Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Kultur in die Provinz tragen
    Die Robert-Bosch-Kulturmanager

    Die kulturellen Aktivitäten der ausländischen Kulturinstitute in der islamischen Welt konzentrieren sich auf die Hauptstädte, die Provinz kommt zu kurz. Das wollen die von der Robert Bosch Stiftung entsandten Kulturmanager ändern. Das Beispiel Ägypten zeigt, wie lohnenswert, aber auch wie schwierig ihre Aufgabe ist.

    Wir sitzen in einem dunklen, kleinen Kellerraum im Zentrum von Mansoura. An der Wand ein Fernseher, davor dicht gedrängt Stühle und nebenan ein Proberaum. Der Schallschutz funktioniert nur bedingt. Während im Film Schubert zu hören ist, dringen aus dem Nebenraum andere, wildere Melodien. Die Buchhandlung Books & Beans im Stadtzentrum der Deltastadt Mansoura ist ein Hort für liberale Geister und Kreative. Im Erdgeschoss werden Bücher verkauft und hier im Keller können Musiker ihre neuesten Stücke proben und einspielen. Und einmal im Monat treffen sich Filmfans und Deutschlandinteressierte, um Produktionen aus Deutschland zu sehen.

    An diesem Abend sind etwa 30 Leute gekommen, um 4 Minuten, einen Spielfilm des deutschen Regisseurs und Produzenten Chris Kraus aus dem Jahr 2006, zu sehen, mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung in den Hauptrollen. Es ist die Geschichte der Pianistin Traude Krüger, die seit über 60 Jahren im Frauengefängnis Luckau Klavierunterricht gibt und dort auf die wegen Mordes verurteilte, aggressive, unberechenbare, verschlossene, aber hochtalentierte 20-jährige Jenny trifft. Gewalt ist ein Hauptthema des Filmes, in Form von Brutalität im Gefängnis, Kindesmissbrauch vom Vater an der jungen Jenny und der Gewalt des Krieges, der Traudes Geliebte zum Opfer fiel.

    Heftige Diskussionen

    Der Raum im Keller ist bis auf den letzten Platz gefüllt, sogar die Stufen hinauf in die Buchhandlung sind besetzt. Als die letzten vier Minuten des Films vorüber sind, die letzten Klänge der ‚Negermusikʻ verhallt sind, beginnt eine rege Diskussion unter den Zuschauern. Für einen Mann Mitte 40 ist der Film eindeutig rassistisch, weil mit Bezug auf den Jazz im Film immer wieder von ‚Negermusikʻ die Rede sei. „Erst in den letzten vier Minuten befreit sich der Film davon.“ Ein anderer Mann im gleichen Alter sieht in dem Film ein Porträt der deutschen Gesellschaft, die seiner Meinung nach immer das Positive im Menschen sähe, „und dieser Film zeigt das eindeutig“. Trotz der Gewaltausbrüche und ihrer Verurteilung sehe die Klavierlehrerin einzig Jennys Talent. „Meiner Meinung nach spricht der Film nicht über die deutsche Gesellschaft, sondern über Menschen und Persönlichkeiten und ihr Schicksal“, widerspricht ein junger Mann aus dem Publikum. Der Film könne überall spielen. Nein, setzt der Angesprochene entgegen, dies sei ein deutscher Film mit deutschen Problemen. Schwule und Kindesmissbrauch gäbe es in Ägypten schließlich nicht. Der Kommentar wird mit Unglauben von einigen im Raum aufgenommen, die vehement widersprechen. Die Diskussion ist in vollem Gange.

    Angela Verweyen ist Veranstalterin des Film-Clubs, der einmal im Monat im Books & Beans in Mansoura stattfindet. Seit Mai 2012 ist sie für das Nildelta als Kulturmanagerin der Robert Bosch Stiftung tätig, arbeitet mit Buchhandlungen und Bibliotheken zusammen und organisiert Lesungen, Konzerte und Filmabende. „Das Reizvolle an dem Programm ist, dass wir so viel ausprobieren können und so frei in der Gestaltung sind“, sagt die 31-Jährige. Die Grundvorgabe ist, dass die Kulturmanager ein junges, modernes Deutschland vermitteln. Insgesamt gibt es drei Kulturmanager in Ägypten, die sich mit ihren Programmen hauptsächlich an ein junges, studentisches Publikum wenden. Es sei spannend, sagt Angela Verweyen, in einer Region und in Städten zu arbeiten, die noch nicht so gesättigt seien mit Kulturangeboten, wie es zum Beispiel die Hauptstadt Kairo ist.

