Foto: Kai Wiedenhöfer

    Psychologie

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Aktueller denn je
    Psychologie in der arabischen Welt heute
    Interview mit Jalil Bennani

    Marokko zählt zu den afrikanischen und arabischen Ländern, die die Psychoanalyse derzeit am stärksten aufnehmen. Über die Gründe dafür und über die Schwierigkeiten, mit denen die Psychoanalyse in der islamischen Welt noch zu kämpfen hat, sprach Martina Sabra mit dem bekannten marokkanischen Psychotherapeuten Jalil Bennani.


    Martina Sabra: Wie sehen Sie als Psychoanalytiker die jüngsten sozialen und politischen Umwälzungen in Nordafrika und Nahost?

    Jalil Bennani: Es war zunächst eine soziale Revolte gegen die Frustrationen, die Erniedrigungen, die Repression; ein machtvolles, unmittelbares, radikales Infragestellen der hergebrachten Ordnungen und vor allem der Autorität der alten Staatschefs. Die Araber haben das verbreitete Vorurteil widerlegt, sie seien unterwürfig und passiv. Bemerkenswert fand ich, dass die wesentlichen Bezugsfiguren der Revolten nicht charismatische Führer waren, sondern verletzte menschliche Wesen. In Tunesien identifizierte die Menge sich mit einem fahrenden Gemüsehändler, die Demonstrierenden erkannten sich im Leid von Mohamed Bouazizi wieder. Das zwingt uns dazu, gewohnte Erklärungsmuster in Frage zu stellen. Man muss anerkennen, dass die Menge sich in diesem Fall nicht einen Helden suchte, sondern sich mit einem leidenden Individuum identifizierte.

    Dennoch scheint das Verlangen nach einem so genannten „starken Mann“ populärer denn je zu sein. Wie erklären Sie sich das? Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass große Teile der Gesellschaften vom Atlantik bis zum Golf einerseits revoltieren, viele Menschen aber gleichzeitig nach einfachen Lösungen und simplen Identitäten suchen; dass sie anscheinend bereit sind, sich archaischen, patriarchalen Autoritäten zu unterwerfen?

    Ich sehe hier eine Art Rückkehr des Verdrängten. Die rebellischen jungen Leute riefen im Jahr 2011: „Wir wollen keinen Chef mehr“, und sie wollten dieses Motto in ihren eigenen Reihen anwenden. Doch eine Organisation ohne Chef kann schwerlich über einen längeren Zeitraum bestehen und ihre Ziele verwirklichen. Die Diktatoren sind verjagt worden; aber das bedeutet nicht, dass man die Repräsentationen der Autorität des Vaters ausradiert hat, oder dass man keine Chefs, Führer oder Macher mehr bräuchte. Es ist diese Verdrängung, die mit dazu geführt hat, dass der Chef zurückkehren konnte, in seiner rigiden und archaischen Form. Die Väter zu verjagen bedeutet nicht automatisch, dass man die jeweilige Form des Patriarchats abschafft. Man muss allerdings festhalten, dass die traditionellen Repräsentationen von Männlichkeit und väterlicher Autorität ziemlich gefleddert worden sind. Die blinde Gewalt kann als eine Art psychische Abwehrreaktion gedeutet werden, ein unbewusstes Eingeständnis dieser Schwäche. Der Psychoanalytiker Fethi Benslama spricht in diesem Zusammenhang von der Sehnsucht nach dem Vater. Man weiß, dass solche Art Nostalgie manchmal zu verzerrten Wahrnehmungen der eigenen Zugehörigkeit und Identität führen kann. Wir kennen das von Migranten: Sie haben ihre Heimat verlassen, erleben den realen sozialen Wandel dort nicht mit. Sie kommen aber auch in der neuen Heimat nicht richtig an. Aus der Nostalgie wird ein Idealbild, eine imaginierte Tradition, die mit den realen Gegebenheiten kaum noch etwas zu tun hat. Diese verzerrte Wahrnehmung kann generationenübergreifend wirken.

