Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Der Weg nach Deutschland
    Was es heißt, Flüchtling zu sein

    Unsere Autorin, die in Syrien als Fotografin die Revolution und den Bürgerkrieg dokumentiert hat, kam mit der großen Flüchtlingswelle von 2015 über die Balkanroute. Sie berichtet über die Fluchtgründe und über ihre Erfahrungen, Gefühle, Ängste und Hoffnungen.

    Die letzten fünf Jahre waren nicht einfach. Das Leben kann nicht mehr werden, wie es einmal war, wenn man sein Haus und seine Freunde verloren hat, und noch dazu seine Heimat. Die Wandlung vom Bürger zum Flüchtling vollzieht sich indes allmählich, und auch ich wurde nicht davon überrascht, weil ich häufig zwischen Syrien und der Türkei hin und her pendelte.

    Ich habe meine Wohnung Mitte 2012 verlassen und bin nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Aber solange ich noch durch Syrien reiste, hatte ich nicht das Gefühl, sie endgültig verloren zu haben, selbst als ich weit von zu Hause entfernt war. Ich hielt mich immerhin innerhalb der Grenzen meines Landes auf, zu dem ich gehöre. In der Türkei hingegen vermittelte mir der Ausdruck ,die syrischen Gäste‘ den Eindruck, kein Flüchtling zu sein. Ich bin tatsächlich nicht stolz auf meine Eigenschaft als Flüchtling, und die Entscheidung, das Land zu verlassen, fiel mir nicht leicht – auch wenn der Weg nach Europa einfacher war als der Weg von der Türkei nach Syrien hinein.

    Sieben Staaten vor dem Ankommen in einer neuen Heimat

    Ich breitete die Landkarte vor mir aus: ,Nur‘ sieben Staaten trennten mich von meinem neuen Aufenthaltsort, wo ich Ruhe finden würde. Doch dafür müsste ich einen großen Geldbetrag auftreiben. Macht nichts, sagte ich mir, für nur zweitausend US-Dollar werde ich mir nach all dem Tod, den ich erlebt habe, ein neues Leben kaufen.

    Als ich am Strand wartete, von wo aus die illegale Überfahrt beginnen sollte, dachte ich nicht ans Ertrinken. Ich dachte auch nicht daran, als uns die Schleuser in das Schlauchboot zwängten und uns zwischen den Wellen schaukeln ließen. Ich beobachtete nur die Zeit, während sich das Boot mit Wasser und den Angstschrien der Frauen und Kinder füllte. Die Männer boten dem Meer ein Opfer dar: Sie entledigten sich all ihrer restlichen Habseligkeiten, die sie im Laufe der Jahre angesammelt hatten und die sie auf ihrer Reise in ein neues Leben hatten mitnehmen wollen. Nur eine einzige halbe Stunde noch sollten wir nicht untergehen, nur eine einzige halbe Stunde noch müssten wir das Gleichgewicht halten, um anzukommen. Doch die Zeit verging unendlich langsam! Zweieinhalb Stunden kamen mir vor wie eine Ewigkeit.

    Dann wurden wir an die griechische Küste geworfen. Manche weinten vor Freude und konnten nicht glauben, noch am Leben zu sein. Andere lachten hysterisch, weil sie dem Tod entkommen waren. Hunderte Male hatten die Syrer mit dem Tod gekämpft, aber am Ende hatten sie immer wieder den Weg ins Leben gefunden.

    Mir war bewusst, dass die Reise gerade erst begonnen hatte, aber ich war mir nicht darüber im Klaren, wie beschwerlich es tatsächlich werden würde, mein Ziel zu erreichen. In jenem Moment dachte ich an nichts, ich war einfach glücklich darüber, dass der gefährlichste Teil der Reise hinter mir lag.

    Tag der Auferstehung

    In langen Reihen standen die Menschen an der Grenze, ein Bild wie am Tag der Auferstehung. Von Land zu Land schleppten sich Männer, Frauen, Kinder und Alte vorwärts auf der Suche nach Sicherheit in einem neuen Leben. Wir zwängten uns in Züge, wo jedes Fleckchen ausgenutzt wurde. In den engen Gängen zwischen den Abteilen und sogar in den Übergängen von einem Waggon zum anderen lagen menschliche Körper vor Erschöpfung und Müdigkeit ausgestreckt auf dem Boden.

    An jedem Grenzübergang wurden wir mit Kleidung und Decken versorgt. Auch heißen Tee boten uns die Freiwilligen an. In Serbien waren nicht viele Freiwillige zur Stelle, und die Polizei hatte nichts organisiert. Wir mussten im Freien im Regen stehen. Auch Frauen, Kinder und Alte wurden nicht bevorzugt behandelt. Einige Familien harrten drei Tage dort aus, bevor sie sich wieder auf den Weg machen konnten.

