Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Die Madrasa eines Traumes
    Kurzgeschichte aus Pakistan

    Mit welchen Sorgen und Problemen sind die Schüler einer islamischen Madrasa in Pakistan konfrontiert? Und warum gibt es überhaupt Madrasen? Die folgende Kurzgeschichte versucht eine literarische Annäherung an ein sehr komplexes Phänomen.

    Dumpfer Lärm riss Salik mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Was war passiert? Laute Schritte und gleißendes Licht hatten plötzlich von seiner Herberge Besitz ergriffen. Er achtete nicht auf die jaulenden Hunde und die knatternden Rikshaws. Ängstlich und doch von Neugier getrieben lugte er durch den Türspalt seines Zimmers im ersten Stock. Jenseits der Brüstung des Gangs sah er Soldaten, die eine Razzia durchführten; wie Spürhunde schlichen sie über den weitläufigen Hof, der vom Eingangstor, von frisch getünchten Mauern, neuen Zimmertüren, Arkaden und der Moschee eingefasst war.

    Verstört erinnerte Salik sich an die Szenen um die Rote Moschee der Jamia Hafsa, die sich als Wahrzeichen des islamischen Widerstands in sein junges Gedächtnis eingebrannt hatten. Was aber war jetzt der Grund für die Anwesenheit des Militärs?

    Im nächsten Moment führten Soldaten auch schon zwei Kameraden aus den Gängen einer der größten Madrasen der Stadt: `Izzat, seinen turkmenischen Freund aus der dritten Etage, wo die älteren Studenten wohnten, und Masood, einen Schüler aus seinem Stockwerk.

    Unruhig weckte Salik daraufhin seine vier gleichaltrigen Zimmergenossen und berichtete von dem, was er soeben gesehen hatte. Verzweifelt rätselten sie über die Hintergründe des Geschehens. Der stets nachdenkliche Bücherwurm `Abd al-Mustafa, der aus einer angesehenen Händlerfamilie stammte, mutmaßte, dass es sich um Disziplinierungsmaßnahmen handelte. Auch ihre Madrasa war ja zusehends in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, ähnlich wie Jamia Hafsa, die von den Alliierten des war on terror dem Erdboden gleichgemacht worden war. Das Militär hatte damals machtvoll demonstriert, dass es auch in private Bildungseinrichtungen vordringen konnte, wenn es wollte. Es gab also offenbar ein wachsendes Unbehagen gegenüber Religionsschulen, und dies nicht nur in Pakistan, welches den zweithöchsten muslimischen Bevölkerungsanteil weltweit stellte. Allein in ihrer Madrasa gab es mehr als 1000 Schüler und Studenten! Doch wen oder was gab es hier zu disziplinieren, fragte sich Salik nach `Abd al-Mustafas Ausführungen. Er konnte sich seine Madrasa nicht als Hort von Terroristen vorstellen.

    Nach der rituellen Waschung (wudu`) und dem obligatorischen Morgengebet sprachen die fünf Zimmergenossen Fürbitten für ihre beiden festgenommenen Kameraden und gingen anschließend zur nahe gelegenen Küche der Madrasa. Selbst jene Schüler, die das karge Frühstück sonst mit Gier verschlangen, konnten ihre Fladenbrotstücke mit wässerigem Joghurt heute nur mit Mühe herunterwürgen. Doch bald schon rief der in einem grauen Salwar Kamis gekleidete Lehrer Shah Nurani zum Unterricht. Sein Turban saß ihm tief in der Stirn, sein traditioneller Baumwollschal bedeckte die schmalen Schultern; einige Brotkrümel vom Frühstück hatten sich in seinem hennafarbigen Bart verfangen. Die Schüler hockten im Schneidersitz auf ortstypischen Strohmatten vor ihm. Die Koranhöcker (rihal) und halbhohen Tische stammten aus der Schreinerei nebenan. Als wäre nichts geschehen, kam der Lehrer ohne Umschweife zum Unterricht: Die Lektion über syntaktische Fragen aus der letzten Stunde wurde fortgesetzt. Sprachbeherrschung wurde in Madrasen großgeschrieben. Grammatische und syntaktische Regeln halfen den Schülern, die für das islamische Recht so bedeutsame Logik und auch den Koran zu verstehen. Beim Blick in die Runde stellte Shah Nurani fest, dass von seinen Schülern große Unruhe ausging. Was hatten Syntax und Logik mit dem nächtlichen Übergriff zu tun? War die Schule etwa in ein Komplott verwickelt?, schienen sie zu fragen.

