Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Mehrfach ausgeschlossen
    Über die Schwierigkeiten von Behinderten mit Migrationshintergrund in Deutschland

    „Es ist normal, anders zu sein“ – diesen Leitgedanken der UN-Behinderten-
    rechtskonvention will auch Deutschland in die Realität umsetzen. Recherchen über die Alltagserfahrungen von Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund zeigen allerdings: Bei der Umsetzung der guten Absicht bleibt noch viel zu tun.


    Nahezu alle sozialen in Deutschland für Behinderte verfügbaren Hilfen werden von Familien mit Migrationshintergrund unterdurchschnittlich häufig in Anspruch genommen, hat die Migrationspädagogin Ursula Boos-Nünning festgestellt. Mit einer „kulturellen Differenz“ hat das allerdings nichts zu tun, wie Gespräche mit Familien zeigen, die einen Migrationshintergrund haben und ein Kind mit Behinderung aufziehen. In einem Forschungsprojekt an der Uni Bremen berichten Eltern, dass vor allem die Migrationssituation und Erfahrungen mit Diskriminierung eine Rolle dabei spielen, ob und wie Angebote in Anspruch genommen werden können. Die Familien treffen auf Sprachbarrieren, ein unsicherer Aufenthaltsstatus verhindert Teilhabe, oder aber der Wunsch nach Maßnahmen, die nicht ausgrenzen, wird nicht erhört. Erfahrungen, die sich auch in der Geschichte von Ayşe Kolat und ihrer Tochter wiederfinden. Sie kamen nach Deutschland, als Rana, die einen frühkindlichen Autismus hat, vier Jahre alt war: „Wir hatten in der Türkei schon mit der Therapie angefangen. Allerdings kamen wir hierher als politische Asylsuchende. Wir waren hier zweieinhalb Jahre in einem Asylheim und während dieser Zeit wurde die Therapie unterbrochen und wir konnten nicht viel für Rana tun.“ Die Belastung von Familien mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus ist nachweislich immens, das Leben in beengten Wohnheimen, die reduzierte Krankenversicherung, die nur die Akutversorgung abdeckt, die erzwungene Erwerbslosigkeit führt bei nicht wenigen zu psychischen Erkrankungen. Wenn für das Kind dann „nichts getan werden kann“, droht die Familie unter der Last zusammenzubrechen.

    Kampf um Informationen

    Ivana Ilic, Sozialarbeiterin beim Kölner Rom e.V., berichtet von einer Flüchtlingsfamilie mit zwei behinderten Kindern, die seit Monaten auf einen Schulplatz warten. „Die Mutter kann nicht einmal Essen einkaufen gehen, weil sie es mit ihren insgesamt drei Kindern nicht bis zum Supermarkt schafft. Die Lebensbedingungen im Heim sind erbärmlich. Und dann bewegt sich nicht einmal das Schulamt, um die Kinder zu beschulen und zu fördern.“

    So manche Familie erhält erst viele Jahre nach der Geburt ihres Kindes eine konkrete Diagnose. Aber entgegen der Annahme, Eltern wollten die Behinderung nicht wahrhaben, empfinden viele Eltern die Zeit der Unwissenheit als starke Belastung. Sie haben Sorge, wertvolle Zeit zu vergeuden, in der eine Förderung ihres Kindes längst hätte stattfinden können. Denn ohne Diagnose keine Förderung – so ist immer noch der übliche Weg in Deutschland. Wichtige Unterstützungsmaßnahmen können nicht eingeleitet werden und es kann weniger auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen werden.

    Parissa Djalili erzählt: „Als ich in Iran war, war ich gut informiert. Ich wusste Mittel und Wege, da wusste ich, was zu tun war.“ Ihre beiden Kinder haben eine Behinderung. Das erste Kind wurde in Iran betreut und gefördert, bei der Geburt des zweiten Kindes war die Familie gezwungen, das Land zu verlassen. In Deutschland, so Djalilis Einschätzung, war sie machtlos. Bis heute – der Sohn ist mittlerweile zwölf Jahre alt – hat sie keine Diagnose zu seiner Behinderung.

