Foto: Kai Wiedenhöfer

    100 Jahre Erster Weltkrieg

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Der Osmanische Erbfolgekrieg
    Die längst vergessenen Versuche im Ersten Weltkrieg Istanbul zu erobern

    Der osmanische und andere nahöstliche Schauplätze des Ersten Weltkrieges sind für westliche Historiker schon immer eine Art Nebenkriegsschauplatz gewesen. Der wissenschaftlichen Literatur mangelt es noch immer an der Bereitschaft, die osmanischen Fronten als aktiven und dynamischen Schauplatz des Ersten Weltkrieges anzuerkennen. Ein Teil des Problems könnte in der westlichen Ignoranz gegenüber Russlands Rolle im Krieg liegen.

    Autoren aus dem englischsprachigen Raum, besonders aus Australien, sind bisher nicht müde geworden, die Geschichte von Gallipoli immer und immer wieder zu erzählen; T. E. Lawrence "von Arabien" hat die Sagenwelt Hollywoods erobert; und die Massaker an den Armeniern im Jahre 1915 rufen noch immer leidenschaftliche wissenschaftliche Diskussionen hervor. Die deutsche Literatur deckt hier einen etwas weiteren Bereich ab. Egal, ob sie mit ihm einer Meinung sind oder nicht, stehen die meisten deutschen Wissenschaftler, die sich der osmanischen Seite des Krieges widmen, unter dem langen Schatten von Fritz Fischers Griff nach der Weltmacht (1961). Fischer behandelte darin den osmanischen ,Heiligen Krieg' gegen die Ententemächte, vor allem gegen Großbritannien, dessen Ziel es war, unter den Muslimen in Ägypten und Britisch-Indien Rebellionen zu entfachen. Auch in Büchern über die deutsche Strategie tritt der osmanische Nahe Osten im Ersten Weltkrieg mehr als eine Art Fantasieland auf, in dem die ehrgeizigen, in Berlin geschmiedeten Pläne aufgrund der begrenzten Kapazitäten der Bevölkerung in der Region scheiterten.

    Die Rolle Russlands

    Die Auffassung, die osmanischen Fronten seien ein aktiver und besonders dynamischer Schauplatz im Ersten Weltkrieg gewesen, ist in der Literatur noch immer ein Desiderat. Ein Teil des Problems liegt meiner Meinung nach in der westlichen Ignoranz gegenüber Russlands Rolle im Krieg, an Fronten, die sich von Skandinavien und der baltischen Küste bis nach Persien und Mesopotamien erstreckten; eine Ignoranz, die der Schockstarre geschuldet ist, in welche die Russische Revolution die Forschung über die militärische Seite des Konfliktes versetzt hat. Doch ich denke, das Problem hängt auch mit dem zusammen, was man als outcome bias bezeichnet. Das Wissen von den deutschen Bestrebungen, einen osmanischen ,Dschihad' zu entfachen, um das britische Empire zu stürzen, ebenso wie das Wissen von den Bestrebungen der Briten, Russland zu schwächen und die Osmanen aus dem Krieg zu katapultieren, indem sie die Dardanellen eroberten, oder das Wissen von Russlands Vorbereitungen für einen Angriff auf Konstantinopel – das Wissen darüber, dass diese strategischen Schachzüge alle letztendlich fehlschlugen, verleitet Historiker dazu, ihre Bedeutung für den gesamten Krieg zurückzuweisen. Bücher über Gallipoli beispielsweise sind ausnahmslos in sich geschlossene Mikro-Narrative des Feldzuges, die im Januar 1916 und dem Rückzug der letzten alliierten Truppen von der Halbinsel enden. Diskussionen über die Kriegslist des deutschen ,Heiligen Kriegs' neigen auf ähnliche Weise dazu, die Ereignisse für sich stehend zu erzählen, ohne sie angemessen in den Kontext der tatsächlichen militärischen Feldzüge einzuordnen. Und Russlands Pläne für einen gewaltigen Angriff auf den Bosporus, der für Sommer 1917 angesetzt war, sind sogar noch heute nahezu unbekannt, da der Ausbruch der Russischen Revolution dieses Vorhaben hinfällig machte.

