Foto: Kai Wiedenhöfer

    Psychologie

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Gilt Freud für die ganze Welt?
    Psychoanalyse und die nicht-westliche Welt

    Sowohl die psychoanalytische Untersuchung von Literatur, Poesie und autobiographischen Werken aus aller Welt als auch die Arbeit in der klinischen Praxis mit eingewanderten Patienten unterschiedlichen nationalen und ethnischen Ursprungs zeigen überzeugend, dass die Freudsche Metapsychologie ebenso nützlich ist, um die ‚östlicheʻ Psyche zu verstehen, wie sie es für die ‚westlicheʻ Psyche ist. Doch gilt dies auch für die anderen Bereiche von Freuds Theorie, z. B. für seine Hypothesen über die Persönlichkeitsentwicklung oder seine Ansichten zu Religion und Zivilisation?

    Die Psychoanalyse hat ihren Ursprung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Westeuropa. Ihr Begründer, Sigmund Freud (1856–1939), war Jude – ebenso wie die meisten seiner frühen Schüler und Mitarbeiter. Die Psychologische Mittwochsgesellschaft, die er in Wien gründete (ca. 1902), bestand aus ausschließlich jüdischen Mitgliedern, und als diese exklusive Gruppe zur Wiener Psychoanalytischen Vereinigung heranwuchs, war ebenfalls die Mehrheit der Mitglieder und regelmäßigen Gäste jüdischer Herkunft. Bald fing diese homoethnische Abschottung an, Freud Sorgen zu bereiten. Er befürchtete, sie könne eine breitere Akzeptanz der Psychoanalyse verhindern. Daher ließ er den unzweifelhaft nordischen Carl Jung und den walisischen Ernest Jones zu seinem psychoanalytischen Kreis hinzustoßen. Obwohl der Versuch, Jung als seinen Nachfolger zu ernennen, scheiterte, öffnete sich die „Synagoge des Unbewussten“ schließlich auch gegenüber Christen. Die psychischen, zwischenmenschlichen und soziopolitischen Auswirkungen einer solchen Beimischung wurden jedoch nicht offen erwogen und diskutiert. Ungeachtet einer gelegentlichen Erwähnung des Themas in der persönlichen Korrespondenz der Analytiker, ein bisschen Klatsch und Tratsch und einer außergewöhnlich unbeholfenen Anerkennung der ethnischen Kluft innerhalb des Berufsfeldes, entsprang aus der jüdisch-christlichen Verbindung innerhalb der psychoanalytischen Reihen nur wenig, das von Bedeutung für den konzeptionellen Rahmen war. Die neuen Mitglieder wurden in den theoretischen und technischen Strudel der Psychoanalyse hineingezogen, die auf die intrapsychischen Belange des Verlangens und der Angst konzentriert blieb und die soziokulturelle Herkunft des Individuums ausklammerte. Wiederholt betonte Freud, dass es die psychische und nicht die äußere Realität sei, die im Bezug auf das seelische Leiden eine tragende Rolle spiele.

    Begegnung mit der ,realenʻ Realität

    Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Grausamkeiten auf die Überlebenden der Konzentrationslager und ihre Nachkommen führte zu einem brutalen ethnokulturellen Erwachen der Psychoanalyse. Es wurde klar, dass die individuelle Psyche nicht unabhängig von ihrem soziopolitischen Rahmen existierte und die Beschaffenheit der Psyche Impulse der äußeren Welt benötigte, um stabil zu bleiben. Außerdem führte die jüdische Diaspora nach dem Holocaust dazu, dass europäische Emigranten-Analytiker es in der klinischen Praxis mit kulturell sehr unterschiedlichen Patienten Nord- und Südamerikas zu tun hatten. So wurde deutlich, dass die Anerkennung ethnischer und religiöser Unterschiede innerhalb der analytischen Dyade den analytischen Prozess beschleunigen konnte – das Ignorieren dieser Faktoren hingegen konnte ihn verkomplizieren. Die Psychoanalyse, die sich vorwiegend mit der inneren Welt befasste, begann damit, der äußeren Realität mehr Beachtung zu schenken.

