Foto: Kai Wiedenhöfer

    Psychologie

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Heimweh
    Wenn die Heimat zur Fremde, die Fremde aber nicht zur Heimat wird

    In einer globalisierten und dicht vernetzten Welt, in der geistige und körperliche Mobilität eine immer höhere Relevanz bekommen, noch von Heimat und Heimweh zu sprechen, scheint kontraintuitiv oder zumindest klärungsbedürftig zu sein. Gerade deshalb soll hier gezeigt werden, wie eine Beschäftigung mit Heimweh auch gegenwärtig, philosophisch, psychologisch, sozialpolitisch sowohl sinnvoll als auch notwendig ist. Hierzu werden Erkenntnisse der psychologischen Wissenschaft mit Fragen der Migrationsforschung verknüpft und einige Ergebnisse einer eigenen empirischen Forschung mit türkeistämmigen Zuwanderern in Deutschland vorgestellt.

    Der deutsche Dichter der Romantik, Novalis, mit dem bürgerlichen Namen Friedrich von Hardenberg, hatte einst behauptet, alle Philosophie sei Heimweh, und dann etwas abmildernd hinzugefügt, sie sei das Bestreben, überall Zuhause sein zu wollen.

    In der Tat stellen Heimat und Heimweh, aber auch Fernweh, das Bestreben, das Glück außerhalb der beengten eigenen Provinz zu suchen, dominante Motive der romantischen Phase. Heute von Heimweh zu sprechen, hat jedoch etwas Anachronistisches; denn die Aufgabe des modernen flexiblen Menschen, vor allem in der gegenwärtigen kapitalistischen Ausformung des Wirtschaftens, besteht ja gerade darin, wie Richard Sennett das sehr schön zeigt, keine Heimat im engeren Sinne zu haben, an keinen festen Ort, an keine Freunde und Verwandte gebunden zu sein, vollmobil und überall einsetzbar zu sein, sich also von sozialen und territorialen Begrenzungen in seinem Aufstiegswillen nicht behindern zu lassen. Heimweh billigen wir allenfalls Grundschulkindern zu, wenn sie nach einem langen Aufenthalt im Schullandheim wieder zurück zur Mama, zurück zum vertrauten Heim und in die gewohnte Umgebung wollen. Doch was passiert, wenn die „Seele heimatlos wird“? Wenn Heimweh einen lähmt? Und: Wie kann eine neue Beheimatung erfolgen?

    Homo migrans

    Machen wir es uns vielleicht mit der vorschnellen Zurückweisung des Heimwehs als legitimen Gefühlszustandes eines erwachsenen Menschen zu einfach? Anthropologisch lässt sich der Mensch nach Karen Joisten als Heim-weg charakterisieren, auf dem Weg nach Hause, worin sowohl das Bedürfnis nach Heim, nach etwas Geborgenheit und Sicherheit, aber auch der Prozess des Auf-dem-Weg-zu-sich-seins markiert ist. Denn der Mensch ist stets ein wandernder gewesen, er ist anthropologisch betrachtet in seiner Geschichte als Wanderer sozialisiert worden; homo migrans – und nicht homo sapiens – kennzeichnet ihn am einprägsamsten.

    Im Heimweh jedoch drückt sich genau das Fehlen dieses Gefühls der Geborgenheit, der Zuversicht und der existentiellen Sicherheit aus, das von bestimmten Orten ausgeht. Doch eine Verkürzung auf Orte wird dem Phänomen nicht gerecht; Heimat ist nicht ein territorialer, sondern stets ein sozialer Ort. Deshalb ist Heimweh zu verstehen als eine rückwärts gerichtete Sehnsucht, als eine Sehnsucht nach Daheim, nach vertrauten Orten und Dingen, aber allen voran auch Personen, und dies möglicherweise gegenwärtig umso mehr, angesichts von Globalisierung und weltweiter Vernetzung, bzw. globaler Heimatlosigkeit.

