Religionen in Deutschland

Die religiöse Landschaft in Deutschland entwickelt sich nicht gleichförmig, sondern abhängig von Region und Religion. Dies gilt auch für die wachsende Vielfalt im religiösen Leben und die Differenzierung von religiösen Einstellungen. Während etwa im christlichen Bereich eine Erosion herkömmlicher Strukturen stattfindet, sind die Muslime in Deutschland gerade erst dabei, solche Strukturen aufzubauen.
Und während in den neuen Bundesländern und Berlin weniger als 30 Prozent der Menschen Mitglied in einer Kirche sind, gehören in der sogenannten alten Bundesrepublik immer noch rund 85 Prozent der Menschen einer Religionsgemeinschaft an. Der oft festgestellte Rückgang von Kirchlichkeit findet in Städten wesentlich stärker statt als in ländlichen Gegenden. Und immer noch gibt es in Deutschland Regionen mit weit überwiegender katholischer oder protestantischer Bevölkerungsmehrheit. In den großen Städten wiederum existieren einzelne Stadtteile, in denen bis zu 90 Prozent der Bewohner Muslime sind.
Religionen und Religionsfreiheit
In Deutschland gib es keine staatliche Stelle, die über den Status als Religionsgemeinschaft befindet. Die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit gilt für alle. Allerdings muss die Selbstbehauptung, man sei eine Religionsgemeinschaft, von weiteren Merkmalen wie etwa einem Gemeinschaftsleben oder einer gewissen Verbindlichkeit religiöser Lehren gestützt werden. Darüber hinaus kennt das Grundgesetz den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, den zurzeit etwa 20 Gemeinschaften innehaben. Dieser Status bietet eine Reihe von Privilegien, etwa in der Jugend- und Wohlfahrtspflege, im Bildungswesen (Religionsunterricht), der rechtlichen Autonomie und im Steuerrecht. Damit ermöglicht er eine Partnerschaft von Staat und Religionsgemeinschaften, so dass von einer „hinkenden Trennung“ von Staat und Religionen in Deutschland gesprochen wird. Es ist jedoch eine große Zurückhaltung festzustellen, den Körperschaftsstatus weiteren Gemeinschaften zuzuerkennen. Die Zeugen Jehovas haben ihn erst nach einem 13-jährigen Rechtsstreit erhalten. Den islamischen Verbänden wird er unter Hinweis auf eine nicht ausreichend lange organisatorische Existenz und eine unklare Struktur der Repräsentation der muslimischen Bevölkerung noch vorenthalten. Auch wenn dadurch die Religionsfreiheit als solche nicht berührt ist, fühlen sich Muslime zurückgesetzt, weil ihnen die rechtliche Gleichstellung mit den christlichen Kirchen versagt wird.
Entwicklung der Religionszugehörigkeit
Derzeit (2008) sind in Gesamtdeutschland etwa je 30 Prozent der Menschen Mitglied in der römisch-katholischen Kirche und in einer evangelischen Landeskirche. Weitere knapp 30 Prozent sind konfessionslos. Als drittgrößte Religion zählt der Islam etwa 3,5 Millionen Anhänger (4,2 Prozent der Bevölkerung). Sehr klein ist hingegen die jüdische Gemeinschaft mit rund 110.000 Gemeindemitgliedern, von denen etwa 90 Prozent durch Zuwanderung aus Osteuropa seit den 1990er-Jahren neu aufgenommen wurden. Auch die Hindus in Deutschland zählen etwa 110.000 Gläubige, bei den Buddhisten geht man von rund 250.000 aus. Mitglieder neuer religiöser Bewegungen werden auf ein bis zwei Millionen geschätzt. Es verbleiben noch etwa 1,4 Millionen orthodoxe Christen und ebenso viele Gläubige in christlichen Freikirchen und Sondergemeinschaften.
In dieser Verteilung gibt es zwar stetige, aber langsame Veränderungen. Religiöser Pluralismus ist vor allem innerhalb der einzelnen Religionen oder Konfessionen festzustellen. Das gilt nicht nur für die großen christlichen Kirchen mit ihren vielfältigsten Ausdrucksformen des Glaubens und Differenzen in der Theologie. Auch im Islam gibt es eine wachsende Pluralität von Anschauungen und Lebensformen, und in den freikirchlichen, evangelikalen Bewegungen zeigt sich die wohl größte Individualität und organisatorische Unabhängigkeit.
Wiederkehr der Religion?
Ob allerdings „Religion“ als solche wiederkehrt, kann bezweifelt werden. Sowohl die Mitgliedschaft in Religionsgemeinschaften als auch die Anerkennung religiöser Überzeugungen gehen weiter zurück. Oft wird selbst der christliche-kulturelle Hintergrund der Gesellschaft nicht mehr als solcher erkannt. Zugleich machen Erhebungen deutlich, dass die Bevölkerung über einen breiten Wertekonsens verfügt, der von Angehörigen aller Religionen und Konfessionen in gleicher Weise geteilt wird wie auch von Nicht-Gläubigen.
Was Deutschland erlebt, ist eine neue Sichtbarkeit von Religion in der Öffentlichkeit. Muslime wie andere Minderheiten fordern ihre gleichberechtigte öffentliche Repräsentanz ein und setzen diese auch um. Ein anderer Aspekt ist die Inszenierung von Religion etwa in Massenereignissen wie dem katholischen Weltjugendtag oder auch die mediale Anteilnahme am Leben, Leiden und Sterben von religiösen Persönlichkeiten wie der Mutter Teresa, dem Dalai Lama oder Papst Johannes Paul II. Hier zeigt sich ein Eventcharakter von Religion in der Moderne, der aber nicht unbedingt eine Zunahme von Religiosität oder gar Kirchlichkeit bedeutet.
ist freiberuflicher Religionswissenschaftler und Leiter des Archivs mit Dokumentationsstelle beim Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst e. V. REMID.
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Dezember 2008
Links zum Thema
- Projekt zur religiösen Vielfalt in Deutschland


- Erhebung zur religiösen Lage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung


- Evangelische Kirche in Deutschland



- Portal der römisch-katholischen Kirche

- Islam-Portal des Zentralrats der Muslime in Deutschland

- Portal der Deutschen Buddhistischen Union


- Zentralrat der Juden in Deutschland










