Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Bücher wird es auch weiterhin geben – aber welche?

    Die Angst der Büchermacher vor dem Ende des Buchs treibt seltsame Blüten: Die Bücher werden immer schöner, selbst solche, deren Inhalt nicht besonders wertvoll ist. Andererseits wandern die wertvollen Inhalte in neue Medien ab. Überlegungen zur Frage, wie Medien und Inhalte jetzt und in Zukunft zusammenpassen.

    In einer frühen Kurzgeschichte des englischen Science-Fiction-Autors Brian Aldiss bekommt der Ich-Erzähler unverhofft Gelegenheit, eine Stunde im London der Zukunft zu verbringen. Wie soll der Zeitreisende, den es aus dem Jahr 1953 ins Jahr 2054 verschlagen hat, diese einmalige Chance am besten nutzen? In der Bibliothek in alten Zeitungen den Sieger des Derbys nachschlagen und so ein Vermögen beim Pferdewetten machen? Das erscheint ihm zu ungewiss, und so beschließt er den einen Ort aufzusuchen, der, davon ist er überzeugt, auch in der Zukunft noch existieren wird: Foyles, die legendäre Londoner Buchhandlung. Tatsächlich findet er sie.

    My heart beat excitedly as I passed the robot doorman searching outgoing customers. Eagerly, I ran from counter to counter. Book fashions had altered surprisingly little. Although novels were mainly royal octavo and technical books demy 16mo in two volumes, they were still printed on nothing more exotic than paper. (Brian Aldiss: A Book in Time)

    Die in seinen anderen Texten so überbordende Phantasie Aldiss’ – an dieser Stelle versagt sie. Wahrscheinlich war er damals schon selbst zu sehr ein Buchmensch, um sich eine andere Zukunft für das Buch vorstellen zu können. Aber wird dieser seltene Fall von Kulturoptimismus den Test der Zeit bestehen? Wird es im Jahr 2054 noch Buchhandlungen geben?

    Das ist eine Frage, die wesentlich einfacher zu beantworten scheint als die Frage, wie sich der Markt für bedruckte Bücher in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird – was freilich die Frage ist, die für alle, die in dieser Branche arbeiten, die viel höhere Dringlichkeit hat. Denn die Entscheidungen, die heute getroffen werden müssen, beziehen sich auf diesen Nahraum – dass langfristig der Siegeszug des E-Books nicht aufzuhalten sein wird, daran hat kaum jemand Zweifel. Was also sind die Entwicklungen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen?

    Was ist noch der Wert des Buchs?

    Man kann solche Prognosen stellen mit Blick auf ökonomische Entscheidungen, die es zu treffen gilt, man kann aber auch fragen, welche Veränderungen eigentlich konkret den Gegenstand betreffen, um den es dabei geht, also das gedruckte Buch. Letztere Perspektive ist es, um die es in diesem Text gehen soll. Denn die Krise des Buchmarktes, die nun schon einige Zeit andauert, verändert zunehmend auch die symbolische Bedeutung des gedruckten Buches. Die war Jahrhunderte lang eindeutig: Das Buch als Hort der Kultur, als Träger der Bildung, als intellektuelle Autorität. Das, was heutzutage als Gatekeeper-Funktion der Verlage bezeichnet wird, drückt noch immer die Vorstellung aus, dass ein Inhalt erst einmal einen gewissen Wert haben muss, um in Buchform zu erscheinen. Auch der Umkehrschluss hält sich noch nachhaltig: Was in einem Buch steht, muss stimmen. Doch in dem Maße, in dem die bloße Technik, ein Buch herzustellen, für den Laien zugänglicher wird, gerät diese scheinbar unumstößliche Wahrheit ins Wanken. Neben all den realwirtschaftlichen Auseinandersetzungen erleben wir gerade auch den Kampf um die Deutungshoheit darüber, was ein Buch denn nun sei. Ich erkenne da zwei große Hauptströmungen, die zum Teil gegenläufig sind, sich aber nichtsdestotrotz gegenseitig bedingen.