    Die „Kulturmanager“ in der arabischen Welt sind ein Programm der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts. Seit Oktober 2005 werden Kulturmanager aus Deutschland an Institutionen in der arabischen Welt entsandt. Sie werden mit Stipendien ausgestattet und haben die Aufgabe, Kulturveranstaltungen und begegnungsfördernde Initiativen durchzuführen, um den deutsch-arabischen Dialog zu fördern. In Ägypten wurde 2005 zunächst nur ein Kulturmanager nach Oberägypten entsandt, seit 2012 sind mit Angela Verweyen, Christian Salman und Alexander Besch drei Kulturmanager im Nildelta, im nördlichen und im südlichen Oberägypten im Einsatz.

    Neuland entdecken

    Als Angela Verweyen im Mai 2012 ihre Arbeit im Delta begann, betrat sie Neuland. „Mein Gebiet war das Nildelta, aber ich habe keine Vorgaben bekommen, welche Städte ich für meine Arbeit wählen soll“, sagt die 31-Jährige, die Arabistik, Politik und Islamwissenschaften studiert hat. Kairo und Alexandria kannte sie aus dem Studium und durch Praktika beim Goethe-Institut. Im Delta kannte sie sich hingegen kaum aus. Sie recherchierte, sprach mit Leuten und wurde von vielen Seiten auf Books & Beans in Mansoura hingewiesen. Mansoura ist die Hauptstadt des Gouvernements Al-Daqahliyya und Sitz einer der größten Universitäten Ägyptens, die vor allem für ihre medizinische Fakultät weit über die Landesgrenzen Ägyptens bekannt ist. Angela Verweyen organisierte also ein Treffen in der Buchhandlung, kaufte sich ein Zugticket, buchte ein Hotelzimmer und fuhr los. Der Zug erreichte Mansoura nach Einbruch der Dunkelheit. Angela Verweyen fand kein Taxi und stand im Dunkeln auf der Straße in einer Stadt, die sie nicht kannte. „Plötzlich sprach mich eine junge Frau an“, erinnert sich Angela Verweyen. Sie wüsste, wie es sich anfühle, alleine in einer fremden Stadt zu sein, sie hätte vor kurzem den Sommer in London verbracht. Sie nahm Angela Verweyen im Auto mit zu ihrem Hotel. „Ich war ziemlich verzweifelt gewesen und da kam diese Frau. Für mich war das ein positives Signal, dass Mansoura eine Stadt ist, in der man sich wohlfühlen kann, und das tue ich bis heute auch uneingeschränkt.“ Sie wurde mit offenen Armen empfangen und wird es bis heute.

    Dank der medizinischen Fakultät an der Universität Mansoura gibt es in der Stadt ein großes Publikum, das an Deutschland und der deutschen Kultur interessiert ist. „Die angehenden Ärzte wollen explizit nach Deutschland und viele lernen Deutsch. Daher auch das große Interesse an allem, was mit Deutschland zusammenhängt“, sagt die Kulturmanagerin. Das Interesse, die deutsche Kultur zu verstehen und auch mal mit einem Muttersprachler sprechen zu können, sei immens. Deshalb ist Angela Verweyen auch Anlaufstelle für alle Fragen rund um Deutschland. „Wir werden als Kulturmanager sehr stark als deutsche Anlaufstelle wahrgenommen, als die deutschen Vertreter, und da wird nicht unterschieden, für wen wir arbeiten.“ Zentraler Aspekt ihrer Arbeit ist es, einen Raum für Begegnungen zu schaffen, mit ihr und deutschen Künstlern.

