Foto: Kai Wiedenhöfer

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    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Publizieren in Afrika
    Von Sackgassen und neuen Wegen

    Welche Alternativen gibt es für das Verlegen auf einem extrem schwierigen Buchmarkt wie dem afrikanischen? Der südafrikanische Verleger Arthur Attwell berichtet von seinen Erfahrungen mit der Herstellung und Verteilung von Büchern in Regionen, die von schlechter Infrastruktur und allgegenwärtiger Armut geprägt sind. Das Lesen ist hier nicht nur ein angenehmer Zeitvertreib: Oft ist es ein Mittel zum Überleben.

    Jeder weiß, dass Bücher eine Schlüsselrolle für Entwicklung und Bildung spielen. Jeder weiß, dass es in Afrika nur sehr wenige Buchläden und Bibliotheken gibt. Jeder weiß, dass die meisten Familien weniger als zehn Bücher zuhause haben. Wenn es doch jeder weiß – warum existiert dieses Problem dann noch immer?

    Das Bücherbusiness ist kostspielig. Es kostet ein Vermögen, einen Buchladen auszustatten. Selbst ein kleiner Laden muss einige tausend Bücher vorrätig haben, nur damit die Kunden wiederkommen. Zudem brauchen Buchläden viel Platz für Regale und sie sind sehr abhängig von Laufkundschaft, daher sind die Mieten teuer. Also ist der Gewinn gering, während das Risiko hoch ist. Und wenn man stattdessen versuchen will, einen Onlinebuchladen zu eröffnen, dann muss man damit rechnen, erst einmal eine Menge Geld zu verlieren. Außerdem haben in fast ganz Afrika die meisten Menschen keine Kreditkarten oder sie haben keinen Internetzugang, um sie dort zu benutzen.

    Vor ein paar Jahren verteilte das Centre for the Book in Südafrika gratis Kinderbücher an 7.000 Haushalte in ländlichen Gegenden. Aber es gab keine Straßen, die dorthin führten. An einigen Orten mussten Freiwillige die Bücher mit Schubkarren von der Post zu den Schulen und Familien bringen. Wenn man ein Leben jenseits der wohlhabenden städtischen Vororte führt, haben Bücher schlicht und ergreifend keinen Platz darin.

    Bücher retten Leben

    Besonders ernst wird die ganze Problematik, wenn Bücher sogar in der Lage sind Leben zu retten. In Tansania behandelt die Nichtregierungsorganisation CCBRT jedes Jahr mehr als 120.000 Menschen mit Behinderungen. Für die Ausbildung ihrer Krankenschwestern und Hebammen bestellen sie ihre Kursbücher per Post aus dem 5.000 Kilometer entfernten Kapstadt. Ein führender Neonatologe vor Ort sagte kürzlich, dass die Schulung mit diesen Büchern viele der 45.000 Neugeborenen retten könnte, die in Tansania jedes Jahr sterben. Aber die Kosten, die Bücher dorthin zu bekommen, sind absurd hoch. Bis ein Buch in die Druckerei und in die Warenlager gelangt ist, bis es über Ländergrenzen hinweg transportiert, erneut gelagert, in den Buchläden ausgelegt und schließlich gekauft wird, sind seine Kosten um das Vierfache gestiegen.

    Ein Weg, um diesem Problem zu begegnen, ist das Lesen von Büchern auf Mobiltelefonen. Die Website childhealthcare.co.za, auf der die Onlineversion eines Lehrbuches für Krankenschwestern gratis zugänglich ist, hatte im letzten Jahr 27.000 Besucher, etwa die Hälfte davon aus Entwicklungsländern. Das ist das Hundertfache der Anzahl an verkauften Printexemplaren. Der gratis Roman Kontax von Sam Wilson, den man auch auf älteren Handymodellen lesen kann, wurde mehr als 63.000 Mal von südafrikanischen Jugendlichen aus allen Winkeln des Landes gelesen. Mehr und mehr Schulkinder lesen die kostenlosen Siyavula Naturwissenschafts- und Mathelehrbücher auf ihren Telefonen.

