Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Theater als Ventil und Waffe?
    Theaterpädagogik in Krisengebieten am Beispiel Palästina

    Trotz der schwierigen Situation in Palästina und der Schikanen der israelischen Besetzung gibt es erstaunlich viele aktive Kulturzentren, und in den meisten Flüchtlingslagern wird mit Kindern und Jugendlichen künstlerisch gearbeitet. Das Theater und theatralische Mittel nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Theaterpädagogik findet daher in Palästina ein besonders vielversprechendes Betätigungsfeld.

    Unter dem Motto „Die Besetzer können uns alles wegnehmen, nicht aber unsere Kultur“ engagieren sich viele junge Palästinenser im kulturellen und sozialen Bereich. Sie erlernen das Spiel auf traditionellen Instrumenten, wenden sich verstärkt der palästinensischen Musik, den Dichtern und der Malerei zu, mit dem Ziel, die palästinensische Kultur zu wahren und ihre damit verbundene palästinensische Identität zu erhalten. So entsteht gerade eine Bewegung, die Widerstand mit Mitteln der Kunst ausübt und sich dessen bewusst wird, dass Bildung und Kreativität ein Weg sein kann, auf die Besatzung zu reagieren. Viele Palästinenser wenden sich von denjenigen ab, die Gewalt als Reaktion auf Gewalt als einzige Lösung sehen. Bei Demonstrationen beispielsweise werden immer mehr theatrale Mittel eingesetzt, um einen friedlichen Protest zu gestalten, der mit Bildern überzeugt. Beispielsweise kann man Demonstranten sehen, die gefesselt sind, deren Augen verbunden sind oder der Mund geknebelt ist und die schweigend der Demonstration folgen. Diese Bilder gehen dann mit Hilfe von Social Media um die Welt und verschaffen dem Anliegen der Palästinenser Aufmerksamkeit. Die ausländischen Hilfs- und Friedensorganisationen unterstützen diese Bewegung und haben vielleicht sogar zu dieser Entwicklung beigetragen. Sie finanzieren zahlreiche Projekte und fördern die theaterpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

    Anwendung der Theaterpädagogik

    Obwohl in Deutschland ganz andere politische, ökonomische und soziale Verhältnisse herrschen, wächst auch dort das Interesse an theaterpädagogischer Arbeit und bekommt zunehmend Anerkennung. Gerade im sozialen Bereich und in Bildungseinrichtungen wird Theaterarbeit immer mehr geschätzt. Das Theater als Medium wird genutzt zur Sprachförderung, zur Therapie, Forschung und für kommunikative Prozesse. In einigen Bundesländern wird das Fach Darstellendes Spiel an der Schule unterrichtet und ist mittlerweile sogar ein für das Abitur relevantes Fach geworden. Zahlreiche von Bildungsministern hochgelobte Sommercamps bieten erfolgreich Kurse „Deutsch mittels Theater“ an. Diese Sommercamps dienen zur Integration, Kinder mit Migrationshintergrund werden in deutscher Sprache und Schrift gefördert mithilfe einer Kombination aus täglicher Theaterarbeit und der Aufführung eines Stückes zum Ende des Projektes. Theaterarbeit kann man mittlerweile überall finden: In Vollzugsanstalten, in Unternehmen, in Krankenhäusern, Altersheimen, in sozialen Brennpunkten, in Frauenhäusern, in manchen Asylbewerberheimen und Stadtparlamenten. In Theaterhäusern, wie Stadt- und Staatstheatern, ist eine eigene theaterpädagogische Abteilung nicht mehr wegzudenken. Diese kümmert sich um den Dialog mit Schulen und mit dem jungen Publikum.

    Theaterpädagogik, die sich auf die Arbeit mit Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und den verschiedensten Berufsfeldern konzentriert, also mit so genannten „Nicht-Professionellen“ arbeitet, wird von den Schauspiel- und Regiekollegen oft kritisiert. Die künstlerische Arbeit würde zu kurz kommen und die Fokussierung auf den Prozess und nicht auf das Produkt würde sich auf dessen Qualität auswirken. Warum jedoch sollte ein Produkt, welches aus einem guten Prozess heraus entsteht, nicht umso besser sein? Die theaterpädagogische Arbeit ist ein ständiger Akt der Balance zwischen künstlerischer und pädagogischer Arbeit, wobei „pädagogisch“ in diesem Kontext bedeutet, die sozialen Kompetenzen, das Zusammenspiel in der Gruppe und die Fähigkeit der Reflexion und Konfliktbewältigung zu fördern.