    Salik konnte sich beim besten Willen nicht auf den Stoff konzentrieren. Vielmehr dachte er an `Izzat, den hellhäutigen, blonden, zartgesichtigen. Salik hatte ihn während des Unterrichts oft beobachtet, versteckt im Schatten der Kolonnade, die den Innenhof säumte. Und dann hatte er ihm in die Augen geschaut, lange und tief. `Izzat hatte ihn mit Versen von Abu Nuwas und `Umar Khayyam verzaubert, die er ihm ins Ohr flüsterte. Ohne Mitwisser und ganz heimlich. Salik hatte auch seine Leiden geteilt und sie gegen Zärtlichkeit ausgetauscht, als er die kayal-geschwärzten Tränen trank. `Izzats Vater war wie so viele als Mujahid im Kalten Krieg in Afghanistan gefallen – damals, zwischen 1986 und 1994, als US AID mit $ 50 Millionen Textbücher für Madrasen entwickeln half, um den Jihad gegen die Sowjets voranzutreiben. Seither hatten einige Madrasaschüler auch in Kaschmir und Bosnien den Weg ins Paradies gefunden.

    Es hieß, so erfuhr Salik nach dem Unterricht, `Izzat habe einen Überfall auf die Militärakademie im angrenzenden Sperrgebiet geplant und dabei Unterstützung bei Masood gefunden, einem jener afghanischen Pakhtunen, die dem war on terror ausgesetzt waren. Aber vielleicht wollte `Izzat sich nur an den Schändern rächen, die ihm so viel Leiden bereitet hatten; vielleicht waren es ja gar keine terroristischen Motive, hoffte Salik.

    Aus einem Gefühl der Verlassenheit heraus suchte er am nächsten Tag seinen Vater auf, einen Ansari, der sich trotz der Zugehörigkeit zur Weber-Kaste auf einen Stammbaum berief, der zu den Helfern (Ansar) des Propheten Muhammad in Medina zurückreichte. Er hatte es bis zum persönlichen Fahrer eines Polizeioffiziers gebracht. Drei von seinen Geschwistern fielen ihm erleichtert um den Hals, als er das Haus betrat. Die Mutter legte ihm zur Begrüßung ein Amulett (ta`wiz) um. Aufmerksam lauschten sie Saliks Erzählung.

    Am Zigarettenqualm, der seine Fäden durch die Luft zog, erkannte er die Anwesenheit des Vaters. Salik betrat die Küche, wo sich sein Vater in einem blassen Spiegel gerade rasierte. Paffend bestimmte der Mittfünfziger: Salik solle die Madrasa weiter besuchen! Das Studium würde ihn für die unteren Ränge im Militär qualifizieren – die höheren Chargen gingen ja ohnehin an so feine Oxbridge Gebildete. Auf Saliks ältesten Bruder war kein Verlass; er hatte auf der gebührenpflichtigen öffentlichen Schule den Weg in die Drogenszene eingeschlagen, beendete der Vater seine Ansprache verdrießlich.

    Für ihn war es ein Segen, dass Salik kostenlose Bildung genoss, und dies auch noch durch moralisch untadelige Lehrer, wie er fand. Diese gottverdammte Regierung verfolgte ganz andere politische Ziele, die sie mit frommen Sprüchen verschleierte.

    Salik kannte seine Bürde. Er hatte drei unverheiratete Schwestern, eine davon schon fast jenseits des heiratsfähigen Alters. Salik spürte, dass ihn die Erwartung des Vaters empörte und reizbar machte. Seine Gedanken flohen zu `Izzat.

    Missmutig schlich er schließlich zurück in die Madrasa. Am Saum der Kolonnaden erblickte er Jalal al-Din, einen heftig gestikulierenden Lehrer, inmitten einer Traube älterer Jugendlicher. Wörter wie Gerechtigkeit (insafzulm), Mission (da`wah) und Heiliger Kampf (jihad), Gemeinschaft (jama`at) und Truppe (jaish) fielen. Mit geballter Faust schlug er auf den kleinen Tisch. Als Jalal al-Dins feurige Augen Salik erblickten, verstummte er. Nicht-Sprechen war auch Kommunikation, dachte der Junge. Seine Unruhe wurde heftiger.

    Doch kurz vor dem Abendgebet kam `Izzat in den Hof spaziert, in gewohnter Montur und seiner ihm eigenen Gestik. Überrascht hießen Schüler und Lehrer ihn willkommen, umarmten ihn und dankten Allah für seinen Segen. Salik drängte sich zu ihm, seine Schritte wurden leichter, `Izzats Wohlgeruch kam ihm entgegen.

