Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    „Klischees sind keine Menschen“
    Ein Interview mit den Leitern einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin

    Wollen die Flüchtlinge irgendwann zurück in ihr Heimatland oder wollen sie dauerhaft hierbleiben? Gibt es Probleme oder Vorurteile von Anwohnern bezüglich der Notunterkünfte? Unser Autor Alem Grabovac besuchte eine Flüchtlingsunterkunft in Berlin und sprach mit den Leitern Mathias Hamann und Dragana Duric.

    Es ist Anfang Februar, es ist kalt, ein paar syrische und irakische Flüchtlinge rauchen eine Zigarette vor der Notunterkunft für Asylsuchende. Die Notunterkunft ist eine aufblasbare Traglufthalle, sieht aus wie ein riesiges Zelt, steht im Zentrum von Berlin – zwei Kilometer entfernt vom Regierungsviertel und dem Bundeskanzleramt – auf einer Sportanlage. Hier leben und schlafen 294 Flüchtlinge. Eigentlich war geplant, dass die Menschen hier nur drei oder vier Tage bleiben sollten – inzwischen leben dort Familien seit einigen Monaten. Ein schwarz bekleideter Mann von der Security öffnet die erste Tür. Die Traglufthalle hält sich nur durch Überdruck. Es gibt eine Schleuse mit zwei Türen. Eine Tür muss immer zu sein, sonst würde die Luft nach draußen entweichen und die Halle wie ein Ballon in sich zusammensacken.

    Im Eingangsbereich erwarten mich bereits Frau Dragana Duric und Herr Mathias Hamann: Sie leiten die Notunterkunft für Asylsuchende, die von der Berliner Stadtmission der evangelischen Kirche im Auftrag des Bundeslandes Berlin betrieben wird. In der Halle herrscht ein konstant hoher Lärmpegel, der vom Geschrei der spielenden Kinder dominiert wird. Auf der linken Seite befinden sich die Schlafkabinen: Kleine Sechs-Bett-Zimmer mit Hochbetten. Rechts liegt der Gemeinschaftsbereich mit einer Spielecke für Kinder, einer Tischtennisplatte und einer Essecke mit Bänken und Tischen aus Holz, wie man sie von jedem Stadtfest kennt. Es gibt drei Krankenkabinen zur ärztlichen Versorgung, einen Gebetsraum, acht Sanitärcontainer und einen Raum zum Wäsche waschen. An den Trennwänden hängen bunte Zeichnungen von den Kindern und Übersetzungen der am häufigsten gebrauchten deutschen Wörter in vielen Sprachen. Für das Interview gehen wir in den so genannten Besprechungsraum für die Mitarbeiter. Man kann zwar eine Tür schließen, die Wände sind jedoch sehr dünn, eine Decke gibt es nicht, mitunter versteht man wegen des Lärms in der Halle kaum sein eigenes Wort.

    Goethe-Institut: Ganz schön laut hier.

    Mathias Hamann: Schlimmer wäre es, wenn es still wäre. Wir freuen uns über spielende Kinder.

    Dragana Duric: Ich höre den Lärm schon gar nicht mehr.

    In der Notunterkunft leben 294 Menschen. Wie viel Quadratmeter sind das pro Person?

    Hamann: Acht Quadratmeter.

    Kann es da Privatsphäre geben?

    Hamann: Es kommt darauf an, wo ich hinschaue: schaue ich nach oben, nach unten oder zur Seite? Wenn ich nach unten schaue, habe ich mehr Privatsphäre als in einer Turnhalle. Zurzeit gibt es in Berlin 69 beschlagnahmte Turnhallen: Dort können sie höchstens ein Bettlaken um ihr Doppelstockbett aufspannen. Verglichen mit einem Hotel, wo manchmal ein oder zwei oder vier Leute in einem Zimmer untergebracht sind, haben wir weniger Privatsphäre. Und im Vergleich mit einer Wohnung haben wir natürlich noch weniger. Es ist immer eine Frage des Blickwinkels und Vergleichs.

