Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Von Alt-Lit zur SEO-Literatur?
    Das literarische Kunstwerk im Zeitalter digitaler Monopole

    Das Internet hat das Potential, unser Verständnis von Literatur radikal zu verändern. Vorher undenkbare Formen des Publizierens und Schreibens sind entwickelt worden – jedoch nicht nur um der Literatur willen, sondern auch, weil die Autoren gar nicht mehr existieren können, ohne die Bedingungen des Internets zu berücksichtigen. Wie weit diese Veränderungen gehen können und wie gefährlich sie zum Teil sind, zeigt der Internet-Theoretiker Johannes Thumfart.

    Schon 2006 prophezeite Internettheoretiker Kevin Kelly die Veränderung der Literatur unter den Bedingungen digitaler Reproduzierbarkeit. In Zukunft, so Kelly, werde es nicht mehr genug sein, ein Werk vorzulegen, auf Lesungen vor sich hin zu nuscheln und in sporadischen Interviews gestellten Fragen elegant auszuweichen. Der Schriftsteller der Zukunft werde vor allem Performer sein, permanent sich und seine Arbeit in sozialen Netzwerken promoten. Da das Internet im Gegensatz zum Fernsehen schriftbasiert ist, könne jede Blog-Post, jeder Kommentar, jede E-Mail, jeder Tweet, jedes Status-Update und sogar jede Programmzeile zu Literatur werden. Eine neue Form totaler digitaler Literatur in Echtzeit werde entstehen, die Grenzen zwischen verschiedenen Genres, Lebensbereichen und Identitäten verwischen.

    Kellys Vision von 2006 ist nun Alltagsrealität. Ebenso wie andere Künste wurde die Literatur durch Digitalisierung und Internet unwiderruflich verändert. Der Literat erschafft keine abgeschlossenen Werke mehr, er ist – um ein Bild des Netzkünstlers Brad Troemel zu gebrauchen – ein „Ästhlet“, der kontinuierlich Leistung im permanenten Künstlerwettstreit vor den Augen eines hinsichtlich seiner Möglichkeitsbedingung grundsätzlich globalen Publikums erbringt. Meistens geht es dabei nun auch für die Literatur um ähnlich Quantifizierbares wie für den Rest der Welt: um Klicks, Likes, Shares, Comments.

    YouTube ist voll von Videos, in denen lesende Schriftsteller um Aufmerksamkeit buhlen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat als Neujahrsvorsatz für 2015 das traditionelle Format Buchclub im sozialen Netzwerk initiiert. Das findet sich so ähnlich in tausenden Online-Foren, vor allem bei Krimi- und Fantasy-Enthusiasten, allerdings stehen bei Zuckerbergs Facebookgruppe auch etablierte Autoren Rede und Antwort. Fortschrittlicher ist der amerikanische Starautor Bret Easton Ellis. Er war in den letzten Jahren mehr damit beschäftigt, seine über 500 000 Twitter-Follower mit Kürzesttexten zu unterhalten als mit seinem nächsten Roman.

    Inhaltlich mit am radikalsten betreibt die digitale Revolution in der Literatur die gegenwärtige, als ,Alt Lit‘ (kurz für: ,Alternative Literature‘) bezeichnete, US-amerikanische Generation von Untergrundschriftstellern wie Marie Calloway und Tao Lin, die an einer immer weiter gehenden Überführung privater Lebensaspekte in die digitale Literatur feilen. Der digitale Avantgardist Kenneth Goldsmith lässt dagegen gleich die Algorithmen selbst Literatur produzieren und nennt dies keck „unkreatives Schreiben“. Noch weiter fernab des herkömmlichen Literaturdiskurses, aber in ihrer Masse wirtschaftlich wichtiger, publizieren von den klassischen Verlagen abgewiesene oder nicht an ihnen interessierte Autoren E-Books unter eigener Regie auf Amazon. Über dreißig Prozent aller Buchverkäufe bei dem Quasi-Monopolisten sind mittlerweile in Eigenregie publizierte Titel, Tendenz steigend.