    Werdegang

    Sie haben 1967 in Marokko mit dem Medizinstudium begonnen. In den 1970er Jahren gingen Sie nach Frankreich, um Ihren Facharzt zu machen. Warum haben Sie sich für die Psychiatrie entschieden, und woher rührte Ihr Interesse an der Psychoanalyse?

    Ich habe mich nicht für die Psychoanalyse entschieden, sondern eher umgekehrt. Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine. Wann immer wir Entscheidungen treffen oder auf unserem Weg eine bestimmte Richtung wählen, spielt das Unbewusste eine Rolle. Als ich nach dem Facharztexamen in Psychiatrie in Frankreich zu arbeiten begann, waren viele meiner Patienten Migranten aus Nordafrika. Alle meine Versuche, ihre Leiden mit Medikamenten zu behandeln, scheiterten kläglich. Ich hatte daher keine andere Wahl, als es mit der Psychoanalyse zu versuchen. Es war absolut notwendig, mit diesen Menschen zu sprechen, wobei viele zwei Sprachen beherrschten. Ich habe ihnen zuhören können und ich konnte eine Vorgehensweise entwickeln, die auf dem gesprochenen Wort und dessen Wirkungen basierte. Dieser methodische Ansatz ist für alle Patienten überall auf der Welt gültig, unabhängig von der Sprache oder den kulturellen Wurzeln. Allerdings hatten viele der Patienten eine Besonderheit: Aufgrund ihrer gesellschaftlichen und sprachlichen Isolation ließ sich bei ihnen deutlicher als bei anderen Patienten erkennen, wie krank das Schweigen und die unterdrückten Wünsche einen Menschen machen können.

    Historisch betrachtet kann man sagen, dass die Psychoanalyse in den 1980er Jahren unter Psychiatern wesentlich stärker in Mode war als heute. Wer sich in der Facharztausbildung befand, so wie ich damals, für den war es ganz normal, sich auf die Couch zu legen und sich auch selbst analysieren zu lassen. Ich habe erst später entdeckt, welche Wirkungen die Psychoanalyse auf die sozialen Beziehungen, auf Normen und Werte hatte. Die Psychiatrie hatte mich interessiert, weil ich neugierig war und weil ich den Menschen besser verstehen wollte. Die Psychoanalyse hat mir erlaubt, auf diesem Weg weiterzugehen, indem ich mich selbst einer Befragung unterzog, in Bezug auf meine Geschichte, meine Kultur, meine Sprache und meine unbewussten Wünsche.

    Welchen Status hatten die Psychiatrie, die Psychologie und die Psychoanalyse damals in Marokko? Gab es einzelne Personen oder Gruppen, die sich mit Psychoanalyse beschäftigten? Standen Sie mit solchen Gruppen in Kontakt, gehörten Sie dazu?

    Damals existierte das Fach Psychologie in Marokko nicht, von der Psychoanalyse ganz zu schweigen. Das hatte auch politische Gründe. Psychoanalyse bedeutete Kritik an der Religion und an herrschenden Diskursen und galt als subversiv.

