Foto: Kai Wiedenhöfer

    Teilnehmen, Teilen, Tauschen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Wer teilt, verliert
    Ein Selbstversuch mit der Sharing Economy

    Sind die preiswerten Putzhilfen, Taxifahrer und Übernachtungsmöglichkeiten, die dank der Vernetzung über Internet und Smartphone schon heute für jeden verfügbar sind, der erste Schritt zu einer neuen, nachhaltigen Gesellschaftsordnung, in der alle alles teilen und es trotzdem – oder eben gerade deswegen – allen besser geht? Oder wird hier im Gegenteil der Grundstein für ein System der schrittweisen Enteignung, Überwachung und Ausbeutung gelegt?

    Im März 2013 ruft die Technologie-Branche auf der Cebit in Hannover die „Shareconomy“ aus: „Wir wechseln von einer Welt des Besitzens in eine Welt des Teilens.“ Ein bedeutendes historisches Ereignis, das in die Geschichtsbücher eingehen wird, meint auch der US-Ökonom Jeremy Rifkin, der als Vater der Sharing Economy gilt. Die Basis seiner Vision ist ein Güterkreislauf, in dem nichts mehr vorzeitig weggeworfen wird: „Wir teilen unsere Autos, unser Zuhause, unsere Kleidung, unsere Werkzeuge. Mit allen Menschen und immer wieder.“ Ermöglicht wird dieses „Teilen“, von dem alle, aber vor allem die Umwelt, profitieren sollen, durch die weltweite Vernetzung via Internet und durch Vermittlungs-Plattformen wie wimdu, Airb’n’b, Huffingtonpost, share a dog, rent-a-rentner, checkrobin, Car2go, ebay, Kleiderkreisel, facebook, 9flats, spottify, Leihdirwas, parkatmyhouse. Rifkin steht im Moment hoch im Kurs, fast täglich spricht er auf irgendeiner Konferenz, ist sogar Berater von Angela Merkel. Die Menschen lieben ihn und seine Ideen. Aber wie funktioniert das in der Praxis? Und warum machen alle mit?

    Konsumverstopfung

    Die deutsche Wirtschaft blüht und gedeiht. Die Kreditzinsen sind niedrig wie nie, die Deutschen können sich mehr leisten als jemals zuvor. Glücklich sind sie nicht. Gerade in den reichsten Konsumgesellschaften wird ein überproportionaler Zuwachs an Burnout, Depression und Hyperaktivitätssyndrom verzeichnet. „Wir merken doch, dass moderne Gesellschaften unter Konsumverstopfung leiden“, erklärt Niko Paech, Umweltökonom an der Uni Oldenburg. Schuld sei eine große Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand, mit dem von Industrie und Handel diktierten Wirtschaftswachstum. Denn wir wissen, dass die Ressourcen langsam, aber sicher zur Neige gehen. Unsere Macht, uns gegen das Schneller-höher-weiter aufzulehnen, war bislang auf Konsumverweigerung, auf Verzicht, begrenzt. Doch mit der Sharing Economy liegt plötzlich die Macht beim Individuum, Privatleute können bestimmen, wohin die Reise geht. So jedenfalls das Versprechen.

    Um erste Erfahrung mit der Sharing Economy zu machen, fahre ich zum Foodsharing-Hotspot beim gemeinnützigen Verein Neuland in Köln. Hier wechseln Nahrungsmittel ganz einfach und unbürokratisch ihre Besitzer. Um nicht mit leeren Händen zu kommen, habe ich ein Glas Orangenmarmelade mitgebracht, die ich nicht mag und die deswegen schon ziemlich lange nutzlos in meiner Vorratskammer steht. Irgendein anderer Wohltäter hat dazu auch noch Brötchen vom Vortag gestiftet. Das Angebot wurde übers Internet verbreitet – und schon sind Leute da, die sich darüber freuen. Ein alter Mann beißt herzhaft in ein Brötchen – und wem hat er das zu verdanken? Mir! Ein schönes Gefühl! Ein Punkt für die Sharing Economy.