    Als Erstes gibt es da die Reaktion kulturkonservativer Kreise. Das sind einerseits die Verlage, die sich auf literarische Texte spezialisiert haben, andererseits die dazu gehörige bildungsbürgerliche Leserschaft sowie der vermittelnde Apparat dazwischen: Agenten, Buchhändler aus Überzeugung, das Feuilleton. Sie alle bemerken die Risse in ihrer so lange geschlossenen Welt, und wo sie nicht einfach nur mit Schockstarre reagieren, kann man zunehmend ein Phänomen beobachten, für das Jo Lendle, damals noch bei DuMont, jetzt Verleger bei Hanser, bei einer Podiumsdiskussion einmal das schöne Wort „Angstblüte“ verwendet hat: Die Krise des gedruckten Buches führt dazu, dass auf einmal der materiellen Verfasstheit dieses Mediums gesteigerte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bei Hardcovern wird auf den Schutzumschlag verzichtet, damit die wertige Leinenbindung ins Auge fällt, Vorsatzblätter werden wieder entdeckt, von der Renaissance des Lesebändchens ganz zu schweigen. Den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung stellt der bislang nur im englischen Original erhältliche Roman S dar, eine Kooperation des Autors Doug Dorst mit dem Hollywood-Produzenten und Regisseur J. J. Abrams. Das Buch ist nur im versiegelten Schuber erhältlich, denn es enthält zwischen den Seiten diverse Zubehörteile: Bustickets, Postkarten, Zeitungssauschnitte, Servietten. Sie alle untermauern die Grundfiktion des Projekts: Es handelt sich bei dem Buch um die Büchereiausgabe des Romans eines mysteriösen Autors, die nacheinander von zwei Personen ausgeliehen wird, die per handschriftlicher Notizen im Buch miteinander kommunizieren. Eine typisch postmoderne Metafiktion also, die hier mit unglaublicher Akribie umgesetzt wurde.

    Buch als Fetisch

    Die Pointe liegt freilich woanders: Ausgerechnet J. J. Abrams, bislang der Hochkultur eher unverdächtig, steht hinter diesem Projekt und beweist damit, dass Bibliophilie nicht mehr auf eine bestimmte soziale Schicht begrenzt ist. Dahinter steckt aber eine noch viel gewichtigere Verschiebung: Das gedruckte Buch wird damit endgültig zum Fetisch, Inhalt und Trägermedium werden deutlicher entkoppelt, als es das E-Book je könnte. Denn je schöner und aufwändiger ein Buch hergestellt wird, desto weniger fällt sein Inhalt innerhalb dieser Logik noch ins Gewicht. Das kulturkonservative Milieu trägt somit selbst entscheidend zum Niedergang des von ihm verehrten Kulturgutes Buch bei. Unfreiwillig komische Züge entwickelt diese Tendenz, wo sie auf Dummheit trifft. So macht sich etwa der renommierte Buchgestalter in einem Beitrag für den Blog des Suhrkamp Verlags über den Snobismus von Tablet-Nutzern lustig, ohne auch nur entfernt zu registrieren, dass er in seiner Arbeit denselben Snobismus pflegt, wenn er etwa über das richtige Papiergewicht eines Buches doziert. In beiden Fällen dreht es sich um das Design von Lifestyle-Produkten, nur die Zielgruppen sind verschieden.

    Der kulturelle Abstieg des Buches steht allerdings erst am Anfang, noch ist seine Strahlkraft stark genug, um ein Heer von Autoren anzuziehen, die früher niemals die Chance gehabt hätten, ein gedrucktes Buch vorzulegen. Dies ist die zweite große Strömung der jüngsten Zeit: Immer mehr Selfpublisher bringen ihre Bücher auf den Markt, es kommen jährlich Tausende von Titeln hinzu, die niemals bis in den stationären Buchhandel gelangen, sondern als Books-On-Demand auf ihre Bestellung warten. Dass in Zeiten des E-Books überhaupt noch Geschäfte mit BOD (Books on Demand) gemacht werden können, ist ein deutliches Zeichen dafür, welchen Stellenwert ein gedrucktes Buch noch immer hat. Einige große Verlage haben diesen Umstand sehr geschickt für sich ausnutzen können. Sie haben Tochterfirmen gegründet, um nun auch noch an den Titeln zu verdienen, die sie früher nicht einmal in die Hand genommen hätten. Auf der Webseite www.neobooks.de wird sogar damit geworben, dass die besten Bücher eine Chance bekommen, ins Programm des Droemer Knaur Verlages aufgenommen zu werden. Im Umkehrschluss kann das nur heißen: Der ganze Rest ist eigentlich nicht gut genug für eine Verlagsveröffentlichung, aber so lange die Leute dafür zahlen, kann das dem Verlag auch egal sein. Selten findet Zynismus eine so charmante Ausdrucksform.

