Philosophie und Ethik in Deutschland

„Wirtschaft und …“ – philosophische Studiengänge rund um die Ökonomie

Ausschnitt aus dem Werbeposter für den Studiengang Philosophy & Economics der Universität Bayreuth; © Universität Bayreuth Sie heißen „Philosophy and Economics“, „Philosophie, Politik und Ökonomik“ oder „Philosophie, Politik und Wirtschaft“. Man kann sie, auch berufsbegleitend, als Bachelor- oder als Masterstudiengänge studieren. Und sie sind neu, jedenfalls in Deutschland. Welche Kompetenzen bilden sie aus? Und wozu sind sie gut? Erleben wir hier gerade die Geburt einer neuen philosophischen Ökonomie?

Die Entwicklung der Wissenschaften hat mit der Globalisierung nicht Schritt gehalten. Zu langsam und schwerfällig ist, allen Reformen zum Trotz, das aktuelle Wissenschafts- und Forschungssystem, zu beschränkt sind Erkenntnishorizont und Methodenverständnis. Einzelforschung ist die Regel, disziplinärer Grenzschutz das Prinzip. Interdisziplinäre Forschungsansätze und -projekte bilden die Ausnahme, dabei wären allein sie in der Lage, der gewachsenen Problemkomplexität und -vernetzung in der Welt erfolgreich zu begegnen. In besonderer Weise treffen diese Befunde auf die Wirtschaftswissenschaften und hier vor allem auf deren deutsche Vertreter zu. Ihre hochabstrakten Modelle konnten die Finanzkrise der letzten vier Jahre nicht abbilden geschweige denn vorhersagen.

Die Vergeistigung der Ökonomie

Cover des Buches „Wirtschaftsphilosophie“ von Thomas Sören Hoffmann; © MarixverlagDie Finanzkrise ist auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaften, letztere freilich ist um einiges älter. Es sind, neben den sich sukzessive verschärfenden Globalisierungsfolgen, vor allem die massiven Umwälzungen in der Arbeitswelt, die Betriebs- und Volkswirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor neue Herausforderungen gestellt haben. Entwertet wurden dabei nicht nur klassische Fragestellungen und Forschungsperspektiven, sondern auch das ökonomische Fachwissen selbst und zwar zugunsten eines reflexiven Problemwissens, das flexibel auf die neuen Herausforderungen zu reagieren vermag.

Die durchweg an den älteren, gut eingeführten angloamerikanischen Vorbildern orientierten Studiengänge „Wirtschaft und ...“ sollen helfen, ein solches Reflexionswissen auszubilden. Sie wollen nicht nur genuin wirtschaftswissenschaftliche Qualifikationen, sondern auch fachfremde, politikfeldrelevante Grundlagenkenntnisse und vor allem praktische Kompetenzen vermitteln. Zu diesem Zweck greifen sie auf die Philosophie zurück, die den Wirtschaftswissenschaften fehlenden Geist einhauchen und fehlende Moral beibringen soll. Ausbildungsziel ist eine Art Verbundqualifikation, die die Absolventen in die Lage versetzt, in schwierigen Entscheidungssituationen zwischen verschiedenen Alternativen eine vernünftige, ökonomisch und philosophisch, sprich: ethisch vertretbare (Aus-)Wahl zu treffen.

Bologna und die Folgen

Cover des Buches „Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie“ von Peter Koslowski (Herausgeber); © Springer-VerlagMöglich wurde die Einrichtung der neuen Studiengänge durch die viel gescholtenen Bologna-Reformen. Diese Reformen haben die Universitätslandschaft umgekrempelt. Sie haben einen akademischen Gestaltungsfreiraum geschaffen, den sich die inter- beziehungsweise transdisziplinären Reformstudiengänge zunutze machen. Konnte man vor der Einführung des Bachelor Philosophie ausschließlich mit geisteswissenschaftlichen Fächern kombinieren, war danach auch die Verbindung mit naturwissenschaftlichen Fächern oder den Wirtschaftswissenschaften zulässig. Dadurch entstand überhaupt erst die Voraussetzung für den Aufbau eines integrierten Curriculums, also eines Lehrplans, der die jeweiligen Disziplinen nicht nur nebeneinander berücksichtigt, sondern sie zum Beispiel aufeinander bezieht.