    Die Rolle Bertold Brechts

    Bertold Brecht war wohl der berühmteste Theatermacher, der neben seinen Tätigkeiten als Dramatiker, Lyriker und Regisseur auch theaterpädagogisch gearbeitet hat. Mit der Form des Lehrstücks schrieb er Texte, die zur politischen Bildung dienen sollten. Eines der berühmtesten Lehrstücke ist „Die Maßnahme“, dort geht es, wie in den meisten Lehrstücken, darum, Personen verschiedener Machtpositionen aufeinandertreffen zu lassen und anhand dessen gesellschaftliche Strukturen untersuchen zu können, umzukehren oder gar neu zu gestalten. Brecht ließ zum Beispiel Auszubildende einer Fabrik zu Akteuren im Lehrstück werden, wodurch sie sich in die Lage eines Vorgesetzten begeben konnten, genauso wie in die eines Untergeordneten. Das Lehrstück nutzte theatrale Mittel, um die Selbstreflexion und das Spiel mit der Realität zu entfachen. So ging er weg vom Theater mit Schauwert hin zum Theater des eigenen Erfahrens. Auch der Begriff der Rolle bekam einen neuen Stellenwert. Nicht nur der Schauspieler auf der Bühne spielt eine Rolle, sondern jeder Einzelne von uns schlüpft in verschiedene Rollen, je nachdem in welcher Situation wir uns befinden.

    Von Brecht inspiriert, entwickelte der Theatermacher Augusto Boal, u. a. mit dem „Theater der Unterdrückten“ in Rio de Janeiro, diese Theaterform weiter. Sie zeichnet sich durch das Aufheben der Trennung von Bühne und Zuschauer aus und ihr Ziel ist es, gesellschaftliche und politische Lösungen mit Mitteln des Theaters zu erarbeiten. Eines seiner bekanntesten Projekte ist das „Legislative Theater“, welches er als Abgeordneter der Arbeiterpartei im Stadtparlament von 1992 bis 1996 entwickelte und dabei mit einem Zusammenschluss von Künstlern und Justizmitarbeitern zur aktiven Beteiligung der Bevölkerung an der Politik und dessen Entscheidungsprozessen arbeitete. Boal passte sein Konzept an die Bedingungen seines Arbeitsumfeldes an. In Europa fand er andere Formen der Unterdrückung und sein Interesse, an therapeutischen Einrichtungen zu arbeiten, wuchs. Die „sichtbaren“ Konflikte um die soziale und politische Unterdrückung geraten immer mehr aus dem Blickfeld und werden ersetzt durch die „unsichtbaren Konflikte“, die sich im Individuum abspielen. Dies entspricht dem Zeitgeist, den weniger die Gemeinschaft interessiert, sondern der sich vielmehr auf das Individuum konzentriert. So geht es in der heutigen Theaterpädagogik primär um die Persönlichkeitsförderung, die freie Entfaltung, und auch der Schauwert des Theaters rückt wieder in den Vordergrund. Viele sind heutzutage der Ansicht, dass die Theaterarbeit nur durch ein ästhetisches Erleben, das Vergnügen bereitet, auch einen bildenden und emanzipatorischen Anspruch hat.

    Die Entwicklung der Theaterpädagogik mit ihren vielfältigen Ansätzen und Einsatzmöglichkeiten zeigt, dass das Theater genug Raum und Potenzial mitbringt, sich mit Formen der Unterdrückung auseinanderzusetzen. In einer nachgespielten Situation können Handlungsoptionen erprobt werden, eigene Rollenbilder können gespiegelt werden, das Zusammenspiel zwischen Opfer- und Täterrollen kann auseinandergenommen und Muster können erkannt werden. Dieses Theater wird auch Forumtheater oder Präventions- und Interventionstheater genannt. Das Projekt „Mein Körper gehört mir“ ist eines dieser Projekte, das in Deutschland bundesweit an Schulen gastiert, um dort über sexuelle Gewalt an Kindern aufzuklären.

