Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Editorial
    Zur Lage der Literatur

    Die Literatur fängt mit dem Publizieren an. Was in Europa seit Gutenberg im 16. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich dass Bücher gedruckt, von Verlagen vertrieben und von Buchhandlungen verkauft werden, galt in vielen Ländern vor allem Afrikas immer nur eingeschränkt, und wir wissen auch heute im reichen Westen nicht mehr, ob es bei diesem Modell des Publizierens bleiben wird. E-Books und Online-Buchhandlungen sind im Begriff, den traditionellen Buchhandel zu zerstören. Allmählich müssen wir uns fragen, was das für die Literatur bedeutet, wie sie darauf reagiert und sich ändert.

    Als wir im letzten Jahr im Beirat der Zeitschrift im Goethe-Institut beschlossen haben, endlich wieder ein Heft von Fikrun wa Fann – einer Zeitschrift mit dem Wort ,Kunst‘ im Namen – einem schöngeistigen Thema zu widmen und Literatur als Schwerpunktthema für die Ausgabe 103 zu wählen, war uns klar, dass es nicht darum gehen konnte, schlicht literarische Texte zu bringen, denn die Auswahl wäre willkürlich gewesen, und in Anbetracht unseres Verbreitungsgebiets von Marokko bis Indonesien hätten wir die Vielfalt der Literaturen unserer Zielländer kaum abbilden können. Statt Literatur als solche zu bringen, wollen wir daher ein Heft über Literatur machen, ein Heft darüber, wie Literaturschaffende und Büchermacher auf die gegenwärtigen politischen, ökonomischen und medialen Verhältnisse reagieren, die so einschneidende Veränderungen mit sich bringen, dass man sich fragen könnte, ob die Literatur diese Veränderungen überleben wird, und wenn ja, in welcher Gestalt.

    Die Literatur fängt mit dem Publizieren an. Was in Europa seit Gutenberg im 16. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich dass Bücher gedruckt, von Verlagen vertrieben und von Buchhandlungen verkauft werden, galt in vielen Ländern vor allem Afrikas immer nur eingeschränkt, und wir wissen auch heute im reichen Westen nicht mehr, ob es bei diesem Modell des Publizierens bleiben wird. E-Books und Online-Buchhandlungen sind im Begriff, den traditionellen Buchhandel zu zerstören, und wir müssen uns allmählich fragen, was das für die Literatur bedeutet, wie sie darauf reagiert und sich ändert. Und was dies für die Autoren und ihre immer schon prekäre wirtschaftliche Situation bedeutet.

    Andererseits bieten das elektronische Publizieren und andere Alternativen zum klassischen Publikationsmodell mit seinen Verlagen und Buchhandlungen auch viele neue Chancen. Veröffentlichen geht heute günstiger, schneller und unkomplizierter denn je. Jeder, der eine Internetverbindung und einen Computer, ein Tablet oder vielleicht sogar ein praktisches Smartphone hat, verfügt mittels Apps wie epub, txtr oder kindle über ein Lesegerät, das viele Vorteile gegenüber dem Buch hat und direkten Zugriff zu den meisten Texten der Weltliteratur erlaubt, in den meisten Fällen sogar umsonst. Diese Erleichterung und damit einhergehende Demokratisierung durch das elektronische Publizieren gilt aber leider nicht überall: Man braucht eben eine Internetverbindung und einen Computer, ein Tablet oder Smartphone: Was im reichen Westen fast eine Selbstverständlichkeit geworden ist, ist in Afrika ein Luxus. Somit lohnt es sich, wie Holger Ehling und Arthur Attwell in ihren Artikeln zeigen, nach alternativen Publikationswegen zu suchen. Zumal da lesen nicht nur ein Vergnügen oder wichtiges Element der Allgemeinbildung ist, sondern überlebenswichtige Infos vermittelt, zum Beispiel wenn es darum geht, Handbücher für Hebammen zu verbreiten, wie in Afrika.

    Hinzu kommt das Problem, dass Apps für E-Books in den orientalischen Sprachen noch nicht so gut entwickelt sind wie in Sprachen, die mit dem lateinischen Alphabet arbeiten. Und zum Teil scheitert die Verbreitung von E-Books schon daran, dass man dafür über Kreditkarten oder ähnliche elektronische Zahlungssysteme verfügen muss – ebenfalls ein Luxus für viele Menschen in den ökonomisch labilen Ländern, zu denen mittlerweile auch viele südeuropäische Staaten zählen.

    Ohnehin scheint das Thema des elektronischen Publizierens gegenwärtig eher im saturierten Westen als in der arabischen oder islamischen Welt insgesamt von Interesse. Denn dort gibt es dringendere Probleme, mit denen sich die Schriftsteller auseinanderzusetzen haben – so große, dass sich die Autorinnen und Autoren fragen, was die Literatur angesichts dieser Umwälzungen und Gewalterfahrungen überhaupt noch bedeuten kann. Es geht dabei nicht nur um das Wie des Schreibens und Publizierens, sondern um Sinn und Unsinn des literarischen Schreibens überhaupt. Diese Stellungnahmen von Schriftstellern aus der arabisch-islamischen Welt, die wir um Texte gebeten haben, sind beeindruckende Zeugnisse des Widerstands und der Beharrungskraft der Literatur angesichts der Zusammenbrüche von Staaten und Gesellschaften, die der Westen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kennt.

    Trotz der katastrophalen Situation, aus der diese Statements erwachsen sind, machen sie Mut. Dasselbe gilt für die Verse auf den Straßen in türkischen Großstädten, die wie Blumen aus dem Protest gegen die autoritäre Politik des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan erwachsen sind. Der Fotograf Achim Wagner hat sie für uns fotografiert und erläutert.

    Wir wünschen Ihnen eine anregende und nachdenklich machende Lektüre!

    Ihre Fikrun wa Fann-Redaktion
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Lesen Sie Fikrun  wa Fann
      „Über Literatur“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader! Zum Download ...

      Bestellen

      Antragsformular

      Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
      Zum Antragsformular ...