Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Der Tod als Waffe
    Flüchtlinge und ihre Träume

    Einer der großen Warteräume für Menschen, die von Afrika nach Europa einreisen möchten, ist die nordmarokkanische Stadt Tanger. Wie sich die Migranten ein Leben in Europa vorstellen, wie sie die Wartezeit in Marokko überbrücken und wie sie, meist vergeblich, versuchen nach Europa zu gelangen, davon erzählt diese Reportage.

    Jeden Tag fahre ich an ihnen vorbei: auf dem Weg zur Schule, zum Einkaufen, in die Stadt oder zum Strand. Bei jeder roten Ampel klopfen sie an meine Fensterscheibe. Junge Männer, die mit leidender Miene die Hand an den Mund führen und sagen, sie haben Hunger. Junge Mütter deuten auf ihre am Rücken festgeschnallten Babys und sagen, sie brauchen Milch. Es sind Menschen aus Nigeria, Kamerun, Mali oder aus dem Tschad, aber auch aus Syrien und Pakistan, die sich zum Heer der professionellen Bettler gesellen, die in Tanger zum Straßenbild gehören. Die meisten Flüchtlinge geben offen zu, sie wollten von der marokkanischen Hafenstadt aus nach Spanien. Die wenigen, die behaupten, in Marokko Arbeit zu suchen, haben Angst. Das ist verständlich, denn ihr Trip, den sie über die Meerenge von Gibraltar vorhaben, ist illegal, und sie befürchten Probleme mit der Polizei. Die behandelt sie in der Regel wenig zimperlich und kann sie völlig überraschend nach Rabat, Casablanca oder Marrakesch verfrachten. Aber Ausreden ergeben in Tanger wenig Sinn. Sie werden nur mit einem müden Lächeln quittiert. Jeder weiß, wozu die Fremden gekommen sind.

    Die marokkanische Millionenstadt am Mittelmeer, an der äußersten Nordspitze des afrikanischen Kontinents, gilt seit über 20 Jahren als Sprungbrett für Migranten nach Europa. Es ist die beständigste Route. Momentan ist sie jedoch in Vergessenheit geraten. Im Brennpunkt steht zurzeit Libyen, von dem aus Tausende von Flüchtlingen nach Italien in See stechen und dabei Hunderte von ihnen ihr Leben lassen. Wie lange Libyen allerdings noch Transitland bleibt, hängt vom Verlauf des Bürgerkriegs ab. In jedem Fall ist es nur ein temporäres Schlupfloch, so wie das vorher Mauretanien oder der Senegal waren. Auf Druck Europas machen die lokalen Sicherheitsbehörden irgendwann dicht, und die Flüchtlingsströme sickern aus.

    In Tanger ist es anders. Denn von hier aus sind es nicht Hunderte Seemeilen, sondern nur 14 Kilometer, die Afrika vom europäischen Kontinent trennen. Marokkos Polizei und Militär verhindern zwar das Auslaufen von Flüchtlingsbooten nahezu vollständig. Aber die kurze Strecke scheint so verlockend, dass nonstop Flüchtlinge anreisen – egal wie groß oder klein die Chancen sind, auf die andere Seite des Mittelmeers zu gelangen. Laut Registrierung des katholischen Hilfswerks Caritas in Tanger sollen es rund 20 000 Menschen sein, die den Norden Marokkos belagern und auf ihre europäische Chance warten. Wahrscheinlich sind es mehr, denn nicht alle sind bei der Caritas gemeldet. Und für die Bewohner von Tanger, einschließlich mir, scheinen es so viele zu sein wie nie zuvor. Vor zehn oder 15 Jahren wohnten sie in billigen Pensionen in der Altstadt, und es gab einige Camps außerhalb der Stadt. Heute müssen sie auf die Vorstädte von Tanger ausweichen, und dort gibt es unzählige Lager im Freien. Mit ein Grund für den Anstieg: Der Weg über Tanger ist die weitaus weniger gefährliche Route. Libyen ist Bürgerkriegsland, und von dort auf wackeligen, überfüllten Booten das gesamte Mittelmeer zu überqueren, grenzt beinahe an Selbstmord.