    Durch die Verschiebung der weltweiten Bevölkerungsstruktur und insbesondere durch die sich verändernde demographische Struktur der Vereinigten Staaten und Westeuropa wurde die Sache noch verworrener. Menschen unterschiedlicher Nationalitäten (z. B. Inder, Iraner, Nigerianer und Türken) und diverser Religionen (z. B. Hindus, Muslime), die von Osten nach Westen migrierten, traten als Patienten, Lehrlinge und praktizierende Fachkräfte in psychoanalytische Kreise ein. In der Folge daraus wurde die Anwendung der im westlichen Kontext entstandenen psychoanalytischen Theorie und Methode auf eine ethnokulturell vielfältige Bevölkerung in Frage gestellt. Einen weiteren Anstoß für einen solchen Skeptizismus stellte das aufkommende Interesse an der Psychoanalyse in zunehmend urbanisierten Ländern wie Indien, Japan, Südkorea und – in geringerem Maße – in der Türkei dar. Die Bereicherung der Psychoanalyse durch regionale Idiome war von nun an unvermeidlich.

    Also wurde es erforderlich, eine Neubewertung von Freuds Konzept vorzunehmen. Um eine solche Aufgabe vollbringen oder sie zumindest in sinnvollem Maße angehen zu können, ist es wichtig, die vier Kategorien, die den Korpus seiner Arbeit (und derer seiner Nachfolger) bilden, zu verdeutlichen: erstens die Metapsychologie, zweitens die Hypothesen im Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung und ihre Abweichungen, drittens die therapeutische Herangehensweise an emotionale Störungen, und viertens die Spekulationen über Kreativität, Religion und Zivilisation im Allgemeinen. Im Folgenden wird eine Betrachtung dieser vier Kategorien der psychoanalytischen Ideen und ihrer potentiellen Gültigkeit in den verschiedenen Kulturkreisen vorgenommen.

    Metapsychologie

    Freud bezeichnete seine Form des Verstehens psychischer Phänomene aus einer dynamischen, topischen und ökonomischen Perspektive als „Metapsychologie“. Die dynamische Perspektive versucht, psychische Phänomene im Sinne einer Interaktion von Kräften zu erklären. Solche Kräfte können miteinander unvereinbar oder vereinbar, kindisch oder dem Alter gemäß, progressiv oder regressiv sein. Sie können körperlich verankert sein und bestimmte sinnliche Ziele haben oder das Moralverständnis repräsentieren, das während der Entwicklungsphase des Individuums verinnerlicht wurde. Die Interaktion zwischen diesen Kräften resultiert in innerpsychischen Konflikten, die sich in unterschiedlichen Formen zeigen, unter anderem in Kompromissbildung, abgewehrter und sublimierter Befriedigung, Stillstand, Hemmung und psychischer Lähmung.

    Die topische Perspektive bezieht sich auf die Tatsache, dass es bewusste, vorbewusste und unbewusste Aspekte menschlicher Gedanken, Gefühle und Taten gibt. Erstere sind dem Menschen bewusst, Nachfolgende können schnell bewusst gemacht werden und Letztere existieren völlig außerhalb unserer Wahrnehmung und können nicht einfach an die Oberfläche gebracht werden. Abgesehen von ihrer psychischen Lage haben bewusste, vorbewusste und unbewusste seelische Phänomene unterschiedliche handlungsspezifische Eigenschaften. Systeme des Bewussten und Vorbewussten werden durch Metaphern und Sprache ausgedrückt, unbewusste Phänomene hingegen gegenständlich und körperlich. Zudem existiert eine Zensur zwischen dem Bewussten und dem Vorbewussten sowie zwischen dem Vorbewussten und dem Unbewussten; das unbewusste Phänomen muss seine Form von der „Ding-Präsentation“ in eine „Wort-Präsentation“ verwandeln, wenn es diese Grenzen überschreitet. Mit der Einführung des dreiteiligen Strukturmodells der Psyche (Es, Ich und Über-Ich) konnten defensive Vorgänge des Ich und bestimmte moralische Gebote des Über-Ich bis in die tieferen Schichten des Unbewussten zurückverfolgt werden.