    Angestachelt von diesem ersten Erfolgserlebnis registriere ich mich noch auf dem Heimweg via Smartphone bei der Verleihbörse www.leihdirwas.de, bei der digitalen Gratis-Zeitung www.huffingtonpost.de und beim Mitfahrdienst www.uber.com. Wie immer ohne sie genau durchzulesen, akzeptiere ich die allgemeinen Nutzungsbedingungen, erteile die in der Datenschutzerklärung aufgeführte Einwilligung in die Verarbeitung und Nutzung meiner Daten. Das gefällt mir zwar nicht, ist aber meine Eintrittskarte in die Welt der internetbasierten Sharing Economy.

    „Gemeinschaftlicher Konsum hilft auch der Umwelt. Die Frage dabei ist, wie viele Rasenmäher braucht eine Wohnsiedlung? www.leihdirwas.de – Deine Verleihbörse im Internet.“ Ich selbst habe nichts anzubieten, entscheide mich aber spontan für „Palme Aracea“, Mietgebühr 2 Euro pro Tag, und ein Fahrradschloss für 8 Euro pro Woche. Nicht ganz billig und abzuholen im 40 Kilometer entfernten Düsseldorf. Zusammen mit der Einwilligung in die Nutzung meiner Daten insgesamt drei Minuspunkte. Das macht aber in diesem Fall nichts, denn in Düsseldorf habe ich die Möglichkeit, den Fahrdienst UberPop auszuprobieren.

    Eine neue Dimension des Taxifahrens

    Mit dem Taxidienst Uber zu fahren, kostet in Deutschland einen Euro Grundpreis, 25 Cent pro Minute, 1 Euro pro Kilometer. Das ist deutlich günstiger als die offiziellen Taxis in Deutschland. Um ein Uber Taxi zu bestellen, ist kein Anruf bei einer Telefonzentrale nötig, niemand hängt stundenlang in einer Warteschleife. Die App des Taxidienstes UberPop weiß direkt beim Aktivieren, wo ich gerade bin und wo sich die dienstwilligen Fahrer befinden. Keine Unsicherheit darüber, was die Reise kosten wird, ich erfahre den Fahrpreis, bevor ich die Fahrt verbindlich buche. Nimmt der Fahrer Umwege, ist das nämlich nicht mein, sondern sein Problem. Außerdem bekomme ich schon vor Fahrtantritt ein Bild von meinem zukünftigen Fahrer auf mein Handy geschickt.

    Diese App ist sicherlich die Zukunft, die die Taxifunktionäre mal wieder verschlafen haben und die sie jetzt vehement bekämpfen. Aber hinter Uber stecke viel mehr als eine komfortable App, erklärt mir Jost Reinert, mein netter Fahrer. Und damit meint er weder das Wasser – mit und ohne Kohlensäure – noch die Schokoriegel, mit denen die Türen seines leicht beuligen Opel Corsa gefüllt sind. Und auch nicht die Großinvestoren wie Goldman-Sachs und Google, die das ganze „Ubern“ finanzieren. Er meint die Idee, dass Privatleute ihre Zeit und ihre Autos mit anderen Privatleuten teilen: „Sicherlich haben auch die Aktionäre pekuniäre Interessen, sie sind Teil des kapitalistischen Systems. Nichtsdestotrotz gibt es innerhalb dieses kapitalistischen Systems Freiräume, die wir nutzen können. Und Uber kann prinzipiell auch ein solcher Freiraum sein.“ Jost Reinert, Jahrgang 1961, ist im Hauptberuf Kurator und im Herzen Anarchist. Und Idealist. Ihn bewegt nicht die Frage, ob die Motive der Firma Uber gut oder schlecht sind, sondern: Was passiert, wenn die Menschen sehen, dass man Geschäfte machen kann, ohne sich an die geltenden Regeln zu halten? Die Menschen merken gerade, dass man Geschäfte auch untereinander machen kann, ohne sozialversicherungspflichtiges Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis, ohne klar definierte Kunden-Anbieter-Beziehung, ohne zehnseitigen Vertrag und ohne Bezahlung im herkömmlichen Sinne. Und ohne steuerpflichtige Gewinne. Denn, was wir bei Uber bezahlen, ist lediglich eine „Servicepauschale“, also unsere anteilige Beteiligung an Josts Kosten. Der „Bezahlvorschlag“ – so heißt das wirklich – für meine Fahrt zur Düsseldorfer Königsallee, also die Summe, die Uber demnächst von meiner Kreditkarte abbucht: nur 9 Euro, obwohl wir insgesamt fast eine halbe Stunde unterwegs waren. Trinkgeld gebe ich auch nicht, denn wir sind Gleiche unter Gleichen. Prima.

