Foto: Kai Wiedenhöfer

    100 Jahre Erster Weltkrieg

    Shakespeare in Kabul
    Über den Versuch einer Inszenierung

    Es wurde schon viel über Shakespeare geschrieben – ebenso über Afghanistan. Doch Ende Februar erschien nun ein Buch, das beide Themen neu beleuchtet, miteinander verbindet und tiefe Einblicke in das Land gewährt: Der US-amerikanische Journalist und Entwicklungshelfer Stephen Landrigan und der afghanische Dolmetscher und Journalist Qais Akbar Omar schaffen es, in ihrem dokumentarischen Gemeinschaftswerk Shakespeare in Kabul das Bild eines Landes und dessen Kultur zu zeichnen, ohne sich dabei mit Allgemeinplätzen aufzuhalten.

    In der afghanischen Hauptstadt Kabul beginnen im Sommer 2005 die Proben zu einer Inszenierung, die in dieser Form der Zusammenarbeit dort bisher einmalig ist: Unter der Leitung der syrisch-kanadischen Regisseurin Corinne Jaber und mit der Finanzierung ausländischer Kulturinstitutionen studiert eine Gruppe afghanischer Schauspieler und Schauspielerinnen Shakespeares Love's Labour's Lost (Verlorene Liebesmüh) ein. Shakespeare in Kabul ist die Dokumentation eines Inszenierungsprozesses – von den Schwierigkeiten der Übertragung des Textes von Farsi und Englisch in Dari angefangen bis hin zu der Aufführungsreise in afghanische Provinzen. Doch viel mehr als das ist dieses Buch die Geschichte der Akteure und damit auch der jüngsten Geschichte Afghanistans. Wenige Publikationen vermögen es derzeit so eindrücklich, Einblicke in das alltägliche Leben des krisengeschüttelten Landes zu gewähren. Genau diese Momentaufnahmen sind es, die uns verstehen lassen, warum derzeit so vieles in der gut gemeinten Aufbauhilfe verkehrt läuft.

    Afghanischer Rhythmus

    So fällt es beispielsweise ausländischen Kulturschaffenden oft schwer, sich in den afghanischen Rhythmus einzufinden: Es kann verwundern, dass Proben nicht vor 16 Uhr beginnen, da die meisten Schauspieler zum Broterwerb einem anderen Beruf nachgehen müssen. Die weiblichen Ensemblemitglieder haben jedoch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein, weshalb nur ein Zeitfenster von knapp drei Stunden für die Probenarbeit bleibt. Während dieser knappen Zeitspanne gibt es noch eine Pause mit Tee und Gebäck – eine Tradition, die allen Erschütterungen zum Trotz überlebte. Zudem klingelt während der ganzen Probenzeit ständig ein Handy. Dass das jedoch nichts mit Unhöflichkeit oder mangelnder Arbeitsmoral zu tun hat, zeigen Stephan Landrigan und Qais Akbar Omar, der bei der Inszenierung auch als Co-Regisseur fungierte, anschaulich: Nie ist man sicher, ob nicht eine Bombe einen Verwandten oder Freund in den Tod reißt und ob die eigenen Kinder gesund aus der Schule zurückkommen. Zudem kehrt die Angst immer wieder, selbst Ziel eines Anschlags zu werden, denn Kunst und besonders Theater waren während und in gewissem Maße schon vor¬¬ der Taliban-Herrschaft weitgehend untersagt und Verstöße wurden drakonisch bestraft. Die Angst davor hat sich gemeinsam mit den Verboten und Zensuren über die Jahre tief in die Köpfe der Menschen eingebrannt und unterdrückt bis heute kreative Kräfte. Viele kulturelle Traditionen gingen dabei auch im Laufe der Zeit verloren. Obwohl die afghanische Kultur voll ist von poetischen Erzählungen – verfasst in Versen, die denen Shakespeares in ihrer Doppelzüngigkeit in nichts nachstehen –, haben die Schauspieler in Kabul Mühe, das übersetzte Drama mit seiner blumigen Sprache und subtilen Ironie zu verstehen.

    Zu den eigenen Wurzeln

    Die eigene facettenreiche Theater- und Erzählkultur muss unter dem Schutt der Katastrophen der letzten Jahrzehnte wieder ausgegraben werden. Dabei bedeutet Shakespeare zu spielen nicht nur die Aneignung einer westlichen Kultur, sondern kann darüber hinaus auch zu den eigenen Wurzeln führen, wie das Buch verdeutlicht. Die wiedererweckte Freude an der eigenen Sprache mit ihrer Poesie und Wortspielen ist dabei ein Aspekt. Ein weiterer ist die künstlerische Auseinandersetzung mit eigenen aktuellen Themen. Dass sich hierfür auch Textvorlagen anderer Kulturen eignen, erläutert ein Schauspieler in Shakespeare in Kabul: „Das Stück [Verlorene Liebesmüh] zeigt, dass Einschränkungen der Lebensgestaltung, wie sie uns die Taliban auferlegt haben, dasselbe sind, als würde man mitten auf einer häufig benutzten Straße eine Mauer errichten. Früher oder später werden die Menschen eine solche Mauer einreißen. Die Menschen werden sich durch diese Einschränkungen nicht von ihrem Weg abhalten lassen, und sollte es sie das Leben kosten.“

    Anfeindungen

    An dieser Stelle des Buches überwiegen noch Zuversicht und Mut der Schauspieler. Doch während die ersten Aufführungen in Kabul noch umjubelt wurden, gestalteten sich bald der Kampf um weitere Finanzierungsmöglichkeiten und der Alltag der Schauspieler aufgrund ständiger Anfeindungen aus der Bevölkerung immer schwieriger. Allerdings wurden immer wieder Mittel und Wege gefunden, die Inszenierung an weiteren Orten Afghanistans zu zeigen, um dort dem kulturellen Wiederaufbau den Weg zu ebnen. Die Frage, warum dabei bislang so wenig auf das afghanische kulturelle Erbe zurückgegriffen wird, bleibt jedoch auch in diesem Buch ungeklärt. Es deutet vielmehr an, dass manche ausländische Kulturinstitutionen den Eindruck zu verbreiten scheinen, in diesem Land unersetzlich zu sein und uneingeschränkt eigene Wertmaßstäbe geltend machen zu können.

    Trotz dieser zarten Kritik endet das Buch schließlich mit dem positiven Ausblick auf eine weitere Shakespeare-Inszenierung. Zu dieser kam es 2012. Diesmal inszenierte Corinne Jaber mit afghanischen Schauspielern The Comedy of Errors. Aber schon die Proben fanden aus Angst vor Anschlägen zum größten Teil in Indien statt. Die Inszenierung selbst wurde ausschließlich im Ausland gezeigt – in Afghanistan wird man sie nie zu sehen bekommen. Zu groß ist mittlerweile die Sorge vor Übergriffen. Zu wünschen bleibt, dass Omars und Landrigans Shakespeare in Kabul eine große Leserschaft findet. Denn dann hätte Theater, wenn auch über einen Umweg, einen weiteren kleinen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet.

    Stephen Landrigan und Qais Akbar Omar: Shakespeare in Kabul. Ein Aufbruch in drei Akten, Unionsverlag 2012.

    Hannah Neumann
    promoviert am Institut für Theater- und Medienwissenschaften in Köln über iranisches und afghanisches Theater der Gegenwart.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2013

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