Foto: Kai Wiedenhöfer

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    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Im Dienst von Autor, Leser und Verlag
    Gespräch mit dem Cheflektor eines der führenden deutschen Verlage

    Die digitale Revolution verändert nahezu alle unsere Lebensbereiche – auch das Lesen. Wie begegnet einer der größten deutschen Verlage diesen Herausforderungen? Unser Autor Alem Grabovac sprach mit Raimund Fellinger, Cheflektor des Suhrkamp Verlages, über E-Books, Vorwürfe der Verknöcherung und über die Stimme des Lektors im Buch.

    Pappelallee 78/79, Berlin Prenzlauer Berg: Das ist seit 2010 die neue Adresse des Suhrkamp Verlages. Zwei Stockwerke hat man in dem klassizistisch anmutenden Gebäude, das einst eine Wäschefabrik und später ein Finanzamt beherbergte, angemietet. Mit dem Aufzug geht es hoch in die vierte Etage. Im Eingangsbereich hängen die Porträtfotos von Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld, den Gründern des Verlags. In den fensterlosen dunklen Flurgängen stehen deckenhohe Metallregale mit unzähligen bunten Suhrkamp-Büchern. Eine Mitarbeiterin führt mich in das Büro des Cheflektors. Raimund Fellinger, markanter Schnauzbart, die Harre im Seitenscheitel, tippt gerade noch eine E-Mail zu Ende. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Berge von Manuskripten. Im Buchregal hinter ihm steht ein Foto von Walter Benjamin und Bertolt Brecht. Sie spielen Schach.

    Alem Grabovac: Herr Fellinger, gibt es eine Anekdote zu diesem Foto?

    Raimund Fellinger: Siegfried Unseld hat es mir als Reminiszenz für unsere gemeinsamen Schachabende geschenkt. Jahrelang haben wir mehr oder weniger einmal in der Woche Schach gespielt.

    Wer war der bessere Schachspieler?

    Ganz eindeutig Unseld.

    Wie verlief Ihr erstes Gespräch mit Siegfried Unseld? Welchen Eindruck hat er damals auf Sie gemacht?

    Kleiner Lektor, großer Verleger.

    Was machte ihn zu einem großen Verleger?

    Auf diese Frage müsste ich Ihnen mit einem Buch antworten. Ganz verkürzt könnte man vielleicht sagen, dass er nicht vorhersehbar war. Er hatte immer noch eine Idee und noch eine und hat diese dann auch konsequent durchgezogen. Und meistens lag er mit seinen Projekten auch richtig. Einer seiner größten Coups war sicherlich die Einführung der Taschenbuchreihe edition Suhrkamp. Da waren ja zunächst alle dagegen.

    Hat er auch einmal ein Manuskript abgelehnt, das später bei einem anderen Verlag ein großer Erfolg wurde?

    Das passiert uns doch allen. Das ist unvermeidbar. Er hat zum Beispiel Umberto Ecos Im Namen der Rose abgelehnt. Im Nachhinein sind alle schlauer. Wir waren der Verlag von Eco, hatten einige seiner wissenschaftlichen Bücher gemacht. Und dann kommt ein Literaturprofessor und sagt, er hat einen Roman. Um Gottes Willen, was macht man da? Unseld sagt, gehen Sie da mal hin und machen ein Angebot. Mehr als 10 000 DM geben wir dem nicht. Kurz darauf war die Messe, OK, geben wir ihm 15 000. Und dann hat Michael Krüger vom Hanser Verlag vielleicht 18 000 gezahlt. Und weg war er, der Umberto Eco mit seinem Weltbestseller.

    Bei wem lagen Sie daneben?

    In letzter Zeit waren es zwei. Das eine war der Essay von Stéphane Hessel Empört Euch!, der ein riesengroßer Erfolg wurde. Es war mir nicht analytisch genug und wir hatten keine Form für so ein schmales Bändchen. Und dann noch André Gorz Brief an D. Da hatte ich mich irritieren lassen, da fehlte mir der Mut. Seine Frau hatte eine schwere Krankheit und sie haben vereinbart, dass sie sich beide umbringen werden. Vorher hat er noch ein Buch darüber geschrieben. Ärgerlich, dass wir das nicht gemacht haben.

    Sie sind seit 1979 Lektor bei Suhrkamp. Wie kam es dazu?

    Den Beruf des Lektors können Sie nicht studieren. Ich habe Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaften studiert. Bis heute werden frei werdende Lektorenstellen bei Suhrkamp nicht ausgeschrieben. Ich wurde von jemandem empfohlen. Es gab einige Vorstellungsgespräche und dann sollte ich ein Gutachten über ein Buch von Pierre Bourdieu schreiben. Anscheinend habe ich dies nicht allzu schlecht gemacht.