    Wir Kunden profitieren, denn bei herkömmlichen Taxifahrten schlägt schon die Mehrwertsteuer mit 7 % zu Buche, die auf den Fahrpreis addiert wird. Bei Kleinunternehmer Jost zahlen wir entsprechend weniger. Ein wenig befremdlich dabei: Würde Jost mehr als 17.500 Euro pro Jahr umsetzen, müsste er Mehrwertsteuer abführen, das 50-Milliarden-Dollar-Unternehmen Uber nicht. Aber in der Praxis stellt sich diese Frage meist nicht, denn der Gewinn für die Fahrer ist gering. „Klar ist, dass hier kaum einer wegen des Geldverdienens fährt“, erklärt Jost.

    Aber warum dann? Weil Uberfahren ein Stück Anarchie ist! Bei der Frage, ob ein Staat Uber verbieten soll, geht es also nicht um die Rechte der alteingesessenen Taxifahrer und auch nicht um die schöne, leicht zu bedienende App. Es geht um Grundsatzfragen. Wer in der Sharing Economy arbeitet, entzieht sich dem klassischen Wirtschaftssystem genau so wie der, der die Möglichkeiten nutzt – in diesem Fall ich. Was mich allerdings ein klein wenig enttäuscht, ist, dass der große Aufschrei, den ich bei diesen aufrührerischen, revolutionären Ideen erwartet hatte, ausbleibt. „Zunächst wird kein Regulierungsbedarf gesehen, das haben wir erst kürzlich von unserem Verkehrsminister gehört“, erklärt Wirtschaftswissenschaftler Daniel Veit, der im Rahmen eines großen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts den Beitrag der Sharing Economy für ein nachhaltiges Wirtschaften in Deutschland abschätzen soll.

    Der Staat überlässt die Sharing Economy also weitgehend sich selbst, und das ist gut so. Denn so können tatsächlich alle mitmachen beim großen Teilen. Alle „be-teiligen“ sich in irgendeiner Form: Gründer sind bereit, unternehmerische Risiken einzugehen, um Sharing-Vermittlungsportale zu betreiben. Journalisten schreiben ohne Bezahlung in kostenlosen Internetzeitungen wie der Huffingtonpost. Großinvestoren und Internetriesen sind bereit, das Teilen zu finanzieren. Selbst alteingesessene Traditionsunternehmen – also die, die Macht und Geld haben, wirklich etwas zu bewegen – sind bereit, sich zu engagieren: Car2go, drive-now und multicity sind nichts als die englischen Namen für die Carsharing-Angebote von Daimler, BMW, Citroen.

    Profit durch Teilen

    „Die Sharing Economy ermöglicht einen Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, die für den Nutzer in dieser Form bisher unerreichbar waren“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Veit. Das Versprechen lautet also: Wer teilt, hat nicht – wie früher – hinterher WENIGER, sondern im Gegenteil hinterher MEHR. In meinem Fall stimmt das auch. Eine sensationell günstige Taxifahrt war bisher für mich genauso unerreichbar wie eine eigene Putzfrau. Schon allein, weil es mir zu umständlich schien, die Hürde der komplizierten staatlichen Regulierungen zum Engagieren einer Putzfrau in Deutschland zu überwinden. Heute, mit der Sharing Economy und Putzportalen wie helpling.de sieht das anders aus. Ich zahle 12,90 Euro pro Stunde und bekomme dafür eine Putzkraft, „Helpling“ genannt. Fertig.

    Tatsächlich bekomme ich einen jungen IT-Spezialisten, der mit dem Putzgeld seine Rückstände bei der Krankenversicherung bezahlen und der hier nicht namentlich genannt werden will, damit seine IT-Kunden nicht erfahren, dass er in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Nennen wir ihn also einfach Murat. Murat ist ein witziges Kerlchen, das zudem noch super putzt. Hat er im Hotel in den USA gelernt, sagt er. Bei ihm zuhause putzt auch ein Helpling, das kostet dann so gesehen keinen was und beide können den Rechnungsbetrag als haushaltsnahe Dienstleistung von der Steuer absetzen. Der Staat bekommt nichts, die Allgemeinheit zahlt.

