Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Lesen als Widerstand
    Die Kinderbibliothek von Gaza

    Das Qattan Center for the Child will den palästinensischen Kindern in Gaza eine kulturelle Oase bieten. Zu diesem Zwecke wurde eine Bibliothek aufgebaut, die als die größte ihrer Art in Palästina gilt. Sie ist speziell auf die kulturellen Bedürfnisse von Kindern im Alter bis zu 15 Jahren und deren Familien und Erziehern zugeschnitten. Die langjährige Leiterin der Bibliothek blickt in diesem Beitrag auf ihre erfolgreiche Arbeit zurück.

    Das gelang uns schließlich auch: 2005 erfolgte die Einweihung des Zentrums und es begann eine neue Phase in der Zusammenarbeit mit den Kindern. Begegnung auf gleicher Augenhöhe und die realitätsnahe Anwendung aller uns zur Verfügung stehenden Theorien wurden groß geschrieben. Es sollte einer meiner arbeitsintensivsten Lebensabschnitte werden – und gleichzeitig der für mich befriedigendste überhaupt.

    Von den Kindern war ich völlig überwältigt. Sie haben unseren festgefügten Theorien und Erwartungen hinsichtlich ihrer Reaktionsweisen und Interessen auf erfrischende Art „die Zunge rausgestreckt“. Gleich am allerersten Tag – wir waren noch beschäftigt mit den Vorbereitungen und dem Einordnen der Bücher in die Bibliotheksregale und hatten unsere Pforten noch nicht für die Allgemeinheit geöffnet – gingen drei Mädchen von gerade mal neun Jahren an dem Institut vorbei und fragten uns ganz ahnungslos: „Was ist das hier?“ Woraufhin ich sie einlud, doch mal einen Blick hineinzuwerfen. Statt einer Erwiderung griff eines der Mädchen, es hieß Suha, mit liebevoller Geste nach meiner Hand. Nie werde ich das Staunen in den Augen der Kinder vergessen – Augen, die schon alles Mögliche gesehen hatten. Die Mädchen verabschiedeten sich ... und am folgenden Tag standen – für uns völlig überraschend – Hunderte von Kindern vor der Tür, um dem Zentrum einen Besuch abzustatten. Was brauchten wir da noch eine Werbekampagne für unser Zentrum?

    Innerhalb weniger Jahre nutzten Tausende von Kindern aus Gaza das Zentrum und begeisterten uns immer wieder aufs Neue mit ihren vielen Fähigkeiten und ihrer ausgelassenen Lebensfreude, den immer härter werdenden Lebensumständen zum Trotz. Am meisten war ich verblüfft, als ein Kind fragte: „Warum kann unsere Schule nicht auch so sein?“ Ein anderes stellte fest: „Wir kommen hier mit der Welt in Kontakt.“ Die neuen Technologien wurden von den Kindern auf interaktive Weise genutzt. Für diejenigen, die nicht in Gaza leben: Das Internet ist für alle Menschen dort die einzige Möglichkeit, in Zeiten wie diesen, wo alle anderen Verbindungen abgeschnitten sind, den Kontakt zu einer humaneren Welt nicht abreißen zu lassen.

    Die Kinder sprechen mit

    Die Kinder waren richtige Bücherwürmer, sie zeigten ein reges Interesse an Schreiben, Lesen, Kreativität und überhaupt an künstlerischen Aktivitäten. Obwohl für die Kinder schon eine breite Palette an Programmen geboten war, überstieg die Nachfrage doch stets die Möglichkeiten des Zentrums. Ich sehe noch das Staunen in den Augen der Kinder vor mir, und all die positiven Veränderungen in ihrem Verhalten und ihrer Wesensart, die ohne das Zutun spezieller Programme erfolgten. Gut erinnere ich mich auch noch an einen gehörlosen Jungen namens Mansur, der tagtäglich in das Zentrum kam, obwohl er nicht lesen konnte und obwohl es anfangs einige Beschwerden über sein aggressives Verhalten gab. Doch dank des liebevollen Umgangs der Kollegin Tahani ihm gegenüber war schließlich er es, der uns allen eine Lektion in Menschlichkeit und Liebe erteilte. Er knüpfte Freundschaften zu vielen anderen Kindern am Zentrum, ja es ging so weit, dass er ihnen und manchmal sogar den Zentrumsmitarbeitern half, wo er nur konnte.