    Traum vom Paradies

    Bei klarem, sonnigem Wetter kann man vom Boulevard Pasteur im Zentrum Tangers aus die Küste der Iberischen Halbinsel deutlich sehen. Sie scheint zum Greifen nahe und nur einen Katzensprung entfernt. Tatsächlich dauert die Fahrt mit der Schnellfähre gerade mal eine halbe Stunde über die Meerenge. Für das Ticket brauchen Passagiere allerdings einen westlichen Pass oder ein gültiges Schengen-Visum. Beides haben die Flüchtlinge natürlich nicht. Viele von ihnen beantragten zu Hause ein Visum für Deutschland, Frankreich oder Großbritannien, bekommen haben sie keines. Und deshalb sind sie in Tanger, um mit einem Schlauchboot über die Meerenge nach Spanien zu rudern. Nicht ungefährlich, aber trotzdem: „Denn dort beginnt alles Gute, ein anderes, besseres Leben“, wie sie alle sagen. „Dort gibt es jede Menge Arbeit, eine gute Ausbildung, wer fleißig ist, kann reich werden und eine schöne Frau oder einen wohlhabenden Mann heiraten.“ Das ist ihr Traum vom Paradies. Der Traum vom Norden als Ort der unbeschränkten Möglichkeiten, der Disziplin verlangt, jedoch Stabilität und Wohlstand garantiert. Von einer Krise in Europa haben sie gehört, aber, wie der 21-jährige Kerdal aus Kamerun stellvertretend die einhellige Meinung der Flüchtlinge festhält: „Nur wer faul ist, findet keine Arbeit.“

    Es sind ziemlich ernüchternde Träume – zumindest klingen sie so für uns Europäer. Wir sehen ,unseren Norden‘ weitaus weniger paradiesisch. Wir beklagen die Leistungsgesellschaft, deren Zwängen und Verpflichtungen wir am liebsten entfliehen würden. Man will raus aus der sterilen Welt, in der alles austauschbar geworden ist, keine Authentizität mehr existiert und sogar das Privatleben von den Gesetzen des Marktes diktiert wird. Jeder wird es nicht so formulieren, aber es ist da, das Gefühl des Unbehagens, das Sehnsüchte der Ferne stimuliert. Angesichts der Krise mag sich das in Griechenland, Portugal oder Spanien verändert haben. Dort sind Arbeitslose mittlerweile froh, wenn sie überhaupt eine Anstellung finden, ihre Familie ernähren können und medizinisch versorgt sind. Dafür nimmt man die ,kapitalistische Entfremdung‘ wieder ohne Murren in Kauf, über die man sich vor Jahren noch beschwert haben mag.

    Für Deutsche, Briten oder Franzosen liegen die Sehnsüchte nach wie vor im ,Süden‘: in Spanien, Marokko, Thailand oder in der Karibik. Der Süden repräsentiert Sonne, Meer und Strand. Aber noch viel mehr: Temperament, Genuss, Sinnlichkeit, Erotik, Freundlichkeit, Offenheit, Entspannung und was weiß ich nicht noch alles mehr. Es sind die Ingredienzien, die als Werte eines schönen, besseren Lebens gelten. Klar, das ist eine Gegenwelt zu den am frühen Morgen überfüllten U-Bahnen und Zubringerstraßen, den schlecht gelaunten Chefs, strafzettelschreibenden Politessen, dem Sprint durch den Supermarkt nach der Arbeit, dem beständigen Stress und viel zu hohen Raten für die Eigentumswohnung.

    Sehnsüchte entwickeln sich üblicherweise diametral zur Realität. Man möchte das, was man nicht hat. Was scheinbar fehlt, wird gegenüber dem Alltag erhöht, ja hypostasiert und infolgedessen mit Klischees und Stereotypen bepackt: Der Süden, wo der Wind der Freiheit weht und das Leben noch lebenswert ist – um es etwas überspitzt zu formulieren. Wer dann tatsächlich den Schritt ins sonnige Ausland wagt, wird schnell feststellen, die geschätzten ,Ureinwohner‘ lachen doch nicht den ganzen Tag, zur Arbeit muss man auch hier um sieben Uhr morgens aufstehen, und die Bürokratie ist so korrupt, dass man sich die vormals verhassten deutschen Beamten zurückwünscht. Das Leben im Ausland ist mindestens so schwer oder leicht wie zu Hause.

    Ich lebe seit über 15 Jahren außerhalb Deutschlands (Libanon, Marokko, Spanien) und reise beruflich sehr viel – da hat man das Déjà-vu der ersten Desillusionierung hinter sich. Man weiß mittlerweile, worauf man sich einlässt, plant im Voraus und würde nie ein unkalkulierbares Risiko eingehen, wie das etwa die Flüchtlinge tun. Viele Dinge sind durch das Leben in unterschiedlichen kulturellen Kontexten längst nicht mehr so wichtig, wie sie früher einmal waren. Ein Traumland existiert nicht. Das Ausland, so exotisch es klingen mag, ist einfach nur anders als zu Hause. Ob man sich wohlfühlt oder nicht, hängt ganz von persönlichen Präferenzen ab. Wir Europäer können leicht sagen: ,persönliche Präferenzen‘. Für uns ist es einfach, in das ausgewählte Paradies zu kommen. Wir können das Paradies, falls es uns nicht gefällt, auch hinter uns lassen oder es sogar mit einem anderen austauschen. Der Pass eines EU-Bürgers macht das möglich.