    Die Landtagsfraktion von Bündnis90 / Die Grünen lehnt die Unterbringung in Traglufthallen ab – es gebe keine Privatsphäre, zu wenige sanitäre Anlagen, das verstoße gegen fundamentale Menschenrechte.

    Duric: Mein Eindruck ist, dass sich die Menschen bei uns sehr wohl fühlen. Es gibt sogar immer wieder Familien, die uns besuchen kommen und sagen, dass sie wieder zu uns zurück wollen.

    Hamann: Es muss immer Leute geben, die eine bessere Welt fordern. Wir versuchen alles, geben unser Bestes, bieten Deutschkurse an, haben die Spielecke für die Kinder eingerichtet, helfen beim Ausfüllen von Formularen, sorgen für ärztliche Betreuung, kümmern uns, so gut es eben geht, um unsere Gäste. Letztes Jahr wurden wir hier im Bezirk für unsere Arbeit mit dem Integrationspreis ausgezeichnet – auch von den Grünen.

    Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge?

    Duric: Die meisten sind Syrer, gefolgt von Irakern, Pakistanern und Afghanen. Letzten Sommer gab es noch mehr einzelne Männer, inzwischen sind es mehr Familien aus diesen Ländern.

    Wie schätzen Sie die soziale Zusammensetzung der Flüchtlinge ein? Welchen Bildungsgrad besitzen sie?

    Hamann: Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge besitzen 25 Prozent einen Hochschulabschluss. Die Leute hier gehören eher zu den Wohlhabenderen. Aber nicht alle, die wohlhabend sind, sind auch gebildet. Wissen Sie, die Flucht von Syrien nach Berlin kostet pro Person zwischen 2000 und 6000 Dollar. Von Afghanistan aus ist es noch teurer. Klar, dass diese Leute keine mittellosen Bauern waren. Es ist allerdings nicht so entscheidend, welchen Hintergrund jemand hat, sondern was seine Ambitionen sind. Das entscheidet darüber, wohin ihn seine zweite Reise führt. Die erste Reise war die gefährliche, dort ging es ums nackte Überleben. Die zweite ist jedoch die viel anstrengendere, weil sie einen definitiv die alte Identität kosten wird. Diese Menschen waren früher Rechtsanwälte, Hochschulprofessoren, Tischler, Fabrikanten oder Bäcker und sind jetzt erst einmal nichts davon. Sie müssen sich hier ganz neu orientieren und erfinden. Das ist die zentrale Herausforderung für diese Menschen. Und deswegen ist es so wichtig, ob jemand die Kraft und die Motivation hat, eine neue Sprache zu erlernen, sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden und noch einmal ganz von vorne anzufangen.

    Wollen die Flüchtlinge irgendwann zurück in ihr Heimatland oder dauerhaft hier bleiben? Welchen Eindruck haben Sie?

    Duric: Sobald der Krieg vorbei ist, sagen viele, wollen sie wieder zurück in ihre Heimat.

    Hamann: Ich denke, dass man es hier mit drei verschiedenen Gruppen zu tun hat. Es gibt eine Gruppe, die bleiben will. Die kennen sich mit dem Asylverfahren aus und wissen, dass man nach sechs beziehungsweise sieben Jahren in Deutschland ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht bekommen kann. Diese Menschen haben Ambitionen, sie lernen Deutsch, bewegen sich absichtlich nicht nur in arabischen Gemeinschaften, sondern suchen sich gezielt Freunde, mit denen sie Deutsch sprechen können. Diese Gruppe sieht ihr neues Leben als Chance. Die dritte Gruppe sind jene, die eigentlich in ihre Heimatländer zurück wollen. Manche Iraker, insbesondere die irakischen Kurden, sind ja auch schon wieder in ihr Land zurück geflogen. Und dann gibt es da noch die zweite Gruppe, jene in der Mitte, bei der sich, so glaube ich es jedenfalls, das Bleiben einfach entwickeln wird. Sie werden hier Kinder bekommen oder haben bereits Kinder, die hier zur Schule gehen werden. Für diese Kinder wird Deutschland die Heimat sein, sie werden Wurzeln hier schlagen. Diese Gruppe wird, obgleich sie dies noch gar nicht weiß, auch nicht mehr zurückkehren.