    Während des wudu` drängten sich beide zusammen. `Izzats Stimme verschwamm im Plätschern des Wassers, aber seine Empörung über das Militär sprach aus seinen bebenden Nüstern, und er flüsterte Salik zu: Die staatlichen Übergriffe seien untragbar und müssten bekämpft werden. Geschockt hob Salik seinen Kopf. Was sollte das heißen?

    Das Gebet verrichteten Salik und `Izzat Schulter an Schulter mit den anderen Schülern. Während des anschließenden gemeinsamen Mahls mit Reis und Linsen auf Blechtellern zog `Izzat die neugierigen Blicke an. Was dachten sie, fragte sich Salik, während er zitternd ein Häufchen Reis und Linsen zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger formte. Würden auch sie so schlottern wie er, wenn sie `Izzats Gedanken lesen könnten? In dieser Nacht fand Salik keinen Schlaf.

    Shah Nurani gegen Jalal ad-Din

    Morgens ging er wie immer in den Unterricht. Der rotbärtige Lehrer Shah Nurani wischte sich die Hände an dem Schal ab und begann den Unterricht mit einer Erzählung über sein Madrasastudium während des Krieges in Afghanistan. Die Gotteskrieger waren ohne Lohn im Diesseits gefallen und als Märtyrer hatten sie Waisen zurückgelassen, die heute in den Madrasen hockten, resümierte er nachdenklich. Seine Genossen hatten ihn damals zum Kampf gedrängt, aber er konnte heil von der Front zurückkehren, fuhr er fort. Er wollte, schloss er mahnend ab, mit der Feder und nicht mit dem Schwert kämpfen, und er hielt den Schülern seinen Stift entgegen.

    Salik verstand, was der Lehrer ihnen sagen wollte: dass man auch für einen friedfertigen Jihad kämpfen konnte. Sein Blick schweifte zum stolzen Minarett; um die Statik kümmerte sich Allah, sagte er sich; in solch luftiger Höhe war man ihm näher. Salik fühlte sich schon etwas besser.

    Am folgenden Nachmittag, außerhalb der Klasse, im Garten unter einem Baum, erblickte Salik, wie Jalal al-Din und `Izzat sowie zwei weitere Studenten, wahrscheinlich aus einer anderen Madrasa, die Köpfe zusammensteckten. Auf seinen Gruß hin löste sich die Gruppe rasch auf, nur `Izzat kam mit freundlichem Lächeln auf Salik zu, der ihm seine Neugier und Unruhe mitteilte. Viele Fragen hatten sich in der Nacht aufgedrängt. Salik wollte wissen, seit wann es Madrasen denn überhaupt gebe. Diese Frage könne der Imam der nahegelegenen Moschee beantworten, versicherte `Izzat stolz und nahm seinen jungen Freund an die Hand.

    In der Moschee, in der sie sich wenige Minuten später einfanden, erklärte der Imam, dass die Madrasen ihren Anfang im Jahr 1067 in der Nizamiyya in Baghdad genommen hätten. Die dort gelehrten Wissenschaften hätten auf die Ausbildung von Verwaltungsbeamten und Richtern abgezielt. Auch habe sich eine Wissenschaft der Disputation (‘ilm al-khilaf) entwickelt, damals ein bald nicht mehr wegzudenkender Teil der juristischen Ausbildung. Ob das ein friedfertiges Zusammenleben förderte oder eher dazu gedacht war, sich die argumentativen Waffen der Gegner anzueignen, diese Frage konnte der Imam allerdings nicht beantworten.

    Sie kamen rechtzeitig zum Abendgebet zurück. Saliks Kopf brummte vor lauter Fragen. Er warf sich zum Gebet nieder.

    Er musste sich Klarheit verschaffen. Nach einigem Hin und Her getraute er sich noch, Maulana Rizwi, den Schulleiter der Madrasa, aufzusuchen. In einem schwarzen Sherwani beugte dieser sich gerade über Prüfungsbögen, die ihm der Madrasenverband geschickt hatte, als Salik eintrat. Er nippte an einem Glas mit frischem Granatapfelsaft, in der Kammer summte der Computer. Mit der rechten Hand strich er sich den langen grauen Bart, die müden Augen hatten schon viele heilige Orte gesehen. Er betrachtete Saliks fragende Augen, und antwortete, dass `ilm al-khilaf sich leider nicht habe durchsetzen können. Schon früh war die Nizamiyya als Bollwerk gegen aufstrebende Schiiten und auch gegen mu`tazilitische „Häresien” missbraucht worden. Der Computer verstummte – Stromausfall! Salik verstand: Madrasen dienten noch zu anderen Zwecken, als nur Bildung zu vermitteln.