    Für die deutschen, britischen und russischen Planer der damaligen Zeit waren diese Schachzüge indes von enormer strategischer Bedeutung, da von ihnen der Ausgang des gesamten Krieges abzuhängen schien (die Bedeutung des osmanischen Schauplatzes für die Osmanen selbst ist offensichtlich). Und ihre letztendliche Niederlage war keineswegs vorherbestimmt. Zunächst einmal lag das Problem der deutschen ,Dschihad'-Unternehmung nicht zwangsläufig in ihrer Konzeption, sondern in ihrer mangelhaften Umsetzung. Die britische Herrschaft im vorwiegend muslimischen Ägypten und auf dem indischen Subkontinent, wo es von Millionen Muslimen wimmelte, gründete schon immer mehr auf Irreführung und Prestige als auf wirklicher militärischer Stärke vor Ort. Wäre die britische Herrschaft in Indien oder der Amtssitz in Kairo in den Jahren 1914 oder 1915 militärisch wirklich bedroht worden, so kann man vermuten, dass die Briten einen harten Kampf hätten führen müssen, um die dschihadistische Aufwiegelung zu unterdrücken. Das Scheitern der Umsetzung dieser Aufwiegelung spiegelte nicht etwa eine mangelnde Hingabe gegenüber der ,Dschihad'-Propaganda wider, wie der wichtigste deutsche ,Dschihad'-Planer Baron Max von Oppenheim behauptete, sondern vielmehr die Unfähigkeit Deutschlands, genügend Streitkräfte an zentralen Engpässen der Briten zu versammeln, wie z. B. dem Suezkanal (denn Indien lag so weit entfernt, dass es untauglich war – meiner Meinung nach waren Versuche, dort einen Heiligen Krieg zu entzünden, eine überflüssige Ablenkung). Wie ich in The Berlin-Baghdad Express ausführe, waren die Deutschen aufgrund der Klüfte im Gebirge auf der osmanischen Zugstrecke zwischen Anatolien und Syrien weder in der Lage, Langstrecken-Artillerie aufzustellen, um die Bahnlinie zu erreichen, die britische Verstärkung den Kanal auf und ab transportierte, noch Kampfflugzeuge aufzubieten, um die feindliche Kontrolle des Luftraumes streitig zu machen (dies führte dazu, dass die Briten mit ihrer unangefochtenen Überwachung des Luftraumes stets genau wussten, wo und wann türkisch-deutsche Angriffe bevorstanden). Da half auch nicht die Zerstreuung der deutschen Ressourcen in Dutzende kleinerer ,Dschihad'-Aktionen, die jeden anvisierten: von Hussein von Mekka über die schiitischen Kleriker von Kerbela bis hin zum Persischen Schah und dem Emir Habibullah von Afghanistan – keiner von ihnen hätte den britischen Interessen auch nur annähernd einen so harten Schlag versetzen können wie eine Eroberung des Suezkanals.

