Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    ,Zwiebeltechnik‘
    Zusammenstoß mit dem Exil

    Wenn das Ziel der Flucht erreicht ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man auch innerlich wirklich angekommen ist. Bei dem Versuch, sich in der Fremde zu akklimatisieren, spielen die Freunde eine besondere Rolle. Unsere Autorin, eine preisgekrönte Journalistin, beschreibt ihre diesbezüglichen Erfahrungen in Berlin.

    Berlin ist ein schöner Ort, kompliziert und gewaltig, voller Chancen und Wahlmöglichkeiten. Ich bin mir dessen sehr bewusst, aber es ärgert mich wirklich, so tun zu müssen, als ginge es mir gut. Das versetzt mich in einen Zustand der Apathie, dessen Symptome darin bestehen, alles zu unterlassen, was Freude auslöst, gleichsam als wäre der Ort eher eng, begrenzt und so verbraucht, dass man manchmal kotzen möchte.

    Die Wohnung zu verlassen ist nicht einfach. Die Freunde, die vor mir in diese Stadt kamen, hatten mich vorgewarnt, doch ich hatte ihre Worte nicht ernst genommen. Ich flüchtete mich in die ,Zwiebeltechnik‘, einen Mechanismus der Selbstverteidigung, dem ich mich seit Kurzem unterwerfe. Ich zog einen Sommerpulli an und darüber einen Winterpullover, eine leichte Jacke und dann eine schwarze Baumwollhose. Darüber eine Jeans und eine dicke Winterjacke. Und all diese gegensätzlichen Schichten dienten nur dazu, eine Packung Zigaretten zu kaufen. Und dabei hatte der richtige Winter in dieser Stadt noch nicht einmal begonnen.

    Während ich dem Wind entgegen auf mein Ziel zusteuerte, bemerkte ich einen alten Freund. Ich zog den Kopf ein und wollte ihn ignorieren. Die Kälte schlug mir ins Gesicht, man konnte unmöglich auf der Straße ein beiläufiges Gespräch führen. Doch es gelang mir nicht, er kam auf mich zu, mit roter Nase und lächelnden zitternden Lippen. Er legte mir die Hand auf die Schulter und fragte, wie es mir gehe, und ich gab ihm eine jener ausweichenden, gekünstelt positiven Antworten, die besagen, dass alles in Ordnung sei.

    Eine solche Antwort verkürzt meist eine ganze Reihe von flüchtigen Gesprächen. Doch der Freund ignorierte meinen Wink und fuhr fort zu klagen. Dann setzte er hinzu: „Die Fremde ist schwer zu ertragen, und das Exil noch mehr. Seit fünfzehn Jahre fange ich immer, wenn ich glaube, mich daran gewöhnt zu haben, wieder bei null an.“ Ich starrte auf seine steife Hand, die sich in meine Schulter bohrte, und er lächelte wieder: „Mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen. Die Kälte hier ist nicht wie bei uns. Wie lange bist du eigentlich schon hier?“

    Das zweite Exil

    Über ein halbes Jahr ist vergangen, seit mein zweites Exil begonnen hat. Diese Tage scheinen mir fremd, denn ich habe das Gefühl für die Zeit verloren. Die Selbstverteidigungsmaschinerie hat Unmengen von psychischen Strategien produziert, die ich keineswegs bewusst gewählt habe. Das Ignorieren all dessen, was mit ,unserem Land‘ verbunden ist, hat ein schwarzes Loch in die Zeit gebohrt. Das Loch entstand, nachdem mein Gehirn etlichen Schocks ausgesetzt war, durch das Verkrampfen der Zellen des Wahrnehmungszentrums, das in meinem Kopf mit der Zeit verbunden ist. Dadurch ist meine Wahrnehmung der Zeit genauso durcheinander geraten wie meine Erinnerung.