    Heimweh wird also meist im Modus des Verlustes verspürt, und zwar eines Verlustes geliebter und vertrauter Objekte, Menschen und Orte; und dies vor allem im Exil, auf der Flucht, im Provisorium. Das sind Erfahrungen, die bspw. angesichts der Situation im Nahen Osten gegenwärtig Menschen millionenfach treffen. Im Gefühl des Heimwehs finden stets eine Entwertung der gelebten Wirklichkeit und eine imaginierte Aufwertung der Vergangenheit statt. Je länger der Mensch von der Heimat entfernt ist, desto stilisierter, verzerrter werden die Bilder und Mythen, die von der Heimat konstruiert werden. Im Akt des Heimwehs werden Befriedigungspotentiale der Gegenwart und der Zukunft in die Vergangenheit verlagert. „Früher, in der Heimat, wo alles noch so schön war“, so etwa werden die Narrative um das Selbst eingeleitet.

    Im Folgenden werde ich nach einer kurzen historisch-philosophischen Einführung einige psychologische Theorien und Befunde zum Heimweh skizzieren und im letzten Teil versuchen, die sozialpolitische Dimension des Heimwehs am Leben von Zuwanderern, und hier insbesondere türkeistämmiger Zuwanderer, zu exemplifizieren.
    1. Historisch-philosophische Dimension

    2. Schon von Ovid wird berichtet, dass er Heimat als jenen Ort verstanden hat, in dem die eigene Sprache gesprochen wird. Heimat also als der Ort, wo man im emphatischen Sinne verstanden wird, und als der Ort, an dem man die Welt versteht, weil sie einem vertraut ist.

      Studien zum Heimweh sind ein klassisches Thema der Forschung zur psychischen Gesundheit von Fremden; diese sind seit dem 17. Jahrhundert unter der Bezeichnung „nostalgische Reaktion“ bekannt. Darin sehen wir die Verknüpfung der altgriechischen Termini, „nostos“ und „algos“, also der Engführung von „Vergangenheit“ und „Schmerz“. Insbesondere der Schweizer Arzt Johannes Hofer gilt als einer der „neuzeitlichen Entdecker“ des Heimwehs, der zumindest die interessanteste Ableitung der Heimwehreaktionen vorträgt: Für ihn besteht das „Wesen der Krankheit“, die er „Heimwehe“ nannte, in einer gestörten Einbildungskraft, bei der es zu einer Verirrung der Lebensgeister kommt, die statt sich durch den gesamten Kopf des Menschen zu bewegen und ihren biologisch-vitalen Funktionen nachzukommen, nur an dem „Streifenhügel wandeln, in dem die Idee des Vaterlandes ihren Sitz hat“. Dadurch wecken sie unablässig die Idee der Heimat und blockieren den Menschen für andere Gemüts- und Geisteszustände. Diese „Krankheit“ meinte er 1688 in den Reaktionsformen schweizerischer Soldaten gefunden zu haben, die in fremden Diensten waren und bei den ersten Kuhglocken sofort an ihre schweizerische Heimat denken mussten.

      In der Philosophie des 20. Jahrhunderts hat vor allem Ernst Bloch, der sowohl unter dem Einfluss der Psychoanalyse als auch des Marxschen geschichtsphilosophischen Denkens stand, am Ende seines monumentalen Werkes Das Prinzip Hoffnung die Ideen von Heimweh und Heimat aufgenommen und die Utopie einer Heimat für die gesamte Menschheit entworfen: Der noch in der Vorgeschichte lebende Mensch wird, nach Abschüttelung der Fesseln eines entfremdenden kapitalistischen Wirtschaftens, zu sich finden und etwas erschaffen, „was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“.

      In der Begrifflichkeit der Psychoanalyse lässt sich im Heimweh die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit deuten. In dieser Konzeption idealisiert der an Heimweh Leidende diese verlorene, vertraut empfundene Lebenswelt und benennt mit Heimat den Ort des kindlichen Glückes, aber auch das Gefühl des anstrengungslosen Versorgtseins in der Kindheit. In einer extremen Ausformung, quasi als ein psychiatrisches Bild, kann Heimweh sowohl Ausdruck einer ausgeprägten Regressionsneigung als auch Schutz vor einer Psychose, einem drohenden Ich-Zerfall oder einem Suizid sein.