    Die ökonomische Perspektive befasst sich mit der Energie von Kräften, die hinter psychischen Phänomenen stehen. Sie geht davon aus, dass psychische Energie die Natur mentaler Prozesse bestimmt; der so genannte „Primärprozess“ ist von einer großen Beweglichkeit und einer geringen „Abfuhrschwelle“ gekennzeichnet, wohingegen sich der so genannte „Sekundärprozess“ durch Stabilität und eine hohe „Abfuhrschwelle“ auszeichnet. Ersterer sucht nach der unmittelbaren Erleichterung der Anspannung, erlaubt es einem Objekt, durch ein anderes ersetzt zu werden, erlaubt es einer Idee, mit einer anderen zu verschmelzen, und hält sich nicht an die Beschränkungen von Zeit und Gegensätzen. Letzterer ist auf den verbalen Ausdruck angewiesen, ist der Aristotelischen Logik treu ergeben, respektiert die Zeit und trägt zu rationalem Denken bei. Neben anderen Auffassungen, die zu dieser ökonomischen Perspektive gehören, sind außerdem die Triebintensität, der Grad von Erregung, Spannungsabfuhr und die Menge an Emotionen, die für die psychische Vitalität unerlässlich sind, zu nennen.

    Dieser Freudschen Ausarbeitung wurden später zwei weitere Perspektiven hinzugefügt: Die genetische Perspektive, die besagt, dass sämtliche Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen Erwachsener bis zu ihrer ursprünglichen Form in der Kindheit zurückzuverfolgen sind; und die adaptive Perspektive, die besagt, sämtliches menschliche Verhalten, auch maladaptive Verhaltensmuster mit eingeschlossen, erfüllt für das Individuum einen nützlichen Zweck.

    Gemeinsam bilden diese fünf Perspektiven der Metapsychologie (die dynamische, topische, ökonomische, genetische und adaptive Perspektive) und die später entwickelte Aufstellung der psychischen Abwehrmechanismen (z. B. Verdrängung, Projektion, Rationalisierung, Ungeschehenmachen, Verneinung und Spaltung) den Maßstab der psychoanalytischen Theorie und damit ihr beständigstes und allgemeingültiges Moment. Sowohl die psychoanalytische Untersuchung von Literatur, Poesie und autobiographischen Werken aus aller Welt als auch die Arbeit in der klinischen Praxis mit eingewanderten Patienten unterschiedlichen nationalen und ethnischen Ursprungs zeigen überzeugend, dass die Freudsche Metapsychologie ebenso nützlich ist, um die ‚östlicheʻ Psyche zu verstehen, wie sie es für die ‚westlicheʻ Psyche ist. Wie im Folgenden gezeigt wird, lässt sich diese Universalität aber nicht auf die anderen Aspekte der Psychoanalyse beziehen.

    Persönlichkeitsentwicklung

    Freud und seine frühen Anhänger (insbesondere Karl Abraham, Sandor Ferenczi und Otto Fenichel) schlugen eine sehr konkretes Modell dessen vor, wie ein psychisch unvollständiges Kleinkind sich Schritt für Schritt zu einem gut funktionierenden Erwachsenen entwickelt, der über ein Gefühl für Autonomie, Stabilität und die persönliche Handlungsfähigkeit verfügt. Unter Berücksichtigung der Errungenschaften der Vererbungslehre konzentrierten sie sich auf die Rolle, die die epigenetische Entfaltung kindlicher körperlicher Bedürfnisse (z. B. oral, anal, phallisch) in der Ausformung der Beziehung zu den Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen in der Kindheit spielt. Körperliche Anspannungen treiben die Psyche an, um Erleichterung zu finden, und die Reaktion der Umwelt auf diese Bemühungen bestimmt den Grad des Geborgenheitsanspruches und der psychischen Handlungsfähigkeit, die sich daraufhin entwickeln. Das Funktionieren des Verstandes richtet sich nach dem somatischen Vorbild („das Ich ist in erster Linie ein körperliches Ich“). Der Gender-Unterschied spielt hier eine entscheidende Rolle: Das weibliche Kind war in der frühen psychoanalytischen Theorie verloren, da es ein „minderwertiges Organ“ besitze (daher der „Penisneid“). Da ein Mädchen also von Anfang an nicht viel zu verlieren habe, habe sie es auch nicht nötig, moralische Zwänge zu entwickeln. Männer, die der Gefahr von Kastration ausgesetzt seien, seien in Angelegenheiten der Ethik und des rationalen Urteilsvermögens überlegen. „Die Anatomie ist das Schicksal“, behauptete Freud. Und obwohl er die gewichtige Rolle der frühkindlichen Beziehung zur Mutter anerkannte, blieb seine Konzentration auf die psychischen Konsequenzen der triangulären, ödipalen Struktur der Familie gerichtet. Als höchst traumatisch wurde das kindliche Miterleben der „Urszene“ (des elterlichen Geschlechtsverkehrs) angesehen, und das ödipale Streben trug erheblich zu der Entwicklung späterer Charaktermerkmale bei.