    Aber Hindernisse gibt es noch immer: Kein Verleger konnte bisher herausfinden, wie diese mobilen Bücher sich bezahlt machen können. Um ein Buch auf dem Telefon zu lesen, benötigt man Strom und Guthaben; außerdem muss man es auf einem kleinen Bildschirm lesen, der mit komplexen Bildern nicht zurecht kommt. Das Schlimmste ist, dass der Zugang zum Internet nicht so weit verbreitet ist, wie wir gerne glauben würden. Wenn man einen Blick auf eine Karte der 3G-Netzabdeckung in Südafrika wirft, erweckt es von großer Distanz aus den Eindruck, als könnte man von überall aus online gehen. Wenn man aber näher an die Erdoberfläche heranzoomt, stellt man fest, dass die Internetversorgung sich von den Stadtzentren aus in hunderten kleinen Verzweigungen verliert und große Lücken in der Netzabdeckung zurücklässt – und das unweit von bedeutenden Städten. In Wirklichkeit ist das Internet nämlich eben nicht für jeden zugänglich.

    Bücher auf dem Telefon zu lesen ist zwar vielleicht die Zukunft, aber in der Gegenwart funktioniert das noch nicht für jeden. Klar, die Menschen sind erfinderisch. Sie lesen trotz all dieser Hindernisse. Sie finden einen Weg, in die Schule zu kommen und zu lernen. Woher bekommen sie ihre Bücher? In erster Linie machen sie davon Fotokopien. Es gibt Copy Shops in jeder Stadt der Welt, wo Broschüren, Flyer, Werbeanzeigen, Lebensläufe und Bücher en masse produziert werden. Im Gegensatz zum Bücherverkauf kann man aus einem Copy Shop schnell Profit schlagen. Man kann für eine monatliche Miete von nur wenigen hundert Rand einen Copy Shop haben, mit dem man jeden Monat Tausende von Blättern verkauft. Zudem ist nur ein kleiner Arbeitsbereich vonnöten. So ist der Kopierer bzw. Drucker der geläufigste Distributionsweg für die Veröffentlichung von Büchern in den Entwicklungsländern geworden.

    In den Copy Shops werden die Bücher, die die Kunden auftreiben und dorthin bringen, mühsam gescannt und gedruckt. Da diese Kunden oft keine andere Möglichkeit haben, ein Buch zu finden oder es sich zu kaufen, erfüllen die Shops eine wichtige soziale Funktion. Aber ihre Arbeit ist illegal: In den meisten Ländern erlaubt es das Gesetz nicht, ein urheberrechtlich geschütztes Buch zu scannen und zu drucken, und erst recht nicht, diesen Ausdruck an jemand anderen weiterzuverkaufen.

    Man kann sich also vorstellen: Copy Shops jagen Verlegern Angst ein. Als ich vor einigen Jahren Lehrbücher verlegte, versuchten wir sogar, besondere Tinte zum Drucken zu benutzen, von der wir dachten, sie lasse sich nicht gut fotokopieren. (Es hat nicht geklappt.) Je öfter unsere Bücher kopiert wurden, desto weniger verkauften wir und desto höher wurden unsere Preise. Und je öfter das passierte, desto überzeugter waren wir, dass man Copy Shops niemals trauen könne, dass sie unser Gewerbe nicht verstehen und sie unsere Erzfeinde sind. Wenn aber Copy Shops die Probleme unserer Kunden lösen und mehr Bücher an die Welt bringen, dann könnten wir ihnen sicher auch helfen, dies besser und schneller zu tun? Eine Zusammenarbeit wäre doch sicher besser für beide Seiten … Man stelle sich vor: Wir könnten ihren Job leichter machen – und legal.

    Was wäre, wenn wir es Copy Shops ermöglichten, aus einer ganzen Bibliothek von einer einfachen Website Bücher zu drucken und zu verkaufen? Was wäre, wenn wir diese Website so schnell und einfach zu bedienen gestalteten, dass es für den Copy Shop profitabler – und für den Kunden kostensparender – wäre, für diesen Service zu bezahlen, als weiterhin alte Bücher mühsam per Hand zu kopieren? Man bräuchte nur einen Laden an der Ecke mit einer Internetverbindung, und schon hätte ein ganzes Dorf Zugang zu Büchern. Doch würden die Verleger Geld verdienen, indem sie Bücher via Copy Shops verkaufen? Ich beschloss, es herauszufinden. Ich gründete ein Team und wir schufen – unterstützt durch Investitionen der Shuttleworth Foundation – eine Website namens Paperight.

