Ist die Zeit der politischen Utopien vorbei? – Drei Fragen an Richard Saage

Der Utopie wurde immer wieder das Totenlied gesungen. Doch das utopische Denken als das Denken in Alternativen gehört zum unaufgebbaren Kern der geistigen Tradition Europas, meint Deutschlands führender Utopieforscher Richard Saage im Gespräch mit Goethe.de.Herr Professor Saage, täuscht der Eindruck, oder ist die Zeit der politischen Utopien vorbei?
Die Beantwortung dieser Frage hängt vom jeweiligen Standpunkt dessen ab, der sie stellt. Wer meint, die gegenwärtige Gesellschaft sei im Prinzip intakt, benötigt keine utopischen Perspektiven, sondern wird sie sogar für schädlich halten. Wer aber der Meinung ist, die gesellschaftliche Entwicklung sei von Menschen zu verantworten, wird das Denken in utopischen Szenarien für unverzichtbar halten, weil sonst die Gefahr ihrer Verkrustung droht. Darüber hinaus bedeutet nach dieser Lesart der Utopieverzicht die Preisgabe eines Kernstücks europäischer Identität seit der Antike: Es waren Platon und Morus, die uns lehrten, in Alternativen zu denken.
Doch selbst wenn man das utopische Denken für unverzichtbar hält, muss es sich erneuern, will es den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen sein. Im Vergleich zu seinen Vorgängern hat es folgenden Kriterien zu genügen: 1. Die politische Utopie muss auf den Anspruch verzichten, das Ziel des historischen Prozesses zu sein. Man kann von ihr nur noch im Plural sprechen. Sie hat sich in der medialen Öffentlichkeit in Konkurrenz mit anderen Ansätzen ex post um Anerkennung zu bemühen. 2. Nur durch die Distanz zur sozio-politischen Wirklichkeit ihrer Herkunftsgesellschaft bleibt das utopische Denken kreativ und lernfähig. Ist die politische Utopie verwirklicht, so büßt sie ihren Status als regulatives Prinzip ein und verkrustet zu einer dogmatisierten Ideologie, die in Stagnation und Selbstdestruktion endet. 3. Utopische Konstrukte haben selbstreflexiv zu sein, das heißt sie müssen sich der Gefahr bewusst werden, womöglich das Gegenteil des positiv Intendierten zu verwirklichen.
Die Gleichung „utopisch = autoritär“ geht nicht auf
Was macht eine „klassische“ Utopie aus und warum tun wir uns heute so schwer damit, uns eine Gesellschaft nach einem solcherart utopischen Muster zu denken?
Die klassische Utopie steht in der Tradition ihres Ursprungs, der 1516 erschienenen Utopia des Thomas Morus. Innerweltlich konzipiert und sich auf die säkularisierte Vernunft berufend, geht sie aus von der rationalen Analyse der Fehlentwicklungen seiner englischen Herkunftsgesellschaft, der Morus den ersten Teil seines Buches – also etwa die Hälfte seines Textes – gewidmet hat. Dieser Sozialkritik konfrontierte er eine in seiner Sicht positive Alternative, welche die Ursachen des analysierten sozialen Elends vermeidet. Ihr fiktives institutionelles Szenario umfasst alle relevanten Bereiche des persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens. In seiner weltimmanenten Perfektion verspricht es den Utopiern die Chance eines geglückten Lebens.
Es fällt uns heute schwer, dieses Utopia zu akzeptieren, weil es die individuellen Freiheitsräume durch einen allmächtigen Staat einschränkt, der das Leben der Einzelnen von der Wiege bis zur Bahre reglementiert. Doch darf diese zutreffende Kritik aus heutiger Sicht folgende Aspekte nicht ausblenden: 1. Neben der archistischen, das heißt herrschaftsbezogenen Variante hat der utopische Diskurs seit der Antike immer auch herrschaftsfreie Fiktionen hervorgebracht. Die Gleichung „utopisch = autoritär“ geht also nicht auf. 2. Wer Morus’ Modell historisiert, wird kaum leugnen, dass der totale Sozialstaat Utopias für die verelendeten Unterschichten durchaus ein attraktives Angebot war. 3. Morus hat mit Utopia stets den Status eines Ideals verbunden, das nicht Eins-zu-Eins umsetzbar ist und in Europa bestenfalls zu punktuellen Reformen von oben anleiten konnte. 4. Er selbst kritisiert wiederholt an der Lobrede auf Utopia seines Alter Ego, Hythlodeuus, deren kommunistische Struktur. Dieses selbstreflexive Potenzial, von den Kritikern oft übersehen, ist ein bleibendes Erbe des utopischen Denkens und die Voraussetzung interner Lernprozesse im Verlauf seiner Geschichte.
Die „postmoderne Utopie“ lässt die moderne Zivilisation im Kern unverändert
Welchen Raum lässt die Gegenwart überhaupt noch für positive politische Utopien? Gibt es so etwas wie eine „postmoderne Utopieproduktion“?
Obwohl von vielen Kritikern das „Ende der Utopie“ beschworen worden ist, kam es in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts, insbesondere in den USA, zur Publikation einer großen Zahl utopischer Romane mit innovatorischen Korrekturen des autoritären Musters. Anarchistische, feministische und ökologische Motive wurden hegemonial. Die Tatsache, dass nach dem Ersten Weltkrieg angesichts der gigantischen Materialschlachten und angesichts der Ökologiekrise seit den 1970er-Jahren der Konnex zwischen der Verantwortungsfähigkeit der Wissenschaftler und Ingenieure und dem szientifischen Fortschritt brüchig wurde, hat außerdem eine weitere tiefgreifende Transformation des klassischen Utopiediskurses bewirkt, wie die Hegemonie der klassischen Dystopien bei Samjatin, Huxley und Orwell zeigt. Selbst positive Utopien wie Le Guins The Dispossessed oder Piercys Women on the Edge of Time enthalten dystopische Komponenten. Sie rechnen stets damit, dass die beabsichtigte Utopie in eine Dystopie umschlagen kann.
Dieser Kontext ist auch für die postmoderne Utopieproduktion relevant. Für sie steht selbstverständlich die klassische Utopie in der Tradition Morus’ als „Große Erzählung“ a priori unter Totalitarismusverdacht. Ihr Narrativ wird in dieser Lesart ebenso destruiert wie ihr Geltungsanspruch, zumindest an der Möglichkeit kollektiver Emanzipation festzuhalten. Dennoch gibt die Postmoderne das Utopische nicht ganz preis. So spürt Foucault es in den Nischen der Gesellschaft auf, die nicht für die moderne Zivilisation verfügbar gemacht worden sind. Foucault nennt diese von den Rationalisierungszwängen entlasteten Räume Heterotopien. Von der utopischen Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft bleibt freilich am Ende nichts mehr als das subjektive Erlebnis eines Raumes jenseits des engen Korsetts der verwalteten Gesellschaft. Die zu einem Zeichen, zur bloßen Virtualität, reduzierte postmoderne Utopie lässt in jedem Fall die moderne Zivilisation, von der sie sich abzugrenzen sucht, im Kern unverändert.
stellte die Fragen. Er ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de