    Auf seiner Spurensuche stieß er am nächsten Tag auf Schüler einer benachbarten Madrasa. Diese hänselten ihn als Papagei des Paradieses. Aber warum? Er griff nach seinem grünen Turban und dachte an die Da`wat-e Islami – seine mächtige Missionsbewegung im Kampf um muslimische Seelen. Einer der Schüler versuchte ihm die Ansicht aufzudrängen, dass traditionelle Lebensweisen in die Irre führten; Besuche von Heiligenorten (ziyarat) seien genauso widerwärtige unlautere Neuerungen (bida`) wie Fürbitten an Tote (shafa`at). Salik stand der Schweiß auf der Stirn, auf keinen Fall wollte er als Ketzer (murtadd) gebrandmarkt werden. Aber woher sollte er wissen, was richtig ist.

    Er machte sich schnellstens aus dem Staub. Atemlos erreichte er schließlich seine Herberge, ging auf sein Zimmer und berichtete seinem Freund, dem Bücherwurm `Abd al-Mustafa, von seinem Erlebnis. Verketzerung (takfir) sei doch nicht neu, wie man etwa bei Ibn Taymiyya (gest. 1327) nachlesen könne, entgegnete dieser trocken. Leidenschaftlich geführte Debatten über reine Nachahmung der Tradition (taqlid) versus freies Räsonnement (ijtihad) gebe es schon lange. Mit funkelnden Augen erläuterte er weiter: Für uns lebt der Prophet und ist allgegenwärtig. Für jene, die in der Tradition der 1867 gegründeten Madrasa von Deoband nahe Delhi stünden, sei der Geliebte Gottes hingegen eines natürlichen Todes gestorben, und damit basta. Salik war überwältigt. Was machte er jetzt mit diesen Informationen?

    Mit diesen Gedanken verließ er das Zimmer. Seine Schritte wurden schneller, als er Maulana Rizwi sah, der gerade seine Kammer abschloss. Ob Salik mit seiner Antwort zufrieden gewesen sei, wollte er wissen. Aufgeregt berichtete der Junge von seiner beunruhigenden Begegnung mit den fremden Schülern. Der Schulleiter legte daraufhin seine gütige Hand auf Saliks Schulter. Er sprach von den inner-muslimischen Auseinandersetzungen, die seit den 1980er Jahren gewaltsamer geworden seien, genährt durch das Blasphemiegesetz von 1986. Der Lehrer seufzte: Anlässe für Auseinandersetzungen waren etwa Feierlichkeiten zum Todestag eines Sufis (`urs), schiitische Prozessionen während des Monats Muharram (ta`ziya), oder der Geburtstag des geliebten Gottesgesandten (milad al-nabi), Friede sei mit ihm. Salik druckste lange herum, bis er mit der Frage herausrückte, ob denn `ilm al-khilaf diese Auseinandersetzungen hätte verhindern können. Väterlich strich der Maulana dem Jungen über das Haar und nannte ihn einen neugierigen Schüler.

    Als die Sonne unterging und den Himmel verfärbte, spielten noch einige Jungen Federball im Park der Madrasa. Der Muezzin rief zum Abendgebet. Dort oben flogen die Vögel zu ihren Nestern, hier unten eilte man in die Moschee. Am folgenden Tag, nach dem Unterricht, vernahm Salik nahe des Zimmers von Schulleiter Maulana Rizwi überraschenderweise `Izzats Stimme, worauf er vorsichtig in die Kammer lugte und nun auch Jalal al-Din erkannte. Salik wurde herzlich willkommen geheißen, `Izzat blickte ihn aufmunternd an.

    Der Maulana erinnerte sich der Muqaddima des mittelalterlichen Gelehrten Ibn Khaldun (gest. 1406). Dieser hatte die Wissenschaften unterteilt in überlieferte (naqliyyah) und rationale (‘aqliyyah), in sakrale (diniyyah) und profane (dunyawiyyah). Traditionswissenschaften, so führte er aus, verdankten ihre Existenz dem göttlich inspirierten Recht, wie es aus Koran und Prophetentradition abgeleitet werden könne; Hilfswissenschaften wie Grammatik und Syntax fielen ebenfalls darunter. Rationale Wissenschaften wie z. B. Logik, Philosophie, Astronomie, Medizin, Mathematik und Metaphysik fußten hingegen auf Traditionen von auch anderen, nicht-islamischen Weltanschauungen. Jalal al-Din räusperte sich nervös.