    Auch Fachärzte der Psychiatrie wurden in Marokko erst ab den 1980er Jahren systematisch ausgebildet. Es gab nur sehr wenige praktizierende Psychiater, die ihr Studium und die Facharztausbildung fast alle in Frankreich absolviert hatten. Als ich 1980 nach Marokko zurückkehrte, wollte ich dort psychoanalytische Methoden bekannt machen und verankern, durch Praxis, Vorträge und Aufsätze. 1985 habe ich mit einigen Kollegen die erste psychoanalytische Vereinigung Marokkos gegründet: Le Texte Freudien, „Der freudianische Text“. Wir waren damals noch nicht so weit, dass wir eine fachliche Ausbildung anbieten konnten, aber immerhin kann man sagen, dass wir die Psychoanalyse in Marokko bekannt gemacht haben. Später sind dann weitere Vereine und Gruppen entstanden: 1992 gründeten wir die Association Marocaine de Psychothérapie. 2001 die Société Psychanalytique Marocaine. Die Zeit war damals reif dafür, das Land öffnete sich. Wir hatten viele Erfahrungen gesammelt, die Nachfrage nach fachlichen Fortbildungen stieg. Das Vorhandensein einer psychoanalytischen Vereinigung erlaubt es, dass man außerhalb seiner Arztpraxis aktiv werden kann, dass man sich trifft, gemeinsam theoretisch arbeitet, auch interdisziplinär, dass man seine Arbeiten veröffentlicht. Die Verbreitung der Psychoanalyse findet durch private und öffentliche Arbeit statt. Dafür braucht man ein Minimum an Freiheit und Demokratie. Im Jahr 2009 habe ich den Cercle Psychanalytique Marocain mitgegründet, der mittlerweile ganz einfach Le Cercle Psychanalytique heißt, um das Streben nach einer internationalen Präsenz zu dokumentieren. Sie sehen, es braucht Zeit. Die Geschichte der Psychoanalyse ist eine Abfolge von Brüchen und Abspaltungen, eine Tendenz, der ich mich nicht habe entziehen können, was mir allerdings erlaubte, immer wieder neu anzufangen und dabei auf den Erfahrungen der Vergangenheit aufzubauen.

    Erinnern Sie sich an Ihre ersten Berührungen mit der Gedankenwelt Sigmund Freuds?

    1974 arbeitete ich als Facharztanwärter in psychiatrischen Kliniken in Frankreich. Ich führte Gespräche mit Patienten und sollte im Anschluss jeweils meine ärztlichen Beobachtungen schriftlich festhalten, Diagnosen erstellen und diese begründen. Die Psychopathologie, die den Symptomen eine Verstehbarkeit und einen gewissen Sinn verlieh, war eng verbunden mit der psychodynamischen Psychiatrie und der Psychoanalyse.

    Die Texte von Freud waren für mich die Grundlage. Besonders stark beeinflussten mich Die Traumdeutung, Psychoanalyse und das Buch Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Meine Facharztausbildung habe ich bei Dr. Tony Lainé absolviert. Er und sein Team betrachteten psychische Leiden unter psychoanalytischen und unter gesellschaftlichen und politischen Gesichtspunkten. Dahinter steckte eine ganze Philosophie. Es ging nicht darum, die Menschen mit Medikamenten ruhigzustellen, sondern sie zu heilen, mit den besten verfügbaren Mitteln und ohne sie hinter Mauern einzusperren. Es war die Zeit der humanistischen Psychiatrie, die verschiedene Disziplinen in sich vereinte. Diese Begegnungen und Erfahrungen prägten meinen weiteren beruflichen Werdegang entscheidend.

    In welcher Sprache haben Sie die Bücher von Freud gelesen? Auf Französisch oder auf Arabisch?

    Zunächst hatte ich nur französische Übersetzungen. Später konnte ich Die Traumdeutung dank der Übersetzung von Moustapha Safouan auf Arabisch lesen.

    Beginn der arabischen Psychoanalyse

    Die Psychoanalyse wurde in Europa begründet und von westlichen Ärzten im Zuge des Kolonialismus nach Marokko „mitgebracht“. Was bedeutete das für die Akzeptanz der Methode im Allgemeinen? Was bedeutete es für Sie? War oder ist die Psychoanalyse für Sie ein „westliches“ Konzept?

