Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Die Angst vor dem Tyrannen
    Meine Flucht nach Deutschland

    Nicht erst seit ein paar Jahren, sondern seit Jahrzehnten fliehen Syrer vor der Gewaltherrschaft des syrischen Regimes nach Deutschland. Im letzten Jahrhundert flohen sie vor dem Despoten Hafez al-Assad, nun werden sie von dessen Sohn, dem Diktator Baschar al-Assad, vertrieben.

    Am 7. April 1997 landete ich, nach fünf Monaten bangen Wartens in der libanesischen Hauptstadt Beirut, zusammen mit meiner deutschen Frau auf dem Flughafen Frankfurt. Der Libanon war damals von syrischen Truppen besetzt, sie kontrollierten die Außengrenzen des Landes und insbesondere den internationalen Flughafen. Als ich über Beirut ausreisen wollte, schärfte mir ein Mitarbeiter einer internationalen Menschenrechtsorganisation, der ich es zu verdanken habe, heute in Deutschland zu sein, ein: „Wir können Ihnen innerhalb des Flughafens bei den Ausreiseformalitäten helfen, bis Sie zum letzten Kontrollposten kommen, bevor Sie ins Flugzeug steigen. Dort aber haben syrische Soldaten die Kontrolle. Oder anders gesagt, dort ist eine Abteilung des syrischen Militärgeheimdienstes. Dort werden Sie auf sich selbst gestellt sein, denn der syrische Geheimdienst erkennt weder internationale Organisationen noch Menschenrechtsorganisationen an.“ Die Worte des Menschenrechtlers waren eindeutig: Trotz all der Unterstützung, die man mir hatte zuteilwerden lassen, musste ich dieses Risiko allein eingehen; selbst internationale Organisationen fürchteten die Skrupellosigkeit des syrischen Regimes.

    Ein kleiner Kontrollposten vor dem Weg in die Freiheit

    Ein kleiner Kontrollposten des syrischen Geheimdienstes am Beiruter Flughafen trennte mich also noch von der Freiheit. Nachdem ich ihn überwunden haben würde, hätte ich endgültig die Gefahr hinter mir gelassen, dem syrischen Geheimdienst ein weiteres Mal in die Hände zu fallen. Allein der Gedanke war furchterregend. Denn unter Hafez al-Assad hatten sich die Geheimdienste ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür, um die Syrer unter ihre Knute zu zwingen und Assads diktatorischem Willen unterzuordnen. Dieser Geheimdienstapparat hatte aber nicht nur Macht über die Syrer innerhalb des Landes, sondern erstreckte seinen Einfluss auch auf den Nachbarstaat Libanon. Jener Staat mit einem einzigartigen politischen System, der seit jeher die Lunge war, durch die die freien Syrer atmeten.

    Tatsächlich lief alles absolut problemlos, bis ich zum Kontrollposten des syrischen Geheimdienstes kam. Jetzt musste ich allein zurechtkommen. Seit meiner Freilassung aus dem Gefängnis war noch nicht allzu viel Zeit vergangen, und jeder Fauxpas würde bedeuten, an jenen grauenvollen Ort zurückzukehren.

    Es war eine eigenartige Lokalität: ein kleiner, spärlicher Raum innerhalb des Flughafens. Ein Ort, der absolut nicht den Eindruck erweckte, ein Kontrollposten des berüchtigten syrischen Militärgeheimdienstes zu sein, bei dem einem schon beim Gedanken an ihn die Knie zitterten.

    Keine Spur von einem Schreibtisch, kein Computer. Nur ein junger, nicht großer Mann stand dort. Allein. Seine Gesichtszüge ließen darauf schließen, dass er der Landbevölkerung angehörte, die keine allzu große Zuneigung für den Tyrannen in Damaskus hegte.

    Nur die deutlich sichtbare Waffe des Geheimdienstlers schien sagen zu wollen: „Ich bin das Werkzeug, mit dessen Hilfe Hafez al-Assad seine Macht verbreitet und seine Autorität und Skrupellosigkeit demonstriert.“ Was die Wirkung der Waffe indes ein wenig minderte, war, dass der Junge ein Buch in den Händen hielt. Ich war leider viel zu aufgeregt, um zu erspähen, welche Art von Buch es war. Vermutlich ein Roman, mit dem der junge Mann die Langeweile abtöten wollte, auch wenn Geheimdienstler sich normalerweise – falls sie überhaupt lasen – Bücher wie das Werk von Karim al-Shibani zu Gemüte führten: „Hafez al-Assad – Eine historische Persönlichkeit in schwierigen Zeiten“, oder Bücher mit sozialistischer und moralischer Unterweisung, wie sie von der Baath-Partei und der Armeeführung herausgegeben wurden.