    Der Standpunkt Churchills

    Im Bezug auf die alliierten Feldzüge bei den Dardanellen und Gallipoli unter britischer Führung, die heute Synonyme für blutrünstige strategische Sinnlosigkeit sind, ist unsere Perspektive erneut von unserem Wissen ihres Ausgangs verzerrt. Bis zu seinem Lebensende glaubte Winston Churchill, Großbritanniens Erster Lord der Admiralität, dass die berüchtigte Entscheidung des Kriegskabinetts, den Minenräum-Feldzug zur See nach der Schlacht vom März 1915 abzubrechen – als, wie er dachte, die osmanisch-deutsche Kampfmoral kurz vor dem Zusammenbruch stand, da die Munition der Küstenbatterie sich dem Ende neigte –, der größte Fehler des Ersten Weltkrieges gewesen sei. Es gibt nur noch wenige Verteidiger dieses Standpunktes Churchills, da er sich sowohl im Bezug auf den Zustand der feindlichen Moral als auch der Munition geirrt hatte (tatsächlich hatten die türkisch-deutschen Batterien nur etwa 2250 Granaten während der hin- und her wogenden Schlacht des 18. März 1915 abgefeuert, und hatten noch 20 000 in Reserve; die Kampfmoral an der Küste war kaum geschwächt, nachdem die Kanoniere dabei zusahen, wie im Laufe des Tages nicht weniger als drei gegnerische Kriegsschiffe versanken). Und dennoch hatte Churchill nicht ganz Unrecht, wenn auch nicht unbedingt im Bezug auf die Schlachtordnung an jenem Tag. Er hatte Recht insofern, als das Ziel des Feldzuges – die Osmanen aus dem Krieg zu katapultieren, den Alliierten Zugang zu Russlands Warmwasser-Häfen am Schwarzen Meer für die Beförderung von Wehrmaterial zu eröffnen und allgemein die deutschen Ambitionen im osmanischen Nahen Osten zunichte zu machen – strategisch einwandfrei war. Wäre Konstantinopel 1915 gefallen und hätte es somit der Entente ermöglicht, eine breite Balkanfront gegen die Mittelmächte von Griechenland und Thrakien über Bulgarien (dessen schwankende Macht in diesem Szenario sich vermutlich auf die Seite der siegreichen Entente und nicht der Mittelmächte gestellt hätte) zu eröffnen, hätte man sich nur schwer vorstellen können, dass Österreich-Ungarn immerhin noch für weitere drei Jahre würde kämpfen können. Sicherlich hätte Deutschland weiterkämpfen können; aber da seinem ,Drang nach Osten' der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, kann man nur schwerlich Gründe anführen, warum Deutschland es hätte tun sollen.

    Das wirkliche Scheitern der Alliierten bei den Dardanellen und anschließend in Gallipoli war meiner Meinung nach diplomatisch-strategisch bedingt. Churchill persönlich, wenn er den Abbruch des Seefeldzuges im März 1915 auch im Nachhinein bereute, hatte es ursprünglich befürwortet, dass Bodentruppen dafür verwendet werden sollten, um die Küstenbatterien lahmzulegen – bis Kitchener ihn schließlich davon in Kenntnis setzte, dass keine weiteren Truppen zur Verfügung standen. Selbst wenn man die Tatsache außer Acht lässt, dass am 25. April 1915, als sie an Land wateten, offenbar doch alliierte Truppen für amphibische Operationen zur Verfügung gestanden hätten, hätte Großbritannien noch immer auf die Unterstützung von etwa 150 000 griechischen Soldaten aus Athen rechnen können – nur dass die Russen, die eifersüchtig waren, dass eine andere orthodoxe Macht das Patriarchat von Konstantinopel erbte, Einspruch gegen die griechische Beteiligung erhoben. Indessen versprach Russland – eine Tatsache, die bis heute kaum bekannt ist –, 40 000 Soldaten am Bosporus zu stationieren, um die Alliierten dabei zu unterstützen, die Dardanellen zu durchdringen – aber die Briten forderten dieses Versprechen nie ein, obwohl sie im März 1915 zugestimmt hatten, Russland nach der Eroberung die Kontrolle über Konstantinopel zu überlassen.

