Die Rolle der Kirchen in Deutschland

Einleitung

Copyright: dpaDen großen Kirchen laufen die Mitglieder davon. Viele Deutsche sind nur noch auf dem Papier Christen. Feste wie Taufe, Kommunion, Konfirmation oder die kirchliche Trauung werden allerdings immer noch relativ gut nachgefragt – die Kirche stellt praktischerweise Kulisse und Personal zur Verfügung, um Wendepunkte des Lebens feierlich zu begehen.

Deutschlands christliche Tradition ist nicht zu übersehen. Ob in München, Hamburg oder Köln – Kirchen und Kathedralen bestimmen das Stadtbild. Jedes Viertel hat sein evangelisches und sein katholisches Gotteshaus. Auf dem Land kann man in ein x-beliebiges Dorf fahren, und sei es noch so klein, der Kirchturm ragt bestimmt als höchstes Gebäude empor.

Etwa 26,5 Millionen Katholiken und 26,2 Millionen Protestanten leben in Deutschland. Zusammen bilden sie immerhin knapp zwei Drittel der Bevölkerung. Allerdings erlebte die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten eine rasante Säkularisierung. Jedes Jahr verlieren die Kirchen 200.000 bis 300.000 Mitglieder. Die evangelische Kirche musste seit 1973 einen Mitgliederschwund von 5,2 Millionen verkraften, nicht auszugleichen durch die 1,2 Millionen Eintritte. Die Menschen im Osten Deutschlands, die durch 40 Jahre Sozialismus geprägt wurden, stehen Religion und Kirche besonders fern. In dem früher überwiegend evangelischen Gebiet sind heute nur noch 28 Prozent der Bevölkerung Kirchenmitglieder.

Kirchensteuer als Austrittsgrund

Eine Besonderheit in Deutschland ist, dass Kirche und Staat enger miteinander verwoben sind als in anderen Ländern. Die Kirchensteuer beträgt acht bis neun Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer, sie wird vom Staat eingenommen und an die Kirchen weitergeleitet. Auch weil sie diese Steuer nicht mehr zahlen wollen, treten viele Bürger aus der Kirche aus. In der Folge müssen die Kirchen, die zwar immer noch über enormen Besitz verfügen, große Einnahmeverluste hinnehmen. In vielen Bistümern stehen bereits Kirchen und Grundstücke zum Verkauf.

"In ihrer Not verhalten sich die Kirchen wie gewinnorientierte Wirtschaftssubjekte", sagt der Göttinger Politikprofessor Franz Walter, der unter anderem über das Verhältnis von Staat und Kirche forscht. Die Kirchen beauftragten kommerzielle Unternehmensberater, die ihnen zur größeren Dienstleistungsorientierung raten. Die Folge: Die Religionsgemeinschaften werden noch stärker zu "Servicestationen für Sozialleistungen und Kulthandlungen in lebenszyklischen Bedarfsfällen einer ansonsten kirchenindifferenten, säkularisierten Gesellschaft", wie Walter es formuliert.

Feiern an Wendepunkten des Lebens akzeptiert

Zu den Sozialleistungen der Kirchen, die sie im Auftrag des Staats übernehmen, zählen die Unterhaltung von Kindergärten, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sowie andere soziale Einrichtungen. Diese Dienstleistung wird von den Bürgern generell gern in Anspruch genommen werden – unabhängig davon, ob jemand religiös ist oder nicht. Mit "Kulthandlungen" meint Walter kirchliche Feste wie Taufe, Kommunion, Firmung, Trauung und Beerdigung. Diese sind für viele Mitglieder überhaupt der Grund, weshalb sie in der Kirche bleiben.

Eine Mitgliederbefragung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ergab 2002 bei 95 Prozent eine Bereitschaft zur Taufe. Bei den Katholiken kommen auf 100 Geburten von Kindern, von denen wenigstens ein Elternteil katholisch ist, 75,5 katholische Taufen (2001). Im Großen und Ganzen feiern alle getauften katholischen Kinder im dritten Schuljahr auch die Erstkommunion. Die Firmung mit 13 bis 15 Jahren ist nicht mehr selbstverständlich. In diesem Alter können die Jugendlichen selbst bestimmen, ob sie die Taufe durch den bischöflichen Segen bekräftigen wollen. Laut der Statistik der Deutschen Bischofskonferenz kommen auf 100 Erstkommunionen 69 Firmungen.

Nur 22,5 Prozent der Deutschen religiös aktiv

Bei den Protestanten ist die Konfirmation nach der Taufe das erste große Fest, durch das die Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 als mündige Mitglieder in die Gemeinde aufgenommen werden. Einige evangelische Jugendliche lassen sich erst direkt vor der Konfirmationen taufen, weil ihre Eltern ihnen die Entscheidung überlassen wollten. Im Jahr 2002 wurden 270.000 Jugendliche konfirmiert, 2002 ließen sich 206.000 Jugendliche firmen, 282.000 Kinder gingen zur Erstkommunion.

Das Festhalten an den konfessionellen Festen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Verhältnis der Deutschen gegenüber der Institution Kirche insgesamt distanziert und kritisch ist. In der Online-Umfrage "Perspektive Deutschland" wurde 2003 unter anderem nach Institutionen gefragt. In die Evangelische Kirche haben demnach 40 Prozent eher Vertrauen und 45 Prozent eher kein Vertrauen. Der Katholischen Kirche schenken der Umfrage zufolge nur 27 Prozent eher Vertrauen und 60 Prozent eher kein Vertrauen.

"Religiös aktiv und einer der beiden Großkirchen treu verbunden sind lediglich rund 22,5 Prozent der Deutschen", resümiert Walter. Die aktiven Christen sind allerdings auch heute noch eine Gruppe, die sich in der Gesellschaft Gehör verschaffen kann. Ein Beispiel: Etwa vier Millionen Katholiken gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst – das sind rund sieben Mal mehr Menschen als sich Woche für Woche in den Fußballstadien der Bundesliga einfinden.

Christina Sticht
arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Hamburg.
Copyright: Goethe-Institut e. V, Online-Redaktion
Mai 2004

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