    Politisches Theater

    Wenn Politik, Gesellschaft und Theater so nah beisammen sein können, ist es nicht verwunderlich, dass in Palästina nicht nur viel mit Theater gearbeitet wird, sondern dass dieses fast immer auch politisch ist. Diese politische Dimension des Theaters stellt für einige der heutigen palästinensischen Theatermacher wiederum ein Problem dar. Sie kritisieren, dass die Ästhetik oft vernachlässigt und die Mittel des Theaters stark reduziert würden. Durch die politischen Aussagen gäbe es oft zu wenig Phantasie und Verrücktheit, Humor und das ästhetische Erlebnis würde in den Hintergrund treten. Jedoch ist zu beobachten, dass immer mehr Theatermacher es schaffen, Politik und Ästhetik zu vereinen und sich somit erfolgreich um die Weiterentwicklung des palästinensischen Theaters bemühen.

    In Palästina kann man beobachten, dass die theaterpädagogische Arbeit sich vor allem auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen konzentriert. In vielen Flüchtlingslagern der Westbank und im Gazastreifen wird mit den Flüchtlingskindern theaterpädagogisch gearbeitet. Den Kindern soll durch die Mittel des Theaters ermöglicht werden, das Erlebte zu verarbeiten und ihrer Trauer, ihrer Angst und Wut Ausdruck zu verschaffen. Ein anderer wichtiger Aspekt der Arbeit ist es, den Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven aufzuweisen und ihnen eine Freizeitmöglichkeit anzubieten, bei der sie Aufmerksamkeit und Anerkennung erleben dürfen und ihre Persönlichkeit in einem Schutzraum entwickeln können, fern von Frustration und Radikalisierung religiöser oder politischer Art.

    Freedom Theatre

    Das bekannteste Theater in Palästina, das aus einer künstlerischen und pädagogischen Arbeit in einem Flüchtlingslager entstand, ist wohl das Freedom Theatre in Dschenin. Das Freedom Theatre ist sehr bekannt, auch über die palästinensischen Grenzen hinweg, da es regelmäßig nach Europa auf Tournee geht. Es wurde während der ersten Intifada um 1988 von der jüdischen Aktivistin Arna Mer-Khamis im Flüchtlingslager in Dschenin unter dem Namen „Stone Theatre“ gegründet. Ihr Sohn Juliano Mer-Khamis übernahm das Theater 2006 und arbeitete dort als Regisseur und Schauspieler. Mit der Tatsache, dass Juliano und seine Mutter sich einerseits beide zum Judentum bekannten und anderseits klar Position für die Palästinenser einnahmen, konnten viele nicht umgehen, weder auf palästinensischer noch auf israelischer Seite. Im Jahre 2011 wurde Juliano Mer-Khamis von einem bis heute Unbekannten vor seinem Theater auf der Straße erschossen. Nach diesem traurigen Ereignis übernahm Nabil Al Raee das Theater. Nach dem Tod von Juliano Mer-Khamis wurden der neue Leiter und sämtliche Mitarbeiter von den israelischen Behörden von der Theaterarbeit abgehalten, unter anderem war Nabil Al Raee 2012 wegen absurder Vorwürfe inhaftiert.

    Der Film „Arna´s Children“, welcher 2004 unter der Regie von J. Mer-Khamis und D. Danniel herauskam, zeigt die Anfänge der theaterpädagogischen Bewegung in Palästina am Beispiel des „Stone Theatre“ und geht vor allem der Frage nach, welche Motivation diese Arbeit begründete und wie die Kinder mit dem neuen Angebot umgingen und ob es ihnen half, den vom Krieg getrübten Alltag zu vergessen. In dem Film dokumentiert Juliano Mer-Khamis die gemeinsame Arbeit mit seiner Mutter und die Entwicklung der Kinder ihrer Theatergruppe bis hin zu jungen Erwachsenen. Das Leben der Kinder und ihrer Familien ist von Flucht und Verfolgung geprägt. Sie erleben die erste und zweite Intifada und viele verlieren ihr Zuhause, da es vom israelischen Militär zerbombt wird. Arna Mer-Khamis möchte den Kindern durch Kultur neue Horizonte öffnen, damit sie ihre Trauer mit Hilfe von Kunst ausdrücken können, ihr Selbstwertgefühl durch Theater wieder aufbauen, damit ihr vom Krieg geprägter Alltag Farbe bekommt. In Interviews beantworten die Kinder und Jugendlichen, was ihnen Theater und die Einrichtung von Arna Mer-Khamis bedeutet. Ein Junge sagt, dass er sich, wenn er auf der Bühne steht, stark und stolz fühlt, dass es ihm dasselbe Gefühl gebe, wie wenn er Steine würfe, wie wenn er Molotowcocktails würfe.