    Faustischer Pakt

    Einige, wie der eingangs genannte Internet-Vordenker Kevin Kelly, beschreiben das, was der Literatur durch ihre Digitalisierung blüht, einseitig als Demokratisierung. In Wirklichkeit handelt es sich bei der Umarmung des Internets durch die Literatur um einen faustischen Pakt. Das Internet ist, wie die Internettheoretikerin Jodi Dean bereits 2003 in einem weichenstellenden Aufsatz schrieb, zu weiten Teilen keine öffentliche Sphäre, sondern eine Shopping Mall, in der das Hausrecht digitaler Monopole herrscht. In Zukunftsvisionen wie Ray Bradburys Fahrenheit 451 oder Alan Moores V for Vendetta wird die Literatur gerne als letzte Bastion des Humanen in einer technokratischen und dystopischen Welt romantisiert. Mit ihrem Anschluss an die digitalen Monopole, an Amazon, Google und Facebook, wird auch sie Teil eines globalen Einheitssystems, das mit jedem Klick alternativloser wird.

    Wie auch in anderen Bereichen treibt das WWW insbesondere diejenigen in die Armut, die online ihre Dienstleistungen und Waren anbieten, da globale Reichweite globalen Wettbewerb und dieser wiederum niedrigere Preise bewirkt. Man erinnere sich etwa an die in Deutschland und in einigen US-Staaten vehement bekämpfte Zerstörung des Taxi- und Hotellerie-Gewerbes durch das preisliche Race to the bottom auf Uber und Airbnb. Ähnlich ist das durchschnittliche Jahreseinkommen eines professionellen Schriftstellers zumindest in Großbritannien, wo solche Zahlen vorliegen, seit 2005 um dreißig Prozent auf umgerechnet knapp nur 15 000 Euro brutto pro Jahr gefallen. Ein kausaler Zusammenhang mit dem härteren Wettbewerb durch Digitalisierung, mit digitalen Raubkopien und mit der Ausweitung des Buchangebots wird vermutet. In Deutschland ist es schon seit Längerem keine Seltenheit, dass auch etablierte Autoren nicht von ihrer Arbeit leben können.

    Durch hohe Rabattforderungen auf den Einkaufspreis bringt der Quasi-Monopolist Amazon auch die Verlage in Existenznöte. Mit rund 65 Prozent Marktanteil befindet sich der Gigant in einer Situation, die es ihm erlaubt, Zulieferern seine Preisvorstellungen aufzuzwingen.

    Eben so wie im Bereich des Journalismus oder der Musikindustrie schon vor Jahren, wird die Digitalisierung der Literatur die literarische Mittelschicht und ihre im Vergleich wirtschaftlich viel fragilere Infrastruktur angreifen. Die Regel wird immer mehr sein, dass sich sehr kleine, teilweise amateurhafte Autoren über die digitalen Monopole direkt, ohne Umwege über Verlage, Kritiker und den stationären Buchhandel, einem globalen Publikum stellen.

    Bei der Konfrontation und Kollaboration des Over- mit dem Underground tun sich auch ganz andere Probleme auf als nur wirtschaftliche. Das Web hat die Angewohnheit, sich von einem Moment zum andern blitzschnell von einem Nischenmedium zum Massenmedium zu wandeln. Wie der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings einen Orkan, kann jeder unbedarfte Ausrutscher schlagartige Fäkalgewitter globalen Ausmaßes bewirken. Der abrupte Wechsel der Reichweiten und Tempi ist die Regel in der digitalen Welt der Nullen und Einsen, des Alles oder Nichts, die nur Extreme kennt und immer weniger von den trägen, aber auch bedachten Mühlen des vordigitalen Bürgertums geprägt ist.

    Brooklyns Suchmaschinenliteratur

    Aber der Shitstorm ist die Ausnahme, das Ignoriertwerden die Regel. Je mehr Content es gibt, desto dringlicher stellt sich die Frage, wie sich überhaupt noch Aufmerksamkeit für Literatur erzeugen lässt, wenn die alten Schleusenwärter, die Verlage, Kritiker und Buchhandlungen, die ja auch eine Vorauswahl trafen und Kundenbindungen herstellten, zunehmend obsolet werden. Wenn alle Literatur nun auf denselben Spielfeldern Google, Amazon und Facebook spielt und der Konkurrenzkampf immer härter wird, scheint das zu einer SEO-Literatur (SEO = Search Engine Optimization) zu führen: einer für Suchmaschinen optimierten Literatur, die ihre Themen und Begriffe mehr und mehr danach aussucht, was in den Suchmaschinen Erfolg haben wird, das heißt nach Kriterien, die schon lange für Texte von Werbern, Trollen und Journalisten gleichermaßen gelten.