    Aller Wahrscheinlichkeit nach leistete dieser junge Geheimdienstler seinen Militärdienst ab. Gleichgültig fragte er mich nach meinem Beruf und warum ich den Libanon verlassen wolle. Seine Art zu fragen erweckte den Eindruck, er würde einfach eine auswendig gelernte Floskel wiederholen. Er schien kein großes Interesse daran zu haben, die Oppositionellen und Gegner Assads am Flughafen von Beirut daran zu hindern, vor dessen Gewaltherrschaft zu fliehen – auch wenn dies seine eigentliche Aufgabe und der Sinn seiner Anwesenheit an diesem kuriosen Ort hier war. Mit gedämpfter Stimme, in dem Versuch, meine Angst und meinen syrischen Dialekt zu verbergen, antwortete ich: „Ich bin als Flüchtling in Deutschland anerkannt. Ich bin Lehrer!“ Er erkundigte sich nicht, wo und was ich unterrichte und warum ich ausgerechnet nach Deutschland wolle. Er schaute auch nicht prüfend in mein Gesicht oder auf meinen Pass und er interessierte sich auch nicht für meine Antwort. Er gab mir den Pass auf der Stelle zurück und bedeutete mir mit einer Geste, weiterzugehen. Dann sagte er: „Auf Wiedersehen!“

    Kontakt zu einer ausländischen Macht

    Der kurze Moment, in dem der Junge auf meinen Pass geschaut hatte, war mir wie eine Ewigkeit vorgekommen. Hätte dieser Geheimdienstler meine Situation erkannt, wäre ich ins Gefängnis zurückgekehrt –, doch dieses Mal hätte nur Gott gewusst, für wie lange und unter welcher Anklage. Und wenn der Vorwurf bei meiner ersten Verhaftung vor Jahren absurderweise gelautet hatte: „Zugehörigkeit zu einem politischen Gebilde, das auf das Innerste der Regierung abzielt und die Reinheit der Nation durch erlogene Gerüchte beschmutzt“, so würde er diesmal sicher lauten: „Kontakt zu einer ausländischen Macht“ (worauf in Syrien die Todesstrafe stehen kann). Und das wäre nicht einmal völlig aus der Luft gegriffen gewesen. Denn ich, der syrische ehemalige politische Gefangene und Oppositionelle, wollte mit einem Pass, der nicht auf meinen Namen ausgestellt war, den Libanon in Richtung Deutschland verlassen. Ich hatte also tatsächlich Kontakt zu einer „ausländischen Macht“ gehabt, denn die deutschen Behörden hatten meinem Antrag auf Familienzusammenführung mit meiner deutschen Frau stattgegeben. Nach langem Hin und Her hatten sie sich dazu durchgerungen, mir noch vor der Einreise in Deutschland einen Pass auf meinen richtigen Namen auszustellen und ihn mir sofort bei der Ankunft in Frankfurt, also noch bevor ich deutschen Boden betrat, auszuhändigen. Und tatsächlich stiegen, sobald sich die Flugzeugtür in Frankfurt öffnete, zwei Polizisten hinauf ins Flugzeug und prüften die Papiere der Passagiere. Mir war bewusst, dass ich allein das Ziel ihrer Kontrolle sein musste. Als ich an die Reihe kam, nahmen sie mir auf der Stelle meinen Pass ab und forderten mich auf, sie zu begleiten. Wir gingen zur Polizeiwache im Flughafen, wo sie mir ein deutsches Reisedokument überreichten.

    Angst vor dem Regime – sogar im Himmel

    Kurz bevor wir das Flugzeug in Beirut bestiegen hatten, war meine Frau im Flughafen wie zufällig an mir vorbeigegangen, um sich zu erkundigen, ob die Sache überstanden sei. „Ist es vorbei?“, fragte sie mich flüsternd. Gereizt machte ich ihr ein Zeichen, sich von mir fernzuhalten, bis wir im Flugzeug säßen, abgehoben und den libanesischen Luftraum verlassen hätten. Denn jeder kleine Fehler würde uns verraten und wieder zum Ausgangspunkt unserer Bemühungen, das Land zu verlassen, zurückbringen. Wir hatten vereinbart, dass wir zwar mit dem gleichen Flugzeug reisen würden, jedoch nicht zusammen. Als ich die Treppe zum Flugzeug hinaufstieg, überkam mich ein seltsames Gefühl. Ich konnte nicht glauben, dass ich auf dem Weg in die Freiheit war. Sogar im Flugzeug wollte ich nicht mit meiner Frau sprechen, so tief saß die Angst vor dem Regime. Ich fürchtete, ein Spitzel des Regimes oder ein Geheimdienstler könne in unserer Nähe sitzen. Erst als das Flugzeug abgehoben hatte und wir uns allmählich vom Nahen Osten entfernten, begann ich zu begreifen, dass ich tatsächlich drauf und dran war, mich der Einflusssphäre des syrischen Regimes zu entziehen. Nach und nach fühlte ich mich freier. Nachdem wir in Frankfurt die komplizierten Einreiseformalitäten hinter uns gebracht hatten, rief ich als Erstes meine Mutter an und konnte sie endlich beruhigen: „Ich bin in Deutschland. Es ist vorbei.“
    Ahmad Hissou ist Redaktionsmitglied von Fikrun wa Fann / Art & Thought.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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