    Maulana Rizwi fuhr fort: Der Unterschied zwischen beiden Wissenstraditionen liege lediglich in ihrer Bezugsquelle, das heißt göttlich (islamisch) bzw. menschlich inspiriertes Wissen. Salik kratzte sich seinen bislang ungeschnittenen Bart und schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu `Izzat, der seinerseits Blickkontakt mit Jalal al-Din suchte. Bedeutete dies etwa, dass in der Madrasa nebenan nur Traditionswissenschaften gelehrt würden, entschlüpfte es Salik überrascht. `Izzats Entgegnung darauf fand große Anerkennung bei Jalal al-Din: Wissen sei allein in Traditionswissenschaften begründet! Die so gegensätzlichen Ausführungen verblüfften Salik erneut.

    Indem er seinen Blick zur öffentlichen Arztpraxis der Madrasa nebenan wandte, fuhr der Maulana fort, dass sich diese rationalen Wissenschaften während des empire-building durchgesetzt hätten. Beschwingt ließ er die Gebetskette zwischen seinen zerfurchten Fingern hindurch gleiten. Mit Koran allein könnten Millionen von Hindus nicht überzeugt werden. Für weitreichende kulturelle Integrationsprozesse eigneten sich nur die ‘aqliyyat, die rationalen Wissenschaften. Aber Jalal al-Din drängte zum Abschied. `Izzat folgte ihm. Zurück blieb ein enttäuschter Salik.

    Maulana Rizwi zog sein Hosenband unter dem knielangen Hemd zurecht und fuhr fort: So wurden in allen drei muslimischen Großreichen, dem osmanischen, dem persischen und dem der Moghulen, teilweise die gleichen Bücher studiert: überwiegend Werke der Philosophie, Scholastik und Mathematik. Für einen Moment senkte Salik den Blick und dachte an `Izzat. Der Maulana hüstelte diskret: Er solle sich gut auf die Prüfungen vorbereiten. Im Zentrum stünden nicht die Texte bekannter damaliger Überlieferer. Vielmehr seien diesen kanonischen Texten immer wieder Kommentare und Glossen beigefügt worden. Diese Sekundartexte ermöglichten raschen Zugang zu den Kerngedanken und erörterten die typischen zeit- und ortsgebundenen Fragenstellungen. Zu verwirrt war Salik, um den Worten des Lehrers zu folgen, verabschiedete sich und verließ das Zimmer.

    Draußen auf dem Hof traf er auf `Izzat, der unruhig auf Salik einredete, er solle sich nicht so häufig mit Maulana Rizwi treffen. Unter diesem Wortgetöse konnte ihm Salik gar nicht mehr von dem wunderbaren Schatz der Gelehrtentradition Irans und Zentralasiens des 13./14. Jahrhunderts berichten, von dem ihm der Maulana erzählt hatte. Nur mit gedrückter Stimme brachte Salik noch hervor, dass er die alte Blüte der Madrasa wiederherstellen möchte. `Izzat brummte missmutig, ob er Parvez Musharraf in die Hände arbeiten wolle, der auf Drängen der USA gegen die Madrasen zu Felde gezogen sei. Dann drehte er sich um und verschwand. In Saliks Kopf schwirrte es. Was hatte `Izzat bloß?

    Saliks Unterricht bestand am nächsten Morgen in einem Vortrag über aristotelische Logik anhand des al-Mirqat al-mizaniyyah von Fadl-e Imam Khairabadi (gest. 1244/1828) – eine Zusammenfassung von al-Risala al-shamsiyya fi al-qawa`id al-mantiqiyya und Tahdhib fi `ilm al-mantiq, Handbücher der Logik und der (philosophischen) Theologie aus dem 13. Jahrhundert. `Izzat war auch anwesend. Die Schüler hörten bedächtig zu, ein gegenseitiger Gedankenaustausch war nicht vorgesehen. Unruhig rutschte Salik auf seiner Matte hin und her. Schließlich unterbrach er die Kanzelrede: War die neuerliche Razzia eine Reaktion auf die konfessionellen Ausschreitungen? Er erhielt die lapidare Antwort, dass zwischen den Logiken der Madrasen Unterschiede bestünden und der Staat seine eigene Logik hätte. Unter den zornigen Augen `Izzats forderte Saliks Neugier weitere Antworten.