    3. Psychologische Dimensionen

    4. Die Fragen nach möglichen Zusammenhängen zwischen Migration und psychischer Störung sind mehr als 100 Jahre alt. Bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts existierten Studien zu psychogenen Störungen in „sprachfremden Umgebungen“, psychopathologische Studien zu Entwurzelung und Heimweh.

      Auf den Zusammenhang zwischen Heimweh und Delinquenz hat der Philosoph Karl Jaspers hingewiesen: Seine Doktorarbeit von 1909 mit dem Titel Heimweh und Verbrechen ging der Frage nach, wie Entwurzelung aus dem elterlichen Haus junge Mädchen aus Verzweiflung zu schwerstkriminellen Handlungen wie Kindstötungen und Brandstifterei verleitete. Vor allem die hohen Zahlen endogener Psychosen und die hohen Selbstmordraten bildeten den besorgniserregenden Kern der frühen Studien zum Heimweh. In der ersten Phase war die Forschung zu Migration beherrscht von zwei entgegengesetzten Auffassungen: einerseits der so genannten „Selektionshypothese“, d. h. der Auffassung, dass in der Fremde psychiatrisch auffällig gewordene Personen bereits in der Heimat präpsychotische Merkmale gehabt und von einer Unruhe geplagt gewesen seien, auf belastende Situationen krankhaft reagiert und die Fremde quasi als Remedium aufgesucht hätten. Demgegenüber vertraten Faris und Dunham bereits Ende der 30er Jahre die These, dass kulturelle Isolation und sozial ungünstige Lebenswelten insbesondere in Großstädten für Fremde gravierende Gefahrenpotenziale psychischer Erkrankungen bieten.

      Fokussiert auf das Heimweh lässt sich festhalten: Aspekte des Heimwehs berühren eine breite Palette psychologischer Fragestellungen wie etwa Trennung und Verlust, Bindung etc.; denn Heimweh ist auch immer ein Ausdruck von Kontrollverlust: die neue Umgebung muss erst einmal angeeignet und in bekannte Muster assimiliert werden. Möglicherweise ist Heimweh auch eine Form des Eskapismus, der Flucht aus den Anforderungen des Alltags, als eine Form der emotionalen Bewältigung alltäglicher konkreter Sorgen.

      Heimweh ist keine Krankheit

      Gleichwohl Heimweh mit bestimmten psychischen Symptomen korreliert, so etwa mit vergangenheitsorientiertem Grübeln, mit Angst und auch erhöhter Depressivität, ist zu unterstreichen, dass Heimweh kein klassisches klinisches Krankheitsbild darstellt. Heimweherfahrungen sind am ehesten innerhalb von Motivations- und Stimmungsveränderungen zu erklären.

      In ihren Studien mit walisischen Studenten in England fand Shirley Fisher, dass bei Menschen, die unter Heimweh leiden, eine Dominanz bildlicher Vorstellungen vorliegt, dagegen jedoch bei den nicht-heimwehkranken die Gedanken eher auf konkrete Probleme ausgerichtet sind und es gravierende Unterschiede in der kognitiven Aktivität gibt. Vermutlich stellt also Heimweh auch eine Form des Eskapismus dar, weil Tagträume und das Denken an die angenehmen Seiten der Vergangenheit die Konfrontation mit aktuell anstehenden Problemen vermeiden hilft. Ferner konnte sie zeigen, dass Heimweh von äußeren Faktoren wie Alter und Geschlecht unabhängig war, dass Heimwehgefühle vermehrt am Morgen und am Abend auftraten, d. h. also, dass die Tagesaktivitäten und die konkrete körperliche Arbeit durchaus einen mäßigenden Einfluss auf die Ausprägung des Heimwehs hatten. Nicht zuletzt bzw. korrelativ dazu traten Heimwehgefühle häufiger in Phasen geistiger Passivität auf.