    Wie muss man sich den Tagesablauf in einer Notunterkunft vorstellen?

    Hamann: Morgens um 5.30 Uhr fängt die Frühstücksschicht an. Dann gibt es Mittagessen, Abendessen. Um ein Uhr nachts beendet die letzte Sozialbetreuerin ihre Schicht. Und dann beginnt alles wieder um 5.30 Uhr mit dem Frühstück.

    Duric: Daneben machen wir vielfältige Angebote: Die Flüchtlinge können Fußball spielen, Deutschkurse bei gleichzeitiger Kinderbetreuung belegen, sich mit Anwohnern treffen oder an Ausflügen in die Stadt teilnehmen. Unterstützt werden wir dabei von all unseren vielen freiwilligen Helfern.

    Wie viele freiwillige Helfer arbeiten hier?

    Hamann: Mittlerweile haben wir einen Pool von 1600 Freiwilligen, die alleine in unserer Notunterkunft mithelfen. Andere Unterkünfte haben 3000 oder gar 5000 Unterstützer. Online kann man sich in eine Liste für verschiedene Arbeiten eintragen. Pro Tag sind es 15 bis 30 Leute: Sie verteilen das Essen, kümmern sich um die Kinder, machen sauber, geben Deutschunterricht oder plaudern einfach nur mit den Flüchtlingen.

    Was motiviert diese Menschen? Weshalb opfern sie ihre Freizeit für die Flüchtlinge?

    Duric: Unsere Helfer ,opfern‘ ihre Zeit nicht. Sie finden, dass ihre Hilfe einfach Sinn macht.

    Hamann: Sie haben die Bilder aus dem Krieg, der Flucht gesehen und sich gesagt, dass diesen Menschen geholfen werden muss. Wir haben hier Helfer und Helferinnen aus allen Altersklassen und den unterschiedlichsten sozialen Milieus: Sie sind Schüler, Studenten, Büroangestellte, Rechtsanwälte, Rentner. Wenn sie einem Kind das Essen geben oder mit ihm spielen und in seine dankbaren Augen schauen, dann ist das die Antwort auf die Frage: „Warum helfe ich hier?“ Darüber hinaus wollen viele damit auch ein Statement setzen: Während einige gegen die Flüchtlinge demonstrieren, demonstrieren diese Leute an der Küchentheke, dass die Flüchtlinge in diesem Land willkommen sind.

    Man hört immer wieder von freiwilligen Helfern, die physisch und psychisch zusammenbrechen. Wie ist das bei Ihnen?

    Hamann: Das kam bei uns nicht vor. Letzten Sommer allerdings, da hatten wir nur 50 Flüchtlinge bei einer Kapazität von 294 und wussten, dass gleichzeitig Menschen draußen auf der Straße schlafen müssen. Das nur ein paar Gehminuten von hier entfernte Lageso, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, bei der sich die neu ankommenden Flüchtlinge in Berlin registrieren lassen müssen, um eine Schlafstelle in einer Notunterkunft zugewiesen zu bekommen, war letztes Jahr dem Ansturm der Flüchtlinge nicht gewachsen. Sie konnten die Anträge einfach nicht bearbeiten, hatten nicht genügend Personal. Unser Team hat sich entschieden, dass wir die Flüchtlinge abends direkt vor dem Lageso abholen, damit sie nicht auf der Straße landen. Damals kamen einige an den Rand ihrer Kapazitäten und sind daran gewachsen. Das macht stolz, mit solchen Menschen – Freiwilligen wie auch Angestellten – zu arbeiten.

    Sie haben gerade das Lageso erwähnt. Für viele ist es zum Synonym für das Versagen der Politik geworden. Die Asylsuchenden mussten und müssen teilweise immer noch tage-und wochenlang unter unmenschlichen Zuständen vor dem Amt auf ihre Registrierung warten. Was bekommen Sie hier davon mit? Was muss verändert werden?