    Das beste Beispiel einer zeitgenössischen SEO-Literatur ist zweifellos die Brooklyner Alt-Lit-Szene, in der momentan Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in Form von im Internet veröffentlichten Kurzgeschichten im Akkord lanciert werden. Dies ist schlicht eine Gegenbewegung zur in der Szene verbreiteten Praxis, Sex mit sehr jungen Frauen minutiös in meist online veröffentlichten Texten zu beschreiben. Solcher Exhibitionismus war die Grundlage der Popularität von Alt Lit – einer digitalen Pop-Literatur auf Adderall, in der immer jüngere Autoren ihre eigene Privatsphäre und die anderer auf immer apathischere Art ausbeuteten.

    Besonders das in mehrere Sprachen übersetzte Werk des mittlerweile bereits 32-jährigen Tao Lin gilt als stilprägend für die Bewegung. Schon um 2008 suchte er im Netz nach Praktikanten und machte deren in sozialen Medien inszenierte Erniedrigung zu seinem literarischen Werk. Außer Romane, deren Erlös er wie Anteile an Internet-Startups bereits vor der Niederschrift verkaufte, umfasst sein Werk auch Performances wie eine per iSight-Kamera aufgenommene und auf Vimeo veröffentlichte, vollkommen unromantische Blitzhochzeit in Las Vegas. Er prägte auch den apathischen, so genannten ,Asperger's Style‘ der Szene, benannt nach dem gleichnamigen Syndrom des leichten Autismus, der sich durch nie gekannte Gleichgültigkeit gegenüber Menschen auszeichnet, die man vor allem in sozialen Netzwerken trifft und zu Literatur macht.

    Wegen der damit verbundenen Aufregung im Netz schafften es zwei der in digital veröffentlichten Kurzgeschichten innerhalb der Szene vorgebrachten Vorwürfe sexuellen Missbrauchs bis zur New York Times. Es handelt sich um den Fall der Anschuldigung des bis dahin vollkommen unbekannten Stephen Tully Dierks durch die bis dahin eben so unbekannte Sophia Katz und um die Anschuldigung des bis dahin praktisch eben so unbekannten Rob Hornings durch die bis dahin vollkommen unbekannte Marie Calloway. Calloways unnachgiebig demontierende, auf Lins Webseite veröffentlichte Kurzgeschichte über ihre Nächte mit dem viel älteren Horning, dem Redakteur einer marginalen Brooklyner Web-Zeitschrift, gilt zugleich als literarische Sensation, wurde gedruckt und ist mittlerweile auf Deutsch übersetzt.

    Auch gegen Tao Lin selbst richten sich Vorwürfe, die tief in die Produktionsumstände von Alt Lit blicken lassen. Seine ehemalige Freundin Ellen Kennedy behauptete auf Twitter, Lin habe die während der gemeinsamen Beziehung erst 16-Jährige über einen längeren Zeitraum systematisch missbraucht. Er habe sie etwa dazu gezwungen, regelmäßig Berichte darüber zu verfassen, wie sie in der gemeinsamen Beziehung versagt habe, und diese Berichte dann zusammen mit von ihr an ihn geschriebenen E-Mails in seinem 2010 veröffentlichten Roman Richard Yates ohne ihre Einwilligung abgedruckt, dessen Erfolg seinen Wechsel zu Random House ermöglichte. Lin antwortete mit einem langen Facebook-Kommentar. Er gestand den psychischen Missbrauch, bot ihr die Tantiemen des Romans an, erklärte aber, der Sex habe sich im Haus von Kennedys Eltern im US-Bundesstaat Pennsylvania abgespielt, in dem 16-Jährige als konsensfähig gelten.

