdienstes auch den Inhalt wahrzunehmen und das, was um mich herum passierte. Das erste und größte für mich war zu wissen: Ich werde zum Rabbiner, das ist meine Ordination. Erst jetzt aus retrospektiver Sicht wird mir bewusst, dass es ein großes historisches Ereignis war.
Welche Bedeutung hat die Rabbiner-Ausbildung in Deutschland für das Judentum hierzulande?
Bevor ich nach Berlin kam, habe ich in Jerusalem gelebt. Dort hieß es immer: Wie kannst du auf eine deutsche Schule gehen, um dort zu studieren? Obwohl wir alle Juden waren, musste ich mich in gewisser Weise verteidigen. Doch ich sehe die Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg als eine Anknüpfung an die Geschichte, eine Fortsetzung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Aus dieser Sicht finde ich es großartig, dass es in Berlin passiert.
Sie haben eine wissenschaftliche Karriere als Biochemiker für das Rabbinertum aufgegeben. Was hat Sie zu diesem Schwenk von der Wissenschaft zur Religion bewogen?
Es war eine Evolution. Ich habe an der Universität in Nashville wissenschaftliche Forschung betrieben. Dort war ich auch Mitglied einer jüdischen Reformgemeinde und habe zum ersten Mal aktiv am jüdischen Leben teilgenommen. Eines Tages erzählte mir eine Freundin, dass sie gerne an einer rabbinischen Schule studieren würde, dass das aber wegen ihres Alters und der Kinder wohl nicht mehr ginge. Sie fragte mich im Spaß: Wie steht es mit dir? Denkst du darüber nach? Damals habe ich nur gelacht. Aber es blieb in meinem Kopf. Ich wusste, ich wollte nicht in Amerika bleiben, sondern zurück nach Europa. Ein anderer Freund von mir, Alfred Bader, hat mir angeboten, mir ein Studium am Institute for Jewish Studies in Jerusalem zu finanzieren. Das jüdische Studium hat mich nach einem Jahr so fasziniert, dass ich entschied, mich am Abraham-Geiger-Kolleg zu bewerben. Ich wurde aufgenommen, wollte aber noch ein Jahr in Jerusalem bleiben, da ich ein Stipendium für das zweite Jahr bekommen hatte. Danach habe ich die rabbinische Schule in Berlin begonnen. Und mit einem Witz hatte alles angefangen.
Konnten Sie damals bereits Deutsch?
Ja, ich habe in Deutschland, in Göttingen, meine Doktorarbeit geschrieben.
Das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam bildet liberale Juden aus. Wo liegen die größten Unterschiede zwischen dem liberalen Judentum und den weiter verbreiteten konservativen und orthodoxen Juden?
Es können sich am Abraham-Geiger-Kolleg auch orthodoxe Juden bewerben, aber das Kolleg identifiziert sich mit dem progressiven Judentum. Wobei liberales, progressives und Reformjudentum eigentlich das gleiche ist. Heute muss man von mindestens vier Bewegungen sprechen, nicht nur von orthodoxem und Reformjudentum oder, wie ich lieber sage, weil diese Begriffe emotional weniger beladen sind: von klassischem und progressivem Judentum. Neben diesen gibt es noch zwei weitere, die oft vergessen werden: das konservative Judentum, das in Europa auch vertreten und statistisch gesehen die zweitstärkste Gruppierung ist, und die anderen Gruppierungen, etwa reconstructionist Judaism, die vor allem in Amerika vorkommen, Jewish Renewal oder auch jüdische Atheisten. Zahlenmäßig an erster Stelle steht das progressive Judentum, dann das konservative, an dritter Stelle das orthodoxe Judentum und schließlich die anderen, zu denen auch diejenigen zählen, die sich mit keiner Gruppe identifizieren.