    Alltäglich befinden sich die Familien in einem ständigen Kampf um Informationen. Doch sie treffen auf ein System, in dem Informationen durch Behörden und Institutionen erst dann zur Verfügung gestellt werden, wenn sie gezielt nachgefragt werden (was bedingt, dass man weiß, dass es überhaupt einen Anspruch auf bestimmte Leistungen gibt und dass man weiß, wo Anträge zu stellen sind).

    Viele Eltern machen Diskriminierungserfahrungen. Sie werden wie Kinder angesprochen, ihnen wird zuweilen unterstellt, sich lieber alleine um ihre Kinder kümmern zu wollen, weil es bei ihnen „Zuhause“ ja auch so sei. Sie sollen Formulare unterzeichnen, die sie nicht verstehen. Daraufhin vermeiden sie den Kontakt zu Hilfe- und Beratungsstellen.

    So wie in der Familie Yildirim geschehen: Der achtjährige Fatih Yildirim ging auf die Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen. Sein Vater ist zwar kein großer Freund des Förderschulsystems, aber er sah, dass sein Sohn sich dort wohlfühlte und gut entwickelte. Er hatte die Hoffnung, dass Fatih bald lesen und schreiben lernen würde. Denn sein Vater macht sich Sorgen um Fatihs Zukunft. Was soll geschehen, wenn die Eltern einmal nicht mehr sind? Er selbst arbeitet im Schichtdienst, es bleibt nicht viel Geld übrig am Ende des Monats, das er zur Seite legen könnte. Er setzt auf Förderung und hoffte, die Schule könne Fatih darin unterstützen, selbstständiger zu werden. Doch nach einem Jahr entschieden die Lehrer: Fatih soll die Schule wechseln und ab dem neuen Schuljahr eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ besuchen. Ein Rückschritt, wie Herr Yildirim fand. Aber die Schule setzte sich durch – gegen den Elternwillen und den Willen des Sohnes. Herr Yildirim versuchte einzugreifen, scheiterte dennoch, weil ihm verwehrt wurde, einen Dolmetscher zu den Gesprächen hinzuzuziehen. Er wurde unter Druck gesetzt, ein Gesprächsprotokoll zu unterschreiben, das er nicht verstehen konnte. Über seine Rechte hat er in diesem Gespräch nichts erfahren.

    Wie mit der Behinderung umgehen

    Viele Migrationsfamilien stehen ausgrenzenden Einrichtungen wie heilpädagogischen Kindergärten kritisch gegenüber. „Optimal ist natürlich, wenn alle Kinder zusammen sind“, findet auch Fariba Mostafawy. Allerdings haben es Kinder mit Migrationshintergrund schwerer, einen Regelkindergarten oder eine integrative Einrichtung zu besuchen. Eltern berichten, dass ihnen diese Plätze entweder nicht angeboten oder aber verweigert werden mit dem Hinweis, ihr Kind sei für eine integrative Einrichtung nicht geeignet. Familien mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus haben es ohnehin schwerer, überhaupt einen Kitaplatz für ihre Kinder zu bekommen. Dabei sind es doch gerade Familien in prekären Lebenslagen, die Unterstützung benötigen. Auch Frau Djalili lebte mit ihrer Familie mehrere Jahre in einem Flüchtlingsheim, in dem das Zusammenleben auf engstem Raum eine psychische Belastung für Kind und Familie war: „Da war die Situation überhaupt nicht in Ordnung. Es war sehr schwierig. Es gab sogar eine Messerstecherei zwischen den anderen Familien. Das wurde durch den ganzen Stress verursacht. Am Anfang konnte man ihn auch gar nicht in den Kindergarten bringen, weil es keinen Platz gab.“ Den Wunsch, dass ihr Sohn eine integrative Einrichtung besuchen dürfe, hatte sie schließlich aufgegeben. Als er vier Jahre alt war, kam er in eine heilpädagogische Einrichtung: „Er hatte Angst vor Kindern, er hatte keine Kinder gesehen, er fing an zu schreien.“ Ein früherer Besuch einer Kindertageseinrichtung hätte dem Jungen und auch der Familie ein Mehr an gesellschaftlicher Teilhabe ermöglicht und einen Ausgleich zu dem schwierigen Leben im Flüchtlingsheim bieten können.

    Unter Familien mit schlechteren Deutschkenntnissen haben diejenigen mehr Wissen über die Behinderung ihres Kindes, die während der ersten Lebensjahre noch im Herkunftsland lebten. Weniger Wissen hinsichtlich der Behinderung ihres Kindes hatten Eltern, die bei der Geburt ihres Kindes schon in Deutschland lebten.