    Wenn Träume platzen

    Für die Flüchtlinge in Tanger gestaltet es sich völlig anders. Ihre Reise ist in der Regel eine einmalige Angelegenheit, und ihre gesamte Existenz hängt davon ab. Die Flüchtlinge riskieren ihr Leben und das Vermögen der Familie. Der Erfolg ihrer Auswanderungsmission hängt stetig am seidenen Faden. Jeden Moment kann es aus sein. Auf dem Weg durch die Wüste können sie ausgeraubt oder noch schlimmer ermordet werden. Selbst in Marokko kann ihnen sehr leicht ihr ganzes Hab und Gut geklaut werden. Für Frauen ist die Reise besonders schlimm. Sie werden ständig belästigt und viele vergewaltigt. Am Ende bleibt der letzte große Schritt über das Mittelmeer, der sie das Leben kosten kann. Und haben sie alle Hürden genommen, was Jahre dauern kann, was blüht ihnen in Europa?

    Das Erwachen wird bitter werden, denn die Träume, die die Flüchtlinge im Gepäck mitbringen, haben nichts mit der europäischen Realität gemein, in die sie hineingeworfen werden. Es folgen lange Monate in Internierungslagern oder Wohnheimen, in denen sie zur Untätigkeit verdammt sind. Danach werden sie vielleicht abgeschoben. Und selbst wenn sie bleiben dürfen, droht die Arbeitslosigkeit. Mit Glück können sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Vielleicht verkaufen sie auf der Straße Imitate von Markentaschen, Musik-CDs und Filme. Oder sie betteln wieder, wie sie es vorher in Tanger machten. Von schlechten Zukunftsperspektiven wollen die Flüchtlinge nichts wissen. Das sind nur Geschichten von ,Losern‘, von Verlierern, wie sie sagen. Jeder von ihnen glaubt, er mache es viel besser und habe mehr Glück als alle anderen. Es ist immer das Gleiche, das ich von Flüchtlingen seit über 15 Jahren höre. Und es ist trotzdem immer wieder verblüffend – weniger ihr Traum von Europa, viel mehr die Vehemenz, mit der sie die Realität ausblenden. Aber vielleicht muss das sein, um alle Strapazen durchhalten zu können.

    „Europa braucht Immigration, aber nur qualifizierte Fachkräfte. Die meisten der Menschen, die hauptsächlich aus Afrika kommen, sind das nicht“, analysiert Carmen González Enríquez, Migrationsforscherin am Real Instituto Elcano in Madrid. Migranten finden, selbst auf ihrem unqualifizierten, beruflichen Level, kaum einen Job. Sie passen nicht zu den aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes. „Europa hat zwar ein demografisches Problem“, erklärt González Enríquez weiter, die bei Forschungsprojekten zur Immigration im EU-Auftrag mitarbeitete. „Nur mit den Flüchtlingen und Migranten, die seit Monaten in Italien und anderswo ankommen, kann das nicht gelöst werden.“

    An Arbeitsmarktchancen und Demografie denken Flüchtlinge nicht. Europa kennen sie aus dem Internet und Fernsehen. „Was man da in Dokumentationen und in den Serien sieht, das ist schon toll. Das hat mich beeindruckt“, meint Kerdal aus Kamerun mit einem breiten Grinsen. Er kann seine Vorfreude auf das gelobte Land kaum zurückhalten. Er grinst über beide Ohren, als wäre morgen Weihnachten. Vor etwa zwei Jahren hatte er entschieden, nach Europa zu gehen. Nicht viel anders, als ein Deutscher etwa, der von den Filmen über Natur und das freie Leben in Kanada so eingenommen ist, dass er dort hinzufahren beschließt. Der 21-jährige Kerdal erzählt mir, dass sein Vater schon lange tot sei und er keine Geschwister mehr habe. Seine Mutter wäre jetzt alleine auf dem Familienbauernhof in Kamerun. Sie wartet jeden Tag auf seinen Anruf aus Europa, seit er sie vor einem halben Jahr endgültig verließ. „Dieser Tag wird bald kommen“, glaubt der 21-Jährige, der in Spanien bei Real Madrid Fußballprofi werden will. „Ich bin ein super rechter Außenverteidiger“, erklärt er mir. Mit seinem Fußballtraum ist Kerdal in einem Flüchtlingscamp in der Nähe des Flughafens von Tanger nicht alleine. Rund 50 Männer und Frauen aus Nigeria, Kamerun, Mali, Gambia, Guinea und der Elfenbeinküste schlafen hier im Freien. Unter einer kleinen Baumgruppe brennt ein Lagerfeuer, daneben stehen große Plastikbehälter mit Wasser, die mühsam von einem Brunnen in der Nähe herangeschleppt werden. Die wenigsten der Flüchtlinge hier haben eine Matratze. „Im Sommer geht das ohne Probleme“, meint Kerdal. „Für den Winter brauchen wir so oder so ein Dach über dem Kopf.“

