Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Leben aufgeben und wiederfinden
    Auch wer mit dem Flugzeug kommt, tauscht Heimat gegen Fremde

    Die syrische Fernsehjournalistin Roshak Ahmad musste Syrien verlassen, um ihrem Beruf nachgehen zu können. Sie hatte das Glück, ein Visum zu bekommen. In Deutschland gibt es aber ganz andere Hindernisse. Auf der Suche nach dem Sinn in der Fremde.

    „Guten Morgen, hier ist die Deutsche Botschaft in Ankara. Wir haben ein paar Fragen bezüglich Ihres Einreisevisums und möchten einen Termin ausmachen, um den Vorgang abzuschließen ...“ Mit diesen Worten, die in einen Istanbuler Morgen platzten, veränderte sich der Rhythmus der Zeit. Zum dritten Mal innerhalb weniger als einem Jahr begann ich mir eine neue Strategie für ein unbekanntes Leben in der Zukunft zurechtzulegen.

    In jenem Moment hatte ich vollkommen vergessen, dass ich, nachdem ich in Damaskus als Journalistin und Aktivistin nicht mehr leben konnte, enge Freunde um Unterstützung gebeten hatte, nach Europa zu kommen. Es war die Suche nach einem Sinn, nach einem Studienplatz als Ersatz für jenen, den ich nach einem dreijährigen Studium aus Protest aufgegeben hatte, obwohl es für mich eine Zeit der großen Leidenschaft und des höchsten Vergnügens gewesen war. Es war die Suche nach einem Platz, der nicht vom Wahn der Lobhudelei auf eine Herrschaft befallen war, denn ich wollte gerne meine Arbeit als Journalistin wieder aufnehmen.

    Es war halb neun morgens. Ich hatte einen Anruf von der Botschaft erhalten und glotzte nun auf die Nummer, denn ich hatte jegliche Fähigkeit verloren, Zahlen zu entziffern. Alles, was ich im Kopf hatte, war das Wort ,Sinn‘.

    Verwirrt, dankbar, besorgt, aufgeregt und glücklich ging ich über die Galata-Brücke im Istanbuler Stadtviertel Eminönü. Ich dachte zuerst an meine Verpflichtungen in der Türkei, denn ich arbeitete seit ein paar Monaten für eine Fernsehstation, die ein Programm für syrische Kinder sendete, um bei ihnen die letzten Reste des Überlebensinstinkts zu retten. Und ich arbeitete an der Produktion eines Dokumentarfilms, den ich in Damaskus gedreht hatte. Aber die Chancen, in der Türkei zu bleiben, waren gering, denn ich besaß nur ein drei Monate gültiges Touristenvisum, das zwar verlängert werden konnte, aber nur unter der Bedingung, dass man die Türkei verließ und wieder einreiste.

    Leben und arbeiten in einer neuen Gesellschaft

    Ich rief meine Eltern an, die in Syrien leben, damit sie meine emotionalen Widersprüche und meine innere Unruhe mit mir teilten. Ich sagte: „Mir macht die Vorstellung Angst, dass alles, was ich besitze oder was mir mit fast achtundzwanzig Jahren geblieben ist, in einen Koffer passt, und dass ich fortgehe, um auf einem Kontinent zu leben, der mir genauso fremd ist wie seine Menschen. Ich bin nicht mehr in einem Alter, das prädestiniert ist für Anfänge, auch wenn die Idee eines Neubeginns unter humanen Bedingungen und weit entfernt von den Gefahren durch den syrischen Geheimdienst und weit entfernt vom Tod mir durchaus verlockend erscheint.“

    Das Gespräch drehte sich um die Möglichkeiten, meine Projekte in Deutschland fortzusetzen. Meine Eltern waren sehr glücklich über die Nachricht, denn sie glauben an die Ausdauer ihrer Tochter und ihre Fähigkeit, sich sogar in einer neuen Gesellschaft anzupassen und produktiv zu sein.

    Schon bald bekam ich einen Termin, um das Visum in Empfang zu nehmen. Ich reiste nach Ankara und brachte auf Wunsch der Deutschen Botschaft mein Flugticket von Istanbul nach Berlin mit. Ich übergab dem Beamten am Empfang meinen Pass, musste ein paar Stunden warten, dann kehrte ich zurück, um den Pass mit Visum in Empfang zu nehmen.

    Abschied von der Vergangenheit

    Die Straßen von Ankara kamen mir vor, als seien es die Straßen von Berlin, einer großen Stadt, in der ich keine Verwandten und keine Freunde hatte. Ich würde lernen müssen, die Zeit dort allein zu verbringen. Ich setzte mich in ein nahegelegenes Café und hatte keine Ahnung, warum meine Gedanken zur Berliner Mauer schweiften, dieser Mauer, die ich nie gesehen hatte, deren Vorstellung mir aber Angst machte. In meinem Kopf stellte ich einen Vergleich zwischen der trennenden Mauer in Berlin und den Straßensperren und Checkpoints in Damaskus an. Bis zu jenem Augenblick hatte ich nicht geglaubt, dass es mir wirklich vergönnt sein würde, nach Deutschland zu reisen. Ich nahm den Pass mit dem Visum entgegen und starrte auf die Wörter, aber es interessierten mich nur mein Name und das Wort Visum.