    Auf der Website Paperight konnte jeder, der einen Drucker hat, Bücher herunterladen und sie für Kunden ausdrucken. Viele Bücher waren gratis, für andere hingegen berechnete der Verlag eine Urheberrechtsgebühr. Erstaunlicherweise konnten die Verleger dieselben Umsätze mit diesen Downloads machen, die sie vorher mit ihren schicken Druckausgaben erzielt hatten, aber die Gesamtkosten für den Kunden waren in der Regel geringer als der Preis für die schöne Druckversion, die in den Einkaufszentren verkauft wird.

    Sofort würde jeder Copy Shop, der nur über eine einfache Internetverbindung verfügt, zu einem Buchladen werden. Selbst in den entferntesten Dörfern könnte jede Schule Zugang zu neuen Lehrmaterialien haben. Jedes Krankenhaus mit einem Laserdrucker könnte neue Krankenschwestern und Hebammen nach aktuellstem Wissensstand ausbilden. Diese Idee war so vielversprechend, dass sie sechs Jahre lang fast meine gesamte Aufmerksamkeit und Zeit einnahm. Aber im Dezember 2014 endete die Reise. Wir konnten es finanziell einfach nicht bewältigen.

    Was ist mit Paperight geschehen?

    Unsere Ziele schienen simpel zu sein: Copy Shops in jedem Dorf in Afrika in Buchläden zu verwandeln, die Kosten für Schul-, Weiterbildungs- und Universitätslehrbücher drastisch zu reduzieren und zu beweisen, dass Verlage Geld verdienen können, indem sie Sofortlizenzen verkaufen (wir finanzierten uns durch die anfallenden Provisionen). Kurz gesagt: Wie wollten eine effektivere Weise anbieten, Schüler mit Lehrbüchern zu versorgen. Und dank der Shuttleworth Foundation hatten wir auch die Zeit und das Geld, um dieses Ziel zu erreichen.

    Zwischen dem Start unserer Website im Mai 2012 und Dezember 2014 listeten wir mehr als 200 Copy Shops in unserer Karte auf, registrierten mehr als 150 Verlage, fügten mehr als 2.100 Buchtitel hinzu und teilten 4.049 Buchkopien aus. Aber der Umsatz stieg nicht. Langsam wurde mir klar: Wenn man von einer kleinen Basis aus anfängt, dann sieht es so aus, als wäre ein tröpfelndes Rinnsal an Verkäufen bereits der Beginn eines mitreißenden Stroms. Dieses Tröpfeln kann Zuversicht erwecken, die einerseits wertvoll ist – denn sie belebt den Glauben in unsere Verkaufsfähigkeiten – und andererseits schrecklich in die Irre führt. Und das ist gefährlich. Denn es kann ein ehrgeiziges Team dazu verleiten, sich in dem Glauben zu wiegen, dass das Modell funktioniert und es an der Zeit ist, die Messlatte höher zu setzen. Doch hinter diesem Tröpfeln können grundlegende Probleme des Modells verborgen liegen.

    In zweieinhalb Jahren berechneten wir insgesamt 57.500 Rand (in etwa 5.750 Euro) für Lizenzgebühren. Davon gingen 26.000 Rand an die Verlage, wir verdienten 20.000 Rand mit Büchern, die wir selbst veröffentlichten, und wir verdienten 11.500 Rand durch die Provisionen. Das war extrem wenig: Nicht einmal genug, um die Gehälter eines Monats zu bezahlen. Und es wurde schlimmer: Nach einem Jahr ging die Wachstumsrate im Verkauf gegen Null.

    Wie hatte das passieren können? Unsere Probleme waren selbstverständlich teilweise das Resultat unserer strategischen Entscheidungen: Aus der unendlichen Fülle aller möglichen Alternativen wären einige Entscheidungen besser als andere gewesen. Vermutlich hatten wir nicht genug Verkaufspersonal vor Ort und vielleicht hatten wir das Modell nicht ausreichend im lokalen Umfeld eingebettet, bevor wir es landesweit einführten. Wir werden nie erfahren, ob das den Lauf der Dinge geändert hätte. Aber abgesehen davon wussten wir, dass wir drei großen externen Herausforderungen zu begegnen hatten, die wir in keinem Fall hätten umgehen können – egal, welche Strategie wir angewendet hätten.