    Der Kampf an den Dardanellen und seine Folgen

    Manöverkritiken des Dardanellen-Feldzuges sind nichts Neues – britische Historiker wühlen sich schon seit Jahren durch die so genannten ,Dardanellen-Kommissionsberichte', die 1916 und 1917 von einer offiziellen Untersuchungskommission zusammengetragen wurden. Dennoch finden sich in diesen Dokumenten versteckte Diamanten, die faszinierende ,Was wäre wenn'-Fragen darüber aufwerfen, wie der Feldzug vielleicht hätte erfolgreich sein können (und die erklären, warum er eben dies nicht gewesen ist). Danach gefragt, was der britische Führungsstab für den Fall geplant hatte, dass die Minensuchbote es schafften, im März eine Passage durch die Meerenge freizuräumen, antwortete General Sir Ian Hamilton, Befehlshaber der amphibischen Bodentruppen, die damals schon bereitstanden, dass er beabsichtigt hatte, seine Männer an der europäischen Küste des Marmarameeres an Land gehen zu lassen und dann die osmanischen Fronttruppen in Catalca anzugreifen, die die Hauptstadt verteidigten, bevor der türkisch-deutsche Führungsstab Verstärkung aus Thrakien herbeiholen konnte. Doch Hamilton war von Kriegsminister Horatio Kitchener überstimmt worden, der ihm mitteilte – mit Dringlichkeit, denn diese Unterhaltung ereignete sich im März 1915, nur wenige Tage vor der bedeutenden Schlacht an der Meerenge –, er solle stattdessen Truppen an der asiatischen Küste Konstantinopels bei Skutari (Üsküdar) stationieren. „Warum dort?“, fragte Hamilton Kitchener. Die Antwort war aufschlussreich: Nach der Ankunft in Scutari sollten sich Hamiltons Truppen „mit einem russischen Korps vereinen, das mit mir zusammenarbeiten und unter meinem Befehl stehen wird“.

    Dies ist ein erstaunliches historisches ,Was-wäre-wenn'-Szenario. Anstelle einer neunmonatigen Schinderei im Schmutz gegen die stark befestigten Stellungen in Gallipoli, strebten Hamilton und Kitchener scheinbar eine gemeinsame britisch-russische Operation (ebenfalls unter Teilnahme einiger französischer Truppen) an der deutlich weniger befestigten asiatischen Küste von Konstantinopel an, um die osmanische Regierung davon zu überzeugen, dass weiterer Widerstand zwecklos sei. Wenn man dieser historischen Unterhaltung Glauben schenkt, so fand sie an jenem Tag, dem 12. März 1915, statt, als das britische Kabinett formell Russlands Nachkriegsanspruch auf Konstantinopel und die osmanische Meerenge befürwortete. Nun mag man denken, es hätte praktisch für die Briten sein können, diese zwei Dinge miteinander zu verbinden, indem Russlands Nachkriegsansprüche auf den ultimativen Gewinn dieses Krieges von der Entsendung amphibischer Truppen abhängig gemacht wurden. Und dennoch tat Großbritanniens Außenminister, Sir Edward Grey, nichts dergleichen. Indem er zu dieser Geste durch einen geschickten Akt diplomatischer Erpressung geködert wurde – Russlands Außenminister, S. D. Sazonov, hatte eine Woche zuvor dunkel angedeutet, dass in Petersburg, sollte sein Wille bezüglich der Meerenge nicht durchgesetzt werden, eine deutschlandfreundliche Regierung die Macht ergreifen und einen Separatfrieden mit Berlin abschließen würde –, erklärte Grey später Großbritanniens uneingeschränkte Unterstützung. Er bediente sich dabei der merkwürdigen Logik, dass er – indem er Konstantinopel den Russen versprach –, eine fiktive zukünftige russische Regierung der Argumentation beraubte, Großbritannien würde Russland die Stadt nicht überlassen.

    Russlands Widerwille

    Und da Russland nun über diese diplomatische Garantie zukünftiger Herrschaft über Konstantinopel und die Meerenge verfügte, stand es ihm frei, während des langen und blutigen darauf folgenden Gallipoli-Feldzuges gar nicht erst aufzutauchen. Es war eine unbegreiflich zynische Geste: Am 25. April 1915, am Tag der Ankunft der Alliierten, tauchte das russische Schwarzmeer-Geschwader kurz auf und feuerte etwa ein halbes Dutzend Granaten entlang unbewohnter Gebiete an der Schwarzmeerküste ab. (Eine Woche später kehrte das Geschwader zurück und feuerte 161 Granaten. Die Briten waren alles andere als beeindruckt.) Die Niederlage des Gallipoli-Feldzuges war zu einem großen Teil der türkischen Entschlossenheit, (besonders Mustafa Kemals Heldentaten auf dem Gipfel Chunuk Bair am 25. April und schließlich am 9. August, als die Osmanen die Stellung zurückgewannen) sowie dem Know-How und der Disziplin der Deutschen zuzuschreiben. Aber die Rolle russischer Habsucht und bloßer britischer diplomatischer Inkompetenz sollte bei der Frage nach den Gründen für die Niederlage nicht unterschätzt werden.