    Hamann: Das war eine große Herausforderung, vor der wir alle standen. Wir haben in unserem Rahmen versucht, mehr als das Vorgegebene zu tun. Manchmal haben wir im Sommer einen Anruf bekommen, ob wir für das Wochenende noch 100 Schlafplätze organisieren können. Das haben wir in Zusammenarbeit mit einer Moscheegemeinde geschafft. Bei allen Vorwürfen an die Berliner Politik, muss man dennoch sehen, dass die Problemlösungskapazitäten gestiegen sind. Vieles ist besser geworden. Früher gab es keine 24-Stunden-Erreichbarkeit. Die gibt es jetzt. Das hilft uns als Betreiber einer Notunterkunft weiter. Wir können jetzt auch nachts jemanden anrufen.

    Sind die Flüchtlinge von der Situation, der Nichtbearbeitung ihrer Anträge, dem wochenlangen Warten vor dem Lageso frustriert? Was bekommen Sie da mit?

    Duric: Das hängt vom Fall ab. Manche haben Glück, andere wiederum nicht. Wir hatten zum Beispiel einen Mann, dessen Akte im Lageso nicht mehr auffindbar war. Sie hatten sie verloren und haben den Mann in einen Raum mit etlichen Kartons geschickt, wo er seine eigene Akte suchen musste. So etwas ist natürlich frustrierend.

    Hamann: Das hängt vom Fall und vom Charakter eines Menschen ab. Ein 14-jähriges Mädchen aus Afghanistan ist zwei Wochen lang jeden Morgen um 6 Uhr los zum Lageso und um 21 Uhr wieder zurückgekommen. Ohne Erfolg. Dennoch hat sie über ihre Situation ein hoffnungsfrohes Bild gemalt und ist immer positiv geblieben.

    Welche konkreten Probleme treten auf? Kam es hier, wie in anderen Notunterkünften, zu Schlägereien und handgreiflichen Übergriffen? Gab es religiös motivierte Konflikte zwischen den Flüchtlingen?

    Hamann: Hier sind insgesamt 23 000 Menschen durchgegangen. Natürlich gab es hin und wieder das ein oder andere kleine Problem. Einerseits weil die Leute problematisch sind, weil sie vielleicht Schlimmes erlebt haben oder vielleicht auch weil die jetzigen Umstände schwierig sind. Manchmal haben wir halt auch ein Hausverbot erteilen müssen.

    In anderen Notunterkünften gab es Probleme zwischen Arabern und Schwarzafrikanern, zwischen Moslems und Christen. Hier war das nicht so?

    Duric: Von Anfang an gab es bei uns die Regel: Wir können alles verstehen, aber Rassismus wird bei uns nicht toleriert. Wir unterscheiden nicht nach Religion oder Nationalität: Bei uns werden alle gleich behandelt.

    Hamann: Wenn Menschen sich scheiße finden wollen, dann finden sie immer einen Grund. Egal ob als Christ, Moslem, Syrer, Iraker, Deutscher oder sonst was. Wir hatten hier zum Beispiel ein Zuckerfest, haben vier Wochen lang mit einer benachbarten Moscheegemeinde kooperiert und haben das in einer schönen Feier münden lassen. Da hat sich dann an einem Teller Baklava eine Prügelei entzündet. Jetzt ist halt die Frage, was nehme ich wahr: Sage ich: Ein paar Flüchtlinge haben sich fünf Minuten geprügelt oder sage ich: 290 Menschen haben das Zuckerfest friedlich gefeiert?

    Wie behandeln die männlichen Flüchtlinge die Frauen – die weiblichen Flüchtlinge, die Helferinnen?