    Erstens – und dies ist der wichtigste Punkt: Zwar schlossen sich uns viele Verlage an, aber fast keiner ließ uns seine beliebtesten, hochwertigsten Bücher verkaufen. Sie baten uns um einen Versuch mit ihren am wenigsten erfolgreichen Büchern, um das Risiko gering zu halten. In Wahrheit lieferten sie uns damit ungewollt der Niederlage aus: Wie soll man Bücher verkaufen, die niemand will?

    Zweitens waren die meisten Copy Shops keine aktiven Partner, was auch nicht verwundert, da wir nur sehr wenige hochwertige Bücher für sie im Angebot hatten. Viele boten ihren Kunden auch schlechten Service (wir überprüften das, indem wir Stunden und Tage vor Ort verbrachten). Das bedeutete, dass wir nicht attraktiv für neue Kunden waren und die bisherigen nicht an uns binden konnten.

    Und drittens ist unsere Zielgruppe – potentielle Leser und Studenten aus armen Verhältnissen – ohne Bücher aufgewachsen. Sie messen dem Lesen nicht viel Wert bei. Jedenfalls nicht genug, um Bücher zu erwerben, bevor sie Essen und Kleidung kaufen. Und das südafrikanische Verlagswesen hat in den letzten zwanzig Jahren nur sehr wenig getan, um das zu ändern.

    Trotz unserer Enttäuschung findet sich aber unter unseren Finanzstatistiken vergraben auch eine vielversprechende Geschichte. Eine kleine Bandbreite hochwertiger, günstiger Bücher, die wir selbst produziert hatten, verkaufte sich gut: Hundert Sammlungen von ehemaligen Prüfungsunterlagen für zwölfte Klassen. Diese kleine Gruppe hochwertiger, günstiger Bücher brachte uns ebenso viel ein wie all unsere anderen Verkäufe zusammen. Und das obwohl diese Prüfungsunterlagen in den ersten Monaten gratis waren. Diese Verkäufe zeigen, dass vielleicht alles geklappt hätte, wenn wir den richtigen Inhalt gehabt hätten. Aber es ist beinahe unmöglich, ein Projekt aufzubauen, das sich auf den Inhalt von kommerziellen Verlagen stützt, die zu risikoängstlich sind, um uns ihre beliebtesten Bücher zu geben. Experimentelle Projekte wie das unsere brauchen einen hochqualitativen Inhalt, mit dem sie arbeiten können.

    Ich war entschlossen gewesen, Veränderungen im Verlagswesen einzuleiten, indem ein besserer Verkaufsweg ermöglicht wird. Aber mittlerweile glaube ich, dass man keine Veränderungen in einem Gewerbe herbeiführen kann, indem man seine Teilnehmer zu diesen Veränderungen befähigt. Es ist so, als würde man sagen: „Hier ist ein Werkzeug, das deine Arbeit völlig verändern wird!“ Niemand will ein Werkzeug, das die Art und Weise seiner Arbeit verändert. Arbeit ist sowieso schon kompliziert genug, auch ohne die Bedienung neuer Werkzeuge zu erlernen.

    Dennoch müssen Veränderungen möglich sein. Die Menschen brauchen schlichtweg unterschiedliche Motivationsansätze. Heute glaube ich, dass man Organisationen nicht einfach die Mittel in die Hand geben sollte, um sich positiv zu verändern. Man sollte die neuen Werkzeuge selbst nehmen und mit diesen Organisationen konkurrieren. Man sollte traditionelle Methoden frontal herausfordern und um seinen Platz auf dem Markt wetteifern. Wenn man verliert, kann man immer etwas anderes versuchen. Und wenn man gewinnt, ersetzt man entweder die bisherigen Amtsinhaber oder man zwingt sie, sich zu verändern. Beide Resultate sind begrüßenswert.

