Foto: Kai Wiedenhöfer

    100 Jahre Erster Weltkrieg

    Der langsame Tod des Gavrilo Princip
    Wo der Erste Weltkrieg begann und warum er bis heute dort fortwirkt

    ,Das kurze 20. Jahrhundert', das mit dem Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, am 28. Juni 1914 in Sarajevo begann und 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer endete, war und ist für Serbien und die anderen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens ,das lange 20. Jahrhundert'. Die Konflikte, die den Ersten Weltkrieg ausgelöst haben, wirken bis heute fort. Doch es gibt Hoffnung.

    Das Erbe der untergegangenen k. u. k. Monarchie und des Osmanischen Reiches, die nahezu 500 Jahre auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien herrschten, sowie die daran anschließenden nationalen Befreiungsideologien, die 1914 den Ersten Weltkrieg auslösten, haben sich in den nationalistischen Bürgerkriegen der 90er Jahre in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo fortgesetzt.

    Nationen sind, wie die Sozialphilosophen Ernest Gellner und Benedict Anderson dargelegt haben, Erfindungen der Moderne. Früher gab es Fürstentümer, Monarchien und die Bevölkerungsmehrheit der analphabetischen Bauern, die sich höchstens mit ihrem Dorf oder Stamm identifizierten. Erst durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Industriegesellschaften, die Erfindung standardisierter nationaler Hochsprachen sowie durch die Ausdehnung des Buch- und Druckmarktes wurde es für Menschen möglich, sich über größere Räume hinweg als ,vorgestellte Gemeinschaften' zu definieren.

    Nationen sind Erfindungen

    Nationen werden also erfunden oder können vergehen. Im Falle der jugoslawischen Völker sind sie das Ergebnis des Nationalbildungsprozesses während des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Slowenische, kroatische, bosnische und serbische Intellektuelle, Studenten und Gelehrte verglichen die Ideale der Französischen Revolution und die national geprägten ökonomischen Entwicklungen in den westeuropäischen Ländern mit ihrer eigenen rückständigen Wirklichkeit in der k. u. k. Monarchie (Slowenien, Kroatien) und im Osmanischen Reich (Bosnien, Serbien, Kosovo) und beschlossen, dass die südslawischen Völker sich nur im Namen der Nation befreien, entwickeln und modernisieren konnten.

    Während das Osmanische Reich am Ende des 19. Jahrhunderts bereits maßgeblich geschwächt war, wurde die Habsburger Monarchie (Österreich-Ungarn) nach der Annexion Bosniens und Herzegowinas im Jahre 1908 zum serbischen Staatsfeind Nummer Eins. Am 28. Juni 1914 erschoss der bosnisch-serbische Gymnasiast Gavrilo Princip, berauscht und getragen von der neuen Ideologie des Nationalismus, den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, um die südslawischen Völker vom „Joch der österreichisch-ungarischen Fremdherrschaft“ zu befreien. Es folgten zwei Weltkriege, an deren Ende – unter der Führung von Marschall Josip Broz Tito – die Gründung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens stand.

    Der Verfall Jugoslawiens begann Anfang der 1980er Jahre durch eine komplexe Vermischung von ethnischen, religiösen, nationalen und insbesondere ökonomischen Problemen. Die reicheren Teilrepubliken Slowenien und Kroatien forderten einen größeren Anteil der von ihnen erwirtschafteten Mittel, während ärmere Regionen wie zum Beispiel Bosnien, Serbien und Mazedonien auf den Finanzausgleich innerhalb Jugoslawiens pochten. Neben dem Streit ums Geld entstand nach Titos Tod – der bis dahin uneingeschränkt als charismatischer Führer den Vielvölkerstaat zusammengehalten hatte – im Jahre 1980 ein politisches Machtvakuum, das mehr und mehr durch nationalistische Ideologien gefüllt wurde.