    Während solche Vorwürfe im Fall Tao Lins höchstens dazu führten, seine literarische Marke als Bad Boy der Alt Lit noch glaubhafter zu machen, waren sie in anderen Fällen effektiver und sorgten tatsächlich für bis in alle Ewigkeiten auffindbare Vergewaltigungsvorwürfe auf Google, was besonders im Fall sonst unbekannter Autoren einem lebenslangen Urteil gleichkommt, das Jobsuche und Beziehungsaufbau gleichermaßen unmöglich macht.

    Nie zuvor hatte Untergrundliteratur, die noch nicht einmal gedruckt war, eine derartige Macht gehabt. Frauen in der Literaturszene haben nun ein geeignetes Mittel, Übergriffe zu verhindern. Aber es wurde auch die Büchse der Pandora eines digitalen Reality TV in Echtzeit geöffnet, in dem es nicht nur größeren Anreiz gibt als je zuvor, exhibitionistische Literatur zu produzieren, sondern diese auch zur existenzvernichtenden Waffe wird. Der Preis für die Viralität ist außerdem, dass sie den kleinsten gemeinsamen Nenner ansprechen muss, der in der algorithmischen Betriebslogik der digitalen Monopole König ist. Nie wurden etwa die vorher genannten Fälle in ihren Nuancen diskutiert, sondern in der Form von Hashtags: #rapist #sexualpredator. Die Meinungsbildung erfolgt rasend schnell, im Stakkato der Algorithmen und im Eifer des Mobs.

    Diese folgenreiche Verflachung ist umso bedenklicher, als das Brooklyner Alt-Lit-Modell auch in Fällen Schule macht, in denen aus moralischer Sicht nichts aufzudecken ist. Da ist zum Beispiel das Anfang 2015 bei Amazon selbstverlegte Kindle E-Book The Secret Lodge. Auf seinen nur siebzig, nicht einmal korrekturgelesenen Seiten in gebrochenem Englisch rächt sich die aus Neapel stammende, ehemalige Berliner Galeristin Elda Oreto an den einst von ihr vertretenen Künstlern der Netzkunstszene, indem sie private Schwächen auspackt und ihre Protagonistin die betreffenden Künstler der Reihe nach ermorden lässt.

    Nachdem die betroffenen Künstler, allesamt sehr in sozialen Netzwerken aktiv, eine Diskussion ausgelöst hatten, schaffte es diese bis zu ArtNet und Monopol, zwei der wichtigsten deutschen Kunstwebseiten. Obwohl keiner der Beschriebenen im vor-digitalen Sinne prominent ist, hat das Ganze einen interaktiven Unterhaltungswert wie einer der großen Schlüsselromane und sorgt für Klicks, weshalb sich letztlich alle der Beteiligten, auch die Geschmähten, an der Auslösung des Shitstorms im Mikro-Milieu beteiligten.

    Das bewusste Auslösen eines solchen, die Eitelkeit der beschriebenen Personen befriedigenden Milieu-internen Skandals ist das bislang wichtigste Element einer für Suchmaschinen optimierten SEO-Literatur, die mehr Wert auf Quantitatives legt als auf Qualitatives, die Groschenromane wie Hochkultur aussehen lässt.

    Schon bald könnten sich Kindle- und Blog-Autoren in noch größeren Massen dazu entschließen, Aufreger-Begriffe wie „Sex-Beichte“, „Nazi“, „Terrorist“ und so weiter literarisch aufzugreifen, mit dem Ziel, möglichst oft angeklickt zu werden und damit in den Suchmaschinen nach oben zu gelangen. Gerade wenn Verlage, Buchhändler und Kritiker als qualitative Vermittlungsinstanzen immer unwichtiger werden, kann es sich heute keiner mehr leisten, auf solche rein quantitativen Strategien zu verzichten. Es ist schließlich die einzige Sprache, die die digitalen Monopole verstehen, die zwar die Massenmedien von heute sind, ihre Redaktionen aber so gut wie ausschließlich mit Algorithmen besetzen.