    Dieses ‚klassischeʻ Entwicklungsmodell wurde stark durch den korrigierenden Einfluss des Feminismus und durch Studien mit Kleinkindern abgemildert. Bedeutende analytische Denker nach Freud (z. B. Melanie Klein, John Bowlby, Donald Winnicott, Ronald Fairbairn und Margaret Mahler, um nur ein paar zu nennen) rückten den tiefgreifenden und prägenden Einfluss der Mutter-Kind-Beziehung in den Vordergrund, indem sie die Dialektik zwischen den genetisch-bedingten, vorprogrammierten affektiv-motorischen Neigungen (dem „Temperament“) und der mütterlichen Reagibilität gegenüber dem Kind hervorhoben. Den Phänomenen der Zuneigung und Trennung wurde nun eine größere Bedeutung zuteil als dem ödipalen Verlangen und der Kastration während der Persönlichkeitsentwicklung. Die Vorrangstellung des Körpers wurde abgelöst durch die Relationalität. Der unerschrockene Phallozentrismus der Freudschen Theorie wurde verworfen; Frauen wurde zugestanden, über verschiedene Formen und Ausdrucksweisen von Moral und Ethik zu verfügen – sie waren in dieser Hinsicht nicht weniger bedeutend als Männer. Der Penisneid wurde nicht länger als allgegenwärtig angesehen; er kam nur in Familien auf, in denen die Mutter abgewertet und die Rolle des Vaters und Bruders hochgehalten wurde. Eine weitere bedeutende Entwicklung war Erik Eriksons Vorschlag, dass die von dem heranwachsenden Ich gemeisterten Herausforderungen und geernteten Belohnungen nicht nur der Beziehung des Individuums zu seiner Familie entsprangen, sondern zudem aus einem größeren, kommunalen (z. B. schulischen, beruflichen) Bereich herrührten. Die Gesellschaft als Ganzes wurde nicht länger als bloße Externalisierung einer innerpsychischen Beschaffenheit angesehen; sie existierte de novo und übte Einfluss auf die heranwachsende Persönlichkeit aus.

    Unumstrittene westliche Hegemonie in der Psychologie

    Trotz ihres wertvollen Beitrages, ließen diese konzeptuellen ‚Aufwertungenʻ den Eurozentrismus der psychoanalytischen Theorie unangetastet. Alle diese Theoretiker waren weiß und europäischer Abstammung. Alle Patienten (und beobachteten Kinder), deren Untersuchung zu der Entwicklungshypothese beitrug, waren ebenfalls weiß und europäischer Abstammung. Es handelte sich um ein geschlossenes System, das – mal subtil, mal nicht ganz so subtil – eine angelsächsische und jüdisch-christliche Vorherrschaft über die psychische Entwicklung von Menschen anderer Hautfarbe und aus den östlichen Teilen der Welt unterstellte. Weiße, europäische, nordamerikanische, christliche und jüdische Psychoanalytiker behaupteten, dass gewisse „Entwicklungslinien“ normal seien und ebenfalls z. B. auf japanische, irakische und sudanesische Kinder zuträfen. Dass dies nur schwerlich der Wahrheit entsprechen konnte, wenn man die enorm unterschiedlichen Familienkonstellationen, Lebensumstände, kulturellen Traditionen und diversen Glaubensrichtungen betrachtet, wurde nicht bzw. lange nicht anerkannt.