    Opfermythos gegen den Islam

    Einer der Hauptprotagonisten des neuen Nationalismus war von Anfang an Slobodan Milošević. Als Parteivorsitzender des Bundes der Kommunisten und Präsident der Teilrepublik Serbien instrumentalisierte er die nationalen Vorbehalte innerhalb Jugoslawiens zum eigenen Machtausbau. Er verkaufte sich als den großen starken Mann, der die serbische Nation wieder zu Ruhm und Ehre verhelfen wird. In den Jahren 1988 und 1989 ersetzte er in den serbischen Provinzen Kosovo und Vojvodina die politische Elite durch seine Gefolgsleute und schaffte deren Autonomierechte faktisch ab. Höhepunkt des neuen serbischen Nationalismus war seine Rede am 28. Juni 1989 anlässlich des 600. Jahrestages der Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo, in der ein christlich-orthodoxes serbisches Heer dem Ansturm der Osmanen erlag. Umgeben von serbischen Intellektuellen, der neuen serbischen Machtelite und umjubelt von der serbischen Bevölkerung, beschwor er den serbischen Opfermythos und präsentierte sich als den Führer, der durch die Aufhebung des autonomen Status des Kosovo die Niederlage von 1389 rückgängig gemacht, den Islam in seine Schranken verwiesen und somit das ,Herz' der großen serbischen Nation wiedergewonnen hatte.

    Auch in den anderen Teilrepubliken setzte man nunmehr alles auf die Karte des Nationalismus. Die Slowenen und Kroaten erfanden sich als letzte Bastion der westlich römisch-katholischen Wertegemeinschaft Europas. Die Serben träumten von einem christlich-orthodoxen Großserbien, das die Realitäten des Osmanischen Reiches verleugnete. Und die islamisierten Bosnier und Kosovo-Albaner sahen sich umzingelt von Feinden, vor denen man sich nur noch als unabhängige Nation schützen konnte. Fahnen wurden geschwenkt, Unterschiede betont, Feindbilder geschaffen, historische Mythen erfunden. Es folgten der Slowenienkrieg (1991), der Kroatienkrieg (1991–1995), der Bosnienkrieg (1992–1995) und der Kosovokrieg (1999). Serbien verlor alle Kriege, Slobodan Milošević verstarb 2006 gedemütigt als Angeklagter in einer Gefängniszelle des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag.

    100 Jahre danach ...

    Es ist Sommer 2013. Das serbische Außenministerium hat eine Gruppe deutsch-österreichischer Journalisten, zu der auch ich gehöre, auf eine Pressereise nach Belgrad und in das Kosovo eingeladen. Die serbische Regierung möchte nach all den nationalistischen Tönen in den letzten Jahrzehnten inzwischen unbedingt in die Europäische Union und wir sollen, so war es jedenfalls ihr Plan, über die Glaubwürdigkeit dieses Wunsches berichten.

    Belgrad hat 1,7 Millionen Einwohner, die Straßen sind überfüllt, es gibt keine U-Bahn, der dichte Verkehr brummt in den Ohren. Die Stadt wurde auf mehreren Hügeln erbaut, die breiten Boulevardstraßen führen hinab zu den Flüssen der Save und der Donau. Auf einer Anhöhe liegt die im serbisch-byzantinischen Stil errichtete Kathedrale des Heiligen Sava, eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt, und etwas weiter unten befindet sich der Slavija-Platz, ein großer Kreisverkehr, umgeben von steinernen funktionalen Hochhäusern. Es ist eine sehr kompakte, urbane Metropole mit einer wilden architektonischen Durchmischung: graue sozialistische Betonorgien, verfallene Stadtvillen, eleganter Jugendstil, bröckelnde Fassaden und staatstragender Neoklassizismus.

    Die Kriege in den 90er Jahren haben das Land ruiniert. Das Bruttosozialprodukt liegt – noch hinter dem von Jamaika und Ecuador – bei 4 943 US-Dollar pro Einwohner. Der monatliche Durchschnittslohn beträgt 500 Euro, 30 % der Erwerbstätigen sind arbeitslos. Bei den Jugendlichen sieht es noch schlimmer aus: Jeder zweite hat keinen Job. Allein in den letzten zehn Jahren haben 30 000 gut ausgebildete junge Serben ihr Land Richtung Westen verlassen.

    Im Zentrum der Stadt steht die gewaltige Ruine des ehemaligen Verteidigungsministeriums, eine der wenigen sichtbaren Spuren der 78 Tage anhaltenden NATO-Luftangriffe auf Belgrad. Es wurde während der NATO-Bombardierung im Kosovokrieg von 1999 vollkommen zerstört. Ich frage einen Passanten, ob diese Ruine eine Art von Kriegsmahnmal sei. Es stellt sich heraus, dass der Passant Tomislav heißt und viele Jahre als Gastarbeiter in Frankfurt am Main gearbeitet hat. In fließendem Deutsch sagt er: „Nein, nein, die serbische Regierung hat einfach kein Geld, um das Gebäude wieder aufzubauen.“ Und nachdem Tomislav, 53 Jahre alt, kräftige Statur, beeindruckender Bauchumfang, erfahren hat, dass ich Journalist bin, sagt er noch: „Erzählen Sie bitte den Leuten in Deutschland, dass Belgrad eine weltoffene und tolerante Stadt ist, die zu Europa gehört. Wir haben all die Kriege und den Nationalismus satt. Damit wollen wir nichts mehr zu tun haben. Wir gehören zu Europa!“ Und tatsächlich hat der fremde Beobachter den Eindruck, dass die Menschen hier einfach nur noch ein ruhiges und normales Leben führen wollen.