      Lernpsychologisch lässt sich Heimweh aus der Diskrepanz, mit der sich die heimatliche Umgebung von der neuen unterscheidet (Unähnlichkeit des alten und neuen Lebensortes), vorhersagen. So kann bspw. angenommen werden, dass bei Menschen, die aus ländlich-agrarischen Kontexten in neue Metropolen ziehen, eine größere Heimweherfahrung auftritt als bei Menschen, die auch zuvor in urbanen Lebenskontexten wohnten.

      Schon seit je galten Menschen aus provinziellen Verhältnissen als prädisponiert für Heimweh und kulturelle Anpassungsschwierigkeiten, da sie oft in einer beschränkten, bescheidenen, einsamen und einfachen Umgebung groß geworden sind, folglich einen anderen Arbeitsrhythmus, ein anderes Verhältnis zur Zeit und eine andere Wahrnehmung menschlicher und gesellschaftlicher Räume hatten, deren soziokultureller Habitus sie also wenig adaptiv für neue Lebensumstände machte. Dieser Aspekt ist insbesondere für türkeistämmige Zuwanderer in Deutschland relevant: Kürsat-Ahlers & Ahlers nehmen an, dass rund zwei Drittel der ersten Generation aus dörflichen Provinzen Anatoliens stammt.

      In diesem Zusammenhang ist von Relevanz, ob die Auswanderung freiwillig oder gezwungen bzw. durch die familiäre, ökonomische Situation herbeigeführt wurde. Denn eine freiwillige Migration macht die Aneignung und die Akzeptanz der neuen Räume als die neue Heimat deutlich leichter als eine erzwungene. Wer bewusst wegzieht, wird sich möglicherweise eher bereit erklären, sich auf die neue Umgebung einzulassen, und sie als seine neue Heimat annehmen. Erschwerend kam bei vielen Arbeitsmigranten hinzu, dass dieser Wechsel nicht auf Dauer angelegt war und ungewollt zu einer Dauerlösung mutierte.

      Darüber hinaus gibt es übereinstimmende Befunde, die belegen, dass Personen, die mit Familien umziehen, die Situation in der neuen Heimat besser bewältigen als alleinstehende oder geschiedene Menschen; aber auch Menschen, die frühere Erfahrungen mit Ortswechseln in der ursprünglichen Heimat hatten, kommen besser in der neuen Heimat zurecht.

      Für die Erklärung des Heimwehs scheinen stresstheoretische Ansätze ergiebig zu sein: Wenn Zuwanderer mit Anforderungen wie der Organisation des Alltags in einer modernen Gesellschaft, der Integration in die Mehrheitsgesellschaft ohne Aufgabe eigener kultureller Überzeugungen, der Bewältigung der eigenkulturellen Modernitätsdefizite konfrontiert werden und sie dabei die Grenzen ihrer Fähigkeiten spüren, dann wird diese Situation als Stress wahrgenommen. Die Herausforderung, das Leben auch in der Fremde, in der neuen Heimat zu meistern, weicht dann dem Gefühl der Überforderung. Lazarus und Folkman, zwei prominenten Stresstheoretikern, zufolge, entsteht Stress, wenn Menschen im Umgang mit Anforderungen in persönlich wichtigen Bereichen wie Familie, Beruf oder auch Sozialbeziehungen nicht über ausreichende Bewältigungsressourcen verfügen. In dieser Konzeption lässt sich Stress als ein mehrstufiger Prozess begreifen, an dessen Beginn die wahrgenommenen Situationsanforderungen und die Einschätzung der Ressourcen stehen. Diese entscheiden darüber, ob ein konkretes Ereignis oder eine konkrete Situation als Herausforderung, Bedrohung, Verlust oder Gewinn betrachtet wird. Darauf folgen Bewältigungsversuche, die zum einen auf eine positive Veränderung der Problemlage, zum anderen auf eine Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit gerichtet sind. Das Ausmaß des Stresses, und somit des Heimwehs, kann durch soziale und personale Ressourcen gemindert werden. Als personale Ressourcen lassen sich individuelle Merkmale wie Selbstwirksamkeit und Selbstwertgefühl, aber auch formale Bildung verstehen. Als soziale Ressourcen werden soziale Netze wie Familien- und Freundschaftsbeziehungen bezeichnet, die eine Person zur Verfügung hat bzw. in Anspruch nehmen kann. Sie helfen der Person, unangenehme und negative Folgen bedrohlicher Anforderungen zu dämpfen. Erst die vergleichende Einschätzung der Anforderung und der zur Verfügung stehenden Ressourcen führt im Falle des Missverhältnisses zu Stress, d. h. zur Angst vor Überforderung.