    Das südafrikanische Verlagswesen heute

    Seit einundzwanzig Jahren ist Südafrika ein demokratisches Land. Es ist an der Zeit, darüber zu reflektieren, wie weit die örtliche Buchindustrie es gebracht hat. Der Produktionswert von Büchern ist stark angestiegen. Wir haben mehr schwarze Autoren, mehr Autorinnen und sie verkaufen sich international (in immer beliebteren Genres) gut. Es ist eine gute Zeit für wohlhabende Bücherliebhaber in Südafrika.

    Es ist hingegen keine gute Zeit für alle anderen. Die Zahl von Buchläden außerhalb der städtischen Einkaufszentren hat sich kaum verändert. Eine kürzliche Umfrage der Publisher’s Association zeigt, dass die Zahl derjenigen, die Bücher im Handel kaufen, vermutlich unter zwei Millionen (d. h. bei ca. 4 % der Bevölkerung) liegt, und dass pro Person im Einzelhandel für Bücher jedes Jahr etwa 700 Rand (70 Euro) ausgegeben wird. Das sind etwa vier Taschenbücher pro Person. Neue Bücher sind fast alle auf Englisch oder Afrikaans, der Muttersprache der wohlhabenden, weißen Südafrikaner. Von 312 Millionen Rand (30 Millionen Euro) Einnahmen im örtlichen Verlagswesen stammen nur 1,7 Millionen Rand, oder 0,5 %, aus Büchern in den neun afrikanischen Amtssprachen des Landes. Im Bereich der Romanliteratur liegt der Anteil afrikanischsprachiger Bücher bei nur 0,2 %. (Im Jahre 2008 lag diese Zahl bei 0,6 %, sie ist also weiter gesunken.)

    Abgesehen von einer kleinen Gruppe lesen die meisten Südafrikaner nicht gerne – so lautet die herkömmliche Meinung. In zwanglosen Unterhaltungen geht diese Ansicht manchmal gefährlich mit rassistischen Stereotypen einher. Beispielsweise haben zwei ranghohe Persönlichkeiten aus dem Buchgeschäft mir erzählt, dass schwarze südafrikanische Kinder Harry Potter nicht auf Zulu lesen würden, da es „kulturell nicht relevant“ sei. Wenn ein solches Denken unter Verlegern üblich ist, dann ist das einer der wesentlichen Gründe, warum wir so wenig Fortschritt gemacht haben.

    Es gibt außerhalb der traditionellen Verlage einige kühne Versuche, Bücher an neue Leser zu verkaufen. Projekte wie FunDza, Bookly und EverEgg bauen auf Mobiltelefone, um das Lesen zu verbreiten, obwohl keines von ihnen bisher ein Geschäftsmodell vorlegen konnte, das die traditionellen Verleger zufriedenstellen könnte. Andere wie Megabooks konzentrieren sich auf Print-on-demand – obwohl sie, ebenso wie es mit Paperight der Fall war, ohne die engagierte Beteiligung örtlicher Verlage, die den wertvollsten Bildungsinhalt in ihren Händen halten, ums Überleben kämpfen.

    Also sind die marktbasierten Lösungsvorschläge scheinbar nicht in der Lage, über die Ebene der Planung hinauszugelangen. Wo ein Markt aus den Geldbeuteln junger Interessenten und Kunden entstehen soll, da gibt es vielleicht nicht genügend Geldbeutel, aus denen man schöpfen kann. Für die meisten Südafrikaner sind Bücher ein Luxusgegenstand, den sie sich niemals leisten könnten. Neue Zahlen von Unilever der Universität von Kapstadt zeigen, dass mehr als 34 Millionen Südafrikaner (70 %) von einem durchschnittlichen Monatseinkommen pro Haushalt von 3.000 Rand (300 Euro) leben. Regelmäßig verzichten sie auf Mahlzeiten und schalten elektrische Geräte ab – und zwar lange vor dem nächsten Gehaltsscheck. In solchen Familien würden nicht einmal die billigsten Bücher einen Vorzug vor dem Kauf von Essen oder Kleidung erhalten.