    Zwar sind laut der Psychoanalyse die zwei wesentlichen Entwicklungsaufgaben in der Kindheit (die Abkehr von der infantilen Omnipotenz und die Errichtung der Inzest-Barriere) auch über regionale, ethnische und religiöse Grenzen hinweg wichtig für die Ausbildung der Persönlichkeit. Dennoch existieren darüber hinaus bedeutende Unterschiede. Der Witz von Jennifer Bonovitz, einer nordamerikanischen Kinderanalytikerin, die fragt, wie die Loslösungs- und Individuationstheorie aussehen würde, wenn ihre Begründerin, die in Ungarn geborene Margaret Mahler, nach dem Holocaust nach Japan anstelle der Vereinigten Staaten gereist wäre, fasst die Essenz dieser Problematik im Bezug auf die konzeptuelle Grundlage zusammen. Es folgte eine Menge an Fragen: Inwieweit muss ein Individuum psychologisch unabhängig von den Eltern sein um als ‚normalʻ angesehen zu werden? Welche Stufen seelischer Befindlichkeiten sind im Rahmen mentaler Gesundheit ‚erlaubtʻ? Wie viel Rücksichtnahme auf die Familie, ältere Menschen und auf die Gemeinschaft als Ganzes ist normal, wenn es darum geht, wichtige Lebensentscheidungen zu treffen? Reflektieren „Übergangsobjekte“ (wie z. B. ein Teddybär oder eine weiche Decke), denen westliche Kinder etwa ab dem zweiten Lebensjahr zugeneigt sind, eine normale phasen-spezifische Entwicklung oder sind sie kulturspezifische Artefakte von Gesellschaften, in denen Kinder zu früh dazu gebracht werden, autonom zu sein? Bis zu welchem Alter sollte einem Kind die Brust gegeben werden? Wie viel Körperkontakt mit den Eltern ist gut für ein heranwachsendes Kind? Entspricht die psychische Beschaffenheit einer Kleinfamilie derjenigen einer großen, generationenübergreifenden Familie? Was geschieht mit dem elterlichen Liebesleben in Gesellschaften, in denen es kein separates Schlafzimmer gibt und Erwachsene und Kinder im selben Raum schlafen? Ist der Ödipus-Komplex universalgültig? Wie ausgeprägt muss die sexuelle Bildlichkeit eines ödipalen Verlangens sein? Hat die Freudsche Angst vor der Kastration im muslimisch-geprägten Raum eine stärkere Bedeutung, da dort die Männer oft auf dem Höhepunkt ihrer ödipalen Phase (also im Alter von vier oder fünf Jahren) beschnitten werden? Tritt sie auch bei Hindus auf, die nicht beschnitten werden? Ist die Pubertät zwangsläufig chaotisch und problematisch? Und so weiter und so fort.

    Die gute Nachricht ist die, dass es immer mehr Literatur gibt, die sich mit solchen Fragen beschäftigt, und dass der frühe Kolonialismus des psychoanalytischen Denkens langsam verschwindet. Zu den östlichen „Newcomern“ der psychoanalytischen Begriffe und Konzepte gehören die japanischen Auffassungen von „Amae“ und das „Don’t look-Tabu“ (vorgeschlagen von Takeo Doi und Osamu Kitayama), der chinesische Komplex der Kindlichen Pietät (entworfen von Ming Dong Gu), die indischen Auffassungen der „mütterlichen Sklaverei“, „Sita Shakti“ sowie der „Trishanku-Komplex“ (beschrieben von Sudhir Kakar, Jaswant Guzder und Shailesh Kapadia). Das wachsende Interesse an der Psychoanalyse in der Türkei und im Iran wird eigene konzeptionelle Früchte tragen. Salman Akhtars Buch, The Crescent and the Couch, hat bereits einige Querströmungen zwischen dem Islam und der Psychoanalyse herausgearbeitet. Die Schriften von Aisha Abbassi (einer pakistanisch-amerikanischen Analytikern) und von Yasser Ad-Dab’bagh (dem einzigen aus Saudi-Arabien stammenden Psychoanalytiker der Welt) haben ebenfalls zum Entstehen solcher neuen Theorien beigetragen. Dennoch bedarf es noch viel mehr, der psychoanalytischen Entwicklungstheorie einen wirklich universalen Status zusprechen zu können.

    Therapeutische Methode

    Freuds Aussage, „Hysteriker leiden unter ihren Erinnerungen“, versinnbildlicht die Grundannahme der Psychoanalyse im Bezug auf die Natur der Psychopathologie. Grundsätzlich wurde angenommen, dass sämtlicher seelische Schmerz aus Erfahrungen, Phantasien und ungelösten Kindheitskonflikten resultierte. Das Leiden eines Erwachsenen war ein anachronistisches und bezeichnete einen verschleierten und rationalisierten Ausdruck des innerpsychischen Krieges zwischen verbotenen Wünschen und moralischen Aufforderungen, ihnen entgegenzuwirken. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Psychopathologie aus einer „Fixierung“ auf den kindlichen Ödipus-Komplex resultierte – obwohl man fairerweise anerkennen muss, dass der Möglichkeit, den Problemen Erwachsener könnten gegenwärtige traumatische Ereignisse zugrunde liegen, auch ein wenig Platz eingeräumt wurde. Analytiker nach Freud, die sich auf die „präödipale“ Entwicklungsphase konzentrierten, fügten hinzu, dass eine zerrissene Bindung und die daraus resultierenden Folgen – Pessimismus, Misstrauen, Hunger, Wut und Habgier – eine weitaus bedeutendere Rolle im qualvollen seelischen Leben eines Erwachsenen spielen.