    5. Sozialpolitische Dimensionen des Heimwehs

    6. Entlang dieses vorangegangenen kurzen theoretischen Umrisses soll abschließend das Heimweh türkeistämmiger Zuwanderer in Deutschland betrachtet werden. Warum aber genau diese Gruppe? Haben nur Türkeistämmige Heimweh?

      Zunächst gilt es zu erinnern, dass die Bedeutung der Heimat und des Heimwehs stets in der Fremde gespürt wird, weshalb Zuwanderung / Auswanderung / Exil konstitutiv für Heimweh sind. Dann stellen Türkeistämmige mit knapp drei Millionen auch zahlenmäßig die größte Einzelgruppe der Zuwanderer in Deutschland dar. Nicht zuletzt lässt sich diese Fokussierung aber auch inhaltlich rechtfertigen; denn in ihrer Selbstauskunft gehört das Leiden an Heimweh zu den auffälligsten psychischen Befindlichkeiten insbesondere älterer Türkeistämmiger in Deutschland. Dabei spielt es oft keine Rolle, wie lange sie schon in Deutschland sind; d. h. das Heimweh ist keine akute, auf den erst kurz zurückliegenden Ortswechsel zurückführbare emotionale Tönung, sondern ein beständiger Begleiter ihrer Seele, ganz im Sinne des berühmten Zweizeilers des türkischen Mystikers und Humanisten Yunus Emre aus dem 14. Jahrhundert: „Nicht ich bin in der Fremde, sondern die Fremde ist in mir.“

      Deshalb sind auch einige Befunde der Kulturschock-Hypothese in Zweifel zu ziehen. Hierzu gab es bereits in den 90er Jahren eine Vielzahl von Studien, die zeigen, dass die Häufigkeit psychischer Erkrankungen nicht, wie die Kulturschock-Theorie annimmt, in den ersten drei bis 18 Monaten zunimmt, sondern eher mit der Dauer des Aufenthaltes.

      Neben den gesundheitlichen Aspekten jedoch hat eine Beschäftigung mit Heimweh auch einige sozialpolitische Implikationen. Sie betrifft auch die Integrationsfähigkeit und -bereitschaft von Zuwanderern in Deutschland. Heimweh ist möglicherweise als ein entscheidendes Hindernis einer gelingenden Akkulturation, einer Aneignung kultureller Orientierungen, zu verstehen; denn wer sich psychisch noch stark an seine Heimat, seinen Ursprungsort gebunden fühlt, wird es schwerer haben, sich auf seinen neuen Lebensort einzulassen, sich zu öffnen und neue Wurzeln zu schlagen, Verantwortung für den neuen Lebens- und Wohnort zu übernehmen. Heimweh, so ist anzunehmen, könnte zu mangelndem Engagement in der neuen Heimat führen, zu zögerlicher Kontaktaufnahme mit den neuen Nachbarn und Mitmenschen, was wiederum zu weiterem Heimweh und Sehnsucht nach vertrauten Orten und Menschen der eigenen Herkunftsregion führt.