    Auch in Damanhour, einer weiteren Stadt im Nildelta, organisiert Angela Verweyen Filmvorführungen und Konzerte, aber auch Aktivitäten für Kinder, die durch Spiele an die deutsche Sprache herangeführt werden. „Das ist immer ein guter Türöffner, um auch die Eltern zu gewinnen“, sagt Verweyen. In Damietta, ihrem dritten Standbein im Nildelta, soll demnächst eine Lesung stattfinden, in der allerersten Buchhandlung in Damietta überhaupt. „Die Besitzerin ist Anfang 20 und voller Begeisterung.“

    Zurück in Mansoura. Am Nachmittag vor der Filmvorführung hat Angela Verweyen noch ein Geschäftstreffen in einer weiteren Buchhandlung, in der sie Lesungen veranstaltet. Der Geschäftsführer von Al-Asreya würde gerne noch mehr Veranstaltungen organisieren, die mit Deutschland zu tun haben. Deutschkurse sind gefragt und eine deutsche Kulturwoche wollen sie veranstalten, mit Musik, Film, Kunst und natürlich Literatur. „Lesungen organisiere ich am liebsten“, sagt Angela Verweyen, die in den kommenden Monaten mit den Autoren Michael Roes und Hussain Al-Mozany durch das Nildelta reisen wird, „weil es da einen direkten Austausch mit dem Publikum gibt“. Neben Lesungen sind aber auch die Filme ein guter Weg, um das ägyptische Publikum an die deutsche Kultur heranzuführen.

    Deutschland kennenlernen

    Auch ihre Kollegen Christian Salman und Alexander Besch veranstalten in ihren Provinzen regelmäßig Filmabende. Gerade erst ist das Luxor Filmfest zu Ende gegangen, bei dem Deutschland in diesem Jahr Fokusland war. Gezeigt wurden unter anderem Lola rennt, Nirgendwo in Afrika, Das Leben der Anderen, Lichter und Almanya. „Die Zuschauer fanden die Filme durchweg gut“, sagt Alexander Besch, der gemeinsam mit Christian Salman für die deutsche Selektion zuständig war. Der Anspruch des Filmfestes sei es, die ansässige Bevölkerung und vor allem die Jugend und gezielt Frauen anzusprechen. Auch in Minya, wo Alexander Besch als Kulturmanager tätig ist, hat er begonnen deutsche Filme zu zeigen. Die Sprachenfakultät der Universität Minya hat eine Deutschabteilung, die einzige in Oberägypten. Neben den etwa 400 Studenten, die im Hauptfach Deutsch studieren, gibt es an der Universität Minya noch einmal ungefähr 800 Studenten, die neben Medizin, Pharmazie, Tourismus und Medienwissenschaften Deutsch im Nebenfach studieren. Das Wissen über die deutsche Gegenwartskultur sei jedoch sehr schlecht, berichtet Alexander Besch. „Das Interesse, Deutschland kennenzulernen, ist deshalb sehr groß.“ Viele hätten eine sehr naive Vorstellung von Deutschland. „Durch die Filme sehen sie, dass es auch in Deutschland soziale Probleme gibt.“

    Es gibt zwei Hauptkriterien für die Kulturmanager bei der Filmauswahl. Kann der Film zum einen vor einem konservativen, oft behütet aufgewachsenen Publikum gezeigt werden und verschreckt nicht durch zu viel Gewalt oder sexuelle Szenen? Zum anderen wird genau auf die Thematik geschaut. „Ich will den Leuten etwas zeigen, mit dem sie etwas anfangen können“, sagt Alexander Besch. Es geht den Kulturmanagern immer auch um den Inhalt und die Nachricht des Filmes. So würden die Studenten nach den Filmvorführungen immer kritisch und angeregt diskutieren. „Ich finde es wichtig, dass sie sich ihre eigene Meinung bilden, obwohl sie das an ihren Universitäten gar nicht mitbekommen“, sagt Angela Verweyen. So haben die Kulturmanager zum Beispiel Filmreihen zum Thema Familie und zum Thema Einwanderung gezeigt. Ein Thema, das für die Studenten besonders wichtig ist, denn die meisten wünschen sich, später in Deutschland arbeiten zu können. Almanya kam bei den Ägyptern besonders gut an. „Mit dem Film können die Leute hier sofort etwas anfangen, der setzt ein Thema und funktioniert überall“, sagt Alexander Besch. In Damanhour, erzählt Angela Verweyen, wurde über eine Stunde über den Film diskutiert. „Der Film knüpft an Themen an, die hier sehr relevant sind.“ Mit Auswanderung und dem Leben in einem fremden Land setzen sich hier viele Menschen auseinander. Zu sehen, wie es Menschen ergeht, die eine Emigration hinter sich haben, und wie sich das Familienleben entwickelt, ist etwas, das ein Film besser vermitteln kann als jedes Gespräch. „Ein Zuschauer hat mich nach dem Film gefragt, warum ich ihm alle Illusionen nehmen musste“, sagt Angela Verweyen. Die Realität – und sei es nur durch einen fiktiven Film erzählt – sieht eben doch immer anders aus, als man es sich aus der Ferne vorstellt. Auch Sophie Scholl traf die Gemüter der Ägypter im Besonderen, denn die Thematik war, trotz des spezifisch deutschen Hintergrunds, auch in Ägypten hoch aktuell. „Wie sehr stehe ich ein für das, an das ich politisch glaube, auch wenn ich damit eine Verhaftung und möglicherweise den Tod riskiere“, sagt Angela Verweyen.