    Manhattans unkreatives Schreiben

    Ich treffe Kenneth Goldsmith – den vielleicht etabliertesten digitalen Literaten überhaupt – zum Interview in Manhattan, um mit ihm über diese jüngsten Entwicklungen zu sprechen. Der etwa fünfzigjährige Netzpionier ist Vollzeitprofessor an der University of Pennsylvania, wo er unter anderem Seminare mit dem Titel „Wasting Time on the Internet“ gibt.

    Wenig überraschend sagt er, dass er die Texte der Alt-Lit-Szene in Brooklyn auf der anderen Seite des East Rivers gut kenne. Besonders Tao Lin halte er für „die allerinteressanteste Arbeit im Moment“. Tao Lin beschreibe, „wie es sich heute anfühlt, 25 zu sein, und er macht das besser als alles andere”, sagt er, worin auch eine höfliche Distanz gegenüber dem mittlerweile ja über dreißigjährigen Tao Lin verborgen ist.

    Angesichts der ganz unterschiedlichen Herangehensweise der beiden überrascht diese Distanz nicht. Während die Alt-Lit-Szene trotz oder wegen ihrer Verankerung in der neuesten digitalen Technik fast nur autobiographisch schreibt, ist Goldsmiths Arbeit wie keine zweite von persönlicher Zurückhaltung geprägt.

    Er praktiziert das von ihm erfundene ,unkreative Schreiben‘, das heißt das bloße manuelle Kopieren und digitale Copy und Paste von Texten. Eine seiner bekanntesten Arbeiten, The Day, gibt lediglich die New York Times vom elften September 2001 Wort für Wort wieder und zeigt dabei, dass auch vermeintlich objektive Texte unterschwellig von Emotion angereichert sein können. Ähnlich funktioniert No. 111 2.7.93-10.20.96, in dem Goldsmith auf 606 Seiten Auszüge aus von ihm gelesenen E-Mails, Nachrichten und Kritiken versammelt, die nach aufsteigender Silbenzahl zu jeweils in sich alphabetisch geordneten Kapiteln organisiert sind. Goldsmith macht bei seinem Jagen und Sammeln auch vor Texten nicht halt, die nicht für menschliche Leser gedacht sind, wie Quellcodes. Außerdem ist er der Organisator von UbuWeb, einer Webseite, die vor allem Material der Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts publiziert und dabei jedes Copyright bewusst missachtet.

    Schon im damals noch von Punk dominierten New York der frühen Neunziger begann er damit, Texte aus der Gopher-Szene, einem Vorläufer des Internets, zu kopieren, die Sex, Drogen und Musik in nie gekannter Direktheit beschrieben. „Mein Aha-Moment vor dem Internet war: All das auf dem Bildschirm, all diese Sprache konnte ausgewählt und kopiert und in mein Microsoft Word-Dokument gebracht werden“, erklärt er. „Wow, dachte ich, ich muss jetzt niemals wieder schreiben. Alles, was ich tun muss, ist, Dinge auswählen und in mein Dokument ziehen. Das ist die neue Art, zu schreiben, sie war vorher nicht möglich.”

    Obwohl Goldsmith keinerlei Ausschließlichkeit für sich und seine Methode reklamiert, sieht er sich in einer linearen modernen Tradition. Das digitale Zeitalter bringt für ihn „dasselbe Gefühl mit sich, das der Modernismus hatte, der natürlich eine Reaktion auf Tonbandaufnahmen und Fotografie war. Es ist jetzt Zeit für neue Formen als Reaktion auf diese neue Technologie.”

    Die extrem subjektive Arbeit der Alt-Lit-Szene, die auch mit dem Internet und teilweise mit dem Wiederverwenden digitaler Textstücke wie private Mails arbeitet, und sein eigenes, vollkommen entsubjektiviertes Schreiben sind für Goldsmith zwei Seiten derselben, neo-modernistischen Medaille: „Meine Arbeit ist auf sehr harte Weise modernistisch, ein strenger Modernismus. Meine Arbeit ist Gertrude Stein und James Joyce. Ihre Arbeit ist dagegen Beckett – ein Modernismus, der verarbeitet und subjektiviert wurde.“