    Auch Wael ist Außenverteidiger. „Aber links“, wie der 19-Jährige betont, der ebenfalls aus Kamerun stammt. Er will nicht zu Real Madrid, sondern nach Belgien zum FC Anderlecht. „Ich weiß nicht, warum, aber das war schon immer mein Traumklub.“ Dann ist da noch Mohammed aus Mali, der beim FC Barcelona ein Probetraining absolvieren will. Sofort nach seiner Ankunft in Spanien, so versichert der 17-Jährige, werde er den Zug nach Barcelona nehmen. Und natürlich keine Frage, Mohammed wird augenblicklich vom Klub Lionel Messis unter Vertrag genommen. „Das sind keine Träume“, behauptet Mohammed, und auch Kerdal und Wael pflichten ihm bei und scheinen leicht verärgert zu sein. Ich hatte unvorsichtigerweise angemerkt, wie schwierig es sei, einen Vertrag bei Barcelona zu bekommen. „Wir sind alle gut genug, um den Durchbruch als Profis zu schaffen.“ Man merkt, ihr Enthusiasmus für den europäischen Traum – für den Talentierten und Tüchtigen ist alles möglich – ist riesig und nicht im Geringsten zu erschüttern. Ich wage es aber trotzdem: Ist es die Karriere als Profi wirklich wert, das Leben und die Familienersparnisse aufs Spiel zu setzen? „Was ist das für eine bescheuerte Frage“, erwidert Mohammed genervt. „Natürlich, sonst wären wir nicht hier.“ Sie täten alles für den Erfolg, fügt Kerdal an. Nach einer Weile wird klar, was sie darunter verstehen. Sie denken an schnelle Autos, eine große Wohnung, gutes Essen und viele Fans, wie sie zugeben. Sie haben das Leben eines Fußballstars im Kopf. „Mit vielen Mädchen, versteht sich“, fügt Wael an. Die jungen Männer sind nicht anders als Jugendliche in Berlin, Dortmund oder München.

    Wir werden umringt von Johnny, Ammadou, Sidi, Moses und Fernando. Keiner von ihnen ist älter als 25 Jahre. In Europa wollen sie Ingenieur, Mediziner, Künstler werden oder als Elektriker und Maurer auf dem Bau arbeiten. Sie wollen nach Frankreich, Deutschland, Holland oder Schweden – je nachdem, wo sie Freunde und Familie haben, wo ihr Lieblingsfußballklub beheimatet ist oder ihre bevorzugte Fernsehserie spielt. Ihre Ziele sind relativ beliebig. Hauptsache ist: Europa! Dort sei die Universität besser und kostenlos. Auf dem Bau gebe es jede Menge gut bezahlter Jobs, und als selbständiger Elektriker verdiene man in kürzester Zeit ein Vermögen. Johnny und Fernando haben jahrelang für die Reise gespart, ebenso wie Jeffrey, ein Englischlehrer aus Nigeria, der jetzt dazukommt. „Wissen Sie, wie hart das ist“, meint Jeffrey. „Das mühsam Ersparte zerrinnt hier zwischen den Fingern.“ Erst vor einem Monat wollte er seine Frau und ihr Baby über die Grenze nach Ceuta schmuggeln lassen. Das ist, neben Melilla, die zweite spanische Enklave auf marokkanischem Territorium. Aber sie wurden erwischt. Für einen Platz verlangen Menschenhändler gewöhnlich zwischen 1500 und 2500 Euro. Zuvor hatte Jeffrey mit seiner Familie versucht, auf einem Motorboot nach Ceuta zu kommen. Ein Patrouillenschiff der Guardia Civil, der spanischen Polizei, entdeckte sie und schleppte sie zurück in marokkanische Gewässer. Wie viel das alles zusammen gekostet hat, darüber will Jeffrey nicht sprechen. Es müssen einige Tausend Euros sein. Die anderen drei, Ammadou, Sidi und Moses, haben ihr Reisegeld vom Vater, einem Bruder und einem Onkel bekommen. Alle mussten etwas verkaufen, eine Herde oder ein Haus. Moses’ Vater hat einen Kredit auf ein Grundstück aufgenommen. „Alles ist teuer“, sagt Sidi. „Alleine die Reise nach Tanger kostete über 300 Euro. Dann kommt der ganze Aufenthalt dazu, und wenn man noch einen Schmuggler bezahlen muss, wird es richtig teuer.“

    Sie alle geben für ihren Traum viel Geld aus. Die einen zahlen 3000, andere 10 000 Euro. In jedem Fall wäre es genug, um sich in ihren Heimatländern eine neue Existenz aufzubauen. Es sind nicht die Ärmsten der Armen, wie man sich das gemeinhin so vorstellt, die sich auf den Weg nach Europa machen. „Das war noch nie so“, bestätigt die spanische Migrationsspezialistin González Enríquez. „Die Ärmsten könnten sich die teure Reise gar nicht leisten.“ Es ist auch nicht so, wie ebenfalls in Europa oder im Westen vermutet wird, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Armut und Migration gibt und dass die meisten Migranten aus den ärmsten Regionen stammen. Das Gegenteil ist der Fall. Je mehr sich ein armes Land entwickelt, desto mehr Menschen emigrieren – nicht umgekehrt. „Sehen Sie“, erklärt González Enríquez, „je entwickelter ein Staat, desto mehr ,Kapital‘ bekommen Menschen, das sie in einem anderen Land einsetzen können. Dazu gehören handwerkliche Fertigkeiten, Kenntnisse von Fremdsprachen oder ein Studium. Es gibt mehr Bildung, mehr Informationen, mehr Networking und vor allen Dingen auch mehr Geld, um die Reise zu bezahlen. Diejenigen, die nichts haben, können nicht reisen. So einfach ist das.“