    Während der Kolonialzeit hat die Psychoanalyse in Nordafrika vor allem in Marokko ein Echo gefunden. Das ist quasi unbemerkt und ungewollt passiert, durch Ärzte, die ursprünglich für eine begrenzte Zeit kamen und die nicht vorhatten, die Psychoanalyse als Methode einzuführen. Aber ihre Präsenz hat in einigen psychiatrischen Kliniken und Abteilungen Spuren hinterlassen. Im Nahen Osten war Ägypten das Land, wo in den 1930er bis 1950er Jahren eine kleine englischsprachige Gruppe existierte, die sich später aufgrund des sozialen und politischen Drucks aufgelöst hat. Danach rangierte der Libanon, wo die Psychoanalyse sich seit den 1970er Jahren fest etablierte. In Marokko passierte während dieser Zeit nicht viel, weil mit der Unabhängigkeit 1956 und dem Abzug der Kolonialmacht auch die spezialisierten französischen Ärzte das Land verlassen hatten. Die französischen Psychiater waren auf franko-französische Patienten konzentriert und hatten sich auch kaum mit der marokkanischen und arabisch-islamischen Kultur befasst. René Laforgue war eine der wenigen Ausnahmen; er hatte in direktem Kontakt mit Freud gestanden, in Berlin, aber er war nach dem Krieg sehr umstritten. Seine Arbeiten waren nicht systematisch, er verallgemeinerte sehr grob und er war abgeschnitten von der marokkanischen Wirklichkeit.

    Ein wesentliches Element bei der Vermittlung der Psychoanalyse ist aber, dass man den jeweiligen kulturellen Kontext hinterfragt und dass man im Rahmen der Sprache und der Kultur des jeweiligen Landes bzw. der Gesellschaft arbeitet. Was mich angeht, so musste ich die Theorien der kolonialen Epoche „dekonstruieren“, im Sinne von Jaques Derrida, um sie kritisch zu durchdringen und sie im Kontext der Zeit zu situieren. Meiner Meinung nach geht es weniger um eine Anpassung als um eine Wiederaneignung des Wissens. Die kulturellen Besonderheiten, die „Wörter“ (mots) der Kultur können auf diese Weise den universellen symbolischen Hintergrund bereichern.

    Sigmund Freud arbeitete mit Repräsentationen, Bildern und Metaphern, die der antiken griechischen Mythologie und Literatur entnommen waren, unter anderem Figuren wie Ödipus und Narziss. Wie konnte vor diesem Hintergrund eine Adaptation oder Wiederaneignung von zentralen Ideen der Psychoanalyse im kulturell ganz anders geprägten Marokko stattfinden?

    Die Psychoanalyse wurde vor mehr als einhundert Jahren in Wien begründet. Aber die Vorstellung vom Unbewussten war und ist noch immer eine Hypothese, die der praktischen Überprüfung standhält. Fehlleistungen, Versprecher und Verdrängung findet man bei Individuen aller Kulturen. Davon abgesehen, hat jede Kultur ihre eigenen Erzählungen und Mythen. Nehmen Sie als Beispiel Tausendundeine Nacht: Eine Geschichte wie die des Fischers Jaoudar ist ein perfektes Beispiel dafür, wie der Fischer mit einem inzestuösen Phantasma gegenüber seiner Mutter konfrontiert ist und wie er sich davon befreit. Hier haben wir es mit denselben Objekten zu tun wie jenen, die den psychoanalytischen Konzepten zugrunde liegen.

    Die Psychoanalyse im Sinne Sigmund Freuds bearbeitete drei große Themen: das autonome Individuum, die Sexualität und die Religion. Freud stammte aus einer jüdischen Familie, er war überzeugter Atheist und er hielt Religion für eine Art Neurose. Was bedeutet die Religionskritik für die Rezeption Freuds in Marokko und in anderen Ländern der Region?