    Als Arna an Krebs stirbt, verlässt Juliano Palästina und kehrt fünf Jahre später wieder zurück. Was er dann vorfindet, ist sehr ernüchternd. Einige der mittlerweile jungen Erwachsenen sind bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen, ein Junge der Theatergruppe hat sich als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Juliano macht sich auf die Spurensuche und begleitet mehrere der jungen Männer bei ihrem bewaffneten Widerstand. Als Zuschauer muss man sich der frustrierenden Tatsache stellen, dass die ehemaligen Kinder des Theaterprojektes entweder bei Angriffen ums Leben gekommen sind oder selbst in den bewaffneten Widerstand gegangen sind. Da kommt natürlich die Frage auf, ob die Arbeit überhaupt etwas geändert hat oder ob sie etwas geändert hätte, wenn die Arbeit nach dem Tod von Arna Mer-Khamis weitergeführt worden wäre.

    Dar Al Kalima in Bethlehem

    Auch in den Räumen des Kulturzentrums Dar Al Kalima in Bethlehem finden viele Kurse und Veranstaltungen statt. Das jährliche Programm umfasst Filmfestivals, zahlreiche Kunstausstellungen, regelmäßige Kurse für Musik und Theater, bis hin zu Kursen zur Aufklärung von gesundheitlichen Beschwerden für ältere Menschen. Das „Dyar Dance Theatre“ trifft sich mehrmals die Woche abends zu den Proben in den Räumen des Dar Al Kalima und geht mit seinen selbst erarbeiteten Stücken auf Tourneen innerhalb Palästinas und Europas. Diese Stücke sind eine Mischform aus klassischem Theater, palästinensischem Volkstanz und traditioneller Musik und Gesang. Das Besondere an dieser Theatertruppe ist, dass alle Teilnehmer neben der Leidenschaft zum Theater einen Beruf ausüben, zur Schule gehen, studieren oder auf der Suche nach Arbeit sind. Der Mitbegründer und Leiter der Gruppe, Rami Khader, hat mit seiner Arbeit eine professionelle Tanztheatergruppe ins Leben gerufen, die jungen Palästinensern über die künstlerische, sehr körperliche und emotionale Art eine Plattform geben soll, sich auszudrücken und an politische und soziale Themen wie zum Beispiel die Geschlechterungleichheit oder Arbeitslosigkeit in ihrer Gesellschaft kritisch heranzutreten. Diese Auseinandersetzung wiederum, in eine künstlerische Performance gebunden, soll in die Gesellschaft getragen werden und dort zum Nachdenken anregen.

    Die Einrichtung Dar Al Kalima, die vom Pfarrer Dr. Mitri Raheb (Träger des Aachener Friedenspreises 2008, Deutscher Medienpreis 2011) gegründet wurde und von der lutherischen Gemeinde getragen wird, hat in Bethlehem neben dem Kulturzentrum auch das Dar al Kalima College und ein Gesundheitszentrum aufgebaut. Das College bietet seit 2010 die Möglichkeit, Fächer wie zum Beispiel Musik, Theater, Kunsthandwerk oder Dokumentarfilm zu studieren. Somit ist es die erste Hochschule im Nahen Osten, die sich auf die Bereiche Kunst, Tourismus, Multimedia und Kommunikation konzentriert. Die Theaterabteilung ist durch eine Hochschulpartnerschaft mit dem Theaterpädagogikstudiengang der Hochschule Osnabrück verbunden und es finden regelmäßige gegenseitige Besuche zum Austausch über die Arbeit der Dozenten und Studierenden statt.