Vergleicht man die zwei Extreme, das klassische und das progressive Judentum, ist der wichtigste ideologische und auch optische Unterschied die Gleichberechtigung der Frau. In liberalen Gemeinden können Frauen zum Gebetsquorum gezählt werden und dürfen das Gebet auch leiten. Daraus folgt, dass sie auch aus der Thora lesen können, in der klassischen Synagoge ist das undenkbar. Traditionell ist es so, dass die Stimme der Frau als verführerisch gilt und deswegen nicht in der Synagoge gehört werden kann. Die höchste Stufe ist: Frauen können bei uns auch Rabbinerinnen werden. Das gilt für das progressive Judentum ebenso wie für das konservative. Statistisch kann man also sagen, dass zwei Drittel des Weltjudentums die gleichberechtigte Stellung der Frau anerkennen.
Dieses Gefühl hat man in Deutschland aber nicht...
80 Prozent in Deutschland sind russische Juden. Sie wurden automatisch in die orthodoxe Einheitsgemeinde integriert und hatten nicht die Wahl einer Reformgemeinde. Die Anzahl der Mitglieder in diesen Gemeinden ist sehr viel höher als in den liberalen. Beth Shalom hat etwa 250 Mitglieder, die Münchner Einheitsgemeinde über 10.000. Allerdings sind darunter auch viele Gemeindemitglieder, die nicht aktiv am Gemeindeleben teilnehmen. Ich denke, dass die Anzahl an aktiven Mitgliedern in den liberalen Gemeinden am höchsten ist, obwohl es heute in Deutschland nur etwa 25 davon gibt.
Haben Sie sich bewusst für das liberale Judentum entschieden?
In Amerika habe ich alle Synagogen besucht und mich in der liberalen Gemeinde am wohlsten gefühlt, emotional und intellektuell. Die Gemeinde war einerseits sozial sehr aktiv, auf der anderen Seite setzte man sich dort mit den traditionellen Quellen historisch-kritisch auseinander. Das passte zu meinem wissenschaftlichen Hintergrund. Trotzdem erkenne ich die Wichtigkeit der anderen Bewegungen an, auch anderer Rabbiner. Ich fühle mich im liberalen Judentum am besten, sehe mich aber als Teil des Judentums. Das Problem ist eher, ob auch die anderen uns anerkennen.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Ihrer Gemeinde Beth Shalom und der israelitischen Kultusgemeinde in München?
Die Beziehungen sind gut. Ich glaube dennoch, dass sie sich noch weiter entwickeln müssen. Ich habe manchmal das Gefühl, wir werden als eine jüdische Organisation, nicht aber als eine jüdisch-religiöse Organisation anerkannt und man versucht, sich ein bisschen von uns zu distanzieren. Nicht offiziell und nach außen, aber innerlich. Vielleicht aus einer unbewussten Angst davor, mit unserer Art von Religion zu tun zu haben. Zum Beispiel bestand das Angebot, die Räume der Einheitsgemeinde mitzubenutzen, aber nicht zu religiösen Veranstaltungen. Das heißt für alles andere, nur nicht für die Religion. Als Rabbiner bin ich aber auch ein Mensch der Religion.
Wo funktioniert es gut?
Wir haben vor kurzem Sukkot (Laubhüttenfest, Anm. der Red.) gefeiert. Dazu braucht man immer spezielle Gegenstände, die in Israel bestellt werden müssen. Rabbiner Steven Langnas hat selbstverständlich für uns mitbestellt. Es war schön zu sehen, dass wir dazugehören, zwar anders sind, aber doch ein Teil der jüdischen Gemeinde. Auch, wenn ich eine Frage habe und die traditionelle Sichtweise hören will, kann ich immer mit ihm sprechen.
Als Rabbiner sind Sie Gelehrter und Seelsorger in einem. Was hat sich für Sie mit der neuen Position als Rabbi in Vollzeit verändert? Wie sieht Ihre tägliche Arbeit in der Gemeinde aus?