    „Angebote der Behindertenhilfe werden von Migrantenfamilien aufgrund einer Orientierung an den mangelhaften Strukturen des Herkunftslands ignoriert“ ist zwar eine oft geäußerte Vermutung. Sie wird aber durch die Berichte der im Forschungsprojekt interviewten Familien nicht bestätigt.

    „Ich mache mich nur unbeliebt“

    Dass die Förderung zur Selbstständigkeit auch bei Familien mit Migrationshintergrund ein selbstverständliches Anliegen ist, zeigt Canan Mutlu. Ihre Söhne haben auf den frühkindlichen Autismus ihres kleinen Bruders anfangs keine Rücksicht genommen: „Am Anfang hatten sie ein bisschen Schwierigkeiten, weil sie ihn immer so behandeln wollten, als wäre er ein ganz normaler Junge. Da habe ich gesagt, okay, einerseits ist es gut, andererseits müsst ihr aber auch bedenken, er ist behindert und damit müsst ihr leben. Er wird sich auch nicht bessern in der Hinsicht, er wird immer ein Autist bleiben. Aber wir können dafür sorgen, dass er selbstständiger wird.“ Sie ist froh, dass ihr Sohn auf der Förderschule gute Fortschritte macht und ihm in Aussicht gestellt wurde, auf eine integrative Gesamtschule wechseln zu können.

    Das häufig gezeichnete Bild, dem zufolge Eltern mit Migrationshintergrund nicht genügend zu einer Unterstützung ihrer Kinder durch Zusammenarbeit mit der Schule bereit seien, widerlegen die Eltern – und das unabhängig von ihrem Bildungshintergrund. Weil Fariba Mostafawy der Meinung war, der Kindergarten ihres Sohnes biete kein Konzept, um den Jungen ausreichend zu fördern, begann sie sich zu kümmern und meldete ihr Kind im Sportverein an. Er übte Leichtathletik, Schwimmen und Wasserski: „Ich möchte ihm sagen können: ‚Guck mal, wie viel du kannst!‘“

    Aber so manche Väter, manche Mütter sind auch zurückhaltend, wenn sie mit der pädagogischen Arbeit in der Schule oder im Kindergarten nicht einverstanden sind: „Also ich werde nicht hingehen und sagen, warum lernt mein Kind hier so wenig? Ich mache mich nur unbeliebt“, befürchtet die Pädagogin Fariba Mostafawy. Und das könne sich nachteilig auf die eigenen Kinder auswirken. So verhalten sich viele Eltern im Kontakt mit Bildungsinstitutionen defensiv, statt ihr Wissen und ihre Kompetenz über ihr Kind einzubringen. Sie versuchen die Mängel, die sie im deutschen Bildungswesen erkennen, durch eigene Maßnahmen auszugleichen und trauen sich nicht, Hilfe von den Institutionen einzufordern. Wenn aber die grundlegende Versorgung, das Pflegegeld, das Sehbehindertengeld, der Behindertenausweis fehlen, dann – das zeigen die Gespräche auch – bleiben zusätzliche, von den Eltern initiierte Fördermaßnahmen auf der Strecke: Zu viel Energie geht dann für die Sicherung der Existenz drauf.

    Während sich die deutschen Institutionen, die für Behinderte zuständig sind, in den Fortbildungsseminaren für ihre Mitarbeiter viel mit dem ‚bösen Blickʻ und dem Volksglauben islamischer Länder befassen und so die Schwierigkeit, diese Menschen zu integrieren, kulturell deuten, übersehen sie die strukturellen Barrieren, die die gesellschaftliche Teilhabe behinderter Menschen mit Migrationshintergrund und ihrer Familien tatsächlich erschweren.

    Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

    Weitere Informationen zum Forschungsprojekt bietet die Publikation „Behinderung und Migration – eine intersektionale Analyse im Kontext inklusiver Frühpädagogik“
    Dieser Text wurde erstmals publiziert in „Vielfalt“, dem Bildungsmagazin der AWO Mittelrhein e.V.

    Donja Amirpur ist Promotionsstipendiatin und forscht im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen zum Thema Migration und Behinderung.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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