    Was sind die Aufgaben eines Lektors?

    Das Anschauen von Manuskripten, die meistens für eine Publikation nicht in Frage kommen. Man muss Texte redigieren und korrigieren. Das finde ich übrigens auch so schön an meiner Arbeit bei Suhrkamp: Es gibt es eine Gleichzeitigkeit von literarischer und wissenschaftlich-theoretischer Arbeit. Man muss Autoren entdecken, mit ihnen reden, psychologisch feinfühlig mit ihnen umgehen können. Man muss sich mit Verträgen auskennen und wissen, wie ein Buch hergestellt und gestaltet wird. Darüber hinaus schreibt man Texte für die Werbung und wirbt in der Öffentlichkeit für seinen Verlag.

    Was für Auseinandersetzungen hat ein Lektor mit seinen Autoren?

    Ach, alles mögliche. Unzufriedenheit mit dem gewählten Romantitel. Ablehnung von Manuskripten anderer Schriftsteller, die die Autoren zur Veröffentlichung vorgeschlagen haben. Ablehnung ihrer eigenen Ideen. Zu lange Wartezeiten, das Manuskript hätte früher erscheinen müssen. Das Buch hätte besser beworben werden müssen. Das Honorar ist zu niedrig. Alles, was das ganze Schriftsteller- und Verlagsherz so bewegt. Der ganz normale Alltag eines Lektors.

    Was war Ihre größte Entdeckung?

    Alle. Ich weiß ja nicht, ob meine Autoren das Interview lesen werden. Da kann ich doch nicht sagen, dies oder jenes, damit würde ich doch die anderen brüskieren.

    Wie viele unverlangt eingesandte Manuskripte erhält Suhrkamp pro Jahr? Und wer liest die eigentlich?

    Ungefähr 3000. Und das mit dem Lesen, na ja, nach dem zweiten Satz wissen Sie doch genau, ob der Autor schreiben kann oder nicht. Und nach dem zweiten Absatz haben Sie sich bereits eine Meinung gebildet, wissen bereits, ob es überhaupt infrage kommt.

    Welche Eigenschaften sollte ein guter Lektor besitzen?

    Ganz viele. Zunächst einmal eine klassische Arbeitsdisziplin. Konzentrieren wir uns mal auf die Textarbeit. Da gibt es einen Grundsatz: Im Prinzip kann alles, was man liest, falsch sein. Da steht zum Beispiel der Satz: Das Buch ist schön. Ja, aber stimmt das wirklich in diesem Kontext, müsste es nicht viel eher heißen: Das Buch ist vielfarbig, ist intellektuell oder möglicherweise sogar beides? In der Perspektive, dass jeder Satz falsch sein könnte, müssen sie die Texte als Lektor angehen. Und dafür braucht man natürlich ein gewisses Hintergrundwissen. Wissen Sie, ein Kollege von mir sagte einmal: Gehen Sie nur nicht zum Fellinger, der schreibt Ihnen sogar den Text auf Ihrer Zugfahrkarte, die sie als Fahrtkostenabrechnung einreichen, noch um.

    Es heißt, dass einige Autoren wie zum Beispiel Raymond Carver, maßgeblich durch ihre Lektoren geprägt wurden. Wie viel Fellinger-Stil steckt in den Werken Ihrer Autoren?

    Dieser Mythos ist grundfalsch. Was bildet sich dieser Lektor ein? Das ist reine Selbstüberschätzung. Solche Lektoren kann ich überhaupt nicht ausstehen. Das sind widerliche Typen. Wer so etwas sagt, ist eitel hoch drei. Warum hat dieser Lektor nicht selber geschrieben? Warum hat er denn keine eigenen Romane verfasst? Soll er doch selber schreiben. Aber offensichtlich konnte er es nicht. Made im Speck. In keinem Buch, das ich gemacht habe, ist Fellinger drin. Es gibt Bücher, die habe ich mehr oder weniger redigiert, aber nur so redigiert, dass sie dem Stil des Autors dienen. Selbst wenn man dem Handke oder Bernhard sagt, ändern Sie mal dies oder jenes, ist das doch kein Fellinger. Das ist Bernhard: „Herr Bernhard, Sie können nicht auf Seite 20 schreiben, die Stube sei klein und nur zwei Meter hoch und 100 Seiten später einen vier Meter hohen Schrank in dieser Stube haben.“ Durch konzentriertes Lesen bekommt man so etwas raus.

