
Im Jahr 2002 entschlossen sich etwa 113.500 Brautpaare für eine evangelische oder katholische Trauung. Die nüchterne Unterschrift auf dem Standesamt ist vielen Deutschen zu wenig. Obwohl sie im Alltag mit Kirche kaum zu tun haben, wünschen sie sich am Beginn ihrer Ehe Gottes Segen.
"Bräute sind fast so sensibel wie Schwangere", sagt Amrey Vollmer, Leiterin der Filiale von Pronuptia in Hamburg. Sie hat in ihrem Brautmodengeschäft schon alles gesehen: Bräute, die vor Rührung in Tränen ausbrechen, wenn sie zum ersten Mal ihr Spiegelbild sehen. Strahlende, glückliche Bräute – die sind in der Mehrzahl –, aber auch angespannte, verzweifelte Bräute. Brautmütter, die ihren Töchtern das Kleid diktieren wollen und Freundinnen, die dann versuchen, den Schaden zu begrenzen. Manchmal ist es auch umgekehrt. Bei Pronuptia versteht man, weshalb Hochzeitsfilme ein so beliebtes Thema für Hollywood sind.
An diesem Tag ist es vergleichsweise ruhig und entspannt. Mascha Haeberle dreht sich vor dem großen Spiegel und streicht ihr Kleid glatt. Nur noch der passende Unterrock muss ausgesucht werden – eine vergleichsweise leichte Aufgabe. Ihre Mutter sitzt auf einem der pinkfarbenen Stühle mit Lehnen in Herzform und betrachtet stolz ihre schlanke Tochter. Im Hintergrund läuft stumm ein Fernseher: Bräute auf dem Laufsteg – Modenschau in Paris.
Sechs Wochen sind es noch bis zu dem Tag, der der schönste in Maschas Leben werden soll. Die 28-jährige Werbekauffrau hat die Planung fest im Griff, schon seit einem halben Jahr. Deshalb hält sich die Aufregung noch in Grenzen.
Heiraten kommt nicht aus der Mode
Dass sie kirchlich heiraten möchten, stand für Mascha und ihren Freund Alexander von Anfang an fest. "Zu einer Hochzeit gehört mehr als der juristische Akt auf dem Standesamt, mehr als die nüchterne Unterschrift", sagt sie. In der Kirche zu heiraten, sei romantischer. "Außerdem ist mir der Segen für unsere Ehe wichtig. Zwar bin ich keine regelmäßige Kirchgängerin, aber ich glaube schon, dass es irgendeine höhere Macht gibt." Natürlich wünschten sie sich auch einmal Kinder, aber "dazu muss man heute nicht mehr heiraten", sagt Mascha. Die Hochzeit soll vielmehr das "i-Tüpfelchen auf der Beziehung" sein, ein "Liebesbeweis". Auch ein Versprechen ewiger Treue. Mascha ist zuversichtlich, dass es klappt. Zehn Jahre ist sie mit ihrem zukünftigen Mann immerhin schon zusammen.Das Eheglück ist heute zerbrechlicher denn je. In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden, in Großstädten sogar jede zweite. Dennoch kommt Heiraten nicht aus der Mode. 2003 wurden etwa 392.000 Ehen standesamtlich geschlossen. Für eine katholische Trauung entschieden sich 2002 rund 54.000, für eine evangelische Trauung knapp 59.500 Paare, Zahlen für 2003 liegen noch nicht vor. Damit ist die kirchliche Trauung selbst für Kirchenmitglieder keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn mindestens ein Partner protestantisch ist, heiraten allerdings immerhin noch 63 von 100 Paaren zusätzlich in der evangelischen Kirche. Ist ein Partner katholisch, kommen auf 100 zivile Eheschließungen knapp 31 katholische Trauungen.
Dies mag damit zusammenhängen, dass das katholische Kirchenrecht nach einer Scheidung eine zweite Ehe verbietet. Im katholischen Verständnis ist die Ehe ein Sakrament, das heißt die kirchliche Trauung hat religiösen Bekenntnischarakter, die Ehe ist unauflösbar. Dagegen dürfen geschiedene Protestanten noch einmal kirchlich heiraten, weil im evangelischen Verständnis die Ehe, wie der Reformator Martin Luther es ausdrückte, "ein weltlich Ding" ist.
Viele Sinnfragen vor der Trauung
"Die Kirchen liefern die schönste, die feierlichste, die romantischste Zeremonie – kurz gesagt die ideale Hochzeit", sagt der Hamburger Pastor Frank Muchlinsky. "Es ist nur schade, dass wir mit diesem Top-Angebot nicht ein bisschen mehr für unser weiteres Angebot werben." Der evangelische Theologe, der mit einer Kollegin die Internetseite www.trauspruch.de ins Leben gerufen hat, will nicht missionieren, nicht die getrauten Paare gleich zur Gemeindearbeit verpflichten, aber er möchte für ein Angebot für alle Neugierigen schaffen. "Naturgemäß stellen Paare in der Zeit vor der Trauung viele Sinnfragen. Dieses Ja für immer ist mit Hoffnungen, Erwartungen, aber auch mit Ängsten und Befürchtungen verbunden", sagt er. Das alles könne im Vorgespräch mit dem Pastor gar nicht thematisiert werden. Da geht es oft vor allem um die Auswahl der Lieder, des Trauspruchs und um die Ansprache. Muchlinsky hält deshalb Ehevor-bereitungsseminare, die in vielen Regionen Voraussetzung für eine katholische Trauung sind, für eine gute Einrichtung.Verhaltenstherapie für Paare
Eine Form dieser Eheseminare ist EPL (Ein Partnerschaftliches Lernprogramm), das vom Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie in München entwickelt wurde. Das Training beruht auf einem verhaltenstherapeutischen Ansatz – welche Konfession oder Religion die Paare haben, spielt keine Rolle. In sechs Einheiten à zwei Stunden üben die Partner, unterstützt von einem Trainer, zehn Regeln für die Kommunikation ein – dazu zählen "Bleibe bei einem Thema", "Sprich von dir selbst und deinen Gefühlen", "Vermeide Verallgemeinerungen" und "Hör aufmerksam zu". Eigentlich Selbstverständlichkeiten, möchte man meinen. Zuerst geht es um frei wählbare Themen, später um Erwartungen an die Partnerschaft und um Glauben und Werte. "Das Training erhöht die Ehezufriedenheit und vermindert die Scheidungswahrscheinlichkeit. Das hat die Begleitforschung ergeben", sagt Muchlinsky, der selbst EPL-Trainer und -Ausbilder ist.Etwa 20 Paare haben in Hamburg im vergangenen Jahr auf freiwilliger Basis an den Seminaren teilgenommen. Nicht gerade ein großer Zulauf. "Ich finde die Idee aber gar nicht so schlecht", sagt Mascha und ihre Mutter, die selbst schon lange geschieden ist, pflichtet ihr bei: "Da könnte man vielleicht bereits am Anfang einer Ehe viele Missverständnisse ausräumen." Aber ihren Mann – das ist sich Mascha sicher – würde sie nie dazu bewegen können, an einem solchen Gesprächstraining teilzunehmen. "Mit am wichtigsten in einer Ehe ist, dass man nicht aufhört, miteinander zu reden", sagt Mascha. "Dazu brauche ich kein Eheseminar."
Christina Sticht
arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Hamburg.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2004
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