    In der Tat wendet sich die Psychoanalyse an das Individuum. Die sozialen Wandlungsprozesse in Marokko haben dazu geführt, dass Menschen sich immer mehr als Individuen artikulieren, dass sie Autoritäten, Traditionen und Tabus in Frage stellen. Auch Forderungen nach mehr Rechten für die Frauen wurden laut. Die Psychoanalyse hat diese Entwicklungen begleitet, indem sie Raum für individuelles Zuhören schuf und indem sie einen Diskurs bereitstellte, der die anderen Diskurse in Frage stellte. Was die Sexualität angeht – die Traditionen können sie vielleicht unterdrücken, aber die Verbote werden sehr oft ignoriert, weil man das individuelle Begehren einfach nicht unterdrücken kann. Die jungen Leute erschüttern die Verbote, indem sie sich entziehen, indem sie die Codes durcheinanderbringen. Wir haben auch beobachtet, dass nahezu alles in Frage gestellt wird: Die Unterwerfung der Frau unter die männliche Autorität, die Beschränkung ihrer Rolle auf die Reproduktion und ihr Ausschluss aus dem öffentlichen Raum. Was die Religion betrifft, so hat Freud sie tatsächlich als kollektive Neurose bezeichnet, aber seine Position in dieser Hinsicht hat sich entwickelt und er hat der Dimension des Heiligen schließlich ihren Platz eingeräumt. Heute kommen viele praktizierende Gläubige zur Analyse, Muslime und Nichtmuslime, überall auf der Welt. Ihnen hilft die Analyse, Glauben und Neurose voneinander zu unterscheiden.

    Sie arbeiten nun schon über drei Jahrzehnte als Psychiater und Psychoanalytiker in Rabat. Wie haben sich die Vorstellungen in der marokkanischen Gesellschaft über „Verrücktheit“ und „Normalität“, über psychische Krankheit und Gesundheit in dieser Zeit entwickelt?

    Die Vorstellungen haben sich vor allem seit den 1980er Jahren sehr stark gewandelt, in mehreren Etappen. In den 1980er Jahren existierten traditionelle und wissenschaftliche Diskurse und Behandlungsformen noch nebeneinander, wobei die traditionellen Behandlungsformen das religiöse Feld umfassten, den Raum der Marabouts und der Magie. Auf der einen Seite glaubte man an die Tradition, auf der anderen Seite an die Wissenschaft, und beides mischte sich.

    Nach und nach haben sich die beiden Bereiche voneinander getrennt, auch wenn beides immer noch nebeneinander existierte. Komplexe Syndrome mit Wahnvorstellungen und Delirien wurden mit der Zeit nicht mehr als Besessenheit interpretiert, sondern als Zeichen einer psychischen Erkrankung. Symptome wie z.B. hysterische Krisen, Phobien, Zwangshandlungen, psychosomatische Erscheinungen werden heute nicht mehr Geistern zugeschrieben, sondern man sucht nach individuellen Ursachen. Das heißt nicht, dass die traditionellen Praktiken komplett verschwunden wären, bei weitem nicht. Aber die wissenschaftlichen Behandlungsformen werden immer dominanter. Gleichzeitig hat die Tabuisierung psychischer Erkrankungen abgenommen. Immer mehr Menschen aus allen Milieus gehen bei psychischen Problemen zu Spezialisten.

    Was die Psychotherapie betrifft, ob Verhaltenstherapie, Familientherapie oder Psychoanalyse, so entwickelt sich diese vor allem in den großen Städten. Vielen Menschen ist heute klar, dass Medikamente allein keine Lösung darstellen, sondern dass die Sprache, das Gespräch und das Verstehen der Symptome notwendig sind. Das ist der Kontext, in dem die Psychoanalyse zurückkehrt und sich entfaltet, aber wir stehen noch ganz am Anfang.

    Bedeutung der Sprache

    Wie hat die Beschäftigung mit der Psychoanalyse Ihre persönliche Sicht auf die Welt und auf die Gesellschaft verändert? Wie hat die Methode sich auf Ihr Selbstbild als Bürger und als Mensch ausgewirkt, auf Ihre Wahrnehmung der Machtbeziehungen in Ihrem Umfeld?