    Im Bezug auf die Russen drängt sich eine offensichtliche Frage auf: Warum tauchten sie im Frühling 1915 nicht auf, um ihren Gewinn zu beanspruchen? Selbst wenn man einräumt, dass die britische Regierung nichts getan hatte, um Russland dazu zu verpflichten, dem Gallipoli-Feldzug Truppen beizusteuern, so erscheint es immer noch logisch, dass Russland dies aus eigenem Interesse getan hätte, um seinen Nachkriegsanspruch auf Konstantinopel geltend zu machen. Tatsächlich hatte der russische Führungsstab bis Ende Mai 1915 40 000 Soldaten in Odessa für einen möglichen Einsatz am Bosporus bereitgestellt. Hatte Russland sich im März oder April noch nicht zusammenreißen und den Briten beistehen können, so gab es gegen Ende des Frühlings und im Sommer noch immer ausreichend Gründe, dies zu tun.

    Indes wurde das Jahr 1915 für Russland zu einem annus horribilis. Sogar als Russlands Schwarzmeer-Geschwader seine halbherzigen Ablenkungsmanöver am Bosporus zur Unterstützung der Briten durchführte, während ANZAC-Soldaten und französische Truppen an den europäischen und asiatischen Küstenstreifen der Dardanellen unter schwerem Beschuss standen, brachen am 2. Mai 1915 die Deutschen bei Gorlice-Tarnów durch die russischen Fronten und öffneten somit einen Zugang zur nordeuropäischen Ebene. In jenem Sommer sollte Russlands großer Rückzug erfolgen, da ein Großteil des russischen Polens, darunter das ursprüngliche zaristische Militärhauptquartier (Stavka) bei Baranowitschi und auch Warschau selbst, an die Deutschen und Österreicher gefallen war. Der Rückzug verursachte unermessliches Leid und hatte eine Abwanderung von beinahe zwei Millionen zivilen Flüchtlingen zur Folge, darunter etwa 500 000 Juden, die aus den Frontgebieten vertrieben wurden, aus Angst, sie könnten die herannahenden Deutschen unterstützen. In der Stunde, als Russland mit Deutschland abrechnete – was beinahe den Untergang der Zarenregierung zur Folge hatte (Zar Nikolaus II übernahm im September 1915 das Armeekommando, um die Kampfmoral wiederherzustellen) –, war Russland kaum in der Lage, einen Angriff auf Konstantinopel zu initiieren. Ungünstiges Timing bewirkte, dass die Armenier des Osmanischen Reiches im Mai 1915 ihre Stunde der Abrechnung erlitten, als die bekanntermaßen brutale osmanische Deportationsaktion im Osten der Türkei begann (eine Aktion, die sich bis zum Sommer über die Front hinaus verbreitete). Russlands Kaukasusarmee in Tiflis, die um Unterstützung angerufen wurde, um Russlands europäische Heere zu entlasten, konnte den überlasteten osmanischen Armeniern ebenso wenig zu Hilfe kommen wie der Schwarzmeerführungsstab in Odessa es ernsthaft in Erwägung ziehen konnte, 40 000 amphibische Truppen an den Bosporus zu entsenden.