    Im Camp in der Nähe des Flughafens wird jetzt über Schlauchboote diskutiert. Sie gelten als Schlüssel zum Glück. „Ich brauche ein Schlauchboot, ein Schlauchboot“, ruft Kerdal euphorisiert, als hätte er einen Schnaps zu viel getrunken. „Und schon bin ich drüben, und alles ist gut!“ Fernando, Mohammed, Sidi und alle anderen nicken eifrig und murmeln: „Ja, Mann, so geht das.“ Die Rede ist nicht von professionellen, hochseetauglichen Booten, sondern von Freizeitbooten, die man in jedem größeren Supermarkt in Tanger kaufen kann. Sie kosten umgerechnet etwa 80 Euro. Aber der Kauf ist für Schwarzafrikaner schwierig. Jeder weiß, dass sie damit aufs Meer hinauswollen. Manchmal wird die Polizei gerufen. Das Maximalgewicht für Passagiere beträgt 250 Kilogramm. Auf dem Weg ins europäische Paradies wird darauf keine Rücksicht genommen – bis zu sieben Personen finden dann Platz. Draußen auf dem Meer hofft man, den Trick anwenden zu können, auf den alle setzen. „Man ruft das spanische Rote Kreuz an und fordert Hilfe in Seenot“, erklärt Kerdal. „Das ist doch ganz einfach.“ Nur der ,Trick‘ hat einen Haken, das Rote Kreuz hat nur ein Schiff für den Küstenstreifen und ist nur selten in der Nähe. Stattdessen fischt die marokkanische Marine die Flüchtlinge auf und bringt sie zurück aufs Festland. Glück im Unglück kann man sagen. Denn wenn ihnen niemand hilft, driften sie leicht auf den Atlantik ins offene Meer hinaus, und dann ist alles vorbei. Aber das ist ihnen egal. „Tod oder Europa“ ist ihre Devise, wie sie alle sagen. Das Rote-Kreuz-Schiff ist und bleibt die große Hoffnung von allen, die die waghalsige Tour übers Mittelmeer machen.

    Eine menschliche Tragödie

    Alle Flüchtlinge in Tanger glauben, es sei nur eine Frage der Zeit und des persönlichen Geschicks, bis sie durchs Nadelöhr ins Paradies schlüpfen. Dabei ist alles ganz anders. „Sie stecken in einer Sackgasse und können weder vor noch zurück“, wie Santiago Agrelo Martínez im sonnigen Innenhof der Erzdiözese von Tanger betont. Der Erzbischof kennt das Schicksal der Flüchtlinge nur zu gut aus der Arbeit der Caritas. Sie ist im Souterrain der Kathedrale untergebracht und kümmert sich seit Jahrzehnten um Flüchtlinge. „Es gibt fast keine Möglichkeit mehr, auf die Iberische Halbinsel zu kommen“, versichert der Geistliche. Vor Jahren sei das anders gewesen. Martínez meint damit die Zeit, als es noch einen organisierten Menschenschmuggel gab. Das war ein breites Netzwerk von Kriminellen und Polizeibeamten. Aber damit ist es vorbei, seit auf beiden Seiten der Meerenge von Gibraltar aufgerüstet und die Korruption bekämpft wurde.

    Spanien hat alleine in den letzten fünf Jahren rund 250 Millionen Euro für die Grenzsicherung ausgegeben. Und Marokko erhielt Gelder der EU, um die Grenzen dichtzumachen. Von 2007 bis 2010 waren das alleine 68 Millionen Euro. Heute patrouillieren marokkanische Marineschiffe entlang der Mittelmeerküste. An jeder auch noch so kleinen Bucht sind Militärposten stationiert, um ein Auslaufen von Booten zu verhindern. Und die Maßnahmen greifen. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen registrierte von Januar bis Juni dieses Jahres nur 920 Immigranten, die in ganz Spanien eingetroffen sind. Zum Vergleich: In Italien zählte man im gleichen Zeitraum 54 000 und in Griechenland 48 000 Flüchtlinge. In Libyen gibt es so gut wie niemanden, der die Flüchtlingsboote am Auslaufen Richtung Italien hindert. In Griechenland kommen die meisten Flüchtlinge über die Türkei. Die griechischen Inseln sind unübersichtlich und zum Teil in unmittelbarer Nähe zur türkischen Küste. Die Behörden der Türkei taten bisher sehr wenig, um den Menschenschmuggel zu kontrollieren.