    Freuds Methode, die von wenigstens zwei Generationen von Psychoanalytikern fraglos übernommen wurde, beruhte auf dem technischen Dreifuß von Anonymität, Abstinenz und Neutralität. Der Psychoanalytiker offenbart sich selbst nicht, er funktioniert bloß als ein Spiegel, der das Geschehen im Inneren seines Patienten reflektiert („Anonymität“). Er befriedigt das Verlangen seines Patienten nach offenkundigen und verdeckten erotischen Schwächen nicht, da dadurch ein Ersatzvergnügen zur Verfügung gestellt und dies die Lösung der Konflikte des Patienten durch Interpretation („Abstinenz“) erschweren würde. Außerdem nimmt der Analytiker eine unvoreingenommene Haltung ein und steht den Wünschen, der Moralität und Realität des Patienten mit Abstand gegenüber („Neutralität“). Er ermöglicht lediglich die „Freie Assoziation“ (den ungehemmten und unzensierten Gedanken- und Verbalisierungsprozess) des Patienten, zeigt dagegen gerichtete Widerstände auf, interpretiert anschließend das von dem Patienten Gesagte und verknüpft es mit den Gefühlen und Phantasien ihm selbst – dem Analytiker – gegenüber („Übertragung“), die eine Wiederbelebung von Kindheitsmustern sind. Dieses Vorgehen hilft dem Patienten dabei, „Einsicht“ zu gewinnen. Er kann nun ein Leben frei von aus der Kindheit stammenden Konflikten leben. Dieser strenge psychoanalytische Therapieansatz wurde später durch das Hinzufügen wärmerer, für Emotionen empfängliche, bidirektionaler und relationaler Eingriffe ‚abgeschwächtʻ. All diese Arbeit basierte jedoch auf der Behandlung von (vorwiegend) weißen westlichen Patienten durch (vorwiegend) weiße westliche Analytiker.

    Inwiefern ist diese Methodologie auf Regionen der Welt anwendbar, in denen der Patient nicht unbedingt über ein separates, selbstbeobachtendes Selbst verfügt und ein kommunal-basiertes Identitätsverständnis hat, das sich über die persönliche Abgesondertheit hinwegsetzt? Alan Rolands Auffassung des „familialen Selbst“ in der indischen Kultur ist ein typisches Beispiel dafür. Relevant sind darüber hinaus die Beobachtungen Irmgard Dettbarns (einer deutschen Analytikern, die lange in China gearbeitet hat) über den asiatischen Kollektivismus und ihre Aussage, das Wort „Ich“ funktioniere in China nicht auf dieselbe Weise wie in der indogermanischen Sprache. Indem sie die Bezeichnung „culture of curves” verwendet, betont Dettbarn, dass die direkte und offene Kommunikation, die für westliche Patienten typisch ist, bei chinesischen Patienten nicht existiert, da diese vielmehr auf umschweifende und indirekte Weise kommunizieren. Mook Sook Lee betont die erhöhte Rolle der non-verbalen Kommunikation im Kontext der klinischen Praxis in Korea und dass die familienzentrierte Natur der koreanischen Kultur oft wichtige Auskünfte des Patienten an den Therapeuten verhindert. Sudhir Kakar, der herausragende Psychoanalytiker Indiens, hat vermerkt, dass in seinem Land das menschliche Interesse und die respektvolle Empathie des Analytikers einen aktiveren und offeneren Ausdruck benötigen. Kakar behauptet außerdem, dass der indische Analytiker didaktischer vorgehen muss, zumindest in den frühen Behandlungsphasen, um die „biographische Selbstwahrnehmung“, die die Hauptanforderung an den Analysanden ist und im Großen und Ganzen eher keine Eigenschaft des durchschnittlichen indischen Verstandes ist, zu entwickeln und aufrechtzuerhalten.

    Deshalb scheinen für die klinische Praxis der Psychoanalyse in der nicht-westlichen Welt Modifizierungen der therapeutischen Methode mit einer tendenziellen Neigung in Richtung relationaler und intersubjektiver Ansätze angebracht zu sein. Ein Einspruch muss allerdings erhoben werden: Es existieren keinerlei Studien über die Durchführung analytischer Behandlungsweisen in afrikanischen und arabischen Ländern. Wenn man bedenkt, dass die Psychoanalyse seit nunmehr über 115 Jahre besteht, ist diese weltpolitische Verneinung schlichtweg unfassbar. Sobald solche Informationen vorliegen, könnte es sein, dass die Bewahrer der psychoanalytischen Methode sich versammeln und auf die neuen Herausforderungen reagieren müssen.