    In dieser Spannung eilte er nach der Lektion wieder zu Maulana Rizwi. Er klopfte an, öffnete seine Tür und fragte ohne lange Umschweife, ob es denn auch nach dem 14. Jahrhundert ähnliche Entwicklungen in den Madrasen gegeben habe und wie es sich in der Gegenwart verhalte. Der Alte schaute stolz wie ein Vater auf seinen heranwachsenden Sohn und erzählte Salik vom dars-e nizami. Dieses ging nicht etwa auf die Nizamiyya in Baghdad zurück, sondern auf Mullah Nizam al-Din (gest. 1748) aus Lucknow. Der Mullah hatte diesen Studienplan vor dem Hintergrund politischer Umwälzungen aufgestellt, als neue Gruppen patriotisch auftraten und ihren eigenen Glauben förderten, aber auch zentralisierte Steuersysteme durchsetzten und ihre Sprachen normierten. Kurzum, sie schufen sich ihre eigenen Herrschaftsräume, und dafür benötigten sie ein entsprechendes Bildungswesen.

    Mit den Lehrplänen in den Händen stieß Salik dann am nächsten Tag auf Jalal al-Din und fragte ihn nach den Gründen für den schlechten Ruf der Madrasaerziehung in den Medien und was man dagegen tun könne. Dieser winkte ab und schickte Salik in die Madrasabibliothek. Dort gab ihm der Bibliothekar ein Buch. Darin hieß es, in Folge der kolonialen Eingriffe und der Einführung neuer Bildungssysteme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten Madrasen ihre Funktion als allgemeine Lehranstalt fast gänzlich verloren.

    Zwischendurch eilte Salik zur Toilette. Wann würden die schmuddeligen Plastikbehälter mit dem Wasser zur Reinigung endlich dem Muslim Shower weichen, einer kleinen Wasserspritze? Im Hocken drehte er den Wasserhahn mit der rechten Hand auf und wusch sich mit der Linken. Danach reinigte er die Hand unter fließendem Wasser. In die Bibliothek zurückgekehrt schmökerte er weiter: die sogenannte Zivilisierungsmission der Kolonialherren sollte eine globale Ethik durchsetzen, hieß es da. Wer sich dieser nicht unterwarf, geriet ins Abseits. Seither hießen Madrasen auch dini madaris (religiöse Schulen). Ihm fiel die ibn khaldunische Aufteilung in diniyyah und dunyawiyyah ein. Es war echt kompliziert, stellte Salik fest, und kratzte sich nachdenklich den Kopf.

    Im nächsten Moment betrat `Abd al-Mustafa mit einem Paket Bücher die Bibliothek. Immerhin versorgten die etwa 30.000 Madrasen im Lande einen Großteil der Bevölkerung mit Wissen, sagte dieser beiläufig, als habe er Saliks Gedanken gelesen. Sie entschädigten so für fehlende oder überteuerte staatliche Schulen und boten vielen, nicht nur den völlig Mittellosen Bildung aus dem Geist islamischer Barmherzigkeit. Hinter `Abd al-Mustafa betrat `Izzat den Raum und griff sich in einem Regal das Buch Kampf der Kulturen und sagte mit fester Stimme, dass die seit der Kolonialzeit entstandenen zahlreichen Denkschulen kaum miteinander zu vereinbaren seien. Ihre Rivalitäten könnten nur durch den wahren Islam beseitigt werden.

    Beunruhigt über die Aktivitäten im Umfeld der Madrasa berief Maulana Rizwi in der Zwischenzeit eine Lehrersitzung ein. Salik sollte als Teejunge dabei sein.

    Im Kreis der versammelten Kollegen betrachtete der Maulana das monatliche Heft seiner Madrasa, das für den bevorstehenden Fastenmonat druckfrisch vor ihm lag. Die Einnahmen aus freiwilligen Almosen (sadaqa, khairat) der Nachbarschaft und der Händlernetzwerke stagnierten. Bald würde aber mit hohen Pflichtalmosen (zakat) der zahlreichen Rückkehrer aus der Golfregion zu rechnen sein. Außerdem floss den Religionsschulen ja seit 1980 der zakat durch staatliche Quellen zu. Diese zusätzlichen Finanzzuweisungen konnten immerhin bis zu etwa einem Drittel ihrer jährlichen Einnahmen betragen.

    Salik dachte bei diesen Worten andächtig an das prunkvolle Madrasagebäude, aber angewidert an das täglich eintönige Essen. Es kam ihm das Opferfest in den Sinn – es war noch weit weg, aber der Gedanke daran genügte, um in der ganzen Stadt das Blut der frisch abgezogenen Tierhäute zu wittern, die die Madrasaschüler von den Straßenrändern einsammeln würden. Dann würden sie auch wieder reichlich Fleisch verzehren dürfen. Sein Magen knurrte.