    Auf die Frage, ob das, was in Brooklyn gerade geschehe, so trivial sei wie Reality TV, antwortet Goldsmith strahlend: „Es ist sogar trivialer als Reality TV! Und das ist es, was es interessant macht. Es lässt Reality TV narrativ und inszeniert aussehen. Es gibt da keine Entwicklung, nur diese Stasis. Diese Stasis, die das Grundrauschen der digitalen Welt ist, in dem sich keiner für den anderen interessiert, sondern immer nur auf sein eigenes Smartphone starrt.“

    Goldsmith selbst ist allerdings weit weg von der härter werdenden Konkurrenz in der digitalen Literatur und ihrer daraus resultierenden Trivialisierung. Ihn, der als Web-Anarchist begann, ernährt heute seine Professur an der University of Pennsylvania. Dieser Ironie, sagte er, sei er sich wohl bewusst. „How I Learned to Stop Worrying and Love the Institution“ lautete der Titel seiner Dankesrede anlässlich des Poesiepreises des MoMa in New York.

    Aber wie sieht es mit dem Internet, dieser viel größeren Institution aus, die die Grundlage für Goldsmiths Arbeiten bietet? Was denkt ein literarischer Netzpionier wie er über die immer deutlicher werdende Zweiteilung des Netzes in den prosperierenden Bereich der digitalen Monopole und den ihrer Zulieferer, den zahllosen marginalen und zusehends verarmenden Zonen des Webs, zu dem auch die verschiedenen Literaturszenen gehören?

    „Für die Avantgarde“, sagt Goldsmith, „war das Internet ein Geschenk des Himmels. Jeder, der Avantgarde-Literatur in der Vergangenheit publizierte, ging pleite. Und Leute publizieren immer noch Avantgarde-Literatur und gehen immer noch pleite. Das Internet hat da sehr geholfen, insofern es Schriftstellern eine Möglichkeit bietet, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, ohne dass Schleusenwärter wie Verlage dazwischen müssen. Es hat auch dazu beigetragen, dass Avantgarde-Literatur populärer wurde. Die von mir betriebene Webseite UbuWeb, wo ich allerlei modernistische Experimente veröffentliche, ist wirklich populär heute. Plötzlich reden die Leute über alte Modernisten wie sie das seit Jahren nicht getan haben.“

    Es sei kein Problem, dass quasi-nicht-monetäre Zonen der Avantgarde neben Giganten wie Amazon und Facebook existierten. „Im Web gibt es verschiedene Ökonomien“, sagt Goldsmith. „Es gibt Umsonst-Ökonomien und sehr monetarisierte Ökonomien. Es ist wie in der Welt selbst. Es ist nicht ausschließlich entweder so oder so. Und das ist gut für uns. Während die anderen damit beschäftigt sind, alles zu Geld zu machen, lassen sie uns in Ruhe, hier, in unserer Welt. Die Welt von Lady Gaga und Taylor Swift geht da drüben weiter. Und wir können hier weitermachen. Das koexistiert ganz nett.“

    In Zukunft aber geht es ihm darum, nicht nur in Ruhe gelassen zu werden, sondern die Splendid Isolation aktiv zu vertiefen. Er wolle seine Webseite UbuWeb aus den Google Suchergebnissen löschen lassen. Teilweise soll dadurch zu reiner Mund-zu-Mund-Popularität des frühen Untergrunds zurückgefunden werden.

    „Wieder einmal orientieren sich alle heute in Richtung des Zentrums. Es gibt sogar Bücher darüber, wie man sein Google-Ranking verbessern kann“, sagt Goldsmith. „Wir wollen den umgekehrten Weg gehen. Wir wollen weg von Google.“ Auch seinen Studenten hat er mittlerweile verboten, ,unkreatives Schreiben‘ aus Google-Ergebnissen zu gewinnen, was beinahe ein Klischee dieser Literaturform geworden ist.

    Obwohl sich seine neuerliche Ablehnung Googles luddistisch anhört, wie Goldsmith selbst zugibt, hat der Avantgarde-Poet keinerlei Angst vor der Dynamik des Internets. Erst jüngst hat er seine tausenden Twitter-Follower und Facebook-Freunde dazu aufgefordert, seine Identität zu stehlen und Dinge in seinem Namen zu posten. Anders als bei den Alt-Lit-Protagonisten in Brooklyn dürften auch solche gewagten Experimente bei ihm nicht im Desaster enden.