    Täglich erreichen neue Flüchtlinge Marokko, obwohl die Chancen aussichtslos sind, ihrem Traum auch nur ein kleines Stück näher zu kommen. Wer goldene Träume hat, will von der Realität nichts wissen. „Manche bleiben zehn Jahre“, erzählt Erzbischof Martínez. „Sie versuchen es immer und immer wieder.“ Aber Umkehren, zurück in ihre Heimat, das komme nicht infrage. „Keiner will die Schande auf sich nehmen, ein Versager zu sein“, so der Kirchenmann weiter. „Der soziale Druck ist zu groß, nachdem die Familie ihre Schafherde verkaufen oder einen Kredit aufnehmen musste.“ Und wer tatsächlich nach Hause wolle, habe in der Regel kein Geld mehr dafür. „Es ist eine tragische Situation“, hält der Geistliche abschließend fest. „Diese Menschen nehmen alle nur erdenklichen Strapazen auf sich und riskieren ihr Leben.“

    In Libyen ist das anders. Dort besteht zumindest die reale Möglichkeit, nach Italien zu gelangen. Dafür ist das Risiko wesentlich höher, auf See zu sterben. Zudem sind die Strapazen und das Leiden größer. Wer den Fahrpreis von 1000 bis 2000 Euro bezahlt hat, wird mit den anderen Passagieren interniert. Je nach Volumen des Schiffes können das 100 oder auch 500 Menschen sein. Sie werden in leer stehende Häuser oder Lagerhallen gesperrt: Männer, Frauen und Kinder – alle zusammengepfercht. Dort müssen sie auf die Abfahrt warten. Das kann Tage, aber auch Wochen dauern. Es hängt vom Wetter und den Patrouillen vor der Küste ab. Für die Internierten gibt es einen Fernseher und mit Glück mehr als nur eine Toilette, die gleichzeitig als Bad funktioniert. Dreimal am Tag wird Essen gebracht.

    „Nach einer Woche habe ich das Tor nur noch mit meinem Dobermann aufgesperrt“, erzählte mir dort einer der Schmuggler, der über Jahre einige Dutzende von Booten Richtung Italien schickte. „Mit der Zeit knallten die alle durch und wollten nur noch raus, raus. Aber das ging natürlich nicht.“ Der Schmuggler hat sich mittlerweile zur Ruhe gesetzt. Radikale Islamisten hätten sich in „sein Geschäft“ eingemischt und 50 Prozent am Gewinn abkassiert.

    Alle im Camp in der Nähe des Flughafens von Tanger glauben, dass sie besondere Fähigkeiten haben, die in Europa gefragt seien. Angefangen bei den „exzellenten“ Fußballern über die Studenten, die denken, sie seien „überdurchschnittlich intelligent“, zu den Handwerkern, die glauben, niemand könne so gut arbeiten wie sie. Alle verweisen auf das Fernsehen. Dort hätten sie gesehen, dass man sie braucht, dass jeder seine große Chance bekäme. „In Europa ist das so“, behauptet Ammadou. „Ich habe mit Deutschen, Franzosen und einem aus Norwegen im Internet gechattet. Alle sagten mir, es sei nicht einfach, aber mit Einsatzwillen und Kraft könne man alles erreichen.“ Ammadou versichert mehrfach: „Ich werde bis zum Umfallen arbeiten, und wenn es 24 Stunden am Tag sind.“ Niemand könne ihn aufhalten. Er sei sich sicher, dass ihm die Menschen in Europa helfen werden und er dort sein Glück finde.

    Was ist das? Naivität, Dummheit, Informationsmangel? Letzteres bestimmt nicht. Jeder hat Zugang zu Internet und Fernsehen, wie der Rest der Welt. Aber was bringt Ammadou, Kerdal und alle anderen dazu, ihr ganzes Leben zurückzulassen? Sie hatten alle Arbeit, eine Familie, ein Haus oder eine Wohnung. Sie waren nicht reich, aber hatten zu essen, ein Dach über dem Kopf. Die Kinder konnten zur Schule gehen. Aber plötzlich ist dies alles nichts mehr wert. Sie machen sich auf und treten eine mehrere Tausend Kilometer lange Reise an. Unter ihnen sind schwangere Frauen, Babys und heranwachsende Kinder. Einige werden bedroht und bestohlen, Frauen vergewaltigt. Und sie wissen vorher, dass das alles passieren kann. In Tanger leben sie dann in winzigen Räumen mit vier oder mehr Personen unter fragwürdigen hygienischen Verhältnissen. Wer weniger Glück hat, lebt unter freiem Himmel. Tag für Tag betteln sie auf der Straße. Jederzeit können sie von der marokkanischen Polizei aufgegriffen werden. Sie wissen nie, ob sie je in Europa ankommen werden. Doch halten sie weiter fest an ihrem Traum.