    Die kleine Muna, neun Jahre alt, reichte bei der Leitung des Zentrums einen genialen Vorschlag ein: Alle Kinder des Zentrums sollten gemeinsam über das Thema Kinderrechte diskutieren. Es war sehr beeindruckend, wie sie aus der Bibliothek geeignetes Material zusammentrug und sich ganz allein darum kümmerte, die Kinder zusammenzutrommeln. Auf eine Tafel schrieb sie nacheinander jeden einzelnen Artikel der Kinderrechtskonvention und stellte dazu immer wieder die gleiche Frage: Verfügen wir wirklich über dieses Recht? Die Reaktion der Kinder war erstaunlich. Jedes von ihnen erzählte Geschichten aus seinem persönlichen Umfeld über Fälle, in denen Rechte verletzt wurden – zum Beispiel über ältere Brüder, die nicht aus dem Gazastreifen ausreisen konnten, um ein Studium an ihren jeweiligen Wunschuniversitäten aufzunehmen; über Kranke, die nicht zum Zwecke der medizinischen Behandlung ausreisen konnten; und viele, viele Geschichten mehr. Muna löste bei mir eine Auseinandersetzung mit einer Reihe von Fragestellungen aus, vor allem folgender: Wie können wir eine Oase der Freiheit für diese Kinder schaffen, um ihnen ein Leben nach ihrer Façon zu ermöglichen, statt einem, das wir Erwachsene für richtig halten? Haben sie nicht im Grunde genommen viel mehr auf dem Kasten als wir? Vielleicht ist für uns als Erzieher die Zeit gekommen, uns mehr zurückzunehmen, mehr zuzuhören und uns dann in fundierter Weise in die konzeptionelle Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit einzubringen.

    Wir Pädagogen sollten uns gelegentlich eingestehen, dass wir den Kindern – ob bewusst oder unbewusst – Kulturangebote vorsetzen, die unseren eigenen Gedanken und Überzeugungen entsprungen sind. Es kommt mir hier nicht zu, ein Urteil über diese Gedanken und Überzeugungen abzugeben, aber ich sehe es mit großen Vorbehalten, wenn wir ohne zu reflektieren ein kulturelles Umfeld schaffen, das die Kinder darauf konditioniert, das zu lieben, was wir lieben, und das zu hassen, was wir hassen. Ist das nicht eine abschreckende Vorstellung?

    Im Laufe meiner über zwölfjährigen beglückenden Erfahrung als Leiterin des Qattan Center for the Child habe ich viel über das nachgedacht, was ich einmal die „professionelle Einsamkeit“ genannt habe. Das Zentrum war ja das erste seiner Art in Palästina und in der ganzen arabischen Welt, in einem Umfeld also, wo sich die Dinge rasant (und meist zum Schlechteren) ändern können. Langfristig zu planen ist hier völlig unmöglich, angesichts des Embargos, der ständigen Abriegelungen und der quasi allgegenwärtigen Hindernisse. Somit waren hier keinerlei berufsbezogene Ressourcen verfügbar, die Antworten auf die sich im Arbeitsalltag immer wieder stellenden Fragen hätten liefern können. Alles hing von der gemeinsamen Recherche und Ideenfindung im Team ab, sowie von einer Vielzahl von Diskussionen und Notlösungen. Ich muss zugeben, dass diese Umstände auch ihre guten Seiten hatten, denn die uns ständig abverlangte Fähigkeit, mit rauen Arbeitsbedingungen zurechtzukommen, fing irgendwann an Früchte zu tragen. Wir taten uns nun leichter damit, Pläne zu entwickeln: Da wir mit der Zeit gelernt hatten, dass Plan A meistens nicht aufgehen würde, hatten wir immer auch einen Plan B parat. Und ehrlich gesagt waren für uns die vielen Mühen und all der Stress auch eine willkommene Ablenkung von dem Kopfzerbrechen über die oft unendlich schwierige Realität Gazas. Das hat sich besonders deutlich in Zeiten schwerster Bedrängnis erwiesen. Gerade dann nahm die Zahl der Neuanschaffungen für die Bibliothek zu und wir kamen gut mit unserer Planerfüllung voran. Ich konnte das bei der Erstellung meiner monatlichen Berichte ganz klar feststellen. Auch haben wir gelernt, unsere Kollegen, die an der Qattan Foundation in der Westbank arbeiten, in unsere Kommunikation einzubinden, obwohl wir sie seit Jahren nicht mehr persönlich getroffen haben, da sich die Israelis weigern, die für die Ein- und Ausreise notwendigen Genehmigungen zu erteilen. Wir merken inzwischen sogar schon am Telefon, ob es ihnen gut geht oder nicht.

    Während der ersten vier Monate meiner Arbeit habe ich die Qattan Foundation in Ramallah mehrere Male besucht. Danach war dies aufgrund der Weigerung der Israelis, Reisegenehmigungen auszustellen, überhaupt nicht mehr möglich. Wir hielten dann in mehr oder weniger jährlichen Abständen Treffen in Jordanien oder in London ab. Erst nach zehnjähriger Unterbrechung konnte ich der Qattan Foundation einen weiteren Besuch abstatten.