    Die ungünstigen strategischen Umstände, denen die russischen Befehlshaber im Jahre 1915 gegenüberstanden, sollten uns dennoch nicht blind dafür machen, dass sie der osmanischen Front und besonders Konstantinopel und der Meerenge eine enorme Bedeutung beigemessen haben. Tatsächlich begann die Kauskasusarmee umgehend zu wüten, sobald die Fronten in Europa im Herbst 1915 stabil genug waren, so dass Stavka Verstärkungen nach Tiflis senden konnte; sie griff das ,unbezwingbare' osmanische Erzurum im Februar 1916 an, nahm bis zum April die Schwarzmeerhäfen Rize und Trabzon und im Juli das türkische Bollwerk Erzincan ein (die ebenso wie Van, Muş und Bitlis weiter im Süden liegen). Die Osmanische Dritte Armee, die zuvor ihren Hauptsitz in Erzurum hatte, wurde 1916 beinahe zunichte gemacht, indem sie 100 000 Männer und einen Großteil ihrer Waffen verlor. Die Russen leckten sich beinahe die Lippen vor lauter Vorfreude und begannen damit, eine neue Bahnverbindung an der Schwarzmeerküste von Batumi nach Trabzon zu errichten; Letzteres bauten sie zu einem wesentlichen Stützpunkt aus. Sobald der Schnee geschmolzen war, stand die russische Kaukasusarmee bereit, in Sivas, Ankara und Konstantinopel einzurücken.

    Konstantinopel und Tsargrad

    Weit davon entfernt, Konstantinopel nach der britischen Niederlage bei Gallipoli zu vergessen, wurden die russischen Pläne in Gang gebracht, ,Tsargrad' (so nannten sie die osmanische Hauptstadt) einzunehmen. (Genau genommen führte das Eine direkt zum Anderen: Russland begann seine kaukasische Offensive am 10. Januar 1916, am Tag nach der Evakuierung des letzten britischen Soldaten aus Kap Helles – eine etwas opportunistische Idee, die Osmanische Dritte Armee niederzuwerfen, bevor Verstärkung aus Gallipoli eintreffen konnte.) Es stellte sich heraus, dass das kritische Jahr der Entscheidung über die Zukunft Konstantinopels und der Meerenge weder 1915 war, als Russland noch nicht zum Kampf bereit war und noch Gefahr lief, von den Deutschen überrumpelt zu werden, noch 1916, als es damit begann, die ersten Vorbereitungen zu treffen, sondern 1917, als alle Puzzleteile, die für eine amphibische Operation nötig waren, sich endlich zusammenfügten. Das letzte dieser Teile fügte sich am 30. November 1916, als nach einem kleinen Zwischenfall in letzter Sekunde (einer Explosion auf Deck) das erste russische Schwarzmeerschlachtschiff endlich zu Wasser gelassen wurde. Es handelte sich um die Empress Catherine II, die unheilverheißend nach der legendären Kaiserin benannt wurde, die damals in Russlands glorreichen Zeiten im achtzehnten Jahrhundert (nach der Auferlegung des Diktatfriedens durch Küçük Kaynarca über die Osmanen im Jahre 1774) zuerst die Idee hatte, ,Tsargrad', das Zweite Rom, einzunehmen. Indessen war das Übel der russischen Flotte – das deutsche Schlachtschiff Goeben, das die britische Schutzfront umschiffte, im August 1914 Konstantinopel erreichte und dabei half, die Osmanen in den Krieg zu ziehen, indem es in jenem Oktober Odessa beschoss und dabei Unterstützung leistete, das russische Geschwader davon abzuschrecken, den Briten im April 1915 beizustehen, indem es Odessa bedrohte, und es bei seinen Einsätzen im Schwarzen Meer irgendwie schaffte, Dutzenden von Torpedos und Granaten standzuhalten – dieses Übel, die Goeben, war nun endlich besiegt worden (ihre Bordkanonen waren abmontiert und an Küstenbatterien angebracht worden).