    Wir durchquerten das Land per Zug, und an der Grenze brüllte ein Polizist: „One line!“, wobei er zur Verdeutlichung mit den Händen fuchtelte. Die Grenze überquerten wir zu Fuß im Regen. „One line! One line!“

    In Ungarn mussten wir durch einen Sumpf waten. Unweit stand auf einem Hügel ein Polizeiauto, aus dem heraus die Polizisten beobachteten, wie eine Alte auf ihren rosa Stock gestützt versuchte, all diese Kilometer hinter sich zu bringen. In einer der Schlangen stehend berichteten wir uns gegenseitig über unsere Angst und unsere Rettung nach der Reise übers Meer in einem Schlauchboot. Für alle, die das Meer überwunden hatten, hatte es nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher. Wir hassten das Meer und wir hassten den Sand wegen der Erinnerungen, die sie im Gedächtnis hinterlassen hatten. Wenn ich heute an die Reise zurückdenke, kommen andere Gefühle in mir auf als damals. Unterwegs ist man besessen von der fixen Idee, anzukommen. Man denkt nur an die nächste Etappe, das nächste Land, den nächsten Zug, der einen weiterbringt. Die Erschöpfung stellt sich erst nach der Ankunft ein.

    Die Kamera, der Tod und die Revolution

    Als ich zu Beginn der syrischen Revolution die Kamera in die Hand nahm, war mir der Tod egal. Ich wurde getrieben von dem Wunsch, das Foto in die Welt zu schicken. Vier Jahre begleiteten mich die Kamera und der Tod bei jedem Schritt, bis zum entscheidenden Moment im Jahr 2015, als der Tod so allgegenwärtig wurde, dass er keine Bedeutung mehr hatte. Warum sollte ich sterben, wenn mein Tod doch nichts ändern würde? Die Frage stellte sich mir jedes Mal, wenn ich versuchte, nach Syrien hineinzufahren.

    Wenn wir den Entschluss fassen, fortzugehen, suchen wir Flüchtlinge nach einer neuen Heimat, weil in unserer eigenen das Leben unmöglich geworden ist. Wenn der Tod Teil der Heimat geworden ist, veranlasst der Überlebensinstinkt unzählige Menschen, ein letztes Wagnis einzugehen und diese irrsinnige Reise auf sich zu nehmen.

    Deutschland und der Papierkrieg

    Jetzt lebe ich seit vier Monaten in Deutschland und noch immer reise ich von Ort zu Ort. Als ich hier ankam, ahnte ich nicht, wie schwierig das Leben in dem gesetzlichen Vakuum sein würde; die Bürokratie hat mir einen Schock versetzt. Ein kleines Stück Papier gewährt mir nun Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit, Arbeit zu suchen. Durcheinander und Unordnung im Land der Ordnung und Berge von Papieren auf den Schreibtischen der Angestellten verdeutlichen, unter welchem Druck die deutsche Regierung steht. „Sie müssen Geduld haben, die Anzahl der Flüchtlinge in Deutschland ist sehr hoch.“ Das ist die Antwort auf jede Frage, die ich stelle.

    Ich wohne jetzt an einem weit entfernten Flecken am Rande Deutschlands in einer Turnhalle. Ich gehöre zu den Bewohnern der Box Nummer neun. Das Geräusch der Flugzeuge und der Bomben verfolgt mich im Unterbewusstsein und offenbart sich im Schlaf. Ich sehe mich in Syrien, ich verstecke mich mit meiner Kamera an einer Schulmauer vor den Kriegsflugzeugen, die die benachbarte Straße bombardieren und dann zurückkehren, um eine Fassbombe auf das Schulgebäude abzuwerfen. Dann wird alles schwarz und ich wache auf.

    Ein Teil meiner selbst tadelt mich, weil ich noch am Leben bin, während Kinder verhungern und unter den Fassbomben sterben. Im Jahr 2016, fünf Jahre nach Beginn der Revolution, sind wir Syrer für die Welt immer noch nichts als Zahlen. Wir waren Zahlen von Leichnamen und nun sind wir Zahlen von Flüchtlingen.
    Nour Kelze, geboren 1988 in Aleppo, hat einen Magister in Englischer Literatur. Mit Beginn der syrischen Revolution wurde sie Fotografin und dokumentierte die Ereignisse in Syrien für die Nachrichtenagentur Reuters. 2013 erhielt sie den Courage in Journalism Award.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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