    Ein Lehrer beklagte nun, dass in muslimischen Ländern die wirtschaftliche Misere der Madrasen der Verstaatlichung islamischer Stiftungen ( waqf) geschuldet sei. Zwar hätten die `ulama, die Islamgelehrten, sich daraufhin zusammengeschlossen. Ihnen sei es aber nicht gelungen, ihr Bildungswesen nachhaltig zu reformieren. Zu groß seien ihre Zerwürfnisse gewesen, die in Lehre und Unterricht zunehmend zur Schau gestellt würden, bisweilen gestützt durch religiös-politische Parteien, die ihre Mitglieder ja aus Madrasen rekrutierten. Maulana Rizwi hüstelte billigend und strich sich mit der Rechten über das müde Gesicht. Er schreckte auf, als ein Kollege bemerkte, Madrasen seien in ihr Umfeld eingebettet und fingen einen Großteil der drop-outs auf, derjenigen, die sonst nirgendwo in der Gesellschaft eine Chance hätten. Die ihnen angeschlossenen Moscheen – immerhin gab es in Pakistan etwa eine Million – seien wichtige Mobilisierungszentren.

    Salik wurde aus seinem kulinarischen Traum gerissen. Hatte er das gerade tatsächlich gehört? Erst vergangenen Freitag hatte er anlässlich der Predigt (khutbah) wieder erleben können, wie ein Prediger zu politischer Agitation und Verketzerung aufrief, dazu, Muslime mit abweichender Meinung zu Ungläubigen zu erklären. Der religiöse Unterricht und die Freitagspredigt waren daher heiß umkämpft. Und seine Lehrer kämpften offenbar an verschiedenen Fronten mit, dachte Salik mit einem flauen Magengefühl.

    Die globale Modernisierung wolle einen universellen Code durchsetzen und rufe dabei religiösen Widerstand lokaler Kräfte hervor, drängte sich jetzt der Rotbart in die Runde. Die Postulate der einen zielten auf die Ausweitung staatlicher Vorherrschaft. Die anderen beharrten auf kultureller und politischer Eigenständigkeit. Zahlreiche Madrasen kämpften gegen den Staat oder rivalisierten miteinander um knappe Ressourcen.

    Maulana Rizwi erhob sich daraufhin, um mit strenger Stimme zu intervenieren: Seine Madrasa habe sich seit ihrer Gründung zu einer vorbildlichen Bildungsstätte entwickelt, und er werde alles tun, um sie als solche auch zu erhalten. Junge Menschen benötigten fortschrittliche Bildung und Perspektiven. Er rieb sich die müden Augen, die sich unter buschigen Augenbrauen versteckten, und fügte mit überzeugter Stimme hinzu: Zivilisierung und Reformierung (islah) könne aber ein reformierter Lehrplan alleine nicht leisten. Auch die Lehre müsse sich ändern!

    Salik sah einen sichtlich indignierten Jalal al-Din. Was war nur los mit ihm, fragte sich Salik, verdrängte aber die mögliche Antwort aus seinem Kopf.

    Der Maulana fuhr fort: Der Zugang zum Arbeitsmarkt stelle für junge Absolventen ein großes Problem dar. Zudem gebe es eine wachsende salafistische Ideologie, die sich in den Bartformen und der Kleidung der Golf-Remigranten ausdrückte. Und diese Arbeitsheimkehrer drängten sich nun mit Hilfe des mühsam verdienten Golfkapitals auch in jene Wirtschaftszweige, die bislang von anderen Gesellschaftsgruppen besetzt waren. Die zunehmenden Ausschreitungen zwischen Sunniten und Schiiten waren ihm Indiz dafür. Dass diese Übergriffe durch ausländische Drahtzieher angeheizt wurden, war bekannt.

    Kompliziert werde es durch Laien, die diese Widerstandsbewegungen führten und sich dabei auf theologische Ausführungen angesehener Islamgelehrter stützten, prangerte Maulana Rizwi mit mittlerweile hochrotem Gesicht an. Oftmals könnten sich auch Kriminelle emporarbeiten, was von den Madrasen zwar nicht begrüßt, aber bisweilen geduldet werde, da sie ihnen bei der Begleichung offener Rechnungen halfen.