    Im Aida Refugee Camp in Bethlehem gibt es ebenfalls viele kulturelle Angebote und es wird theaterpädagogisch gearbeitet. So werden Theaterkurse für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen angeboten, die sich wöchentlich zum Theaterspiel treffen. Man kann dort zahlreiche Theateraufführungen ansehen, wie zum Beispiel ein Stück mit jungen Mädchen im Alter zwischen 7 und 12 Jahren, das die persönlichen Erfahrungen der Mädchen mit der Besatzung aufgreift. Die Gewalt des Militärs, das ihre Häuser durchsucht, ihre Familien auseinander reißt und sie zu Flüchtlingen macht, wird auf der Bühne in einfache Bilder übersetzt. Es handelt von einer mächtigen Person, die alle anderen unterdrückt und demütigt, diese jedoch standhaft bleiben und sich friedlich wehren, indem sie präsent sind und zusammenhalten. Die Energie und Ernsthaftigkeit der jungen Schauspielerinnen berührt und wirkt authentisch. Trotzdem ist fraglich, ob die Mädchen von sich aus auf die Idee kämen, diese schweren Erinnerungen zu thematisieren oder ob sie zu ständigen politischen Aussagen erzogen werden und die Mittel des Theaters dafür ausgenutzt werden. Ohne Zweifel sind die Themen der Besetzung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit auch Teil ihrer Lebensgeschichte, vergessen werden jedoch die Aspekte ihres Lebens, in denen sie einfache Mädchen sind, die sich vielleicht auch nach kindlicher Unbeschwertheit, Spiel, Spaß und Phantasie sehnen. Dass Kinder für politische Zwecke instrumentalisiert werden, entspricht nicht dem emanzipatorischen Bestreben der Theaterpädagogik, welches vor allem darin besteht, dass der Mensch durch die Theaterarbeit sich und sein Umfeld reflektieren lernt.

    Theater ohne Publikum?

    In Deutschland stößt Theater aus Krisengebieten wie Palästina auf großes Interesse. Gastspiele werden eingeladen und es gibt finanzielle Förderungen. Theater, das für den Künstler existenziell wird, weil er sich dadurch in Gefahr begibt, weil er das bestehende Regime kritisch begutachtet und sein Theater vielleicht sogar nur im Exil weiter bestehen kann, das ist spannend für das deutsche Publikum. Denn die Notwendigkeit des Theaters ist in vielen deutschen Theatern nicht mehr zu spüren, die Überprofessionalisierung der Theatermacher und Schauspieler führt zu einer großen Distanz zu den in den Stücken dargestellten Problemen, und die Kunst um der Kunst willen überragt den soziokulturellen Aspekt des Theaters oftmals. Das Theater berührt die Menschen nicht mehr oder zu selten, und es erreicht oft nur eine hochgebildete Minderheit der Bevölkerung. Mit dieser Problematik beschäftigen sich derzeit viele Theatermacher. Sie beklagen die fehlende Verankerung des Theaters in der Gesellschaft und vermissen dessen soziale und politische Gewichtung.

    In Palästina hingegen wird der Mangel an Professionalität und Fachkräften beklagt. So fehlt es an akademisch ausgebildeten Lehrbeauftragten und es gibt kaum Nachwuchs in den wissenschaftlichen Bereichen des Theaters, der die theaterpädagogische Praxis untersucht und wiederum Studierende verschiedener Bereiche ausbilden kann. Trotz der vielen Einsatzmöglichkeiten sieht nicht jede/r junge Theatermacher/in in Palästina eine Zukunft, denn die politische Lage erschwert die Arbeit enorm. Es gibt jedoch genug Kulturschaffende, die Auslandtourneen und die Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Ländern dafür nutzen, sich vom schwierigen Alltag loszulösen, andere Kulturen kennen zu lernen und ihre Theaterarbeit weiterzuentwickeln.

    Wie die Gesellschaft im Allgemeinen und das Theater im Besonderen unterliegt auch die Theaterpädagogik stetigem Wandel. Durch die Vernetzung und den regen Austausch in der Theaterarbeit auf internationaler Ebene treten die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern in den Hintergrund und die Theaterarbeit wächst durch die gegenseitige Bereicherung.
    Miriam Lemdjadi arbeitet als freie Theatermacherin in Deutschland, Frankreich und im arabischen Raum. Sie absolvierte ihr Studium am Institut für Theaterpädagogik am Campus Lingen der Hochschule Osnabrück.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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