      Und auch die Tatsache, dass ein Teil der Türkeistämmigen bereits eingebürgert ist und sie als Deutsche zählen, ändert wenig an dieser Tatsache. Denn mit dem Wechsel des Passes, der Einbürgerung wird ja nicht zugleich auch die Heimat gewechselt, wie vielleicht nüchterne Realisten behaupten würden. Dies wird gerade an den älteren Türken der ersten Generation evident. Doch kritisch ist auch festzuhalten: Vielfach erweist sich die imaginierte Wärme und Geborgenheit der ursprünglichen Heimat nur als eine Illusion, von der die Rückkehrer einiges zu berichten wissen. Sie spüren das Schwinden der stilisierten Geborgenheit der Heimat; plötzlich wird dann Heimat zu einem gewohnten und von seiner Valenz befreiten Biotop, ein trister Ort wie jeder andere auch. So wird also nicht selten einigen Türkeistämmigen mit der Zeit die Heimat zur Fremde, ohne dass gleichzeitig die Fremde zur Heimat wird.

      Religion als Halt in der Fremde

      Wie wir in einer eigenen Untersuchung feststellen konnten, hatten vor allem Türkeistämmige mit geringerer Bildung ein starkes Heimweherleben. Zu vermuten ist, dass das komplexe, großstädtische und undurchsichtige Leben für sie als besonders anstrengend und überfordernd erscheint, so dass die Sehnsucht nach vertrauten Orten, Personen und Kontexten in ihnen stärker wachgerufen wird. Auch erleben sie vermutlich in der hiesigen Gesellschaft, in der formale Bildung ein elementares Statusmerkmal ist, eine stärkere Selbstentwertung, weil andere Stärken, die sie haben, wie etwa soziale Kompetenzen, Fürsorglichkeit, Loyalität in interpersonellen Beziehungen, hier eine geringere gesellschaftliche Akzeptanz finden.

      Darüber hinaus konnten wir feststellen, dass religiöse bzw. stärker muslimische Menschen ein geringeres Heimweh aufwiesen. Wie ist das zu erklären? Erwartbar wäre doch ein größeres Heimweh aufgrund der stärker wahrgenommenen kulturell-religiösen Distanz.

      Dies könnte auf zwei Faktoren rückführbar sein: 1. Menschen mit einer stärkeren religiösen Bindung konstruieren mit ihrer Glaubensgemeinschaft eine „symbolische Heimat“, fühlen sich in der Fremde im Glauben „gut aufgehoben“, haben oft innerhalb der eigenen religiösen Gruppe ein dichtes Netz an Sozialbeziehungen und leiden deshalb weniger an Heimweh. Religiosität wirkt hier also als eine persönliche Ressource. 2. Viele gläubige Muslime, denen die Praktizierung ihres Glaubens ein charakteristisches Merkmal ihrer Identität und ihres Entwurfes vom „guten Leben“ ist, können diese möglicherweise in Deutschland viel freier ausleben als bspw. in der Türkei; deshalb ist vermutlich auch die Sehnsucht, zurückzukehren, bei ihnen geringer ausgeprägt.

      Abschließend ist die Frage zu stellen, wie Deutschland die neue Heimat von Zuwanderern sein kann? Wir sollten zunächst anerkennen und würdigen, dass Zuwanderer deutlich anspruchsvollere Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben als Einheimische, aber auch anspruchsvollere als ihre nicht migrierten ehemaligen Landsleute. Sie haben eine bi- oder multikulturelle Identität zu entwickeln, sie müssen ihre familiären Beziehungen neu gestalten, sie müssen neue berufliche und soziale Rollen übernehmen und sie müssen angemessen die Verluste, d. h. alles, was sie im Heimatland zurückgelassen haben, wie Teile der Familie, soziale Netzwerke, betrauern und betrauern dürfen. Hierzu könnte – neben der konkreten Stärkung ihrer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabechancen – eine emphatische Haltung der Aufnahmegesellschaft nützlich sein, die ihnen auch diese regressiven Freiräume gewährt, ohne sie bei jeder ihrer Haltungen und Handlungen an den „integrativen Mehrwert ihres Tuns“ zu erinnern.
    Haci-Halil Uslucan, geboren 1965 in Kayseri / Türkei, lebt seit 1973 in Deutschland. Er hat an der FU Berlin Psychologie, Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2014
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