    Thema Umwelt

    Eine weitere Filmreihe wurde im Zuge der „Green Week“ gezeigt, die einmal im Jahr weltweit stattfindet. Es ging den Kulturmanagern darum, das Bewusstsein für Umweltthemen zu schärfen. Christian Salman tourte mit dem Film The Age of Stupid durch Schulen am Roten Meer. Das britische Doku-Drama spielt im Jahr 2055. Die Welt ist verseucht, nur ein Mann hat überlebt, der mithilfe altem Filmmaterials von 2008 in die Vergangenheit zurückblickt und sich die Frage stellt, warum niemand etwas gegen die Umweltverschmutzung und Erderwärmung getan hat, als noch Zeit dazu war. „Es war ein Projekt mit schönen Randeffekten“, erzählt Christian Salman. Denn es hätten sich durch die Vorführungen lokale Synergieeffekte ergeben. Der Film wurde auch von Seiten der lokalen Behörden dazu genutzt, das Thema Umweltschutz weiter zu verankern.

    In Hurghada, dem bekannten Touristenort am Roten Meer, arbeitet Christian Salman mit der Misr Public Library zusammen, der staatlichen Bibliothek. Zu Lesungen mit deutschen Autoren wird dann zum Beispiel der Schriftstellerverband des Roten Meeren eingeladen. „Es ist sehr befriedigend, dort zu arbeiten. Das Publikum ist unglaublich dankbar, wenn jemand aus Deutschland kommt“, sagt der Kulturmanager. Sein Publikum bestehe ausschließlich aus Ägyptern und hauptsächlich aus Schriftstellern, und das, obwohl in Hurghada eine große deutsche Gemeinschaft lebt. „Diese Leute kommen nicht zur reinen Unterhaltung, sondern zum Austausch mit den deutschen Kollegen.“ So mache bei einer Autorenlesung die Diskussion zwischen Publikum und Autor auch meist zwei Drittel der Zeit aus.

    Austausch wird bei den Kulturmanagern groß geschrieben, und so haben sie natürlich auch eine Facebook-Seite, auf der sie mit ihren Partnern, den Studenten und den Teilnehmern der Kulturveranstaltungen den Kontakt halten. „Wir haben mittlerweile fast 2700 Likes und davon kommen alleine etwa 400 aus Mansoura“, erzählt Angela Verweyen stolz. Sie fühlt sich wohl in Mansoura und stößt auf sehr viel Gegenliebe aus der Stadt am Nil, die übersetzt „Die Siegreiche“ heißt. Im Mai werden Angela Verweyen, Christian Salman und Alexander Besch von drei neuen Kulturmanagern abgelöst. In Mansoura kann man sich noch gar nicht vorstellen, wie es ohne Angela Verweyen weitergehen soll. Alle, mit denen sie dort zusammenarbeitet, haben die Arabisch sprechende große blonde Frau mit dem strahlenden Lächeln ins Herz geschlossen. „Meine Nachfolgerin wird das wunderbar machen“, versichert Angela Verweyen lachend. Und über Facebook wird sie trotzdem in Kontakt bleiben können, mit all den jungen, talentierten Kreativen im Nildelta, seien es die Fotografen, Breakdancer oder die Mitglieder der Heavy-Metal-Band. „In Mansoura gibt es einfach alles.“
    Amira El Ahl ist Kulturjournalistin und Korrespondentin für deutsche Zeitungen in Kairo.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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