Philosophie und Ethik in Deutschland

In welcher Epoche leben wir eigentlich?

In welcher Epoche leben wir eigentlich?„Spät-“ und „Post-“Diagnosen haben wieder einmal Konjunktur, sie beziehen sich auf Moderne, Kapitalismus, aber auch auf die Demokratie. Hans-Martin Schönherr-Mann resümiert eine jüngst von Thomas Assheuer, Armin Nassehi, Hartmut Rosa und Boris Groys in der Wochenzeitung „Die Zeit“ angestoßene Debatte.

In welcher Epoche leben wir eigentlich?

Die Eule der Minerva, die den alten Griechen als der Vogel der Erkenntnis galt, beginnt, wie wir spätestens seit Hegel wissen, ihren Flug erst mit dem Anbruch der Dämmerung. Das soll heißen: Der Geist erfasst niemals die Gegenwart, sondern in der Gegenwart immer nur die Vergangenheit. Für Hegel folgt daraus die schlichte Erkenntnis, dass man nicht in die Zukunft schauen kann. Anders sah dies Karl Marx, der selbstbewusst die bevorstehende proletarische Revolution ankündigte. Mit seiner Zukunftszuversicht steht Marx ganz in der naturwissenschaftlichen Tradition der Aufklärung, die die Natur dadurch beherrschen will, dass sie deren Prozesse im Experiment wiederholbar macht.

Die Industriegesellschaft machte sich die naturwissenschaftliche Methode mit großem Erfolg praktisch zunutze. Nur die sozialen Folgen der industriellen Entwicklung erweisen sich bis heute als nicht wirklich steuerbar. Insofern muss man Armin Nassehi zustimmen, dass sich jegliche Spät- und Postdiagnosen mit Blick auf die Moderne und den Kapitalismus auf Ansprüche und Hoffnungen beziehen, die sich bis heute nicht einlösen ließen. Es geht dabei um die Steuerbarkeit der Wirtschaft und der Gesellschaft, um Verteilungsgerechtigkeit und Pluralismus. Die Rede von der Postmoderne suggeriert deshalb fälschlich, dass die Moderne vorbei sei und wir in einer neuen Epoche leben.

Verlust einer zentralen Perspektive

Doch nicht nur die Gegenwart, auch die jüngste Vergangenheit verrät nicht, in welcher Epoche wir  leben. Für Armin Nassehi könnte das daran liegen, dass eine Zentralperspektive auf die moderne Gesellschaft längst verloren gegangen ist, weil deren verschiedene Subsysteme – Ökonomie, Recht, Wissenschaft, Sozialstaat – ihrer eigenen Logik folgen, und sich nicht miteinander vereinen lassen. Deshalb kann man auch die Epoche nicht mehr auf einen einheitlichen Begriff bringen. Die Rede von der Postmoderne entwickelt keine einheitliche Perspektive auf die gegenwärtige Gesellschaft, also auch keinen neuen Epochenbegriff. Im besten Fall – und das gesteht Nassehi Spät- wie Postdiagnosen doch zu – stellen solche sozialwissenschaftlichen Befunde Selbstbeschreibungen der Gesellschaft dar, die dann Relevanz besitzen, wenn sie sich als anschlussfähig an gesellschaftliche Diskurse erweisen.

Dem widerspricht Hartmut Rosa vehement und stimmt insofern Thomas Assheuer zu, dass Spät- und Postdiagnosen von vornherein falsch waren und heute nur deshalb eine Wiederkehr feiern, weil mit der Weltfinanzkrise des Jahres 2008 und ihren Nachwehen zentrale Aspekte der Moderne in Frage stehen: der Kapitalismus als solcher, die Demokratie, und somit die moderne Gesellschaft als Ganzes, die ihre integrativen kulturellen wie Sozialstaatsversprechen nicht einzulösen vermag. Dagegen wirft Hartmut Rosa Nassehis Fragestellung nach der soziologischen Selbstbeschreibung vor, dass sich diese Soziologie nicht für die Nöte der Menschen interessiere und keine Antworten auf die Zukunftsfragen der modernen Gesellschaft gebe.