    Wenn 1915 Russlands annus horribilis gewesen ist, so war 1917 Russlands annus mirabilis, da es endlich Konstantinopel einnahm, und zwar, wie ein russischer Diplomat schrieb, "nach tausend Jahren der Frustration". Sogar der Ausbruch der Februarrevolution tat den russischen Absichten eines amphibischen Angriffes am Bosporus keinen Abbruch – genau genommen wurden sie sogar beschleunigt, zum Teil weil eine solch dramatische Eroberung die öffentliche Meinung hinter der Übergangsregierung zu versammeln versprach. Admiral A. V. Kolchak, Befehlshaber der Schwarzmeerflotte, betitelte die führende Division sogar als ,Tsargradskii', um sicherzustellen, dass die Operation einen dramatischen politischen Eindruck hinterließ. Wie Pavel Miliukov, Gründer der liberalen Kadet-Partei und Außenminister der Übergangsregierung, es anschaulich ausdrückte: "Es wäre absurd und kriminell, wenn man auf den größten Gewinn des Krieges verzichtete – im Namen irgendeiner humanitären und kosmopolitischen Idee des internationalen Sozialismus". Um vorteilhafte Wetterkonditionen am Schwarzen Meer zu gewährleisten, sollte die amphibische Operation irgendwann zwischen dem 14. Juni und dem 14. August beginnen.

    Im April 1917, während Miliukov bekanntermaßen mit linken Kriegsgegnern in Streit geriet, da er sich nicht von Russlands ,imperialistischen' Ambitionen an der Meerenge lossagte (diese Krise führte schließlich zum ersten, gescheiterten Putsch der Bolschewisten Anfang Mai und ging mit dem Rücktritt Miliukovs und anderer Moderater im Kabinett der Übergangsregierung einher), setzte Kolchak den ersten großen Erkundungsvorstoß an der Bosporusmündung in Gang, bestehend aus zwei Kampfeinheiten von Zerstörern sowie Kreuzern und sogar drei einfachen Flugzeugträgern (es handelte sich um ein frühes Modell, das dazu diente, Wasserflugzeuge auf kurze Entfernungen starten zu lassen). Einige russische Wasserflugzeuge, die von eben solchen Flugzeugträgern aus Odessa herangeschleppt wurden, beschossen osmanische Festungen entlang der Schwarzmeerküste.

    Die Russische Revolution

    Am 26. Juni 1917, während die abschließenden Vorbereitungen für Russlands berüchtigte, unglücksselige ,Kerensky-Offensive' gegen die österreichischen Stellungen in Galizien getroffen wurden, näherte sich Kolchaks Kampfgeschwader erneut dem Bosporus. Diesmal hatte das Schlachtschiff Empress Catherine II ihren ersten Auftritt, begleitet von drei Flugzeugträgern und einer Flottille von Zerstörern. Doch dieses imposante Geschwader kehrte nur vierzig Meilen von der Küste entfernt einfach um, vielleicht aufgrund eines schwachen Kampfgeistes (es hatte eine Meuterei in der Schwarzmeerflotte gegeben, doch Kolchak schien die Kontrolle zurückgewonnen zu haben, nachdem er die anführenden Meuterer hinrichten ließ). Mit dem letzten Hauch des alten ,Tsargrad'-Geistes führten diverse russische Kriegsflugzeuge, die von Flugzeugträgern herangebracht wurden, am 9. und 10. Juni 1917 Lufteinsätze über Konstantinopel aus. Sie bombardierten Hafeneinrichtungen am Goldenen Horn und erreichten San Stefano (Yeşilköy, das Gebiet des heutigen Atatürk-Flughafens), bevor sie wieder umkehrten. Der letzte Akt dieses Dramas war angemessen: Am 26. Juli 1917, als ein Aufruhr über die Russische Armee hinwegfegte und sich verheerend auf die Schwarzmeerflotte auswirkte, bahnte ein einzelnes russisches Motorboot seinen Weg durch das Minenfeld, das den Bosporus bewachte, woraufhin der Kapitän des Bootes eine Flasche mit einer Friedensbotschaft in Richtung Küste schleuderte (die Kernaussage dieser Botschaft war, dass Türken und Russen Brüder seien: Die Deutschen seien die wirklichen Feinde von beiden). Auf diese sonderbare, beinahe ergreifende Weise scheiterten die jahrhundertealten Ambitionen Russlands, Konstantinopel und die Meerenge zu erobern, an den Untiefen der Revolution.

