Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Mit der Literatur gegen die Traumata – Indonesien auf der Frankfurter Buchmesse

    Die Einladung zur Frankfurter Buchmesse ist für Indonesien eine einmalige Gelegenheit. Dennoch stellt die dortige Rolle als Ehrengast dieses Land mit seinen vielen Sprachen und der weltweit größten muslimischen Gemeinschaft vor große Schwierigkeiten.

    Wer sich mit indonesischen Schriftstellern, Verlegern und Offiziellen über Indonesien als Gastland der kommenden Buchmesse in Frankfurt unterhält, begegnet einem interessanten Paradox. Die Verleger und sehr viel mehr noch die Schriftsteller haben sehr große Erwartungen an Frankfurt, die Hoffnung, dass die indonesische Literatur endlich die Anerkennung erfährt, die sie zweifellos verdient. Jene dagegen, die mehr oder weniger direkt mit der Organisation des Buchmessenauftritts zu tun haben, unternehmen alles, um die Erwartungen möglichst klein zu halten. Als ich Goenawan Mohamad darauf anspreche – er ist der Vorsitzende des nationalen indonesischen Komitees für die Buchmesse, ein höchst einflussreicher indonesischer Autor und Mitbegründer des unter Suharto verbotenen Tempo-Magazins –, lacht er. „Ja, vielleicht sollten wir die Schriftsteller einmal vorwarnen. Es werden voraussichtlich ca. 70 indonesische Autoren und Autorinnen zur Buchmesse kommen können. Da kann man sich ausrechnen, wie viel Aufmerksamkeit für jeden einzelnen übrig bleiben wird.“

    Ein Grund dafür, die Erwartungen nicht zu sehr in die Höhe steigen zu lassen, liegt freilich tiefer: Das Übersetzungsprogramm, Kernstück jedes Auftritts eines Landes auf der Buchmesse – mit ihm werden die Übersetzungen von Büchern aus der oder den Sprachen des Gastlandes ins Englische und Deutsche gefördert –, ist in Indonesien erst mit der Freigabe der Gelder im gerade zurückliegenden Herbst endgültig angelaufen, also etwa ein Jahr vor der Buchmesse. Zum Vergleich: Brasilien hat sich dafür drei Jahre Zeit genommen, was dem Durchschnitt der Gastländer der Buchmesse entspricht. Finnland hat sogar sechs Jahre investiert. Gut 200 Bücher aus Indonesien sollen, wenn alles gutgeht, nun bis Herbst in Printform auf Englisch und / oder Deutsch vorliegen, dabei sind Reisebücher, Kochbücher, Coffeetable-Books usw. mitgezählt. Was die Übertragungen literarischer Werke aus dem Indonesischen ins Deutsche angeht, so schwanken die offiziellen Angaben zwischen 20 und 30 Büchern. Vor allem jedoch könnte unter dem jetzt bestehenden Zeitdruck nicht nur die Quantität der Übersetzungen, sondern auch ihre Qualität Schaden nehmen.

    Dies gesagt, gibt es gleichwohl gute Gründe, sich auf das Gastland Indonesien zu freuen, ist es doch eines der gegenwärtig interessantesten Länder, mit einer der vielschichtigsten Literaturen überhaupt. Politisch-kulturell gar könnte der Auftritt Indonesiens in diesem Jahr nicht zu einem besseren Zeitpunkt kommen. Schließlich ist nicht irgendein arabischer Staat, sondern Indonesien das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Es ist gleichzeitig ein Land mit einer sehr langen Tradition gelebter Toleranz zwischen den verschiedenen Religionen und einer moderaten, früh vom Sufismus geprägten Islamauslegung, die die individuelle Beziehung zu Gott gegenüber der Befolgung allgemein gültiger Regeln betont. Eine Zunahme von konservativen und bigotten Tendenzen gibt es freilich auch hier. Die immer noch den Hauptstrom der indonesischen Islamauslegung darstellenden moderaten muslimischen Denker werden auf der Buchmesse nicht nur mit Büchern, sondern auch auf Diskussionsveranstaltungen präsent sein.

    Was bedeutet es, Indonesier zu sein?

    Bereits seit den Anfängen der modernen indonesischen Literatur in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ist eines ihrer großen Themen der Aufbau der Nation und die Frage danach, was es bedeutet, Indonesier zu sein. Das gilt verstärkt seit der Unabhängigkeit, die 1945 ausgerufen, aber erst 1949 von der alten Kolonialmacht der Niederlande anerkannt wurde, und es gilt genau genommen bis heute. Das liegt nicht nur an der Geschichte Indonesiens als ehemals kolonialisiertes Land. Es liegt auch an der ungeheuren geographischen, kulturellen und sprachlichen Vielfalt des Inselarchipels. Indonesien besteht aus mehr als 17.000 Inseln, und ihre Bewohner sprechen mehrere hundert verschiedene Sprachen. Zur Nationalsprache Bahasa Indonesia wurde das alte, in Handelsregionen als lingua franca benutzte, Malaiische erst mit der Unabhängigkeit gemacht. Bis heute ist es für die allermeisten Indonesier nicht Mutter- sondern frühe Zweitsprache, sie lernen es ab der Grundschule (der Schulunterricht findet in allen Fächern in Bahasa Indonesia statt). Das gilt natürlich auch für die Schriftsteller, die, wenn sie über einen lokalen Leserkreis hinaus verstanden werden wollen, in der Nationalsprache schreiben.