    Sie waren gleichzeitig der Lektor von Thomas Bernhard und Peter Handke. Es ist bekannt, dass diese zwei Autoren eine ausgesprochene Feindschaft füreinander hegten. Gab es da nie einen Interessenkonflikt?


    Der Bernhard hat einmal gesagt: Jetzt muss ich zu dem blöden Handke-Lektor. Das ist so eine österreichische Eigenart, die sind halt manchmal gerne böse. Aber als Lektor kann man da etwas sehr genau veranschaulichen: Man darf nicht einer Poetik verfallen sein. Man darf nicht sagen, man muss wie Handke oder Bernhard schreiben. Sie müssen beides lektorieren können, ohne vom jeweiligen Stil abzuweichen. Wenn Sie das weiterdenken, könnten Sie auch sagen, dass der Lektor ein Arschkriecher ist. Bei Bernhard ist er ein Bernhard und bei Handke ist er eben ein Handke.

    Waren Sie mit den beiden auch persönlich befreundet?

    Bernhard hatte zu niemandem ein freundschaftliches Verhältnis. Der hat niemanden an sich herangelassen. Ein einsamer Mensch war er, der trotzdem immer die Gesellschaft gesucht hat und dort auch glänzen konnte. Er war unglaublich humoristisch, teilweise sogar kalauerhaft. Er konnte natürlich auch böse Briefe schreiben und böse Telefonate führen. Ich habe mir einmal aus irgendwelchen Gründen Die Auslöschung von ihm signieren lassen. Eigentlich mache ich das nie mit Autoren, die ich selbst betreue. Und dann schreibt er mir nur diesen einen lapidaren Satz hinein: „Meinem geliebten Fehlersucher.“

    Und Ihr Verhältnis zu Handke?

    Sehr freundschaftlich. Wenn jemand übrigens einsam gewesen ist, war das nicht, wie ich gerade behauptet hatte, Bernhard, sondern Handke. Er hat natürlich Freunde und Leute, die sich dafür erklären und ihm schmeicheln und speichellecken, weil sie etwas von ihm wollen. Und Gegner hat er auch. Trotzdem ist er sehr einsam. Das Schreiben und das Menschsein sind bei ihm so verknüpft, wie ich es bei keinem anderen Autoren kenne. Und das meine ich nicht als Charakterdefizit, ganz im Gegenteil.

    Lesen Sie E-Books?

    Natürlich. Muss ich ja.

    Sind die E-Books bei Suhrkamp 1:1 Kopien des gedruckten Buches?

    Dem ist bisher so. Muss aber nicht so bleiben.

    Reicht es aus, das E-Book für zwei oder drei Euro billiger als das gedruckte Buch zu verkaufen? Sollte man E-Books nicht multimedial bespielen? Zum Beispiel mit Videos zu dem Autor, Einspielen von Musik, Links zu den erwähnten Themen, Möglichkeiten, mit den Texten zu interagieren? Sollte Suhrkamp nicht da, wie einst mit dem Druck und der Gestaltung von Taschenbüchern und den Insel-Büchern, die Avantgarde sein?

    Sie sprechen die sogenannten Enhanced E-Books an. Das ist ein Experimentierfeld. In der Realität wollen die Leute E-Books zum Preis knapp unter dem Taschenbuch bekommen.

    Macht Ihnen Amazon Angst?

    Sagen wir es so: Die Situation macht mich nicht glücklich.

    Nehmen wir an, dass einige Jungunternehmer aus der digitalen Medienwelt sagen würden, dass Suhrkamp ein alter verknöcherter Klassikerverlag sei, der den Anschluss an die moderne Welt verloren hat. Was würden Sie darauf antworten?

    Wie kommen Sie darauf, dass wir nicht lernfähig sind? Da muss man Schritt für Schritt gehen. Wir haben einen Suhrkamp-Blog, bei uns heißt das ,Logbuch‘, eine Internetseite mit Filmen zu den Autoren und viele Sachen mehr. Da sind wir doch dabei. In der Transition müssen wir doch sichten, was traditionell übernehmbar ist und was nicht aufgeht und was sinnvollerweise gemacht werden kann. Und da sehen wir gut aus, da stehen wir gut da.

    Kann es so etwas wie die berühmte ,Suhrkamp Kultur‘, die einst das Geistesleben in der Bundesrepublik bestimmt hat, noch einmal im Zeitalter der Digitalisierung geben?

    Es spricht vieles dafür. Es ist ja nicht so, dass die E-Books neue Standards gesetzt haben. Es gibt keine neuen Standards. Alles ist gerade in the making.
    Alem Grabovac lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. In seinen Regalen stehen mehrere Hundert Suhrkamp Taschenbücher.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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