    „Und das ist der Grund, warum ein legaler Markt plötzlich Sinn machen kann. Und das trotzdem zu einem Preis, der für die Kunden vertretbar ist“, sagt Helpling-Chef Benedikt Franke, 31, den ich in der Berliner Hauptzentrale der GmbH besuche. Es gibt aber noch einen Grund für die günstigen Preise: Das „Konstrukt Helpling“. „Helplinge“ sind nämlich, anders als es in der Werbung suggeriert wird, nicht beim Portal angestellt, sie agieren aber auch nicht als „teilende“ Privatpersonen. Sie sind formal selbständig. Sie dürfen entscheiden, welche Aufträge sie annehmen, tragen aber auch das unternehmerische Risiko, haften für Schäden, müssen sich selbst versichern und Steuern zahlen, allein zurecht kommen, wenn sie krank werden. Vorzeige-Helpling Verena Weinert, 58 Jahre alt, steht zum Interview bereit. Als seit dem Jahr 2007 selbständige Hauswartin fand sie es unerwartet schwer, sich selbst Aufträge zu suchen: „Man muss sich bewerben, man muss die Kunden überzeugen, man muss Werbung machen ... und das kostet auch“. Seit einem Jahr kommen die Aufträge hauptsächlich von Helpling.

    Das ist das wirklich bahnbrechend Neue an dieser Art von Sharing Economy: Wenn ich bei einer herkömmlichen Putzfirma eine Putzfrau buche, bin ich Nachfrager, die Firma der Anbieter und die Putzkraft ist bei der Putzfirma angestellt. Für Helpling sind wir BEIDE Kunden, die Putzkraft und ich. Und es spräche nichts dagegen, dass heute Verena bei mir putzt und ich morgen bei Verena – so wie es mir Murat schon erzählt hat. Doch: Ich bräuchte einen Gewerbeschein, eine Krankenversicherung und eine Steuernummer. Denn so ganz gleich sind „Partner Caroline Michel“ und „Partner Putzkraft Weinert“ dann doch nicht. Die Rechnung kommt übrigens auch nicht vom selbständigen Putzunternehmer „Partner Verena Weinert“, sondern wieder vom Portal „Partner Helpling“.

    „Partner Verena Weinert“ ist zufrieden. „Man kann davon leben, ja. Ich hab aber auch keine großen Ansprüche. Ich habe weder ein Auto noch ein teures Hobby, ich verreise nicht. Ich mache keine Partys, ich geh nicht weg, ich geh nicht essen.“ Dafür ist Verena „frei“. Sie kann entscheiden, ob und wenn ja wann sie bei wem arbeitet – wie alle „Anbieter“, alle Partnermanager, alle Mikrounternehmer, die ich bisher getroffen habe. Uberfahrer Jost Reinert und Putzmann Murat sind auch in ihren Hauptberufen als IT-Fachkraft und Kurator selbständig bzw. Freiberufler.

    Meine vorläufige Bilanz: Der Kunde profitiert, der Staat verliert und die kleinen Anbieter wie Jost, Murat und Verena profitieren heute wenigstens ein bisschen, sind dafür aber morgen womöglich als Steuersünder angeklagt oder Sozialfälle ohne soziale Absicherung. Und die Portale? Die halten sich bedeckt. In den Zeitungen steht zwar, dass der Wert von Uber mittlerweile auf 50 Milliarden Dollar angewachsen ist, und Helpling gibt eine Pressemeldung heraus, in der steht, dass das Unternehmen stolz darauf ist, bei verschiedenen Investoren seit seiner Gründung im Jahr 2013 insgesamt 56,5 Millionen Euro eingesammelt zu haben, aber über die eigentlichen Gewinne – also das, was die Portale durch die Vermittlung von Tauschleistungen einnehmen –schweigen sich alle geschlossen aus. Falls es überhaupt Gewinne gibt, denn es kursieren Gerüchte, dass viele Internetportale der Sharing Economy sich nicht etwa an den kassierten Provisionen bereichern, sondern im Gegenteil im Moment noch kräftig draufzahlen. Um ein Angebot zu schaffen, dass es eigentlich gar nicht gebe. Hier seien Großinvestoren im Spiel, die gezielt mit viel Geld einen Markt kaputt machen. Diesen Vorwurf hatte ich auch im Zusammenhang mit Uber schon gehört. Hier war von größeren Summen die Rede, die Uber an seine Fahrer gezahlt haben soll, damit sie überhaupt fahren. Nur warum sollte das Portal das tun? Eine Möglichkeit wäre der kostbare Datenbestand, der durch das ganze Teilen und Tauschen entsteht. Und Daten sind bekanntlich die Währung im Internet.