    In den letzten Jahren lässt sich in der Politik wie in der Literatur verstärkt eine Rückbesinnung auf die vielfältigen regionalen Identitäten vor dem Horizont einer gemeinsamen indonesischen Identität beobachten. Für eine ausgesprochen kritische Auseinandersetzung mit ihrer Herkunftskultur kann die balinesische Schriftstellerin Oka Rusmini stehen, von der ein Roman unter dem Titel Erdentanz auf Deutsch vorliegt, und die für ihren Gedichtband Saiban (der Titel zitiert die traditionellen balinesisch-hinduistischen Dankgaben) im gerade zurückliegenden November mit dem wichtigen indonesischen Khatulistiwa-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Außerdem wandten sich indonesische Schriftsteller seit dem Fall des jahrzehntelang herrschenden Militärdiktators Suharto 1998, und dann noch einmal verstärkt in den letzten Jahren, den dunklen Seiten der indonesischen Geschichte zu. Dazu zählen vor allem zwei historische Ereignisse: Zum einen die Massenmorde an fortschrittlichen Aktivisten sowie angeblichen und tatsächlichen Kommunisten in der Zeit 1965–66, als die mit dem Sozialismus sympathisierende Regierung des indonesischen Freiheitshelden und Republikgründers Sokarno von der Armee gestürzt wurde und schließlich Suharto an die Macht kam. Der ebenso brillante wie verstörende Dokumentarfilm The Act of Killing des US-Amerikaners Joshua Oppenheimer hat diese Massenmorde erst vor Kurzem ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit geholt. Stellvertretend für die indonesische literarische Auseinandersetzung mit dieser Zeit des Schreckens, in der konservativ geschätzt Hunderttausende ermordet wurden, seien hier zwei Bücher von Schriftstellerinnen genannt, die im Herbst auf Deutsch vorliegen werden. Laksmi Pamuntjaks Amba erzählt höchst kunstvoll die Geschichte von Amba und Bhishma aus dem indischen Epos Mahabharata vor dem Hintergrund der blutigen Ereignisse von 1965–66 neu. Das Mahabharata und auch das zweite große hinduistische Epos, das Ramayana, sind in Indonesien, das vor der Ankunft des Islams hinduistisch und buddhistisch war, bis heute sehr bekannt und einflussreich. Eine tragende Rolle in Pamuntjaks Roman spielt übrigens ein Mediziner, der in Leipzig studiert hat, er ist der Bhishma.

    Erwähnt werden sollte auch Leila Chudoris Pulang, das die (fiktive) Geschichte eines Journalisten erzählt, der nach einer Chilereise 1965 in Paris strandet, da ihm die neue indonesische Regierung wegen angeblicher Sympathisantenschaft mit der indonesischen kommunistischen Partei die Staatsbürgerschaft entzieht. Chudori lässt die franko-indonesische Tochter ihres Protagonisten später im Roman in das Heimatland ihres Vaters reisen, wo sie in die Unruhen vom Mai 1998 gerät – das zweite historisch wichtige Datum, dem sich indonesische Schriftsteller in den letzten Jahren verstärkt zugewandt haben: Dabei handelt es sich um Ausschreitungen gegen Angehörige der indo-chinesischen Minderheit am Ende der Diktatur Suhartos, bei denen geschätzt über eintausend Menschen starben, indo-chinesische Geschäfte geplündert und angezündet, und zahlreiche Indo-Chinesinnen vergewaltigt wurden.

    Es ist nicht alles Politik und soziales Engagement in der indonesischen Literatur. Aber angesichts solcher Ereignisse in der nationalen Geschichte, über die teils jahrzehntelang nicht offen gesprochen werden durfte, und die teils noch keine zwanzig Jahre zurückliegen, angesichts auch der immer noch sehr großen sozialen Unterschiede im Land, der Armut und der technologisch-infrastrukturellen Unterentwicklung vor allem abgelegenerer Gegenden des Inselreichs, erklärt sich, warum l'art pour l’art, warum eine rein ästhetische Auffassung von Literatur, fast allen indonesischen Schriftstellern fern liegt. Andrea Hiratas Roman Die Regenbogentruppe, der den Weg von bitterarmen Dorfschülern auf der Insel Belitung zu späterem Erfolg als Erwachsene beschreibt – das Nachfolgewerk erscheint unter dem Titel Der Träumer im März auf Deutsch –, war international wohl der erfolgreichste Roman eines indonesischen Schriftstellers in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Doch auch auf den Schultern seiner kindlichen Romanfiguren liegt gewissermaßen die Last des Aufbaus der Nation.

    Pramoedya Ananta Toer, der wahrscheinlich bedeutendste indonesische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, wurde vielfach für den Literaturnobelpreis gehandelt, hat ihn aber bis zu seinem Tod 2006 nicht erhalten. Überhaupt ist der Preis an Indonesien, ja an ganz Südostasien bisher vorbeigegangen. In einem unter indonesischen Literati viel diskutierten Essay mit dem Titel The Unrewarded führte der amerikanische Politologe und Indonesien-Experte Benedict Anderson diese missliche Lage nicht zuletzt auf die schlechte Qualität vieler Übersetzungen zurück. Es bleibt zu hoffen, dass aktuell noch ein kleines Übersetzungs-Wunder geschieht, und Indonesien die Chance des Großauftritts als Gastland der Frankfurter Buchmesse nutzen kann. Es gibt so viel von diesem Land und seiner Literatur zu lernen.
    Dieser Text erschien erstmals in der FAZ am 27.01.2015.

    Marco Stahlhut ist Doktor der Philosophie und Literaturwissenschaft. An der University of East Anglia absolvierte er ein Masterstudium der Vergleichenden Literaturwissenschaft bei dem angesehenen Autor W.G. Sebald. Stahlhuts Buch Schauspieler ihrer selbst wurde 2005 veröffentlicht. Zudem hat er für den TV-Sender ARTE als Kulturreporter gearbeitet und ist derzeit DAAD-Lektor an der Universitas Indonesia, Jakarta.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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