    González Enríquez, die Migrationsexpertin, nennt sie „Wirtschaftsflüchtlinge, die nach Europa wollen, um zu arbeiten und um mehr Geld als daheim zu verdienen“. Das mag zutreffen, selbst auf die Syrier, die hier in Tanger sind. „Wir sind vor dem Bürgerkrieg in die Türkei geflüchtet“, erzählt mir Jussef aus Aleppo an der Strandpromenade der marokkanischen Hafenstadt. Aber die Türkei habe ihnen nicht gefallen. „Sicherheit vor Krieg ist gut, aber wir wollen mehr“, so der 35-jährige Familienvater weiter. „Meine Kinder sollen eine gute Ausbildung bekommen, und ich möchte ein ansprechendes Gehalt, um meiner Familie eine gute Zukunft bieten zu können. Koste es, was es wolle!“ Jussef lebt weder in einem Lager unter Bäumen noch in den winzigen Apartments ohne Strom und Wasser, wie das Schwarzafrikaner tun. Er lebt im Hotel, und bald will er mit seiner Familie in Ceuta sein. „Der Schmuggler ist sehr teuer, aber gut. In Ceuta beginnt dann unser neues Leben.“ Jussef weiß, eine syrische Familie bekommt in Spanien Asyl – etwas, das für normale Schwarzafrikaner nicht möglich ist. Sie haben zwar den gleichen Traum wie Jussef, aber den falschen Pass. Libyen war dem Familienvater aus Aleppo zu gefährlich, und deshalb ist er, wie einige Tausend seiner Landsleute, nach Marokko gekommen. „Ein Flug von der Türkei nach Algerien«, erklärt Jussef. »Das ist der normale Weg.“

    Alles opfern

    Keine Frage, man kann sie alle als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Aber diese Erklärung greift zu kurz. Natürlich suchen sie Arbeit und wollen mehr Geld als zu Hause verdienen. Aber da ist noch etwas anderes. Sie folgen einem Traum, so wie andere Menschen auch – unrealistisch und mit Klischees beladen. Das ist ihr gutes Recht. Es ist ihre Sehnsucht, für die sie bereit sind, alles zu opfern. Für uns Europäer ist das kaum nachzuvollziehen. Wir nehmen einfach unseren Pass und erfüllen unsere Wünsche. Wir fliegen nach Jamaika, Kenia, Kambodscha, Australien, Brasilien oder auf die Virgin Islands. Dort können wir tun und lassen, was wir wollen: Kiffen, Sex, Sightseeing, Safari, Surfen, eine Flussfahrt auf dem Amazonas. Für normale Menschen aus Niger, dem Tschad oder Sudan ist das unmöglich. Aber sie wollen das auch haben und nicht nur davon träumen. Die reiche Elite ihres Landes kann es, sie reist nach Paris, London oder New York.

    Die Flüchtlinge akzeptieren nicht mehr, verdammt zu sein, in Afrika zu leben, das ihnen keine Möglichkeiten bietet. „Wir können ackern, wie wir wollen“, erklärt mir Jimmy aus Nigeria in einer Pension in Tanger verärgert. „Meine Frau ist Krankenschwester und verdiente 100 Dollar im Monat. Damit kann man gerade überleben, aber nicht mehr. Von meinem Gehalt als Kellner will ich gar nicht sprechen.“ Beide sind nun in Tanger, um das zu ändern. „Ich möchte eines dieser tollen Gehälter in einem der britischen Krankenhäuser“, erklärt Karin, seine Frau. „Dann kann man an Kinder denken.“ Das Ehepaar fühlt sich um seine Zukunft betrogen, ausgeschlossen von allem Guten und Schönen dieser Welt.

    Mit ihrer Auswanderung wollen sie sich endlich das aneignen, was ihnen verwehrt wird. Es ist ein Akt der Revolte, und das gleich auf mehreren Ebenen. In Europa nimmt man sie nur auf, wenn sie politisch verfolgt werden oder vor einem bewaffneten Konflikt flüchten. Nur als Menschen, die einfach dorthin reisen, wohin sie wollen, werden sie nicht akzeptiert. Dieses Recht der Bewegungsfreiheit wird ihnen verweigert. Als Opfer einer Notsituation könnte man sie noch verstehen. Denn das passt in das eurozentrische Stereotyp: Afrikaner müssen leiden, damit man ihnen helfen kann. Alles andere sprengt den Wahrnehmungsrahmen. Ohne Not und Elend sind sie für europäische Gutmenschen nicht apart genug und sollen dann gefälligst zu Hause bleiben. „Wo kämen wir da hin, wenn ganz Afrika zu uns kommt“, kann man in Deutschland nicht nur von ausgemachten Rassisten hören. Die Proteste von aufgebrachten Bewohnern von Stadtteilen, in denen Wohnheime für Migranten untergebracht werden sollen, sprechen Bände. ,Neger‘ und Araber dürfen eben nicht reisen und schon gar nicht dort arbeiten, wo sie gerne möchten. „Ja, wo kämen wir da hin?“