    Wohnungsvermittler

    Die Internationale Tourismusbörse ITB in Berlin hat diesmal das Schwerpunktthema Sharing Economy. Die alteingesessen Hoteliers sind ähnlich besorgt wie die herkömmlichen Taxifahrer, denn Hoteliers, die brav all die staatlichen Vorschriften eingehalten haben, von Brandschutz bis Hygiene, gelten als verschnarcht und innovationsfeindlich angesichts der Sharing-Konkurrenz, allen voran der Shootingstar Airbnb, der mit mehr als einer Million Unterkünften in mehr als 190 Ländern schon mehr als 26 Millionen Gäste glücklich gemacht hat. Geschätzter Wert: 20 Milliarden Dollar.

    Auch ich habe mich bei Airbnb in einer Privatwohnung eingebucht, bei Angelika, die für 28 Euro pro Nacht ein nettes kleines Räumchen in einer 4-Zimmer-Wohnung nächteweise mit Fremden „teilt“. Schon nach dem Besuch weniger Veranstaltungen auf der Tourismusbörse wird mir klar, dass nicht die kleinen Privatvermieter wie Angelika der Stein des Anstoßes sind. Es geht um Menschen und Firmen, die Wohnungen nur anmieten, um sie anschließend über Portale wie Airbnb zimmer- und tageweise wieder zu vermieten und so ein Vielfaches der Miete zu erhalten, die sie selbst zahlen bzw. die sie bei einer „dauerhaften“ Vermietung an einen einzigen Mieter eingenommen hätten. 12.000 bis 15.000 Wohnungen stehen dem Wohnungsmarkt angeblich durch Plattformen wie Airbnb, wimdu oder 9flats allein in Berlin nicht mehr zur Verfügung. Deshalb werden Fragen gestellt wie: „Ist die ganze Stadt bald nur noch ein großes Hotel?“

    Meiner Meinung nach kommen solche Fragen deutlich zu spät, denn dieser Markt ist längst in den Händen professioneller Anbieter, die genau wissen, was nach deutschem Recht erlaubt ist und was nicht. Der Staat hat auch hier keine Steuereinnahmen mehr, anders als bei Hotelübernachtungen. Und die Preise für Mietwohnungen steigen. Aber wer profitiert? „Alle“, sagt Airbnb-Unternehmenssprecher Julian Trautwein, denn viele Airbnbler seien Reisende, die ohne dieses Angebot überhaupt nicht verreist wären. Außerdem blieben sie in der Regel länger. Airbnb sei also keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum bestehenden Angebot: „Wir machen den Kuchen insgesamt ein bisschen größer.“ Um eine Million Gäste pro Monat.

    Die Sucht nach mehr

    Seltsam: In unserer Gesellschaft gab es doch einmal das Ideal, durch Wohltätigkeit, durch Solidarität untereinander unseren Konsum zu drosseln und die Ressourcen zu schonen. Jetzt, mit der Sharing Economy, wird der Angebots-Kuchen nicht kleiner, sondern größer. Was wir nun bekommen, ist nicht weniger, sondern MEHR. Selbst das ganze Carsharing könnte letztendlich zu einem Mehr an Fahrten führen, weil Autos jetzt für MEHR Menschen besser verfügbar sind. Aber, falls das stimmt: Wie hat man uns dazu überredet?