    Letzte Renaissance des Gedruckten

    Der immer günstiger werdende Digitaldruck wird sich in Zukunft auf noch ganz andere Bereiche ausweiten. In Kleinstauflage gedruckte Memoiren könnten schon bald als wertiges Geburtstagsgeschenk das von einem professionellen Fotografen aufgenommene Familienporträt verdrängen. Egal, um was es sich handelt, zwischen zwei Buchdeckeln erhält es Gewicht. So bewirkt die digitale Revolution paradoxerweise einen letzten Aufschwung des gedruckten Buches. Doch es ist wie mit jeder Inflation, der Wert sinkt, bis er irgendwann gegen Null geht. Die aufgemotzten Bücher, mit denen wir es verstärkt zu tun bekommen, sind insofern das Pendant zu den Geldscheinen über Hundert Millionen Reichsmark, die wir als Kuriosum der Schlussphase der Weimarer Republik in Ehren halten. Die vermeintlichen Bewahrer der Kultur und jene, die davon profitieren, dass endlich die Zugangsschranken gefallen sind, arbeiten also unwissentlich Hand in Hand, gemeinsam höhlen sie die Bedeutung des gedruckten Buches aus – die einen, indem sie es zum Fetisch erklären, die anderen, indem sie es durch schiere Masse entwerten.

    Es gibt neben der Dialektik dieser beiden Tendenzen aber noch einen dritten Trend. Anstatt sich mit Rückzugsgefechten aufzuhalten, ergreift eine intellektuelle Avantgarde die Flucht nach vorn. Für sie ist das Buch schon lange nicht mehr der heilige Gral, sondern ein historisches Medium mit festem Verfallsdatum. Besonders pointiert vertritt Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste in Berlin, diese Position. In einem Beitrag für den Tumblr txtudk, den er zusammen mit seinem Kollegen Karl Wolfgang Flender betreibt, heißt es programmatisch:

    Man darf die Definition von dem, was ,Intellektualität‘ ist, nicht Milieus überlassen, die sich an Büchern festhalten. Es engt die Möglichkeiten, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, viel zu sehr ein. Es macht es geradezu unmöglich, die Phänomene zu beobachten, auszuprobieren und kritisch zu analysieren, von denen die Gegenwart geprägt ist. Kurz gesagt: Es verhindert Intellektualität.

    Auch wenn manche Interventionen Porombkas auf den ersten Blick so wirken, als mache er bloß den Bürgerschreck – wenn er etwa Bücher wie Brotscheiben mit Butter und Marmelade bestreicht –, so wird doch deutlich, dass es ihm um mehr geht. Wenn es stimmt, dass Bücher einmal eine wichtige kulturelle Funktion erfüllt haben, dass sie Medien der Erkenntnis und der Überlieferung waren, dann ist ihr Wert an die Erfüllung dieser Funktion gekoppelt. Erfüllen sie diese Funktion nicht mehr, weil sie beispielsweise zu bloßen Symbolen der Distinktion geronnen sind, oder weil es inzwischen andere Medien gibt, die diese Funktion besser erfüllen, dann sind Bücher als materielle Dinge überflüssig geworden. Das lange Sterben des Buches, das uns bevorsteht, ist dann kein Grund zur Trauer.

    Auch wenn Brian Aldiss in seiner Geschichte etwas zu blauäugig an die Unsterblichkeit des gedruckten Buches geglaubt hat – die Fetischisierung des Buches hat er auch schon Mitte der 1950er Jahre deutlich vorausgesehen: Der Zeitreisende, dem der Ich-Erzähler begegnet, reist in die Vergangenheit, um dort Bücher zu stehlen, die er dann, zurück in der Zukunft, als antiquarische Schätze teuer verkaufen kann. Die Wertschöpfung erfolgt endlich völlig losgelöst von den Inhalten, ein wahr gewordener kapitalistischer Traum. Aber zugleich profitieren davon auch die Inhalte, die nun frei sind, sich ihre eigenen Medien zu suchen.
    Thorsten Krämer lebt als Autor in Köln. Auf seiner Webseite ist sein Roman Neue Musik aus Japan als E-Book frei erhältlich.

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    Juni 2015
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