    Draußen standen unweit der Botschaft einige Stühle für die Wartenden, und obwohl ich auf nichts mehr wartete, weil ich mein Visum schon hatte, erlaubte ich mir, mich ein wenig zu setzen. Ich betrachtete wieder das Wort Visum, und mein Gehirn begann, einen Film abzuspulen, der mein Leben zusammenfasste. Da waren mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister, meine Verwandten, sogar Menschen, zu denen ich keine enge Verbindung gehabt hatte, meine Kindheit, meine Schule, die Universität, meine Arbeit, meine Wohnung, die Nachbarn, die Taxifahrer, die Revolution, die Toten, die Verhafteten ... Ein Film, der die ganze Erinnerung zusammenfasste, gleichsam als verabschiedete ich mich von meiner gesamten Vergangenheit, als reiste ich in eine andere, weit entfernte Welt. Ein Film, der mich schwindeln machte, als sei ich seekrank. Ich musste meinen Erinnerungskoffer gut schnüren und mich seelisch auf die Reise vorbereiten. Es war ein Experiment, das ich nur aus der Literatur kannte.

    Ein stiller Aufbruch

    Eine Stunde vor der Abreise begann ich mit dem Kofferpacken. Meine Freunde in der Türkei hatte ich nicht benachrichtigt. Ich wollte vermeiden, dass man eine Abschiedsparty für mich organisierte, und ich wollte mich von niemandem verabschieden. Ich war nicht in der Lage, ihnen zu sagen, dass ich vor der Heimatlosigkeit gerettet war und dass ich mir dort, wo ich in Sicherheit leben würde, einen neuen Freundeskreis aufbauen würde. Mir war bewusst, dass die meisten, von denen ich mich verabschieden würde, für sich und ihre Familien das Gleiche wünschten, jedoch keine Möglichkeit dazu hatten. Also hatte ich beschlossen, in aller Stille aufzubrechen.

    Am Atatürk-Flughafen telefonierte ich ein letztes Mal mit meinen Eltern. Meine Mutter sagte: „Du bist meine Löwin, du verdienst es, in einem Land zu leben, in dem die Rechte und die Freiheit des Individuums respektiert werden. Ich freue mich für dich. Ich hätte mir nur gewünscht, dich vor deiner Abreise noch einmal umarmen und küssen zu können!“ Ihre traurige, warme Stimme hallte in mir nach, bis ich auf dem Berliner Flughafen Tegel landete.

    Arbeitslos

    Einer der jungen Syrer, die ich über Facebook kennengelernt hatte, nahm mich in seiner kleinen Wohnung auf und setzte sich mit einer der Organisationen in Verbindung, die sich um die neu ankommenden Syrer kümmern. Sie sollten mich zu den Behörden begleiten und für mich die notwendigen Schritte in die Wege leiten. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung von der deutschen Bürokratie und all diesen Maßnahmen, die mich vollkommen überraschten.

    Die noch größere Überraschung aber war das so genannte Jobcenter. Einerseits hatte ich absolut keine Ahnung davon, dass es in dieser Welt einen Staat gibt, der die Lebenshaltungskosten für einen syrischen Staatsbürger ab dem Moment seiner Ankunft übernimmt, und zwar auf einem Niveau, das wirklich für ein gutes Leben ausreicht, und dies ganz ohne vorherige Garantien und Diskriminierungen. Andererseits hatte ich mir bereits Gedanken darüber gemacht, wie ich Geld verdienen und unabhängig sein könnte.

    Seit dem Moment, als ich deutschen Boden betrat, wurde ich als eine arbeitslose Person betrachtet, die Unterstützung vom Staat erhält, was mir peinlich war. Als ich im Jobcenter über meine Pläne sprach, lautete die Antwort: „Die Filmproduktion wird nicht als Einkommensquelle betrachtet. Sie können am Wochenende an Ihrem Projekt arbeiten, aber unter der Woche sind Sie während der ersten sechs Monate verpflichtet, den Sprachkurs zu besuchen, und danach müssen Sie sich eine richtige Arbeit suchen!“

    Meinen Film habe ich immer noch nicht fertigstellen können, und der Kinderkanal hat sein Programm vor mehr als einem Jahr eingestellt. Aber ich habe begriffen, dass Völker in der Lage sind, in den zwischenmenschlichen Beziehungen eine trennende Mauer und Sicherheitscheckpoints einzureißen, wenn die Regimes stürzen, die sie errichtet haben.

    Viele meiner Freunde, von denen ich mich nicht verabschiedet habe, sind über das Meer hierhergekommen. Ich habe einen neuen Freundeskreis mit Menschen aus aller Herren Länder aufgebaut. Ich habe die Etappen des Sprachkurses erfolgreich durchlaufen und ich habe mich mit Erfolg an die Vorstellung meiner Mutter geklammert, dass ich eine Löwin bin.
    Roshak Ahmad, 1986 in Qamishili geboren, ist eine syrische Journalistin und Dokumentarfilmerin, die jetzt in Berlin lebt. Seit 2011 berichtete sie unter Pseudonym für verschiedene oppositionelle syrische und für internationale Medien, unter anderem für die Deutsche Welle, über die Volksbewegung in Syrien.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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