    Beim ersten Zusammenstoß mit dem Exil haben wir uns an uns selbst geklammert, so dass wir zu einer einzigen großen Clique wurden. Gemeinsam aßen wir, lungerten herum, und wir arbeiteten zusammen. Unser Zusammenhalt rührte von einem ureigenen und urtümlichen Bedürfnis nach Vertrautheit und Zärtlichkeit an einem fremden Ort. Wir glaubten offenbar, dass das Überwinden des unerträglichen Gefühls von Unfähigkeit und Angst an einem Ort, der noch komplizierter und weiter ist, als wir es gewohnt waren, dadurch hervorgerufen wird, dass wir ein Teil einer größeren Gesamtheit werden, in die wir eintauchen und mit der wir so viel wie möglich teilen. Auf diese Weise wurden die Treffen in dem Café, in dem wir alle arbeiteten, zu unserer gemeinsamen Aktivität, die wir jeden Morgen und an unseren langen Abenden gemeinsam planten; und wir gingen nachts nur auseinander, um in unseren ersten – embryonalen – Zustand zurückzukehren und zu schlafen.

    Nachdem wir gewaltsam Vertriebene uns ein paar Wochen lang regelmäßig getroffen hatten, zogen sich die beiden Personen, die am längsten dabei waren, ganz unerwartet von der gemeinsamen Routine zurück. Sie hatten mit der Phase der Integration begonnen: dem Sprachkurs und der Suche nach Arbeit. Und allmählich brach die Gruppe infolge der Anpassung an die Gesellschaft auseinander, so dass ein jeder von uns zu einem einzelnen Individuum wurde, das alleine gehen lernen musste, das in allem auf sich selbst gestellt war und dessen eigenes Dasein Quell seiner Gefühle über die persönliche Sicherheit wurde, anstelle seiner ureigentlichen – abhanden gekommenen – Beziehungen oder der selbst ins Leben gerufenen.

    Eine neue erzwungene Abreise

    Die Vergangenheit: Haifa, Kuwait, Damaskus und dann Beirut, eine erzwungene Abreise nach der anderen. Bei meinem letzten Aufbruch am 8. April 2015 hatte ich geschrieben, dass ich ein weiteres Mal gezwungen sei, abzureisen, diesmal in ein europäisches Land. In jenem Land würde ich mehr Freunde haben, die meisten von ihnen waren vorher vorübergehende Bewohner des Libanon gewesen. Meistens trägt der Ort also ein wenig Vertrautheit in sich. Doch ich wusste genau, dass der Vergleich dort keinen Nutzen haben würde, denn alles würde vollkommen anders sein. Dieses Mal würde ich lange fort bleiben. Voller Neugier erwartete ich meine zukünftigen seelischen Reaktionen und die Form der Selbstverteidigung, die ich dort ausüben würde. Es heißt, dass die neuen Verluste Veränderungen bewirkten und alte unterdrückte Gefühle aufsteigen würden. Gefühle, die an jene Emotionen erinnern, die durch Verzicht verursacht werden.

    Ich habe weder Lust hier zu sein noch dort, und trotzdem muss ich die Eckpunkte meines neuen Lebens planen. Ich muss zur Ruhe kommen und mich langsam der Realität mit all ihren Details annähern. Aber wie soll ich ruhig werden? Der Ort und die Zeit existieren jetzt, weil ich hier in ihnen bin, weil ich mit ihnen in einem Augenblick interagiere. Und weil ich in der vorhandenen Gegenwart leben muss, muss ich akzeptieren, dass Ort und Zeit in der Vergangenheit nicht mehr da sind. Sie gehören mir nicht mehr, außer in meiner persönlichen Erinnerung, die wir ,nach Prioritäten‘ organisieren müssen.

    Und so scheint das ,Ignorieren‘ der Vergangenheit und das Heraustreten aus ihrem zeitlichen Rahmen eine nicht garantierte ,Bedingung‘ dafür zu sein, der Gegenwart mit einem existenziellen Gefühl zu begegnen, das vernünftiger und weniger angstvoll ist. Aber genau das ist es, was mich noch besorgter um die Vergangenheit werden lässt als je zuvor.

    Es ist ein Weg in zwei gegensätzliche, sich begegnende Richtungen, hin zur Vergangenheit und hin zur Zukunft, und dies in stetiger Wiederholung. Gleichzeitig taumelt die Gegenwart zwischen den täglichen Ereignissen im Land des Exils, in das wir uns geflüchtet haben, und dem ursprünglichen Land, das wir gezwungenermaßen ebenso verlassen haben wie seine Menschen. Im Land des Asyls scheint der Mensch zwischen dem Himmel der Vergangenheit und dem Boden der Zukunft zu schweben.