    Duric: Die Menschen sind ein wenig temperamentvoller als die Deutschen, machen uns mehr Komplimente, das ist aber kein Problem. Am Anfang nehmen sie einen vielleicht auch nicht so ernst, wollen lieber mit einem Mann reden. Dann macht man denen aber sehr schnell klar, dass dies hier nicht so funktioniert, dass sie, falls sie Hilfe brauchen, auch mit Frauen sprechen müssen. Generell fühle ich mich sehr respektvoll behandelt.

    Hamann: Wenn dies nicht so wäre, dann würden die ganzen freiwilligen Helferinnen, all diese Frauen, nicht mehr zu uns kommen. Ich lese ihnen mal die Namen der Helferinnen für diese Woche vor: Susanne, Alina, Joanna, Lucile, Emmily, Fatma, Sophia, Francesca, Jil, Christina, Nina, Rahel, Amelie, Elena, Miau, Julia, Waltraud usw. Wenn es hier dauernd Probleme mit Männern geben würde, würden die alle hier nicht freiwillig herkommen. Natürlich stammen viele Flüchtlinge aus patriarchalischen Gesellschaften und haben ein Frauenbild, das wir in Deutschland früher auch einmal hatten. Aber daran kann man arbeiten und darüber hinaus sind nicht alle gleich. Und nur weil einige wenige Probleme machen, bedeutet dies doch nicht, dass alle Probleme machen.

    In der Neujahrsnacht haben in Köln vermutlich über 1000 Nordafrikaner und Flüchtlinge Frauen sexuell belästigt, ausgeraubt und teilweise auch vergewaltigt. Brauchen die Flüchtlinge Benimmregeln, muss man ihnen eine neue deutsche Leitkultur beibringen?

    Hamann: Unsere Benimmregeln stehen im Grundgesetz, in unserer Verfassung. Daran muss sich jeder halten, ob er nun ein Deutscher oder Asylsuchender ist. Noch einmal: In dieser Woche arbeiten bei uns eine atheistische Afghanin, die in Palästina geboren wurde, eine Französin, eine italienische Katholikin, eine türkische Muslima und eine Jüdin aus Israel zusammen als Team in einer christlichen Notunterkunft. Das würden die doch niemals tun, wenn die Männer sie hier beleidigen würden.

    Also alles Panikmache?

    Hamann: Dass die Leute Deutsch- und Integrationskurse brauchen, dass man sich um ihre Traumata und psychologischen Befindlichkeiten kümmern muss, würde ich sofort unterschreiben. Und natürlich sind diese Übergriffe in Köln nicht zu tolerieren. Sie müssen strafrechtlich verfolgt werden. Aber genauso wenig wie alle Deutschen Neonazis sind, weil ein paar Wenige Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verüben, sind alle Nordafrikaner und Muslime wegen der Ereignisse in Köln Menschen, die Frauen nicht respektieren.

    Duric: Nachdem, was in Köln passiert ist, haben zum Beispiel zwei unserer ehemaligen syrischen Bewohner in Köln gegen die Ereignisse der Silvesternacht protestiert und sich dafür entschuldigt.

    Gab es Probleme oder Vorurteile von den Anwohnern bezüglich der Notunterkunft und der Flüchtlinge?

    Hamann: Morgens kommen zum Beispiel Mitarbeiter eines Architekturbüros, das sich hier um die Ecke befindet. Die haben sich letztes Jahr an uns gewandt und gefragt, wie sie uns helfen können. Jetzt unterstützen sie uns um 6.30 Uhr bei unserer Frühstücksschicht und verteilen Essen. Ich sage nicht, dass dies überall so ist. Aber wir werden wirklich großartig von unserer Nachbarschaft unterstützt.

    Im vergangenen Jahr gab es alleine in Deutschland über 1000 Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Sie haben also keine Angst, dass es auch ihre Notunterkunft treffen könnte?

