Philosophie und Ethik in Deutschland

Machtlose Philosophie? – Eine Debatte im „Merkur“

© Colourbox.com© Colourbox.comÜber welchen Einfluss verfügen Philosophen im Zeitalter der Experten eigentlich noch? Karl Heinz Bohrer und Volker Gerhardt haben im „Merkur“, der „deutschen Zeitschrift für europäisches Denken“, eine Debatte darüber angestoßen.

Karl Heinz Bohrer hat sich im Herbst 2010 im Merkur mit einem Befund zu Wort gemeldet, der im Land der Dichter und Denker Anlass zur Sorge geben könnte: Die Philosophie und die von ihr systematisch formulierten Ideen hätten seit spätestens Ende der Siebzigerjahre dramatisch an Einfluss verloren. Wo, so fragt Bohrer, sind die großen Namen und die großen Ideen, die ihre Zeit in ihren Bann schlagen? Die postmoderne Diagnose vom „Ende der Metaerzählungen“ scheint sich bewahrheitet zu haben. Von der Philosophie seien lediglich eine an den Universitäten gepflegte Fachwissenschaft sowie eine durchaus inspirierende, aber eben nicht mehr systematisch ausgreifende philosophische Essayistik geblieben.

Wenn Volker Gerhardt in seiner Replik nicht zu unrecht auf das boomende Feld der angewandten Ethik wie auch auf die Beteiligung von Philosophen an Ethikräten verweist, so ändert dies an Bohrers grundsätzlicher Diagnose nichts. Über „Macht“ verfügt die Philosophie sicher nicht, auch dann nicht, wenn einige der zentralen Prinzipien der Aufklärungstradition erfreulicherweise längst in der höchstrichterlichen Rechtsprechung Ausdruck finden – und so allererst reale Bedeutung erlangen. Die andere Frage ist freilich, ob Philosophie jemals mehr „Macht“ hatte. Vor allem aber ist zu bezweifeln, ob man der Philosophie mit der Frage nach Einfluss oder gar Nützlichkeit überhaupt gerecht wird.

Selbstzweck oder Nützlichkeit?

Aristoteles; © Lorenz ViereckeEs gehört seit alters her zum Selbstverständnis der Philosophie, dass sie sich von der Erwartung distanziert, gesellschaftlich von unmittelbarem Nutzen zu sein. Philosophische Erkenntnis ist immer auch Selbstzweck. Sie ist für den Menschen um ihrer selbst willen erstrebenswert. Ganz in diesem Sinne verteidigt sie auch Gerhardt: „Wenn Philosophie sich wirklich auf das beschränkte, was zu ihrer ‚gesellschaftlichen Relevanz‘ gehört, ließe sich gut und gern auf sie verzichten.“ Für Bohrer gilt dies auch mit Blick auf ihre Nutzbarmachung in Ethikräten: „Denn eine Philosophie, die in der Praxis angekommen ist oder die Praxis beeinflussen will, verliert ihren spezifischen philosophischen Charakter.“

Nur im Beharren auf ihre Eigenständigkeit kann Philosophie ihren Geist des Widerspruchs pflegen und sich gegen Instrumentalisierungen jeder Art wirklich erwehren. Im Übrigen wird sie gerade dann auch für eine freie Gesellschaft und ihre kritische Öffentlichkeit inspirierend und „nützlich“ sein können. Das muss indes keineswegs bedeuten, dass sie sich von vornherein in einem praxisfernen Elfenbeinturm abschottet. Im Gegenteil, so Gerhardt zu recht: „Aus dem Desinteresse an gesellschaftlicher Relevanz lässt sich kein Gütezeichen des Philosophierens gewinnen.“ Nicht Platons metaphysische Schau der Ideen, sondern die praktische Philosophie des Aristoteles wäre demnach der Orientierungspunkt eines eigenständigen, aber von der gesellschaftlichen Praxis nicht enthobenen Denkens.

Wir brauchen keine Philosophenkönige

John Rawls; © Lorenz ViereckeVor diesem Hintergrund stimmt Gerhardt denn auch ganz folgerichtig das – ebenfalls aristotelische – Lob der Vielfalt der Philosophie an. Gerade in der postmetaphysischen Moderne mit ihrem ausgeprägten gesellschaftlichen Pluralismus ist für die ganz großen Systeme und Entwürfe kein Platz mehr. Die offenen demokratischen Gesellschaften brauchen keine Philosophenkönige. Sich in der gesellschaftlichen Praxis pragmatisch mit Vorletztem und Vorläufigem zu begnügen, ist dabei durchaus eine zivilisatorische Errungenschaft. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass auch Bohrer abschließend insbesondere im amerikanischen Liberalen John Rawls denjenigen Philosophen ausmacht, dessen Werk heute „von allerhöchster philosophisch-theoretischer Relevanz und gleichzeitig von enormer öffentlicher Bedeutung“ ist. Für die politisch-philosophische Selbstverständigung pluralistischer Demokratien ist dessen Fairness-Konzept essenziell.

Für alle darüber hinausgehenden, zum Teil existenziell bedeutsamen Fragen gibt es in der notorisch verunsicherten Moderne eine Menge konkurrierender Antworten und Angebote. Die Philosophie hat hier allein schon mit ihrer langen Tradition sehr viel zu bieten. Über ein Deutungsmonopol verfügt sie dabei nicht, und ebenso wenig über nennenswerte „Macht“. Aber die braucht sie auch nicht, um ihren inspirierenden Einfluss auszuüben.

Christian Schwaabe
ist seit seiner Habilitation Lecturer für Politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autor u. a. des zweibändigen Studienbuchs „Politische Theorie“ (UTB, 2. Aufl. 2010).

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März 2011

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