    An der Wurzel, da wo wir verführbar sind, erklärt der Trendforscher Peter Wippermann. Für die meisten Menschen ginge es nämlich gar nicht mehr um Freiheit, Ressourcenschonung oder Gemeinschaftseigentum, sondern schlicht um den eigenen Profit. Danach ist „Teilen“ im Sinne der Sharing Economy keine Wohltätigkeit mehr, sondern es geht darum, möglichst günstig Dinge nutzen zu können. „Was sollten wir auch anderes mit dem dank der Sharing Economy gesparten Geld tun, als mehr zu konsumieren? Aber führt Sharing auf lange Sicht wirklich zu Ersparnissen? Oder wird schlicht alles teurer? Bei einem geringeren Absatz an Fahrzeugen müssten beispielsweise die Firmen höhere Preise verlangen, um noch erfolgreich wirtschaften zu können, rechnet mir der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Veit vor. Es würden dann zwar weniger Fahrzeuge produziert und verkauft, die dann auch effektiver genutzt würden, aber die Kosten für den Einzelnen würden dadurch nicht signifikant sinken. Möglicherweise kostet ein geteiltes Auto in Zukunft dann so viel wie heute das eigene, das ständig verfügbar vor der Tür steht. Aber es würden Ressourcen geschont, da tatsächlich weniger Autos gebaut würden.

    „Sollte diese Entwicklung tatsächlich eintreten, was nicht unwahrscheinlich ist, dann ist tatsächlich die Möglichkeit da, dass mit weniger Ressourcen der gleiche Wohlstand erreicht werden kann. Und das wäre natürlich sehr wünschenswert.“ Die Preise steigen, die Arbeit wie wir sie kennen wird weniger, die Löhne sinken. Die neue Arbeit wird dann das Teilen sein, prophezeit der Oldenburger Umweltökonom Niko Paech. Und zwar für alle, auch für die, die eigentlich nie irgendetwas teilen wollten. In Paechs „Post-Wachstums-Ökonomie“ teilt man nicht mehr aus Freude, sondern aus Not. In einer kleinen, in sich geschlossenen Selbstversorgergemeinschaft „ohne Geld, ohne Märkte, ohne fossile Rohstoffe. Stattdessen kraft eigener Zeit, kraft handwerklicher Kompetenzen und kraft sozialer Beziehung, die man dazu braucht.“ Plattformen wie Airbnb oder Uber gibt es in dieser Vision nicht. Weil niemand mehr verreist. Aber so weit ist es ja zum Glück noch nicht. Im Moment wird der Kuchen größer, die Preise sinken.

    Eine Frage der Definition

    Dinge, die einem wirklich wichtig sind, verleiht man besser nicht, das haben wir schon als Kinder gelernt. Und bei Lichte betrachtet war auch das Einzige, was ich – außer meinem Geld – bisher geteilt habe, ein altes Glas Orangenmarmelade. Gekriegt habe ich eine günstige Taxifahrt, eine spottbillige Übernachtung und eine saubere Wohnung. Außerdem habe ich jede Menge nette Leute kennengelernt. Aber entspricht das noch der Grundidee der Sharing Economy? Und ist „Teilen“ überhaupt das richtige Wort für das, was da passiert? Denn die Frage „wer teilt hier eigentlich was mit wem?“ ist nicht immer ganz einfach zu beantworten.

    Taxifahrten eignen sich nur sehr bedingt zum Teilen. Nahrungsmittel auch nicht. Denn man kann sie nur einmal essen, nicht gemeinsam nutzen. Deshalb „sharen“ Menschen, die über Organisationen wie Foodsharing.de ihr Essen teilen, überhaupt nicht, sagt Wirtschaftswissenschaftler Veit. Sie VERSCHENKEN Dinge, die sie nicht mehr gebrauchen können. Andere VERKAUFEN Dinge, z. B. bei ebay. Das sei auch kein Sharing. „Teilen gegen Geld“, also das, was früher MIETEN hieß, ist – wenn überhaupt – nur dann Sharing, wenn es zwischen zwei Privatpersonen stattfindet. Richtig gut teilen lässt sich eigentlich nur Gemeinschaftseigentum, wie es der Visionär Jeremy Rifkin in seinen flammenden Reden propagiert. In seiner Zukunftsvision teilen wir alles, auch die Kontrolle über das Teilen. Wir werden quasi vom Internet regiert, das für uns die Verwaltung übernimmt. Was aber nicht schlimm ist, weil das Internet ja allen gemeinsam gehört und so jeder von jedem kontrolliert werden kann. Das vom revolutionären brasilianischen Theatermacher Augusto Boal begründete „Theater der Unterdrückten“ scheint für die Verhältnisse in Ägypten wie gemacht. Die bekannte ägyptische Aktivistin und Theatermacherin Nora Amin erzählt in dieser Ausgabe von Art & Thought, wie dieses Theater funktioniert und was es in Ägypten leisten kann.