    Relikt des Ersten Weltkriegs: Der Kosovo-Konflikt

    Die Reise in das Kosovo beginnt um acht Uhr morgens. Nicola, unser Fahrer, hat einen rasanten Fahrstil und liebt, wie wir in den folgenden zwei Tagen feststellen werden, die serbische Volksmusik. Begleitet werden wir von Milan und Sofia, zwei Mitarbeitern des serbischen Außenministeriums, die uns als Reiseleiterin und Übersetzer zur Seite stehen. Die Fahrt bis zur Grenze dauert fünf Stunden. Der Grenzposten ist ein behelfsmäßiger Verschlag aus Holz und Eisen. Am 17. Februar 2008 proklamierte das Parlament in Priština seine Unabhängigkeit von Serbien. Der völkerrechtliche Status des Landes ist jedoch umstritten. Serbien erkennt – ebenso wie die EU-Mitglieder Griechenland, Rumänien, die Slowakei, Spanien und Zypern – das Kosovo nicht als unabhängigen Staat an. Einen Stempel im Reisepass gibt es trotzdem.

    Unser erster Halt ist das Dorf Goraždevac im Westkosovo. Das Dorf ist eine kleine serbische Enklave, die 24 Stunden am Tag von KFOR-Truppen bewacht wird. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Ausschreitungen zwischen den verfeindeten Serben und Albanern. Wir sind bei Familie Dakic zu Gast. Der Hausherr bringt uns einen Begrüßungsschnaps. Mutter, Vater und Sohn sitzen auf der Couch, an den Wänden hängen serbisch-orthodoxe Heiligenbilder und das Foto ihres Sohnes Pando, der beim Baden in einem nahe gelegenen See von einem kosovarisch-albanischen Scharfschützen erschossen wurde. Vater Milislav, ein großer, kräftiger Mann mit buschigen Augenbrauen, erzählt die Geschichte: „Im August 2003 ist mein damals 13-jähriger Sohn mit anderen Kindern schwimmen gewesen. Ein Albaner hat auf sie geschossen. Einfach so, aus Hass. Sechs Kinder wurden verwundet, mein Sohn Pando starb in meinen Armen im Krankenhaus. Die albanischen Ärzte haben ihm absichtlich nicht geholfen. Der Täter, obwohl ihn jeder kennt, läuft immer noch frei herum. Die albanischen Behörden decken den Mörder meines Sohnes. Niemand hilft uns. Die Welt muss verstehen, dass wir Serben die einzigen Opfer im Kosovo sind.“

    Die ganze Rede des Herrn Dakic wirkte wie auswendig gelernt, wie vorher eingeübt. Unsere zwei Begleiter vom serbischen Außenministerium nickten die ganze Zeit über betroffen. Die Familie Dakic wurde uns als Opfer vorgeführt, ihr grausames Schicksal zu Propagandazwecken instrumentalisiert. Und dass die Serben die einzigen Opfer im Kosovo seien, ist natürlich blanker Unsinn. Milošević hatte die weitgehenden Autonomierechte der muslimischen Kosovo-Albaner abgeschafft und das Kosovo unter serbische Kontrolle gestellt. Während seines Regimes wurde die Bevölkerungsmehrheit der Kosovo-Albaner von den Serben diskriminiert, vertrieben und getötet.