    Hamann: Na ja, am 1. Mai spielt der BFC Dynamo Berlin, bekannt für seine Hooligans und Neonazis in der Anhängerschaft gegen den eher türkisch geprägten Berliner AK hier im nur wenige Hundert Meter entfernten Poststadion. Die Polizei und wir werden an diesem Tag die Leute in unserer Unterkunft warnen: In diesen vier Stunden müssen sie vorsichtiger als sonst sein. Wir werden Zettel aushängen und ein paar Hundertschaften der Polizei werden für die Sicherheit sorgen. Dennoch machen mir all diese Anschläge natürlich Sorgen. Ich sorge mich um unsere Kollegen, um unsere Mitarbeiter, um die Flüchtlinge. Die Zivilisationsdecke, und das hat die Geschichte zur Genüge gezeigt – ist sehr, sehr dünn. Aber wenn Menschen wollen, können sie auch friedlich zusammenleben.

    Duric: In unserem Bezirk arbeiten die Menschen an konkreten Problemen und helfen sich über alle sozialen Milieus und religiösen Unterschiede hinweg.

    Gibt es etwas, dass Sie an der öffentlichen Debatte über Flüchtlinge ärgert?

    Hamann: Alles wird zu sehr von Klischees dominiert. Und zwar von rechts und von links. Weder sind Flüchtlinge die faulen Sozialschmarotzer, die uns aussaugen, Frauen begrapschen und die Arbeit wegnehmen, noch sind alle Flüchtlinge traumatisierte Opfer, zu denen Deutschland scheiße ist. Mich nervt es unheimlich, dass die polarisierten Ränder einen Großteil des Diskurses bestimmen. Wenn ich Ihnen zum Beispiel erzähle, dass wir hier Hausverbote erteilen, dann sagen die einen gleich: Wusste ich es doch immer. Und wenn ich sage, es gibt hier traumatisierte Menschen, die stehen seit Monaten vor dem Lageso und bekommen kein Geld, sagen die anderen: Der Staat versagt, kümmert sich nicht genügend um die Hilfsbedürftigen. Klischees sind aber keine Menschen. Den typischen Asylsuchenden gibt es nicht. Es sind Menschen, die in ihrem Wesen und Charakter ebenso vielfältig wie die einheimische Bevölkerung sind. Wenn wir uns einerseits auf Köln fokussieren und andererseits auf die 29 syrischen Ärzte verweisen, die jetzt schon im Krankenhaus arbeiten, sind dies Klischees, die uns nicht weiterbringen. Die große Masse liegt dazwischen und hat damit zu kämpfen, dass sie Motivation braucht, um aus ihrem psychologischen Loch, in das sie gefallen sind, wieder herauszukommen. Diese Debatte fehlt mir völlig.

    Über was müssten wir Ihrer Meinung nach sprechen?

    Hamann: Wie können wir diese Menschen in unsere Gesellschaft integrieren? Wie schaffen wir es, ihrem Leben wieder eine Struktur zu geben? Wenn wir Köln nicht wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir diesen Menschen Chancen und Perspektiven geben. Man muss sie als ganz gewöhnliche normale Menschen mit einer psychologischen Dynamik betrachten, die gefördert werden müssen und von denen man auch etwas fordern kann.

    Wie müsste das konkret aussehen?

    Hamann: Nochmals: Die Flüchtlinge brauchen Chancen, Möglichkeiten, Perspektiven und sie müssen erkennen, dass sie es sind, die diese wahrnehmen müssen. Während des Asylverfahrens hat man eigentlich kein Anrecht auf den Besuch eines Deutschkurses. Aber sie müssen die Sprache lernen – deswegen haben wir hier von Anfang an jeden Tag Deutschunterricht angeboten. Extern haben wir dafür gesorgt, dass sie auch in der benachbarten Kurt-Tucholsky-Schule, bei gleichzeitiger Betreuung ihrer Kinder, regelmäßig Deutschkurse besuchen können. Wir zwingen natürlich niemanden dazu. Aber wir können eben Angebote machen. Ein privates Europagymnasium, das an uns herangetreten ist, vergibt zwei Stipendien. Wir haben zwei, die sich angestrengt haben, besonders gefördert und die haben jetzt diese Stipendien. Wir kooperieren mit Firmen. Es gibt einen Caterer um die Ecke, der ab und zu mit unseren Flüchtlingen kocht. Wir haben Praktikantinnen von der psychologischen Fakultät, die mit unseren Flüchtlingen arbeiten. Wir hatten Firmenmanager, die eine Woche hier mitgearbeitet haben. Wir organisieren Begegnungen mit den Einheimischen: Jeden Samstag und Sonntag haben wir eine „Coffee&Cake- Conversation“. Externe Gruppen bringen Kuchen mit, wir stellen den Kaffee, dann sitzen da manchmal bis zu 100 Leute und reden einfach miteinander. Es kommen große Firmen, kleine Gemeinden oder Privatleute. So funktioniert das Annähern aneinander, nur so gelingt Integration. Wir müssen doch alles dafür tun, diesen Menschen Perspektiven aufzuzeigen.