    Aber der überwiegende Teil der Flüchtlinge sind keine akut Notleidenden. Sie nehmen sich einfach ihr Recht. Koste es, was es wolle. Und das ist ihre Waffe. Sie besteigen ohne Rücksicht auf Leib und Leben abgehalfterte Kähne, auf die kein vernünftiger Mensch je einen Schritt wagen würde. Man muss dabei betonen: Die Flüchtlinge sind nicht von „ihrem hoffnungslosen, armen Schicksal“ getrieben, wie das oft in der Presse zu lesen ist. Nein, sie manövrieren sich freiwillig in diese Situation und sind dafür verantwortlich. Sie wissen von Anfang an, dass sie sterben können, wie sie auch wissen, dass ihnen allerspätestens in Europa das Geld ausgeht. Und das ist die nächste Provokation. „Europa muss uns helfen“, sagen Ammadou und Kerdal in Tanger, als wäre dies das Normalste der Welt. Warum eigentlich? Ein Europäer kann darüber nur ungläubig den Kopf schütteln. Ich würde heute nie ins Ausland reisen, wenn von vornherein sicher ist, mir ginge das Geld aus. Und ich würde auch nie auf den Gedanken kommen, von der türkischen, belgischen oder kenianischen Regierung Geld und Hilfe zu erwarten oder gar zu fordern. „Nein, Europa trägt nicht die Alleinschuld an unserem Elend in Afrika“, erklärt mir Ammadou. Daran seien auch die afrikanischen Regierungen schuld. „Wir werden systematisch ausgeschlossen und wollen nur das, was uns zusteht.“

    Die Flüchtlinge brechen Konventionen. Die Botschaft ist klar: Wir sind alle gleich, und behandelt uns gefälligst als normale Menschen, so wie ihr das untereinander in Europa macht! Wir haben die gleichen Rechte! Also rettet uns gefälligst, wenn wir uns auf See in Lebensgefahr begeben. Unterstützt uns gefälligst, wenn wir an Land sind, um ein neues Leben aufzubauen. Das ist ein Narrativ, das nicht gern gehört wird. Die Flüchtlinge haben Europa ein Stück weit hilflos gemacht. Was soll die EU mit den vielen Tausenden von Einwanderern machen? Nichts scheint den Strom der Flüchtlinge aufzuhalten, die obendrein bereit sind – fast in Kamikaze-Manier –, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wie groß die europäische Hilflosigkeit derzeit ist, zeigen die Erwägungen, nach Libyen Eingreiftruppen zu schicken und dort sogar zu bombardieren. Die Schmugglernetzwerke und ihre Flotten sollten unschädlich gemacht werden. Nur diese durchorganisierten Schlepperdienste, die für den ganzen Flüchtlingsschlamassel verantwortlich gemacht werden, gibt es gar nicht. Keiner der Flüchtlinge in Tanger hat Schmuggler bezahlt, die sie in ihrem Heimatland überredeten, auf einen Lkw zu steigen und ihr Glück in Europa zu suchen. Das ist eine Erfindung, mit der man die wahren Gründe der Einwanderung verschleiert. Statt sich selbst und der Öffentlichkeit etwas weiszumachen, sollten Politiker konzedieren: Wir haben es mit Menschen zu tun, die die gleiche Freizügigkeit genießen wollen, wie Europäer es tun. Das wäre schon ein erster entscheidender Schritt. Dann könnte man überlegen, wie man darauf reagiert. Alleine mit Bomben oder immer höheren Grenzzäunen stoppt man keine Träume.

    Nach Tagen haben Kerdal und Wael eine Lösung für ihr Schlauchbootproblem gefunden. Ein Marokkaner will eines für sie im Supermarkt Marjane kaufen. Sie hoffen, dass er das auch macht und mit ihrem Geld nicht einfach verschwindet. Sobald er das Boot geliefert hat, soll es losgehen. Vom Kap Spartel aus, dem Punkt, an dem Atlantik und Mittelmeer zusammenstoßen, wollen sie in See stechen. Paddel für die fünf weiteren Passagiere haben sie schon besorgt. Wenn sie erwischt werden, kann ihnen nicht viel passieren. Sie kommen aufs Polizeirevier, man stellt ihre Personalien fest, und nach zwei, drei Stunden sind sie wieder frei. Und dann geht das gleiche Spiel wieder von vorne los. Wie bekommen Kerdal und Wael ein neues Schlauchboot?
    Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift Kursbuch 183, September 2015 im Verlag Murmann Publishers.

    Alfred Hackensberger, geb. 1959, ist Journalist und Autor. Er lebt in Tanger und arbeitet unter anderem als Korrespondent für Die Welt. Zuletzt erschien bei Edition Nautilus sein Thriller Letzte Tage in Beirut. 

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016
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