    So weit so gut. Viel spannender ist die Frage: Wo soll das ganze Gemeinschaftseigentum herkommen, auf das sich diese Utopie stützt? Ist MEIN Privateigentum etwa die große Ressource, die von der Wirtschaft noch nicht ausreichend genutzt wird? Meine Zeit, meine Arbeitskraft, meine Wohnung, mein Auto, meine Intimsphäre, meine soziale Absicherung, meine Daten? Soll ich das alles freiwillig herschenken, damit andere es „nutzen“ können? Da überlasse ich das „Teilen“ dann doch lieber den „Großen“, z. B. Firmen, die Güter eigens anschaffen, um sie dann mit mir zu teilen. Das heißt dann zwar, dass der Kuchen weder kleiner noch größer, sondern schlicht neu aufgeteilt wird; und dass der Staat Kontrolle und Steuereinnahmen verliert und die Menschen ihre festen Arbeitsplätze, dass alte Geschäfte zu neuen Regeln gemacht werden, von denen dann jemand profitiert, der seine Gewinne garantiert nicht teilen wird – aber immerhin kann ich mir sagen, es gab einmal eine schöne, wenn auch kurze Zeit, in der auch ich endlich mal die Macht hatte, etwas zu verändern.

    Und was folgt daraus?

    Der Fahrdienst UberPop wurde kurz nach meiner Testfahrt mit dem netten Jost gerichtlich verboten. Nicht auf Betreiben des Staates, sondern wegen einer Klage der Taxigenossenschaften. Uber füllte die so entstandene Lücke allerdings sofort auf und fungiert jetzt als ganz normales Taxiunternehmen. Zum Trost zahlt es den ersten 100 Fahrern, die die Taxiprüfung ablegen, 500 Euro als Prüfungskostenzuschuss, der ausgezahlt wird, sobald die ersten 100 Fahrten absolviert sind. Hier verdient nun wirklich keiner mehr etwas, weder der Fahrer noch das Portal. Die Preise für Kunden wie mich steigen, aber dafür bekomme ich Dienstleistungen, die in dieser Form vorher für mich nicht verfügbar waren, zum Beispiel eine personalisierte E-Mail, in der mich Uber freundlich darauf hinweist, dass die Gültigkeit meiner Kreditkarte bald ausläuft. Ein Service, den meine Bank bisher nicht hingekriegt hat.

    Und während Jost noch um den Verlust seines Arbeitsplatzes trauert, Murat weiter seine Schulden bei der Krankenversicherung abträgt, Verena sich um ihre Altersvorsorge sorgt, Berliner Hoteliers in ihre Kissen heulen, Angelika überlegt, noch ein weiteres Zimmer zu vermieten und Journalisten weiter Hilferufe in sozialen Netzwerken posten – immer noch der Frage auf der Spur, wer jetzt eigentlich genau was mit wem teilt –, wächst bei Uber, Helpling & Co der Datenbestand. Der Grundstein für ein Internet, in dem alle alles mit allen teilen, ist gelegt. Sind wir jetzt endlich glücklich?
    Caroline Michel, geboren 1966 in Köln, studierte Germanistik, Anglistik, Pädagogik und Volkswirtschaftslehre. Seit 1998 arbeitet sie als freie Autorin für den Westdeutschen Rundfunk, den Saarländischen Rundfunk, den Deutschlandfunk, den Südwestrundfunk, den Bayrischen Rundfunk, die Deutsche Welle, verschiedene Agenturen, Fachmagazine und Tageszeitungen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2015

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