    Denn obwohl Goldsmith im digitalen Literaturdiskurs eine omnipräsente Figur ist, bietet er eine so geringe persönliche Angriffsfläche, dass er in sozialen Netzwerken nichts zu befürchten hat. Bei all der kontrollierten Wärme, die von seinen guten Manieren ausgeht, wird Goldsmith nie persönlich und sagt im Grunde nur, dass alles schon gesagt wurde und es nun darauf ankomme, möglichst einfallsreich zu stehlen.

    Goldsmith brachte Poesie und Web zusammen, als dieses Zusammentreffen noch ein unbeschriebenes Blatt war. Er musste sich nie als individuelle Marke im digitalen Literaturdiskurs von heute aufbauen, was gerade ohne die Unterstützung eines Verlags nur durch die Erzeugung von Shitstorms und Klatsch geht. In seiner offensiv zur Schau gestellten Neutralität und Unpersönlichkeit gleicht er damit selbst den digitalen Monopolen. Wahrscheinlich ist er das Modell eines Autors, der mit seiner undurchdringlichen Neutralität und Aufnahmebereitschaft, kurz: seiner bewussten Maschinenartigkeit, die einzige viable Strategie gegenüber den Gefahren des heutigen Internets gefunden hat. Anstatt SEO-Literatur zu verfassen, die die Maschine mit hysterisierter menschlicher Authentizität versorgt, mit dem also, wonach sie prinzipiell am meisten lechzt, hat er selbst die stoische Akribie von Algorithmen angenommen.

    The squirrel dying in front of your house

    Zentrumsloses Netzwerk, Patchwork der Minderheiten, temporäre autonome Zone, hierarchiefreier Diskurs, Rhizom, Digital Frontier. Wie um jede neue Technologie rankten sich utopische Vorstellungen um die ersten Jahre des Internets. Besonders populär war die Hoffnung auf eine neue Gründerzeit, die tausende renditeträchtige Start-Ups abseits der Trägheit vordigitaler Marktmonopole aus dem Boden sprießen lassen würde. Politisch setzte man auf netzgetriebene direkte ,Liquid Democracy‘, die das verstaubte Repräsentationsmodell westlicher Demokratien wegblasen sollte.

    Auch Kulturschaffende waren mit den Modellen net.art und Hyperlink-Literatur schon früh im Netz tätig. Besonders für die Bewohner des ehemaligen Ostblocks wie den Netzkunst-Pionier Alexei Shulgin bot dies die Möglichkeit, endlich zum Westen aufzuschließen, endlich auf demselben Spielfeld zu spielen – und all dies fernab der Kontrolle kultureller Institutionen. Wie tief die Hoffnung auf kulturelle Autonomie durch Netzanarchismus reichte, lässt sich noch heute in seiner Introduction to net.art von 1999 nachlesen.

    Bereits eines der ersten Netzkunstwerke, Douglas Davis’ The World's First Collaborative Sentence von 1994, konzipierte auch die Vision einer hierarchiefreien, kollektiven Literatur in einem von den Usern einer Webseite gemeinsam geschriebenen Satz. Ein Punkt, ein Ende war nicht vorgesehen. „Only God might take so final a step“, meinte Davis in seinem an Walter Benjamin angelehnten Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit von 1995 – damals zeitgemäßer Ausdruck eines neuen, radikal offenen technisch-medialen Umfelds.

    Damals, vor zwanzig Jahren, hätte niemand geglaubt, dass die zentrumslose Utopie des Internets einmal eine Marktkonzentration aufweisen würde, wie man sie höchstens aus dem Zeitalter der Rockefellers und Carnegies kennt. Beim Suchmaschinenmarkt liegt Googles Anteil mit Ausnahme von China bei um die 90 Prozent. Eine ähnliche Monopolstellung hat Amazon mit um die 65 Prozent aller Online-Buchverkäufe. Auf dem Sektor der sozialen Netzwerke hält Facebook um die 70 Prozent. Da wahrscheinlich sowohl finanziell als auch technisch für diese Akteure ein kritischer Vorsprung entstanden ist, ist kaum davon auszugehen, dass sich die digitale Landschaft noch einmal so verändern wird wie es vor einigen Jahren noch möglich war. Ebenso, wie es unwahrscheinlich ist, dass Daimler verschwindet.