Bisher bin ich immer jedes zweite Wochenende nach München gekommen und musste dann sehr viele Dinge in sehr kurzer Zeit erledigen, Unterricht, Abendgottesdienst etc. Jetzt kann ich diese Arbeiten auf die ganze Woche verteilen und habe Zeit für Neues. Zum Beispiel gebe ich an einem privaten katholischen Gymnasium, das auch jüdische Kinder besuchen, jüdischen Religionsunterricht, worüber ich mich sehr freue. Ich kann mehr Kurse in der Gemeinde anbieten, etwa Hebräisch für Anfänger und für Fortgeschrittene, und auch Familienbesuche machen. Mein Traum ist es außerdem, eine Theatergruppe zu gründen. Vor allem aber fühle ich mich jetzt zuhause. Früher habe ich im Hotel gewohnt und konnte nicht einmal Tee kochen.
In München steht derzeit durch das neue jüdische Zentrum jüdisches Leben stark im Fokus. Das Interesse an der neuen Synagoge ist enorm. Wie weit entfernt ist Deutschland dennoch von einem normalen Verhältnis zum Judentum?
In USA wissen die Leute viel mehr über jüdisches Leben Bescheid, sie wissen, was Jom Kippur (Versöhnungstag, Anm. der Red.), Bar-Mizwa (Religiöse Mündigkeit der Knaben, Anm. der Red.) oder Purim (Losfest, Anm. der Red.) ist. In Deutschland ist das anders. Wegen dieses Unwissens halten viele Abstand. Wenn man aber weiß, was Juden wann feiern, was ihr Lebensstil ist, hat es nichts Geheimes mehr. Viele Deutsche haben auch eine falsche Vorstellung von Judentum. Ein Taxifahrer fragte mich einmal völlig erstaunt, nachdem er erfahren hatte, dass ich Rabbiner bin: "Wo sind Ihre Zöpfe?" Die Menschen stellen sich beim Stichwort Rabbiner immer schwarze Hüte, einen dicken Bart und Zöpfe vor. So sieht aber nur eine Minderheit aus. Wir tragen ganz normale Kleidung.
Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionen in Deutschland untereinander? Könnte eine Woche der Brüderlichkeit wie zwischen Juden und Christen auch zu einer Annäherung und mehr Austausch mit Muslimen beitragen?
Ich denke, das kann helfen. Ich befürchte nur, dass die Menschen, die über das gegenseitige Verständnis sprechen wollen, diejenigen sind, die sowieso auf das Verständnis eingestellt sind. Aber es gibt viele, die das nicht sind. Für mich ist es deshalb sehr wichtig, dass diejenigen, die sich für den interreligiösen Dialog interessieren, nicht nur mit uns, sondern vor allem mit ihren eigenen Leuten sprechen.
| Rabbiner Dr. Tomáš Kučera wurde am Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin ausgebildet und im September 2006 zusammen mit seinen Kollegen Daniel Alter und Malcolm Mattitiani in Dresden ordiniert. Sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust fand damit zum ersten Mal wieder eine Rabbiner-Ordination in Deutschland statt. Das 1999 gegründete Abraham-Geiger-Kolleg ist die einzige deutsche Ausbildungsstätte für jüdische Geistliche und versteht sich als Nachfolgeeinrichtung der 1942 von den Nationalsozialisten geschlossenen Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.
Tomáš Kučera hat nach seiner Ordination das Rabbinat in der liberalen Gemeinde Beth Shalom in München übernommen, in der er bereits seit 2005 tätig ist. Mit rund 250 Mitgliedern ist sie vergleichsweise klein. Die isrealitischen Kultusgemeinde, die seit dem 9. November 2006 in der neuen Synagoge am Jakobsplatz beheimatet ist, zählt dagegen etwa 10.000 Mitglieder. Beide sind unter dem Dach des Zentralrats der Juden organisiert, dem 23 Landesverbände mit insgesamt 102 jüdischen Gemeinden und 105.000 Mitgliedern angehören. Das Spektrum reicht von streng orthodoxen über konservative bis hin zu liberalen Gemeinden. |
freie Journalistin in München.
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November 2006
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