    Zunächst einmal hat die Psychoanalyse mich dazu gebracht, dass ich der Sprache die ihr gebührende Bedeutung eingeräumt habe, sowohl in der klinischen Arbeit als auch im persönlichen Leben. Die Psychoanalyse lehrt einen, die Dinge beim Namen zu nennen, aber sie lehrt einen auch, zu schweigen, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, wenn man Zeit zum Nachdenken braucht, wenn man dem anderen zuhören sollte. Die Psychoanalyse hat mir auch erlaubt, mich für Kunst und Literatur zu öffnen. Sie ist keine Ideologie, aber sie hat mich gelehrt, das Individuelle vom Kollektiven zu trennen. Was auf der individuellen Ebene passiert, hat immer auch Auswirkungen auf die Gruppe. Die Psychoanalyse ist heute aktueller denn je, angesichts der immer wiederkehrenden primitiven Instinkte, mit ihrem Gefolge aus Grausamkeit und Hass, wie man es jetzt in den Kriegen und in den bewaffneten Konflikten beobachten kann. Die Diktaturen sind nur dazu da, den Hass einzusperren und zu nähren. Ohne den Einfluss von Kultur und Bildung werden die Zivilisation und unsere Menschlichkeit untergehen.

    Welche Status haben Psychologie und Psychoanalyse heute in Marokko als akademische Fächer und in öffentlichen Debatten?

    Psychologie ist heute ein normales Studienfach an den Universitäten der großen Städte, in Rabat, Casablanca und Marrakesch. Die Psychoanalyse ist durch Vereinigungen vertreten und eine spezielle Ausbildung wird angeboten. Die medizinische Fakultät der Universität Marrakesch hat jetzt zum ersten Mal in Marokko eine zertifizierte Fortbildung in Psychoanalyse eingeführt, wodurch junge Psychiater die Möglichkeit haben, sich in dieser Disziplin zusätzlich zu qualifizieren. Die Psychoanalyse ist auf allen Ebenen anerkannt: als ärztliche Praxis, aber auch als Diskurs in den gesellschaftlichen Debatten, einschließlich der Medien. Sie hat an der Öffnung der Gesellschaft teil, indem sie dominante Diskurse in Frage stellt, seien diese politisch, ideologisch, kulturell oder religiös. Von einer echten Ankunft der Psychoanalyse werden wir freilich erst dann sprechen können, wenn sie sich mit der Kultur vermischt, wenn sich eine maghrebinische Psychopathologie entwickelt, die in der Sprache des Landes arbeitet. Die aktuellen Arbeiten, auch wenn sie nicht sehr zahlreich sind, gehen in diese Richtung.

    Die Psychoanalyse, psychoanalytische Begriffe und Kategorien sind auch in Marokko ein Teil der öffentlichen Diskurse geworden. Sehen Sie dabei einen Unterschied zwischen frankophonen und arabophonen Milieus?

    In Marokko ist die Psychoanalyse bislang sicher noch ein Privileg der frankophonen Bevölkerungsgruppen. Aber es gibt auch arabophone Schichten, die sich darauf beziehen, die die Methode hinterfragen, befragen und die den Diskurs akzeptieren, auch in Bezug auf die Religion, vor allem wenn diese dogmatisch, geschlossen und alles erklärend und alles regelnd ausgelegt wird. Marokko hat eine Brückenfunktion: Psychoanalytiker aus westlichen Ländern schauen zuerst nach Marokko, um zu verstehen, wie die Gewohnheiten und Traditionen funktionieren und um zu erfahren, wie es weitergeht mit ihrer Disziplin in diesem Teil der Welt. Ich denke, dass sich die Psychoanalyse hier immer wieder neu erfinden wird.

    Interview und Übersetzung aus dem Französischen: Martina Sabra. Das Interview wurde per E-Mail und per Skype geführt.
    Professor Dr. Jalil Bennani ist Psychologe und Psychotherapeut in Rabat. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählt: Psychanalyse en terre d’islam (Arcanes Eres/Le Fennec, 2008).

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2014
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