    Für diejenigen, die es geschafft haben, der Armut zu entfliehen, bleiben Bücher unsichtbar. Wenn sie nie Teil des Lebens gewesen sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man nach ihnen sucht und in sie investiert. Auch bei Paperight blieben die Bücher ohne ein aufwendiges und teures örtliches Marketing weitgehend unsichtbar, selbst wenn es uns gelungen wäre, die Probleme des Preises und der Verfügbarkeit zu lösen.

    Wenn wir als Verlag im Jahre 1994 einen Blick auf das Heute zwanzig Jahre später hätten werfen können, hätten wir vielleicht gesehen, dass unsere größte Herausforderung darin bestehen würde, Bücher für die Südafrikaner sichtbar zu machen. Wir hätten Millionen von Gratisbüchern an Kinder verteilt – genau wie es Großbritannien am Nationalen Tag des Buches jedes Jahr macht – und hätten erleben können, dass viele dieser Kinder heute zu Bücherkäufern herangewachsen wären. So betrachtet liegt die marktbasierte Herausforderung nicht darin, das passende Geschäftsmodell zu finden, sondern darin, einen langfristigen Blick zu erlernen. Weniger wie Hans und seine Bohnenranke – sondern mehr wie ein Bonsai.

    Book Dash, eine neue Non-Profit-Organisation, die ich letztes Jahr mitgegründet habe, nimmt eben diesen Blick ein. Book Dash produziert und verteilt gratis hochqualitative Bücher an Kinder in Not. Die Bücher werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern hergestellt – allesamt hauptberuflich in kreativen Bereichen tätig –, die an zwölfstündigen Bücherherstellungsmarathons teilnehmen. Manche von ihnen sind aus der Verlagsbranche, aber die meisten kommen aus anderen Bereichen: Sie sind Animateure, Künstler, Werbetexter, Journalisten und Designer. Diese freiwilligen Mitarbeiter machen fast alles. Bis heute hat meine Firma zusammen mit ein paar Sponsoren die Direktkosten in Höhe von etwa 200.000 Rand (20.000 Euro) gedeckt, und Book Dash hat 80.000 Rand per Crowdfunding eingenommen, um Kinderbücher zu drucken.

    Alles, was die freiwilligen Mitarbeiter schaffen, ist frei von jeglichen Urheberrechten (Creative Commons Attribution), so dass jeder die Bücher nach Gutdünken übersetzen, drucken und verteilen kann. Zudem fertigt Book Dash einfache HTML-Versionen für Mobiltelefon-Initiativen an. Mittlerweile sind schon andere Organisationen zu dem Projekt hinzugestoßen: das African Storybook Project hat die Book Dash creation days gesponsert und zudem gemeinsam mit der Lesekampagne Nal’ibali Geschichten von Book Dash in diverse afrikanische Sprachen übersetzt. Außerdem erscheinen Geschichten von Book Dash in der Zeitungsbeilage Nal’ibali’s fold-your-own-book.

    Das Ziel ist es, die Kosten von hochwertigen Kinderbüchern für Alphabetisierungsinitiativen so weit zu reduzieren, dass nur noch die Druckkosten anfallen. Wenn man nur 5.000 Exemplare druckt, beträgt der Stückpreis etwas weniger als einen Dollar – und man hält eine Ausgabe in Buchhandel-Qualität in der Hand. Zwar unterscheidet sich Book Dash stark von Paperight, aber es geht im Grunde dieselben Probleme an. Wenn das Projekt Erfolg hat, dann wird es in vielleicht zehn oder zwanzig Jahren weit mehr Leser als heute und mutigere Verleger geben. Dann bekommt vielleicht auch das Print-on-demand-Projekt von Paperight eine zweite, eine bessere Chance.
    Arthur Attwell ist Mitbegründer und Direktor von Electric Book Works, das neue Formen des Publizierens auf neuen Märkten entwickelt. Zudem ist er Gründer von Paperight, einem preisgekrönten Netzwerk von Print-on-demand-Buchläden, Mitbegründer von Bettercare, das innovative Lehrbücher für Krankenschwestern und Hebammen veröffentlicht, und Mitbegründer von Book Dash, das Kinderbücher produziert, die jeder frei von Urheberrechten übersetzen, drucken und verteilen kann. Attwell ist Fellow der Shuttleworth Foundation.

    Übersetzung: Simone Falk

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015
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