    Jalal al-Din stand schon sichtlich der Schweiß auf der Stirn, als der Maulana aus einem englischen Buch zitierte. Ja, sogar überlieferte Loyalitätsstrukturen wie Familien, Stämme und Netzwerke gelehrter Tradition könnten unterwandert werden. Damit nicht genug: Wenn der Staat als Garant für Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit versage, könnten diese Kriminellen die Übergriffe religiös rechtfertigen – als könnten sie die alleinige Stellvertretung des Islams beanspruchen. Und dabei bedienten sie sich auch unschuldiger Madrasaschüler! Dies ist nicht tolerierbar, überschlug sich seine Stimme. Er musste seinen Turban zurecht rücken.

    Ins Zimmer zurückgekehrt, teilte Salik mit den Kameraden seine verwirrenden Eindrücke. Die Nacht verlief unruhig, Salik ging mehrmals zur Tür und schaute hinaus, da er glaubte, Geräusche zu hören. Plötzlich erblickte er im Dunklen der Nacht tatsächlich einige flüchtige Gestalten. In Schals und tief heruntergezogenen Mützen eilten sie über den Hof nach draußen. Salik kam die Handbewegung eines jungen Mannes bekannt vor, mit der zu rascher Aktion gewinkt wurde. Ein anderer Schatten erinnerte ihn an Jalal al-Din. Sobald der Hof wieder leer war, hörte er draußen vor der Madrasa Motorenlärm, der sich bald mit dem von jaulenden Hunden und knatternden Rikshaws vermischte.

    Am nächsten Morgen fehlte `Izzat auf dem Hof. Saliks unruhige Blicke hefteten sich stattdessen auf `Abd al-Mustafa, der ihm aufgewühlt eine Zeitungsmeldung unter die Nase hielt: Es habe wieder einen Anschlag auf einen Militärstützpunkt gegeben – mit zahlreichen Toten. Salik rutschte das Herz in die Hose. `Abd al-Mustafas Versuche, ihn damit aufzumuntern, dass er selber lieber die Bibliothek besuche, als sich mit Leuten wie `Izzat herumzutreiben, fruchteten nur wenig.

    Umso erleicherter war er am nächsten Tag, als seine übernächtigten Augen `Izzat in der Madrasa fanden. Ihre Blicke trafen sich nur kurz, `Izzat war offenbar in Gedanken versunken. Im nächsten Moment rief der Bürovorsteher Salik zu sich. Er habe einen Brief seines Vaters erhalten. Salik öffnete den Brief hastig und las. Erfreuten ihn die ersten Zeilen noch, so wurde er zusehends betrübter. Mutlosigkeit machte sich in ihm breit. Er war allein mit der Bürde, ging ziellos umher. Erst gegen Abend, kurz vor dem Gebet, fand ihn `Izzat und erkundigte sich nach dem Grund seines Zustandes. Er war ihm nahe, auch wenn Welten zwischen ihnen lagen. Salik hielt ihm den Brief hin: Sein Vater habe geschrieben, seine älteste Tochter habe endlich einen Heiratsantrag erhalten und er würde sie nun zu gerne und rasch verheiraten. `Izzat drückte sein Kinn nach oben. Das Problem sei, so fuhr Salik fort, dass die antragende Partei eine sehr, sehr hohe Mitgift forderte. Wahrscheinlich wegen des fortgeschrittenen Alters. Er, Salik, musste noch vier Jahre studieren, bis er seinem Vater helfen konnte. Dann wäre seine Schwester nicht mehr heiratsfähig, und die anderen Schwestern …

    `Izzat trocknete Saliks Tränen, zog ihn zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: Es gebe doch zahlreiche Wege, schnell an viel Geld zu gelangen. Salik sah `Izzat sprachlos an. In die betrübten Augen mischte sich ein Anflug von Hoffnung.

    Salik ging auf sein Zimmer und streckte sich auf seinem Bett aus. Er achtete nicht auf die Stimmen seiner Kameraden, die Blicke an die Decke geheftet, die ihm doch keine Grenze setzen konnte. Er schaute durch sie hindurch ins Leere. Bilder seines Vaters, seiner Schwester, Maulana Rizwis und seines Traums von einer Madrasa drehten sich im Kreis. Übrig blieb der hoffungslose Gesichtsausdruck seines orientierungslosen Vaters. Seine Träume lösten sich in Tränen auf.

    Im Schatten der Nacht schlich er hinaus, auf die dritte Etage, und klopfte an `Izzats Tür …

    Jamal Malik ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Erfurt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Bereiche Muslime in Europa und Islam in Südasien.
    Bushra Iqbal ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie ist Gründerin des Pakistan Women Writers Forum und Urdu-Lehrerin in Deutschland.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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