    In unserem Exil gibt es immer eine doppelte Gegenwart. Es war an einem Freitag um neun Uhr abends in Berlin. Wegen der Hochzeit zweier alter Freunde trat ich heraus aus meiner Isolation und strebte zögernden Schrittes zum Ort der Feierlichkeit. Viele alte Freunde und Bekannte würden dort sein. Es war eine Konfrontation mit der Vergangenheit in der Gegenwart. Ich stieg die wenigen Stufen hinab: vertraute lächelnde Gesichter. Auch ich lächelte. Meine Muskeln entspannten sich, ich zog den Winterpullover aus, meine Jacke, und mit übertriebenem Enthusiasmus stürzte ich los, um mich zu unterhalten.

    Plötzlich hielt ich einen Augenblick inne und starrte auf mein Smartphone: vertraute Gesichter. Ein Foto, das Freunde aus Beirut geschickt hatten; alle waren dort versammelt. Ich eilte die Treppe hoch und hatte das Gefühl, mein Herz würde sich verkrampfen. Da kam ein anderes Foto, gleichfalls vertraute Gesichter, und das Antlitz eines kleinen Mädchens in der ersten Stunde seines Lebens. Meine Freunde in Damaskus hatten eine Tochter bekommen. Ein Freund rief nach mir, die Brautleute würden ihre Reden halten. Ich steckte mein Handy in die Tasche, stieg hinunter und stellte mich in die Menge. Wir alle lächelten.

    Auf dem Nachhauseweg überkam mich dieses überraschende Gefühl von Zufriedenheit. Endlich konnte ich lächeln.

    Nach dem Aufprall

    Berlin ist ein schöner Ort, kompliziert und gewaltig, voller Chancen und Wahlmöglichkeiten. Und indem ich diesen Satz wiederhole, beharre ich auf dem Eingeständnis, dass das Exil möglicherweise, trotz der trockenen Bürokratie, Facetten hat, die ich in ,meinem‘ Land nicht kennengelernt hätte, meinem Land, das von diktatorischen Regimen und gesellschaftlichen und religiösen Komplikationen beherrscht wird. Zu diesem Eingeständnis kam ich, nachdem ich die erste Phase des Zusammenpralls mit dem Exil durchlaufen hatte. Ich hatte wohl schließlich erkannt, dass der Prozess, die Vergangenheit und die andere Gegenwart genauso zu unterdrücken, und die Überzeugung, dass sie beide unabhängig voneinander existieren, nicht Verteidigung genannt werden kann, sondern dass es genau im Gegenteil ein unbewusster Mechanismus Richtung Selbstzerstörung ist.

    Sechs Uhr morgens, die Kälte schlägt gegen die Wände meiner Berliner Wohnung. Ich betrete die Küche, drehe das alte Radio an, das die Vermieterin hinterlassen hat. Der Klang ebbt ab und verschwindet, aber er legt eine gewisse Vertrautheit über den Ort. Ich stelle die arabische Kaffeekanne auf die Gasflamme, setze mich dem Fenster gegenüber, schaue auf die Uhr, draußen kauert noch immer die Dunkelheit wie der Schlummer auf meinen Lidern. Ich zünde eine Zigarette an, stehe auf, gehe zum Herd, starre auf das kochende Wasser, schließe die Augen, nehme die Kanne, setze sie neben die Flamme, höre eine vertraute Melodie, eine Melodie, wie sie vor den Nachrichten gespielt wird. Und spontan drehe ich lauter und setze die Zubereitung des Kaffees fort. Der Moderator sagt mit heiserer Stimme: „Guten Morgen.“

    Es dauert einige Augenblicke, bevor ich aufmerke, und plötzlich und vollkommen unbewusst beginnt sich der Verteidigungsmechanismus, über dessen Scheitern ich letzte Nacht geschrieben habe, zu regen. Ich gehe ins Wohnzimmer, ignoriere die Radiogeräusche aus der Küche gänzlich, stelle meine Tasse auf den Schreibtisch, neben meinen Computer. Ich setze mich davor, ziehe die Schultern ein Stück nach hinten und schreibe: „Ich bin seit zehn Monaten im Exil, seit zehn Monaten erst.“
    Doha Hassan ist syrische Journalistin und wurde in Kuwait geboren. 2013 erhielt sie den Samir Kassir Preis für Journalismus. Sie lebt heute in Deutschland und arbeitet unter anderem für das Zweite Deutsche Fernsehen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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