    Kultur und Zivilisation

    Freuds Beiträge zum Verstehen der Kultur waren breit gefächert. Er beschrieb den Prozess, innerhalb dessen idiosynkratische und sogar abscheuliche Elemente des Seelenlebens in kreatives Schreiben umgewandelt werden. Er zeigte die Dialektik zwischen der Zivilisation und dem Verlust der dem Menschen angeborenen animalischen Natur durch seine Verbannung ins Unbewusste auf; Unterdrückung produziere Kultur und Kultur treibe Unterdrückung an. Außerdem spekulierte Freud über die Unausweichlichkeit, wenn nicht gar Notwendigkeit von Krieg und führte diesen auf die dem Menschen immanente Aggression zurück. Und das Wichtigste: Er stellte den Glauben in Frage.

    Der wissenschaftliche Positivismus vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bildete einen aufnahmewilligen Schmelztiegel für Freuds Gotteswiderlegung. Er brachte das zur Sprache, was in den Köpfen der westlichen Intelligenz brodelte. Die unaussprechlichen Gräueltaten, die im Namen des religiösen Nationalismus in Europa begangen wurden, „bestätigten“, dass Ethnozentrismus und sein begrifflicher Zwilling, der Glaube, gefährliche Güter waren. Sie führten zu einer Vergiftung, die sich durch einen Überlegenheitsglauben innerhalb einer Wir-Gruppe äußerte, und legten den Grundstein für die Unterdrückung des Anderen sowie für Grausamkeiten und Genozide. Die frühen europäischen Psychoanalytiker, selbst Opfer von Vorurteilen, folgten mit ganzem Herzen dem Hoffnungsschimmer, den Freuds Aussage anbot, Religion sei ein Schwindel und die Wissenschaft würde früher oder später die Dominanz der Rationalität in der Durchführung interpersoneller und kommunaler Angelegenheiten versichern können. Atheismus und Psychoanalyse waren von nun an unzertrennlich. Gott wurde zu einer Phantasie menschlichen Ursprungs erklärt, die kindesähnliche Abhängigkeiten fortsetzte und als Rettung vor der Desillusionierung der eigenen Omnipotenz und später derjenigen des eigenen Vaters fungierte. Freud behauptete, Gott sei eine Illusion, deren Notwendigkeit verschwinden würde, sobald die Wissenschaft ausreichend Antworten auf die Mysterien der Natur bereithalten und der Mensch sich kognitive Instrumente aneignen würde, um seine infantile Abhängigkeit zu überwinden. Diese Perspektive wurde von späteren Analytikern übernommen, die damit begannen, jegliche Art des Glaubens als Gegensatz zu seelischer Gesundheit anzusehen.

    Allmählich zeigten sich jedoch Risse im Panzer einer solchen Theorie. Einigen Psychoanalytikern war die völlige Abwesenheit der Mutter in Freuds Gottes-Ansatz aufgefallen. Andere fragten sich, ob eine Psyche, die ausschließlich von Rationalität geleitet ist, wirklich gesund sein kann. Brauchen Menschen nicht Bereiche des Glaubens, selbst wenn diese vielleicht illusorisch sind? Kann man existieren, wenn das Reale und Irreale nicht gemeinsam Bestand haben? Wenn ja, dann würde der Glaube ebenso wie Literatur, Spiele, Liebe und Kreativität im Allgemeinen zu einem zweideutigen Bereich der menschlichen Empfindsamkeit gehören. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, verwandelt Gott sich in ein majestätisches Gedicht. Überdies war der Gott, über den Freud sich ereiferte, die jüdisch-christliche Vaterfigur, die im Himmel wohnt und vorwiegend angsteinflößend und strafend ist. Freuds Gott konnte nicht – im Gegensatz z. B. zu dem Gott / den Göttern der Hindus – Liebhaber, Frau, Kind oder Tier sein. Noch weiter entfernt von Freuds Konzeptualisierung war die Möglichkeit eines völlig ent-anthropomorphisierten Verständnisses von Gott als allgegenwärtigem Wissen und als einer Ordnung, die sich über das Universum legt wie eine weiche Decke über ein schlafendes Baby. Wilfried Bion war unter den post-Freudschen Psychoanalytikern derjenige, der dieser Perspektive auf den Glauben in einigen seiner Ideen am nächsten kam.