    Duric: Es kommen auch Arabisch sprechende Leute zu uns und einmal in der Woche setzen wir uns mit den Flüchtlingen zusammen und besprechen ihre und unsere Anliegen. Darüber führen wir ein Protokoll und hängen es öffentlich an der Wand auf. Wir hatten auch eine Jobmesse bei uns in der Unterkunft.

    Wie würden Sie die Stimmung momentan in Deutschland beschreiben?

    Hamann: Auf der einen Seite gibt es eine sehr große und permanente Willkommens- und Helferkultur und auf der anderen Seite eine diffuse Angst vor Überfremdung. Aber auch hier wird die Debatte zu sehr von Klischees dominiert. Auf der einen Seite die naiven Multikulti-Helfer und auf der anderen gleich die rassistischen Kritiker. Diese Klischees bringen uns auch nicht weiter.

    Angela Merkel hat gesagt: „Wir schaffen das.“ Inzwischen glauben 60 % der Deutschen, dass wir das nicht mehr schaffen. Schaffen wir das?

    Hamann: Was soll das heißen? Was sollen wir schaffen? Es gibt diese Geschichte mit dem Jungen am Strand und den Seesternen. Ein Junge ist am Strand und es ist gerade Ebbe und da sind ganz viele Seesterne. Er nimmt die Seesterne und schmeißt sie ins Wasser. Dann kommt ein Mann und sagt zu dem Jungen: Das ist doch völlig sinnlos, was du da machst. Es gibt so viele Seesterne, die kannst du alle gar nicht retten. Dann guckt der Junge den Mann an, nimmt einen Stern, wirft ihn ins Meer und sagt: Aber diesen Stern habe ich gerettet.

    Letztes Jahr waren es eine Million Flüchtlinge. Dieses Jahr werden es vielleicht noch einmal eine Million. Brauchen wir eine Obergrenze? Wie viele Menschen können wir in unsere Gesellschaft integrieren?

    Hamann: Woran machen wir Erfolg fest: Dass jeder Flüchtling integriert ist? Das wird garantiert nicht passieren. Dass es keine Nazis mehr gibt, die andere Menschen hassen? Auch dies wird nicht passieren. Aber heißt das dann, dass wir es nicht geschafft haben? Ist das überhaupt die relevante Debatte? Wir müssen eher darüber reden, wie und nicht ob wir es schaffen. Und schauen Sie: Wir haben es doch schon einmal mit den Arbeitsmigranten geschafft, weshalb soll uns dies nicht noch einmal gelingen? Wir haben Politiker und Politikerinnen, die Dilek Kolat, Özcan Mutlu und Cem Özdemir heißen, wir haben Intellektuelle wie Navid Kermani, der anlässlich des 65-jährigen Jubiläums des Grundgesetzes eine Rede vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat. Wir haben Menschen, die nicht Sabine Müller oder Martin Schmidt heißen und dieses Land inzwischen mitgestalten. Daran können wir doch sehen, dass es gelingen kann.

    Duric: Wird es einfach werden? Nein! Können wir es schaffen: Natürlich! Weshalb auch nicht? Wir müssen einfach alle gemeinsam etwas dafür tun.
    Alem Grabovac lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. Er schreibt regelmäßig für die Berliner Tageszeitung (taz).

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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