    Wir fahren weiter zum Kloster Dečani. Unser Auto hat ein Belgrader Nummernschild. Wir brauchen keinen Begleitschutz, nur ab und zu sieht man am Wegrand einen kosovarisch-albanischen Bauern, der uns die Faust entgegenhält und unserem Wagen Verwünschungen hinterher schreit. Vom Fenster aus hat man den Eindruck, dass allerorts gebaut wird. In der flirrenden Mittagshitze sieht man viele neu errichtete Moscheen und Häuser in allen nur erdenklichen Erscheinungsformen: als Rohbau, unverputzt, ohne Balkone oder kurz vor der Fertigstellung. In den Dörfern und Städten wehen an allen Gebäuden die kosovarische und albanische Fahne. Die Restaurants, Geschäfte und Cafés heißen, aus Dankbarkeit für das Eingreifen der USA 1999 in den Kosovokrieg, Bill Clinton, Washington oder White House. Augenfällig auch die vielen frischen Gräber am Straßenrand. Auf den Grabsteinen immer wieder die Bilder von UÇK-Soldaten („Befreiungsarmee des Kosovo“) in Uniform und mit Maschinengewehren. In einem Bericht für das UN-Kriegsverbrechertribunal von 2002 wurde die Zahl der kosovarisch-albanischen Kriegsopfer auf über 10 000 geschätzt.

    Religion und Nationalismus

    Die Berge des Prokletije-Gebirges tauchen auf, hinter dem Gebirgsmassiv liegen Albanien und Montenegro. In der Abenddämmerung durchqueren wir die Stadt Dečani, die unterhalb des Klosters liegt. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein, die Kosovo-Albaner feiern irgendein Fest, allerorts wehen albanische Fahnen. Kurz nach dem Ortsausgang, am Beginn der Bergstraße, passieren wir die erste KFOR-Kontrolle. Das Kloster, in dem während des Kosovokrieges Serben, Kosovo-Albaner und Roma Zuflucht gefunden haben, wurde seit der Ankunft der KFOR im Kosovo 1999 vier Mal mit Mörsergranaten beschossen. Insgesamt soll es in den vergangenen Jahren ein Dutzend Mal Ziel von Übergriffen albanischer Extremisten gewesen sein.

    In den Klostermauern herrscht eine heilige Ruhe. Im Hintergrund Bergspitzen, Wälder und der Gesang der Zikaden. Das Kloster ist das größte Gebäude des mittelalterlichen Serbien, wurde in den Jahren 1328–1335 erbaut und 2004 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Wir werden von ,Vater Sava', dem Abt des Klosters, empfangen. ,Vater Sava', lange Haare, Vollbart, dicker Bauch, schwarze Kutte, führt uns durch die imposante fünfschiffige Basilika mit hohen Säulen, mittelalterlichen Fresken, wertvollen Ikonen, gotischen Fenstern und Sarkophagen serbischer Könige. Für viele Serben bedeuten die mittelalterlichen Klöster und Kirchen im Kosovo die Wiege ihrer Kultur. Während des Kosovokrieges wurden 76 serbisch-orthodoxe Kirchen, Klöster und Kapellen zerstört.

    Beim Abendessen erzählt uns ,Vater Sava' in perfektem Englisch von der Angst, die er bei den etlichen Angriffen auf das Kloster hatte. Zuletzt kam es Weihnachten zu Ausschreitungen. Die Kosovo-Albaner hätten versucht, die Weihnachtsmesse zu verhindern. Sie seien wütend gewesen, da sie die Hälfte der Ländereien des Klosters haben wollten, er dies aber verweigert habe. Der Hass, erläutert er weiter, sitze noch sehr tief. Zum Einkaufen müssen sie von KFOR-Soldaten nach Serbien gefahren werden und ohne den Schutz der italienischen Soldaten würde es dieses Kloster nicht mehr geben. Die Kosovo-Albaner würden es sofort zerstören und alle Mönche töten. Er hoffe, sagt er noch bei einem abschließenden Glas Schnaps, dass sich die Lage in den nächsten paar Jahren entspannen werde und sie in naher Zukunft wieder friedlich mit den Kosovo-Albanern zusammenleben würden.

    Wir übernachten in einer schlichten Mönchszelle. Am nächsten Morgen besuchen wir den sonntäglichen Gottesdienst in der Basilika. Die Serben aus der Region kommen mit Bussen, die von KFOR-Soldaten begleitet werden. ,Vater Sava' und die anderen Mönche singen heilige slawische Lieder. Weihrauch liegt in der Luft, Kerzen brennen, die Mönche zelebrieren die Liturgie, die Gläubigen küssen die heiligen Ikonen. Seltsam, dass solch ein friedlicher Ort von Soldaten überwacht werden muss. Nach dem Gottesdienst verlassen wir das Kloster, fahren zurück nach Belgrad, verlassen das Kosovo. Zwei Tage lang hat man uns serbische Opfer vorgeführt, wir haben keinen Kosovo-Albaner zu Gesicht bekommen. Diskriminierung, beschossene Kirchen, Angst, getötete Söhne – gewiss sind all diese Geschichten und Schicksale tragisch und schmerzerfüllt. Aber wären wir auf der anderen Seite bei den Kosovo-Albanern gewesen, hätten wir die gleichen grausamen Geschichten zu hören bekommen. Wahrscheinlich wollte die serbische Regierung uns auf dieser Propagandareise zeigen, mit welchen Problemen sie es im Kosovo zu tun hat. Traurig nur, dass man es verpasst hat, uns die ganze Geschichte unter Einbeziehung der Kosovo-Albaner zu erzählen.