    Genauso wie die infrastrukturelle Zentrumslosigkeit des Internets der Neunziger ihre Auswirkungen auf die damals dort produzierte und verbreitete Kultur hatte, produziert das monopolisierte Internet eine Kultur, die ihm entspricht. In Buzzfeed-Listicles, in mit dem Ziel der Provokation und Kommentierung verfassten Zeitungsartikeln und in abseitigen Memen wie Katy Perrys Tänzer im Haikostüm oder in den unendlich komplexen philosophischen Überlegungen, die sich derzeit um das blau-schwarze, beziehungsweise weiß-goldene Kleid ranken, braut sich eine merkwürdige Mischung zusammen. Sie verbindet die Kultur des kleinsten gemeinsamen Nenners, die man von klassischen Massenmedien her kennt, mit der von der digitalen Welt gewohnten Bejahung reiner Nischeninteressen.

    Genau diese Mischung ist im Online-Marketing schon lange bekannt. Es ist die Formel von SEO, sprich: Search Engine Optimization. Anders als Popularisationsstrategien des Zeitalters der Massenmedien schielt sie nicht auf den allgemein kleinsten gemeinsamen Nenner für eine als kohärent und einheitlich vorgestellte Öffentlichkeit, sondern will vor allem Nischen exklusiv besetzen und in dieser Besetzung erzeugen. Es geht kurz gesagt nicht mehr um Promis, Sex und Gewalt, sondern vor allem darum, herauszufinden, was Leute in einem spezifischen Mikro-Milieu am meisten interessiert. „A squirrel dying in front of your house may be more relevant to your interests right now than people dying in Africa“, brachte es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf den Punkt, dessen globales digitales Monopol von der algorithmischen Herstellung solcher kleinster gemeinsamer Nenner in Nischen lebt.

    Wir stehen heute vor der Heraufkunft der SEO-Literatur, die zugleich ein Scheideweg ist. Was wir heute als globales digitales Reality TV wahrnehmen, wirkt allzu menschlich, insofern es gerade in seiner Hysterie eine Reaktion auf die solche Trends unendlich verstärkende Funktionsweise von Algorithmen darstellt. Besonders menschliche Authentizität, das „squirrel dying in front of your house“, ist hier wie Honig, da die digitalen Monopole ganz wesentlich auf Aufzeichnung und Ausbeutung des Privaten ausgerichtet sind. Dies ist umso bedenklicher, je mehr Intimität der Netzpopularität geopfert wird. Auf das Menschliche zu verzichten, scheint hier der einzige Weg, das Menschliche zu retten.

    Andererseits ist die totale Literarisierung des Lebens nicht nur ein Schreckgespenst, sondern auch eine Chance. Sie ermöglicht eine ganz neue Art literarischer Repräsentation, in der das E-Book überhaupt nichts mehr mit der hehren, abgeschlossenen bürgerlichen Institution ,Buch‘ zu tun hat. Eher bekommt es den Status einer Feier oder eines Ereignisses, das für die darin Investierenden wichtiger, nach Davis auratischer, sein kann als Repräsentationsformen, denen man bisher globale Bedeutung zugestand, und das dabei dennoch jene faszinierend zugängliche und erhaben oberflächliche Dynamik entwickelt, die früher nur Massenmedien vorbehalten war.
    Johannes Thumfart lehrt momentan Kunsttheorie an der Universität von Cincinnati. Er arbeitete zuvor als Philosoph an der Humboldt Universität und der Freien Universität in Berlin sowie an der Universidad Iberoamericana und dem Centro de Cultura Digital in Mexico City. Er ist Autor der reinen E-Book-Serie Der Katechon, die verschiedene Aufregerthemen wie die russische Osteuropa-Politik, den mexikanischen Drogenkrieg und Nazi-Raubkunst zu einem haarsträubenden Verschwörungsthriller verbindet.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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