    Die Blockade als Ansporn

    Zweifellos hatten die seit Jahren immer schwieriger werdenden humanitären Bedingungen in Gaza negative, aber eben auch positive Auswirkungen auf die Arbeit im Bildungsbereich. Zum einen wurden unsere Kinder durch diese Bedingungen dazu angespornt, die Bibliothek sowie das mannigfaltige Kulturangebot noch intensiver zu nutzen, die ganze Palette an Aktivitäten durchzuprobieren: bildende Künste, Musik, Gesang, kreatives Schreiben, neue Technologien ... Zum anderen waren auch die Familien in Anbetracht der Umstände eher geneigt, die Bedeutung solcher Aktivitäten für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder anzuerkennen, nahmen sie doch an ihren Kindern positive Veränderungen wahr, mit denen sie zwar nicht gerechnet hatten, die sie aber zweifellos begrüßten. Beispielsweise waren die Kinder – den Beobachtungen ihrer Mütter zufolge – weniger aggressiv beim Spielen. Einige zeigten mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Familie und den jüngeren Geschwistern, ihre Leistungen in der Schule wurden besser und die Familien spürten, dass die Kinder wirklich ernsthaft an den Angeboten des Zentrums interessiert waren. Das alles wirkte sich in hohem Maße beruhigend auf die Familien aus, vor allem vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen.

    Auch hat das Zentrum für die Kinder, ihre Familien und dort arbeitenden Pädagogen einen Freiraum geschaffen, wo sie einander begegnen und an Aktivitäten teilnehmen können. Sie sollen nicht nur rezipieren, sondern sich auch selber aktiv einbringen und frühzeitig ihre Meinungen zu dem, was den Kindern geboten werden soll, äußern können.

    Dem Zentrum war es ein Anliegen, bei der Erstellung seines allgemeinen Veranstaltungsprogramms auch Aktivitäten zu speziellen Themenschwerpunkten einzuplanen. Aus unseren Statistiken am Ende jedes Monats ging nämlich hervor, dass die Kinder – wie nicht anders zu erwarten – hauptsächlich Belletristik und Unterhaltungsliteratur lasen, während Sachbücher auf deutlich weniger Interesse stießen. Dies hing wohl damit zusammen, dass Sachthemen als trocken empfunden und direkt mit der Schule assoziiert wurden. Daraufhin widmeten wir probeweise drei Monate hintereinander dem Bereich Natur und Technik, indem wir uns ihm auf unterhaltsame und interaktive Weise näherten und dies konsequent bei allen diesbezüglichen Aktivitäten anwandten – ob Geschichtenerzählen, Theater, Kunstausstellungen, Ausflüge oder natürlich Computer und Technik. Am Ende des ersten Monats stieg der Anteil der Sachliteratur an den entliehenen Büchern um 25 %, am Ende des zweiten Monats um 75 %.

    Diese Erfahrung war für mich beglückend und beängstigend zugleich. Dass wir die Fähigkeit hatten, unbewusst die Gedanken der Kinder zu beeinflussen, war mir etwas unheimlich. Gleichzeitig war ich glücklich darüber, wie viel wir von diesen Kindern zurückbekamen, wenn wir Erwachsenen ihnen wirklich die Gelegenheit boten, sich zu entfalten.

    Die Themenschwerpunkte wechselten sich über die Jahre hinweg ab. Dabei ließ sich stets eine direkte Auswirkung auf die Lesestatistiken feststellen. Inzwischen können die Kinder die Themen selbst auswählen und am Computer über die Art der Aktivitäten abstimmen, bevor es an die konkrete Planung geht.

    Wer bildet die Erzieher aus?

    Palästina leidet insgesamt immer noch an einem akuten, wenn nicht vollständigen Mangel an pädagogischen Ausbildungszentren, welche die Erzieherinnen und Erzieher wirklich für ihren Beruf qualifizieren. Zweifelsohne fehlt es im palästinensischen Erziehungswesen auch an einer klaren Vision für die Arbeit mit Kindern, speziell im Bereich der außerschulischen Bildung. Palästina verfügt über ein reiches kulturelles Erbe, das eine wichtige Grundlage für die Entwicklung einer nationalen Strategie zur außerschulischen Bildung darstellt.

    Ausdrücklich möchte ich hier erwähnen, wie sehr uns die Qattan Foundation mit verschiedensten kulturellen Dienstleistungen versorgt. Insbesondere ist die liebevolle, fürsorgliche und verständnisvolle Unterstützung durch Herrn Abdel Mohsin Al-Qattan hervorzuheben.

    Im Jahr 2011 erhielt ich den französischen Verdienstorden „Ordre National du Mérite“ als Würdigung meiner Arbeit mit den Kindern. Heute blicke ich mit viel Liebe und Wertschätzung, aber auch selbstkritisch auf meine Erfahrungen zurück, in der tiefen Überzeugung, dass wir der Menschheit nur dann dienen können – und sei es im kleinen Rahmen –, wenn wir begeistert sind von dem, was wir tun, und wenn wir uns immer wieder Fragen wie diese stellen: Wie sollen wir Erwachsenen wissen, was es heißt Kinder zu lieben, bevor wir nicht die Erfahrung des gemeinsamen Arbeitens mit ihnen gemacht haben?
    Reem Mohammed Abu Jaber war von 2000 bis 2012 Direktorin des Qattan Center for the Child A M Qattan Foundation in Gaza, Palästina.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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