Vor allem aber besitzt diese Gesellschaft für Rosa nach wie vor eine Zentralperspektive, nämlich die ökonomische Wachstums-, Steigerungs- und Beschleunigungslogik, die für die soziale und ökonomische Stabilität unabdingbar sei. Er sieht darin zwar die Gefahr einer zu großen Beschleunigung. Dass aber das Wohlstandsversprechen nicht erst seit der Weltfinanzkrise grundsätzlich in Frage steht, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich seit Jahrzehnten weiter öffnet, das beeindruckt ihn scheinbar nicht. Womöglich stabilisieren die moderne Gesellschaft auch längst andere Institutionen. Die moderne Gesellschaft reproduziert sich denn auch nicht mehr als Einheit. Boris Groys bestätigt das indirekt, wenn er Auflösungserscheinungen traditioneller Institutionen konstatiert.

Das Ende aller Selbstverständlichkeit

In einer Hinsicht betreiben Thomas Assheuer und Boris Groys aus sehr unterschiedlichen Intentionen Geschichtsklitterung: Der Begriff des Spätkapitalismus verdankt sich nämlich der linken Gesellschaftskritik der 1960er-Jahre und drückt eine gewisse Hoffnung aus, die Idee des Sozialismus könne vielleicht doch Wirklichkeit werden. Das Modell des Sowjetsozialismus war dabei kaum gemeint, so dass man auch fragen darf, inwieweit sich jene Bewegungen tatsächlich, wie Groys vermutet, dem Kalten Krieg verdanken, oder ob sie sich nicht vielmehr trotz des Kalten Krieges entwickelten. Der Begriff der Postmoderne richtete sich außerdem weniger gegen die westliche Gesellschaft als gegen die illusionären Hoffnungen auf sozialen Fortschritt, die vornehmlich Liberale und Linke – von den Sozialdemokraten bis zu den Kommunisten – mit der Moderne verbinden. Deshalb reagieren deren Vertreter darauf bis heute so allergisch, während Konservative dem Begriff manchmal sogar wohlwollend gegenüberstehen. Mit dem Ende des real existierenden Sozialismus brachen zudem die Hoffnungen der Sozialdemokratie in sich zusammen, weil nach 1989 die soziale Frage nirgendwo mehr auf der Agenda zu stehen schien, während sich der Kapitalismus neoliberal entfesselte.

Auch die Rede von der Postdemokratie hat einen anderen Hintergrund als den des Kalten Krieges. Richtig populär wurde sie erst seit den 1990er-Jahren, als die Wirtschaft die Politik immer stärker zu beeinflussen begann. Zu Zeiten des Sozialismus in Osteuropa wäre eine solche Kritik schlicht als kommunistische Propaganda abgetan worden. Erst nach 1989 bekam das Wort Postdemokratie einen anderen Sinn, nachdem die Demokratie in Osteuropa, in Südamerika, sogar in Afrika einen Siegeszug anzutreten schien. Richtig ist, dass die Rede von der Postdemokratie als Herrschaft des Kapitals über die Politik nach der Weltfinanzkrise neue Nahrung erhielt.

Kurzum: Die vielen kursierenden Spät- und Postbegriffe müssen jeder für sich sehr differenziert betrachtet werden. Allemal drücken sie unterschiedliche soziologische Gegenwartsdiagnosen aus. Es ist heute nun einmal nicht mehr selbstverständlich, in welcher Gesellschaft man lebt. Und schon gar nicht gelangt man mehr ohne weiteres zu einer gemeinsamen Vorstellung davon, in welcher Gesellschaft man denn eigentlich leben möchte.

Hans-Martin Schönherr-Mann
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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