    Gewandelte Politiker?

    Am folgenden Tag trafen wir in Belgrad Serbiens Ministerpräsident Ivica Dačić und seinen Stellvertreter Aleksandar Vučić, den viele für den mächtigsten Mann in Serbien halten. Obgleich beide ehemalige Nationalisten sind, die für Slobodan Milošević gearbeitet haben, hört man von ihnen keine nationalistischen Töne mehr. Die neuen Machthaber in Belgrad sind Pragmatiker geworden, die mit aller Macht in die Europäische Union streben. Unter dem Druck der EU haben sie mit dem kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaçi ein Abkommen vereinbart, das besagt, dass sich die serbischen Gemeinden in den kosovarischen Staat eingliedern und im Gegenzug die Kosovaren den etwa 100 000 im Kosovo lebenden Serben vielfältige Minderheiten-rechte zugestehen müssen. Aleksandar Vučić sagt: „Wir sind keine Träumer. Wir konnten unsere Bevölkerung davon überzeugen, dass wir diesen Vertrag unterzeichnen müssen. Es ist hart für die Serben im Kosovo und sie hassen mich dafür. Aber es gibt keine Alternative. Wir haben das Problem gelöst und wollen in die Europäische Union.“

    Es ist absurd, dass gerade ehemalige Nationalisten, die vor nicht allzu langer Zeit von einem Großserbien geträumt haben, jetzt diejenigen sind, welche das Kosovo peu à peu in die Unabhängigkeit entlassen. Die politischen Machteliten in Serbien haben sich dem Zeitgeist angepasst – aus rücksichtslosen Nationalisten sind wendige Demokraten geworden. Aber nun gut, so ist nun einmal der Lauf der Geschichte und es konnte auch nur ihnen, den ehemaligen Nationalisten, gelingen, solch einen Vertrag zu unterzeichnen – denn einer linken serbischen Regierung hätte, bei gleichen Ergebnissen, der Rückhalt in der Bevölkerung für diese weitreichenden Entscheidungen gefehlt.

    Am 28. Juni haben die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union entschieden, Anfang 2014 mit den Beitrittsverhandlungen Serbiens zu beginnen. Parallel dazu soll auch mit dem Kosovo ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen angestrebt werden. Dies ist eine Vorstufe späterer Beitrittsverhandlungen. Wichtig sei nun, hieß es aus Brüssel, dass Serbien und das Kosovo ihr jüngst geschlossenes Abkommen zur Normalisierung ihrer Beziehungen tatsächlich verwirklichen. Im Dezember, bevor es zum endgültigen Beschluss über die Aufnahme der Verhandlungen kommt, sollen die Fortschritte nochmals überprüft werden.

    Allmählich verklingen die großen nationalen Erzählungen des 20. Jahrhunderts auf dem Balkan. Was einmal als nationale Befreiungsideologie begann, wurde im Verlauf der Jahrzehnte zu einer Art Kollektivrausch, zu einer Ersatzreligion, die als Pseudoalternative zur Modernisierung und zu pragmatischen Veränderungen auftrat und sich letztlich als leere Worthülse nur noch selbstzerstörerisch gegen die Wirklichkeit richten konnte. In Zeiten der Globalisierung sind die Nationen ein Auslaufmodell längst vergangener Tage. Slowenien und Kroatien sind bereits in der EU, Serbien und all die anderen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien werden ihnen in den kommenden Jahren folgen. Die Ironie der Geschichte ist, dass man sich jetzt, nach all den blutigen nationalistischen Bürgerkriegen, wieder unter dem Dach der Europäischen Union vereinigen wird. Welcome to the 21st century.

    Alem Grabovac, 39,
    lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. Er ist Deutscher mit einem kroatischen und bosnischen Migrationshintergrund. Das Denken in nationalen "Identitätsmachtcontainern" ist für ihn ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2013

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