Ausprobiert wurde die Kombination von Philosophie und Ökonomie erstmals an der Universität Bayreuth. Der im Jahr 2000 von dem Philosophie-Professor Rainer Hegselmann und dem Volkswirtschafts-Professor Bernhard Herz eingerichtete Studiengang „Philosophy and Economics“, der mit dem Erwerb eines Bachelor of Arts (B.A.) oder eines Masters of Arts (M.A.) abgeschlossen werden kann, genießt mittlerweile internationale Reputation. Als wegweisend gilt sein Drei-Säulen-Modell: Philosophie und Ökonomie werden nicht einfach nur miteinander verbunden, sondern verknüpft, ja regelrecht „verzahnt“. Der Verzahnungsbereich selbst stellt, neben Philosophie und Ökonomie, die dritte Säule dar und wird in eigenen „Verzahnungsseminaren“ behandelt. Zu den Themen dieser Seminare gehören Fragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik, der Gesundheitspolitik oder der nationalen wie internationalen Verteilungsgerechtigkeit.

Kritik der Philosophischen Ökonomie

Heute bieten auch andere deutsche Universitäten die Philosophie-Ökonomie-Kombination an, in der Regel gemeinsam mit einem dritten Fach. An der Universität des Saarlandes etwa kann man „Economics, Finance and Philosophy“ (M.A.), an der Universität Hamburg „Politics, Economics and Philosophy“ (M.Sc.), an der Privatuniversität Witten „Philosophie, Politik und Ökonomie“ (B.A.) und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München seit 2005 „Philosophie, Politik und Wirtschaft“ (M.A.) studieren. Das Münchner Modell zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus: Es ist als berufsbegleitender Executive-Studiengang konzipiert, richtet sich daher in erster Linie an sogenannte Entscheidungsträger, denen es „Schlüsselqualifikationen für den souveränen Umgang mit komplexen Zielkonflikten“ vermitteln möchte, und ist mit über 5.000 Euro pro Semester nicht gerade günstig.

Die Studiengänge funktionieren – davon zeugen nicht zuletzt die jährlich steigenden Bewerberzahlen und die geringe Zahl der Studienabbrecher. Überdurchschnittlich gute Berufsaussichten sind im Übrigen ein Indiz dafür, dass auch die Nachfrage stimmt. Kritische Stimmen gibt es dennoch: Beklagen die einen, dass nur oberflächliche Kenntnisse der jeweiligen Disziplinen vermittelt werden und Halbbildung die unausweichlich Folge sei, so stört andere das analytische, mithin reduktionistische Philosophieverständnis, das den Programmen in der Regel zugrunde liegt. Die Philosophie, so ein häufig zu hörender Einwand, befinde sich auf dem besten Weg, sich in eine Magd der Ökonomie zu verwandeln. Wie dem auch sei: Die neuen Studiengänge sind ein Indiz dafür, dass die Wirtschaftswissenschaften sich selbst nicht mehr verstehen und fremde Expertise benötigen, um ihren eigenen Gegenstand, die Wirtschaft, angemessen zu deuten und zu erklären. Auf dieser Einsicht gilt es aufzubauen.

Buchtipps

Thomas Sören Hoffmann: Wirtschaftsphilosophie. Ansätze und Perspektiven von der Antike bis heute, Matrixverlag 2009, ISBN 978-3865392145.

Peter Koslowski (Herausgeber): Neuere Entwicklungen in der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie, Springer-Verlag 2012, ISBN 978-3642774454.

Bernd Mayerhofer,
Dr. phil., lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2012

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