    Dies war aber noch nicht alles, was die Russische Revolution anrichtete. Indem die Bemühungen der russischen siegreichen Heere an weit entlegenen Orten wie im österreichischen Galizien, in Anatolien, Mesopotamien und Persien zunichte gemacht wurden – die zaristischen Besatzungstruppen machten sich in all diesen Gebieten auf den Heimweg, um die große revolutionäre Landnahme nicht zu verpassen –, radierten die politischen Erschütterungen von 1917, für einen Großteil der westlichen Öffentlichkeit, ein gesamtes Kapitel des Ersten Weltkrieges aus; nur wenige prominente Episoden des Kriegsschauplatzes im Nahen Osten (Gallipoli, die Massaker an den Armeniern, T. E. Lawrence und die britische Eroberung von Palästina und Syrien) sind heute noch weit verbreiteter Bestandteil der Erinnerung. Die daraus resultierenden Verfälschungen des historischen Wissens sind beträchtlich, insbesondere im Bezug auf den endlosen Streit um das Erbe des Sykes-Picot-Abkommens von 1916, welches das Osmanische Reich teilte. Die Geschichte des osmanischen Zusammenbruchs zu erzählen, ohne Russlands führende Stellung dabei zu erwähnen, wie so viele Historiker und berühmte Autoren es tun, ist in etwa so, als erzähle man den Fall der Sowjetunion im Jahre 1991 ohne Hinweis auf die Vereinigten Staaten. Vielmehr spielte Russland sogar eine führende Rolle – nicht nur bei der Zerstörung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg, sondern auch anschließend bei den Verhandlungen des Sykes-Picot-Abkommens, die im Frühjahr 1916 sogar in St. Petersburg unter der Ägide des russischen Außenministers Sazonov ausgearbeitet wurden. Dass Russland, dank der schrecklichen Revolution von 1917 und dank des Vertrages von Brest-Litowsk vom März 1918, in dem es dem separaten Diktatfrieden mit Deutschland zustimmte, jeden Anspruch auf osmanisches Gebiet in den Nachkriegsvereinbarungen einbüßte, ändert aber nichts an der Tatsache, dass es diese Ansprüche mit Waffengewalt angemeldet hatte und sie bis 1917 fast durchgesetzt hätte.

    Wenn wir uns Russlands lange Zeit verschüttete imperiale Schachzüge im Ersten Weltkrieg in Erinnerung rufen, ergeben anderweitig mysteriöse Ereignisse Sinn, z. B. das blutige Opfer, das die alliierten Truppen in Gallipoli erbrachten (um Konstantinopel und die Meerenge für Russland gewinnen zu können), oder die armenische Katastrophe aus dem Jahr 1915 (osmanische Armenier waren eine wichtige Schachfigur für Russlands Ambitionen im Osten der Türkei) oder die Kämpfe der Briten am Tigris im unteren Mesopotamien, wo General Townshend eine ganze Garnison bei Kut-al-Amara kapitulieren ließ (Großbritannien hatte ein russisches Expeditionskorps in Persien verlangt, um Townshend durch Angriffe auf Bagdad entlasten zu können – die Russen entschlossen sich opportunistisch dazu, wie schon im Falle Gallipoli, nicht zu Hilfe zu eilen).

    Wir sind nun imstande, den Ersten Weltkrieg besser zu verstehen; diesen Krieg, der – sowohl in seinen Ursprüngen im Italienisch-Türkischen Krieg und in den Balkankriegen von 1911 bis 1913 als auch in seinem bitter umkämpften Abschluss im Nahen Osten – auch als ,Osmanischer Erbfolgekrieg' bezeichnet werden könnte.

    Sean McMeekin
    lehrt an der Koç Universität in Istanbul. Unter anderem ist er Autor des Buches „The Berlin-Baghdad Express. The Ottoman Empire and Germany's Bid for World Power“ (Penguin Allen Lane/Harvard University Press, 2010). Derzeit arbeitet er an einem Buch unter dem Arbeitstitel „The War of the Ottoman Succession“, das 2015 bei Penguin/Random House publiziert wird.

    Übersetzung: Simone Falk

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2013

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