    Diese Spannung zwischen der Freudschen Psychologie und der Religion ist von besonderer Bedeutung, wenn man das psychoanalytische Denken in Regionen der Welt anwendet, wo der Glaube an Gott weit verbreitet ist. Anhand der Veröffentlichung eines Sammelbandes, in dem zehn angesehene Psychoanalytiker Freuds Buch Die Zukunft einer Illusion bewertet und seine Verhöhnung des menschlichen Bedürfnisses nach Gott diskutiert haben, wird deutlich, dass die Psychoanalyse damit begonnen hat, diese Problematik mit zu berücksichtigen. Es wird offensichtlich, dass das psychoanalytische Interesse an der Religion von den psychologischen Ursprüngen des Glaubens an Gott auf die psychologischen Funktionen einer solchen Überzeugung übergesprungen ist. Des Weiteren werden sowohl Atheismus als auch Theismus als im Einklang sowohl mit psychischen Erkrankungen (wenn Ersterer aus einem tiefgreifenden Zynismus resultiert und Letzterer dem einzigen Zweck des paranoiden Narzissmus dient) als auch mit einer gesunden Psyche (wenn Ersterer auf einer liebevollen Identifizierung mit atheistischen Eltern basiert und Letzterer Demut, Großzügigkeit und wiedergutmachende Dankbarkeit der Welt gegenüber einschärft) angesehen. Eine solche Besänftigung von Freuds inbrünstiger Grundhaltung gegenüber dem Glauben könnte viel zu der Verständigung zwischen den Kulturen des Ostens und der Tiefenpsychologie des Westens beitragen.

    Fazit

    Dieser breit angelegte Aufsatz hat den Korpus der Arbeit Freuds (und derer nachfolgender psychoanalytischer Größen) angetastet, und zwar unter den vier Stichworten Metapsychologie, Persönlichkeitsentwicklung, therapeutische Methodik und kulturspezifische Spekulationen. Indem sowohl intra-disziplinäre als auch externe Standpunkte betrachtet wurden, wurde versucht, zu beurteilen, bis zu welchem Maße psychoanalytische Ideen universell gültig und anwendbar sind. Unter Berücksichtigung der Spannung zwischen der grundsätzlich ähnlichen Natur der Menschen überall auf der Welt und den unterschiedlichen Narrativen des Westens und des Ostens im Bezug auf das menschliche Dasein, komme ich in diesem Essay zu dem Schluss, dass trotz der universellen Gültigkeit der Freudschen Metapsychologie die Entwicklungsansätze und therapeutische Methodologie der Psychoanalyse eurozentrisch sind und dringend sorgfältig modifiziert werden müssen, bevor man sie auf die nicht-westliche Welt anwenden kann. Freuds Spekulationen über die Religion würden in einigen Bevölkerungsbreiten in Asien und Afrika als fremdartig, wenn nicht gar als beleidigend empfunden werden. Daher ist es ermutigend zu sehen, dass der Freudsche skeptische Reduktionismus vis-à-vis der Existenz Gottes in theoretische Gedankenkonstrukte viel größeren Ausmaßes Einzug erhalten hat.

    Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Psychoanalyse der östlichen Welt viel zu bieten hat und als ein Lichtfunke für den dort aufkommenden Individualismus der Psyche dienen kann. Dennoch sollte nicht übersehen werden, dass die östliche Welt im Gegenzug auch der Psychoanalyse viel zu bieten hat: Die Einbeziehung ihrer Traditionen, Philosophien und Weisheit können die Disziplin, die Sigmund Freud Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begründete, nur bereichern. Ein kürzlich erschienenes Buch, unter dem Titel Psychoanalysis in Asia, herausgegeben von Alf Gerlach, Maria Teresa Savio Hooke und Sverre Varvin, mit Beiträgen von chinesischen, indischen, japanischen und südkoreanischen Analytikern, ist der überzeugende Beweis für diese Behauptung.

    Salman Akhtar ist Professor für Psychiatrie am Jefferson Medical College in Philadelphia. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählt das Buch The Crescent and the Couch, das sich mit dem Islam und der Psychoanalyse beschäftigt.

    Übersetzung: Simone Falk

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2014
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